Domi & JD Beck: Die Zukunft klingt maximalistischIst das der Sound von morgen? Das Duo mit der Keyboarderin Domi und dem Schlagzeuger JD Beck sorgt seit Jahren für Erstaunen. Das liegt an ihrer stupenden Virtuosität und ihrem grenzenlosen Eklektizismus, der auch das neue Album prägt.10.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDomi & JD Beck haben sich eine eigene Klangwelt erschaffen.Universal MusicWas passiert, wenn zwei Wunderkinder aufeinandertreffen? Ein Wunder? Das Duo Domi & JD Beck garantiert zumindest für wunderliche Klänge. Seit sich die heute 26-jährige Keyboarderin Domitille Degalle alias Domi und der 23-jährige Schlagzeuger James Dennis Beck vor acht Jahren in einem gemeinsamen Fusion-Projekt zusammengeschlossen haben, lassen sie spielend und manchmal singend alle stilistischen und technischen Grenzen hinter sich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Domi & JD Beck sind zwei Paradiesvögel, die überall nach Klängen oder Verfahren suchen, die sie für ihre eigene Musik verwerten können. Das zeigt sich nun eindrücklich auf ihrem zweiten Album «Who Asked», für das sie einerseits das Instrumentarium eines ganzen Sinfonieorchesters in Anspruch genommen haben. Andrerseits haben sie ihre Aufnahmen mit einem vielfältigen Set soundtechnologischer Tools gemixt, verfeinert, verfremdet.Eine Art «Gesamtmusik»Die Verbindung verschiedenster Musiktraditionen durch Virtuosität, reiches Instrumentarium und zeitgenössische Musiktechnologie charakterisiert offenbar die künstlerische Utopie, die die beiden Eklektiker antreibt. Dabei stützen sie sich auf ihre eigenen praktischen Erfahrungen.Domi, die sich mit ihren langen blonden Zöpfen und ihrem bunt geschminkten Gesicht als eine Art Pippi Langstrumpf des IT-Zeitalters präsentiert, wurde 2000 in Nancy geboren. Als Kleinkind begann sie Klavier zu spielen; Klassik und Jazz gleichzeitig. Als Teenager gab sie erste Konzerte, noch bevor sie am Conservatoire de Paris Klassik und danach an der renommierten Jazz-Akademie Berklee in Boston Jazzpiano studierte.Schon die Mitschnitte der Studentin, die mit furiosen Fusion-Improvisationen brillierte, gingen viral. Prägend für ihre Musikalität, die sich in stupender Spieltechnik ausdrückt, dürfte ihr frühes Piano-Training am Computer gewesen sein: Jahrelang hat sie weniger mit Menschen musiziert als mit den robotischen Begleitern der Software Band-in-a-Box.JD Beck pflegte sein Talent auf ähnliche Weise. Stundenlang übte er zu Rock-, Hip-Hop- und Pop-Alben und erarbeitete sich dabei eine geradezu maschinelle Beweglichkeit und Pünktlichkeit. Als Teenager glänzte der kindliche Hipster mit krausem Haar durch eine Flexibilität, die es ihm erlaubte, die kompliziertesten, synthetisch entwickelten Beats auf dem analogen Schlagzeug nachzuvollziehen und spielerisch zu variieren. Als der Junge in den Klubs in Dallas auftrat, kamen die Drummer-Kollegen aus dem Staunen nicht heraus.So viel wie möglichDas galt namentlich für Robert Searight II, den Schlagzeuger der stilbildenden Funkband Snarky Puppy. Er hat die beiden Wunderkinder 2018 zusammengebracht. Und bald eilte ihnen der Ruf von Dioskuren eines neuartigen, futuristischen Stils voraus. Das öffnete ihnen die Türen zur Funk- und Jazzelite. So arbeiteten sie beispielsweise mit dem Pianisten Herbie Hancock zusammen. Aber auch aus dem Pop kamen Angebote zu Kollaborationen, etwa von Ariana Grande, vom Sänger Mac DeMarco und dem Rapper Anderson Paak.Die Musik von Domi & JD Beck wird bisweilen als Maximalismus beschrieben. Wenn man bedenkt, dass in fast allen Klangkulturen