Fabian Reese rückte sein Stirnband zurecht und fasste die Lage des VfL Wolfsburg in nur einem Satz zusammen. Nach einem Abstieg, einer Pause und einem Neustart, sagte Reese, stelle sich naturgemäß „vieles anders“ dar. Ein akkurater Befund war das, der sich zudem im Erscheinungsbild des Angreifers manifestierte. Reese sah abgekämpft, aber nicht ganz unzufrieden aus, er wirkte verblüfft, war im nächsten Augenblick aber schon wieder die Ruhe selbst.Sein Kurzauftritt in der Interviewzone der Wolfsburger Arena war der Lage angemessen, immerhin hatte Reese soeben eine schröpfende Angelegenheit hinter sich gebracht. So eine Partie in der zweiten Fußball-Bundesliga gilt bekanntermaßen nicht immer als vergnügungssteuerpflichtig. Und schon gar nicht, wenn der Gegner 1. FC Kaiserslautern heißt, eine Art rustikales Urgestein im Unterhaus. Reese kennt das zwar alles, immerhin hat er dort ja weite Teile seiner Spielerkarriere zugebracht, zuletzt während seiner rührseligen Liaison mit Hertha BSC. Sein neuer Verein dagegen, der VfL Wolfsburg, war dieser Liga mehr als ein Vierteljahrhundert ferngeblieben. Bis der Werksklub abstieg. Bis er einen Neustart begehen musste, weiterhin mit viel Geld, diesmal jedoch womöglich mit einem Plan.Start der 2. Bundesliga:Gleich eine AuftaktpointeObwohl Hertha BSC eine komplizierte Saison prophezeit wird, gewinnt der Klub überraschend das Zweitliga-Auftaktspiel in Bochum. Jetzt sollen neue Spieler kommen.Besagter Neustart wurde keinesfalls gegen die Wand gefahren, dafür waren beim 0:0 am Samstag gegen den FCK zu viele Elemente zu sehen, die im Unterhaus traditionell unverzichtbar sind: Die Wolfsburger warfen sich mit derselben Härte in die Nahduelle, wie das auch der Gegner tat; sie behielten Ruhe, als die Lauterer dem Spiel eine Portion Wildheit zufügen wollten; sie begingen keine Waghalsigkeiten, als sich die Nullnummer zum Saisonauftakt zu manifestieren schien. „Wir haben vieles vorgelebt von dem, was viele von diesem neu zusammengewürfelten Haufen erwartet haben“, sagte Abwehrmann Hauke Wahl und stellte überdies die „super Energie“ und die „Mentalität“ seiner Kollegen heraus.Aufmerksame Beobachter und Fans des VfL Wolfsburg durften spätestens nach diesem Satz aufgemerkt haben: hoppla, Energie und Mentalität? Ja, tatsächlich: Die Wolfsburger hatten gezeigt, dass sie anders sein wollen, als sie das in den vergangenen Jahren gewesen waren. Und dass zugleich noch viel Spielraum nach oben besteht, wenn die Werkself ihren Status als klarster Aufstiegsfavorit seit Langem belegen will.Die Wolfsburger Mannschaft wurde generalüberholt – und soll endlich wieder selbstbewusst auftretenAuf den italienischen Schriftsteller Giuseppe Tomasi di Lampedusa geht das herrliche Bonmot zurück, nachdem sich alles verändern müsse, damit alles bleiben könne, wie es war. Die Wolfsburger Verantwortlichen um Sportvorstand Dieter Hecking sowie Sportdirektor Pirmin Schwegler wollen es ausdrücklich anders machen. Sie haben den Klub im vergangenen Transfersommer generalüberholt und erhoffen sich davon, dass er nun riecht und glänzt wie ein Neuwagen, der gerade vom Band gerollt ist. Ein flotter Offensivfußball soll die zuletzt halb leeren Tribünen zumindest wieder halb voll erscheinen lassen, die Wolfsburger wollen selbstbewusst auftreten, ohne dabei Volksnähe vermissen zu lassen.Diesen Umbruch vollziehen soll der neue Coach Tobias Strobl, laut Branchengeflüster einer der spannendsten Jungtrainer des Landes. Strobl wurde beim Drittligisten SC Verl eine so progressive wie erfolgreiche Arbeit bescheinigt; bei seinem Zweitligadebüt stapfte er energetisch durch seine Coachingzone, in einem weißen Oversized-Shirt, aus dem ein breitflächiges Nackentattoo hervorragte. „Gute Sachen und nicht so gute Sachen“ wollte der 38-Jährige gegen den FCK gesehen haben, am wichtigsten sei jedoch gewesen, dass seine Spieler auch in schwierigen Phasen „klar in der Birne“ geblieben seien.Der mitreißende Offensivstil, für den Strobl steht, war am Samstag allerdings höchstens in Nuancen zu sehen: Lediglich in der zweiten Hälfte der ersten Halbzeit schafften es die Wolfsburger, ihre individuelle Überlegenheit zu demonstrieren. Da kombinierte sich die Werkself flott nach vorn und kam durch Reese, Wahl und Mittelfeldmann Muhammed Damar zu einigen ordentlichen Torgelegenheiten. Davon abgesehen: viel Kampf und höchstens optische Dominanz.Wolfsburgs Kaderliste liest sich wie ein Allstar-Team der zweiten LigaStrobl betonte, dass sich seine Mannschaft noch im Findungsprozess befinde, dass es an „Teamgeist“ aber keinesfalls gemangelt habe – jenem Zusammengehörigkeitsgefühl also, das den Wolfsburger Fans in den vergangenen Jahren nur in homöopathischen Dosen verabreicht worden war. Auch deshalb haben Sportvorstand Hecking und Sportdirektor Schwegler den neuen Kader nach einem simplen und zugleich schlüssigen Schema zusammengebaut.Der eine Teil besteht aus Fußballern mit erwiesener Erstligatauglichkeit, zu nennen wären da etwa der Sechser Vini Souza, der aus Hoffenheim verpflichtete Damar oder der am Samstag angeschlagene und deshalb erst in der Schlussphase eingewechselte Kapitän Maximilian Arnold. Der noch größere Teil setzt sich zusammen aus Fußballern, die einem Zweitliga-Allstar-Team angehören könnten, wenn es denn eins gäbe. Zu nennen wären da etwa Wahl, Reese oder die Stürmer Robert Glatzel und Fraser Hornby. Angeblich beträgt der Wolfsburger Mannschaftsetat 50 Millionen Euro, das ist mit weitem Abstand Ligaspitze.Der Samstag bewies zwar, dass Geld weiterhin nicht zwingend Tore schießt. Wenigstens auf dem Transfermarkt wissen die Wolfsburger aber, wie sie ihre Finanzmacht ausspielen können: Nach wochenlangen Verhandlungen steht der Wechsel von Dzenan Pejcinovic zum VfB Stuttgart kurz bevor. Die Wolfsburger wollten 25 Millionen Euro und keinen Cent weniger an Ablöse haben. Der Erstligist bot zunächst deutlich weniger, kam aber nicht umhin, sein Angebot auf die geforderte Summe zu erhöhen: Pejcinovic kostet nun angeblich 25 Millionen Euro – und keinen Cent weniger.