Über Jahrzehnte sickert bei einer chemischen Reinigung in Winterthur giftiges Lösungsmittel in den Boden. Wer bezahlt?Das Haus ist längst abgerissen. Doch weil die Stadt darunter auf eine böse Überraschung stiess, zieht sich ein Rechtsstreit hin.Jana Kehl10.08.2026, 05.00 Uhr4 LeseminutenDie Chemische Reinigung Hölken im Jahr 1984. Heute steht dieses Haus nicht mehr.Hans-Peter Bärtschi / ETH-BildarchivManchmal reichen Wasser und Seife nicht, um Flecken aus der Kleidung zu waschen. Erst recht nicht vor über hundert Jahren, als die Wirkung herkömmlicher Waschmittel beschränkt war. Professionelle chemische Reinigungen versprachen Abhilfe. Doch mindestens in einem Fall hatte die falsche Entsorgung giftiger Stoffe, die damals und auch später noch verwendet wurden, gravierende Folgen. Davon zeugt die bewegte Geschichte einer chemischen Reinigung in Winterthur.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Liegenschaft an der Technikumstrasse 61 ist längst abgerissen und ist heute keine besonders auffällige Adresse mehr. Im neu erbauten rechteckigen, dunkelbraunen Gebäude sind Büroräume einer Versicherung oder eine orthopädische Praxis einquartiert.Nichts würde heute daran erinnern, dass hier über hundert Jahre lang Kleider chemisch gereinigt wurden – hätte in dieser Zeit nicht ein giftiges Lösungsmittel den Boden kontaminiert. Zwar hat die Stadt das Areal totalsaniert und die Schäden behoben. Doch der Rechtsstreit über die Frage, wer den Preis hierfür bezahlen soll, zieht sich seit Jahren hin – und ist zu einem Fall für das Bundesgericht geworden, wie die Tamedia-Zeitungen berichten.Die Chemie kommt nach WinterthurDie Geschichte dieser chemischen Reinigung reicht zurück in eine Zeit, als es noch keine Waschmaschinen gab. Im 19. Jahrhundert erledigen die meisten Zürcher Frauen die Wäsche öffentlich – in Waschhäusern, Brunnen, an Seen und Flüssen. Auf dem Zürichsee und der Limmat schwimmen Waschschiffe, die am Ufer verankert sind. Gleichzeitig gibt es aber auch Orte, wo die Kleiderreinigung zum Experiment wird.In Paris ist es einem gewissen Jolly Belin gelungen, hartnäckige Flecken mit Terpentinöl zu entfernen. Nun wird diese «Nettoyage à sec» auch in Schweizer Städten – und auch in Winterthur, an der Technikumstrasse 61, wo sich heute Büros und Praxen befinden – weiterentwickelt.1851 wird hier ein Haus gebaut, wo ein nicht näher benannter F. Ernst eine Färberei führt. Einige Jahre später entsteht in diesem Haus zusätzlich eine chemische Waschanstalt. Vor allem gutbetuchte Kundinnen und Kunden lassen ihre hochwertige und empfindliche Garderobe an solchen Adressen reinigen.Das ändert sich im 20. Jahrhundert. Die chemische Reinigung wird zunehmend zum Service für die Massen. Und auch die «Chemie» ändert sich: Nach Terpentinöl kommen zunächst Stoffe wie Benzol oder auch Benzin als Lösungsmittel zum Einsatz. Doch Benzol erweist sich schnell als Gefahr für die Gesundheit. Auch Benzin setzt sich nicht durch, denn immer wieder kommt es zu Explosionen und Bränden in den Wäschereien.Ab den fünfziger Jahren wird in der chemischen Reinigung vor allem Perchlorethylen verwendet – jener giftige Stoff, der in Winterthur jahrelang in den Boden sickert und Schäden im Umfang von rund zwei Millionen Franken verursacht.Verschmutzte BödenVorerst bleibt das aber unbemerkt – oder zumindest unbeachtet. 