PfadnavigationHomeICONISTKolumne LuxusproblemeAuf der Suche nach einer schmackhaften VergangenheitStand: 08:26 UhrLesedauer: 3 MinutenGold wert, aber doch nicht mehr das Gleiche …Quelle: Marcus Brandt/picture alliance/dpaEndlich mal wieder ein Krabbenbrötchen! Doch die Erinnerung an Sommerurlaube in Langeoog oder Sylt will sich bei unserem Kolumnisten nicht einstellen. Nicht einmal die Wespen vor dem Berliner KaDeWe sind begeistert.Es kommt wirklich nicht häufig vor, aber heute Mittag dachte ich mir so ganz jovial Brigitte-Mira-haft: Ick jönn’ mir mal wat. Und so kaufte ich mir ein Nordseekrabbenbrötchen in der Food-Etage des Berliner Kaufhauses KaDeWe, die geheimniskrämerisch nur noch „die Sechste“ genannt wird. Es handelt sich gleichwohl nicht um eine Mahler-Sinfonie, sondern um eine Fressgasse mit stolzen Preisen, die bei den Fahrstühlen nach Fisch riecht. Lesen Sie auchDas mit Krustentieren gefüllte Weizenbrötchen (es gab auch Roggen) kostete 14,95 Euro, also nur wenig mehr als eine Kugel in irgendeiner angesagten Eisdiele (wann eigentlich ist dieses wirklich schöne Wort aus dem Alltag gerutscht?). Und erheblich weniger als eine Lobster Roll bei „Wave Crave“ in Montauk (47,44 US-Dollar). Da ich mich nicht auf einem Hocker niederlassen und ein Glas Entre-deux-Mers trinken wollte, nahm ich das Brötchen „to go“ und konnte mich nur gerade so beherrschen, nicht schon im Fahrstuhl hineinzubeißen. Denn was, wenn eine Dior-Verkäuferin mich dabei erwischen würde? Schließlich setzte ich mich draußen in den Schatten einer Bio-Currywurstbude, um es zu verzehren. Es war das erste Krabbenbrötchen seit vielen, vielen Jahren. Voller Vorfreude biss ich hinein. Noch bevor ich mit Genugtuung feststellen konnte, dass keine Remoulade reingeschmiert worden war, schwirrte die erste Wespe an. Vor Aufregung verschüttete ich einige Nordseekrabben, die streng genommen Garnelen sind, auf den Boden. Was die frenetisch kreisende Wespe nur anfeuerte, vermutlich hielt sie das Ganze für ein Spiel. Ein einsames Salatblättchen flatterte im trägen Sommerwind. Lesen Sie auchKam sie wieder, die Erinnerung an Sommerurlaube an der Nordsee? Das berühmte jodhaltige Klima, die eifrig mit Muscheln verzierten Strandburgen, das Dauerfrösteln, das scheinbar zum Strandbesuch dazugehörte, die Fremdscham vor den FKK-Stenzen? Fühlte ich mich in meine Kindheit zurückversetzt, in der die Ferien unendlich lang erschienen und das Leben noch wie ein ungeborener Stern am Himmel über Sylt oder Langeoog schwebte? Komischerweise nein. Stattdessen überlegte ich, ob die Garnelen wirklich zum Pulen nach Marokko geschickt worden waren. Und was diese Art von Waren- und Dienstleistungstransfer über unsere Welt sagt. Außerdem fehlte mir die Butter. Lesen Sie auchNicht falsch verstehen! Wie wohl die meisten Menschen bin ich in der Lage, den Klimawandel und die Migrationsdebatten auszublenden, wenn es um den momentanen Genuss geht. Anders wäre das Leben auch nicht zu ertragen. Insofern war die leichte Melancholie, die sich nach dem Verzehr einstellte, kein schlechtes Gewissen. Es hatte einfach nur nicht so gut geschmeckt, wie ich es in Erinnerung hatte. Der berühmte Madeleine-Moment, er blieb aus. Stattdessen hatte ich müffelnde Finger. Die Wespe übrigens hatte schon lange das Weite gesucht. Vielleicht hatte sie instinktiv begriffen, dass man Menschen auf der vergeblichen Suche nach einer schmackhaften Vergangenheit besser alleinlässt.