zwischen Rock und Techno immer wieder der Minimalismus gefeiert wird, weil er für künstlerische Prägnanz sorgt, so ist die Bezeichnung eigentlich eine Hypothek, wenn nicht gar ein Affront.In einem Video-Interview mit dem amerikanischen Musikkritiker Rick Beato haben die beiden jüngst zwar geltend gemacht, dass sie sich eigentlich vom amerikanischen Minimal-Komponisten Steve Reich hätten beeinflussen lassen – allerdings auch von Strawinsky, Björk, Wayne Shorter und von Singeli, dem Techno aus Tansania.Tatsächlich sei auch sein Spiel auf Maximalismus ausgerichtet, befand JD Beck: Seine Beats seien zwar sehr üppig, lirrend. Aber er dämpfe Becken und Trommeln, damit die trockene Rhythmik für möglichst viele andere Sounds Raum lasse. Und den nutzte Domi bisher, indem sie auf einer Klaviatur mit der linken Hand harmonisch prägende Bassfiguren spielte, während die rechte sich auf einer zweiten Klaviatur in dichten Akkorden und furiosen Läufen erging.Orchestrale Hyper-FusionDer Erstling «Not Tight» (2022) erinnerte stark an Fusion-Jazz und an Keyboarder wie Chick Corea oder Herbie Hancock. Manchmal kamen die Stücke wie durch Amphetamin beschleunigter Progressive Rock daher. Auf dem neuen Album klingt die Hyper-Fusion auch orchestral und lässt dabei Anklänge an Ambient erkennen.Bei den fünfzehn Songs handelt es sich jeweils um Kopfgeburten. Domi und JD Beck haben die Kompositionen nicht etwa an ihren Instrumenten erarbeitet. Sie wollten sich so von ihren «muscle memories» befreien – von den muskulären Impulsen, die in der Improvisation eine gewisse Sicherheit und stilistische Eigenheit garantieren, aber auch zu blosser Routine führen können. Deshalb haben sie sich zusammen an einen Computer gesetzt, um ihre Ideen mit dem Notationsprogramm Sibelius festzuhalten.Später wurden die Motive Stimme für Stimme akustisch von geübten Studiomusikern an Klarinette, Piccoloflöte, Fagott, Oboe, Harfe, Tuba, Posaune, Geige, Cello, Kontrabass und so weiter eingespielt. Alle hätten sie zu kämpfen gehabt mit dem rhythmisch wie melodisch verdrehten Material, erzählen die Partner im Rick-Beato-Interview teils geniert, teils stolz. Zuletzt mussten die Aufnahmen noch in einem monatelangen Prozess klanglich bearbeitet und abgemischt werden.Märchenhafte KlangbilderDas Resultat ruft Staunen hervor, nicht aber sofortige Begeisterung. Zwar faszinieren die vier-, fünfminütigen Stücke durch die Ereignisdichte und die flirrenden Klangströme. Und abermals profilieren sich die beiden Virtuosen durch ihre elektrisierende Schlagfertigkeit. Gewöhnungsbedürftig ist hingegen der Gesang. Wenn JD Beck die Melodie intoniert, die Domi im Diskant verziert, klingen sie stimmlich ausdruckslos wie Automaten. Das hinterlässt im Sound zwar eine Science-Fiction-Tönung, wirkt zunächst etwas monoton.Mit der Zeit scheinen die Gesänge aber immer enger mit all den schabenden, surrenden, zirpenden, klirrenden, flötenden, geigenden Klängen zusammenzuwachsen und den Zauber einer Fantasy-Musik zu evozieren. Man denkt an ein musikalisches Vexierbild aus technoiden Klängen und Naturgeräuschen. Und so versteht man, dass Domi & JD Beck sich für die Cover-Art des Albums und für ihre neuen Videos in ein berückendes Naturidyll von Wiese, Weiher und Bäumen haben pflanzen lassen.Vielleicht bewährt sich ihre Musik ohnehin am besten in Harmonie mit Bildern und Erzählungen? Man könnte sich das Duo jedenfalls auch in der Filmmusik vorstellen. Vielleicht aber haben Domi & JD Beck mit «Who Asked» das Tor zu einer Zukunft geöffnet, von der erst sie selber eine Ahnung haben.Passend zum Artikel