1930 übernimmt ein Mann namens Johann Hölken den Betrieb. Nach dessen Tod geht die Chemische Reinigung Hölken 1960 auf seine Frau und seine beiden Söhne über. Ab 1969 führt der Sohn Cuno Hölken diese allein weiter. 1988 tauscht Hölken das Areal mit der Stadt Winterthur gegen zwei Gebäude in der unmittelbaren Umgebung.All diese Jahreszahlen sind in den Gerichtsakten akribisch aufgelistet. Denn die wechselnden Besitzverhältnisse auf dem Hölken-Areal machen die Frage, wer die Verantwortung für die entstandene Verunreinigung trägt, komplizierter.2002 klafft zwischen den Häuserzeilen an der Technikumstrasse eine Lücke.Hans-Peter Bärtschi / ETH-BildarchivIn den Jahren nach der Übernahme durch die Stadt erhärtet sich der Verdacht, dass der Perchlorethylen-Gehalt im Boden hoch ist – so hoch, dass auch Gewässer gefährdet sind und eine Altlastensanierung nötig sein wird. Das Gebäude wird im Jahr 2000 abgerissen, das Loch zwischen den Häuserzeilen wird im Volksmund «Hölken-Zahnlücke» genannt.Zwar hat sich der Reinigungsbetrieb an die damals geltenden Richtlinien von Kanton und Bund gehalten. Wie das giftige Lösungsmittel genau in den Boden gelangte, ist deshalb nicht ganz klar.Laut nationalem Umweltschutzgesetz werden die Sanierungskosten in einem solchen Fall nach dem Verursacherprinzip verteilt: Die Person oder die Firma, welche die Schäden verursacht hat, soll für die Kosten aufkommen. Zusätzlich kann aber auch der Grundstückseigentümer zur Verantwortung gezogen werden – zum Beispiel, wenn der eigentliche Verursacher nicht mehr ermittelt werden kann.Ein Hickhack vor GerichtDeshalb steht im Rechtsstreit die Stadt Winterthur als Eigentümerin auf der einen Seite. Sie will einen Grossteil der Sanierungskosten zurück. Auf der anderen Seite steht Cuno Hölken, der ehemalige Betreiber der chemischen Reinigung. Er wehrt sich seit Jahren vor Gericht gegen jegliche Geldforderungen – manchmal erfolgreich.Der erste Verteilschlüssel wird 2019 festgelegt. Der Kanton will Hölken verpflichten, 70 Prozent der Kosten zu übernehmen: Dieser Anteil deckt auch Schäden, die das Reinigungsunternehmen noch unter der Leitung seines Vaters verursacht hat.Hölken legt Rekurs ein, und das Baurekursgericht gibt ihm recht: Für die Altlasten vor 1960 ist sein verstorbener Vater verantwortlich – die Stadt muss diese Kosten tragen. Nun soll Hölken nur noch 54 Prozent, rund eine Million Franken, der Sanierungskosten bezahlen. So hat es das Verwaltungsgericht im Mai dieses Jahres entschieden.Der ehemalige Besitzer der chemischen Reinigung wehrt sich aber weiterhin. Er wendet beispielsweise ein, dass die Gewässer «nicht akut» gefährdet gewesen seien – und eine Totalsanierung gar nicht nötig gewesen sei. Zudem hält er weiterhin daran fest, einen wesentlich kleineren Teil der Verunreinigung verursacht zu haben.Ein zweiter Rekurs ist zwar abgewiesen worden. Doch Hölken zieht den Entscheid nun vor Bundesgericht weiter. Die über hundertjährige Geschichte der chemischen Reinigung ist daher noch nicht zu Ende.Passend zum Artikel
Winterhur: Giftige Stoffe aus chemischer Reinigung fliessen in den Boden – Rechtsstreit
Das Haus ist längst abgerissen. Doch weil die Stadt darunter auf eine böse Überraschung stiess, zieht sich ein Rechtsstreit hin.






