Am Wochenende ruhte der Ball in Argentinien, füllten sich die Fußballstadien mit einer Minute des stillen Gedenkens, trugen die Spieler Trauerflor. Es war ein Ehrbeweis für einen Mann, der nie persönlich auf dem Rasen geglänzt hatte, aber der Vater des bisher letzten fußballerischen Genies des Landes war: Jorge Messi, der am Samstag im Alter von 68 Jahren nach „langer Krankheit“, wie es offiziell hieß, gestorben war – und die Karriere von Lionel Messi prägte wie kein Zweiter. Jorge Messi war, wie die Zeitung Clarín am Sonntag schrieb, „Vater, Manager, Verwalter, Ratgeber und Schutzschild“ von Lionel Messi gewesen.Jorge Messi wurde im Januar 1958 in Rosario geboren; in seine Geburtsstadt reiste er zurück, als letzte, verzweifelte Versuche, in den besten Kliniken Mitteleuropas eine Genesung zu bewirken, nicht anschlugen. Von seinem Todeskampf wusste schon vor der WM halb Argentinien; die Medien behandelten ihr Wissen diskret, bis Lionel Messi selbst im Spiel gegen Algerien vor aller Augen Tränen vergoss, und hinterher eingestand, dass er einen schwierigen, persönlichen Moment durchlebe. Eine Klatschjournalistin hielt es für eine Vorlage – und setzte am 18. Juni die falsche Nachricht in die Welt, Jorge Messi sei gestorben. Doch er erlebte auch noch die dritte WM-Finalteilnahme des Sohnes mit, und damit auch die Niederlage im Endspiel von New Jersey gegen Spanien (0:1).Argentiniens Niederlage im WM-Finale:Ein unwürdiger SchlussaktLionel Messi spielt die beste WM, die ein 39-Jähriger je gespielt hat. Und muss trotzdem erleben, wie sein Argentinien beinahe ohne eigenen Torschuss das Finale verliert.Es ist noch immer nicht klar, ob das der letzte Nationalmannschaftseinsatz von Lionel Messi gewesen ist; wohl aber, dass sich seine Geschichte in vielerlei Hinsicht nicht ohne seinen Vater erklären lässt. Nicht zuletzt deshalb, weil Jorge Messi Anfang des Jahrhunderts die Entscheidung traf, sich mit seinem Sohn in Barcelona niederzulassen.In die katalanische Hauptstadt waren sie deshalb gereist, weil ein Endokrinologe in Rosario bei Lionel eine Wachstumsstörung festgestellt hatte; sie ließ sich nur durch eine monatlich 900 US-Dollar teure Hormonbehandlung bekämpfen, die nicht von der Krankenkasse gedeckt war. Das Einkommen der Familie Messi – Jorge Messi arbeitete in einer Metallfabrik, Mutter Celia Cuccittini in einer Magnetspulen-Werkstatt – reichte nicht einmal ansatzweise, um sie zu finanzieren und gleichzeitig vier Kinder durchzufüttern.Nicht alle strategischen Entscheidungen der Messis glückten, den Tiefpunkt erlebte die Familie im Jahr 2016Auch die argentinischen Vereine, die ein Interesse an Lionel gezeigt hatten – River Plate in Buenos Aires und Newell’s Old Boys in Rosario –, winkten ab. Ihnen war der Erfolg der Behandlung zu ungewiss und das Unterfangen zu teuer. Zumal es schwere Zeiten waren: Argentinien war wirtschaftlich vor die Hunde gegangen, der Internationale Währungsfonds (IWF) presste unter dem Vorsitz des späteren Bundespräsidenten Horst Köhler jeden Peso aus dem Land, bis es kollabierte. Also gingen Jorge und Lionel zum FC Barcelona. Die Einigung wurde von Vater Messi und dem Ex-Profi Carles Rexach auf einer Serviette fixiert, die 2024 für fast eine Million US-Dollar versteigert werden sollte. Da hatte Messi schon zum achten Mal den Ballon d’Or für den weltweit besten Fußballer des Jahres gewonnen.Der Preis der Übersiedlung war hoch. Die Familie Messi Cuccittini trennte sich zeitweise; Mutter Celia blieb mit den anderen Kindern in Rosario. Vater Messi – „ein Arbeiter, der um vier Uhr morgens aufstand und erst abends um neun heimkehrte“, wie Lionel einmal sagte – wurde quasi über Nacht zum Manager einer der prägendsten Figuren des Weltfußballs. Schon in Jugendjahren wollte ihn Spaniens Verband für die Nachwuchsnationalmannschaften des Landes rekrutieren; Vater Jorge bestärkte ihn darin, für Argentinien zu spielen. So sollte er 2022 den dritten Weltmeistertitel für das südamerikanische Land holen. Was auch erklärt, warum nun in Argentinien so viel Anteil an Jorge Messis Tod genommen wird. „Wir müssen uns von einem Mann verabschieden, der in einer der größten Geschichten des Weltfußballs eine fundamentale Rolle hatte. Jorge hat alles richtig gemacht“, schrieb Argentiniens Verbandschef Claudio Tapia.Lionel Messi landet mit seiner Frau Antonela Roccuzzo auf dem Flughafen in Rosario. Luis Robayo/AFPJedoch: Nicht alle strategischen Entscheidungen der Messis glückten, man denke nur an den Tiefpunkt aus dem Jahr 2016. Die Messis hatten sich ein Modell aufschwatzen lassen, mit dem sie in Spanien Steuern für Werbeeinnahmen umgehen konnten; sie wurden nach einem demütigenden Prozess zu jeweils 21 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Wobei immer die Frage bleiben wird, ob die Messis – ähnlich wie die Ex-Fußballer Dani Alves, Samuel Eto’o oder Xabi Alonso – nicht auch in letzter Instanz gegen den spanischen Fiskus gewonnen hätten, wenn sie in Berufung gegangen wären.Auf der anderen Seite führten die nahezu beispiellosen Erfolge Messis auch zu spektakulären Verträgen, die der Vater aushandelte. Am Ende seiner Zeit beim FC Barcelona verdiente Messi bis zu 138 Millionen Euro pro Jahr. Brutto, aber immerhin. 2020 kam es dann zu Rissen mit dem Klub: Messi kündigte (und musste doch bleiben), ein Jahr darauf war es der Klub, der unter einer sagenhaften Schuldenlast Messi die Tür wies. Seinen Abschied vollzog er – unter Tränen – am 8. August 2021. Auf den Tag genau fünf Jahre vor dem Tod seines Vaters, der in Rosario beweint wurde.Am Samstag reiste Lionel Messi aus Miami heim. An Bord eines Privatjets landete er am späten Abend, das Familienhaus im Stadtteil La Bajada war da schon mit Fahnen und Anteilnahme geschmückt. „Leo, es gibt keine Worte, die deinen Schmerz erleichtern können, und vielleicht spürst du eine Leere, die schwer zu erklären ist. Weine, umarme Deine Familie, erinnere Dich seiner. Und wenn du eines Tages wieder auf einen Fußballplatz schaust, wirst du spüren, dass ein Teil von ihm dich immer begleiten wird“, habe auf einer argentinischen Fahne gestanden, schrieb die Zeitung Clarín am Sonntag. Und es las sich, als sei nicht nur Messi, sondern gleich die ganze Stadt ein bisschen Waise geworden.
Zum Tode von Jorge Messi: Vater und Schutzschild von Lionel Messi
Argentinien trauert um Jorge Messi, der nach langer Krankheit gestorben ist. Die Karriere seines Sohnes Lionel Messi hat er geprägt wie kein Zweiter.











