Gastkommentarvon Martin NydeggerDas Wehklagen über ein paar überfüllte Orte verkennt die volkswirtschaftliche Bedeutung des Tourismus. Sinnvoller sei es, die Gästeströme besser zu lenken, findet Martin Nydegger.09.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenPlatz im Überfluss: ein Wanderer beim Aletschgletscher oberhalb von Belalp (VS).Anthony Anex / KeystoneDie Schweiz zählt rund 350 Tourismusorte und etwa 1800 Attraktionen. In der öffentlichen Debatte könnte man allerdings meinen, es gebe davon gerade einmal eine Handvoll. Kaum bildet sich irgendwo eine Warteschlange vor einer Bergbahn, rollt die nächste Overtourism-Debatte an. Die Diagnose steht meist fest, bevor die Fakten auf dem Tisch liegen: zu viele Gäste. Dabei erzählt uns diese Diskussion vor allem, wie schlecht wir mit Ausnahmefällen umgehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zunächst die Einordnung. Tourismus ist kein niedliches Freizeitphänomen, sondern einer der grössten Wirtschaftszweige der Welt. Rund 10 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und jede zehnte Arbeitsstelle hängen direkt davon ab. In der Schweiz macht Tourismus rund 3 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus und sichert fast 5 Prozent aller Arbeitsplätze. Dennoch gehört er zu den fünf wichtigsten Exportbranchen, neben Finanzdienstleistungen, Pharma, Maschinen und Uhren.Noch deutlicher wird das Bild in den Bergregionen. In Graubünden erwirtschaftet der Tourismus rund 25 Prozent der Wertschöpfung, im Wallis etwa 15 Prozent. Für ganze Regionen ist Tourismus Leitindustrie, Arbeitgeber und Zukunftsperspektive zugleich. Trotzdem wird seine volkswirtschaftliche Bedeutung chronisch unterschätzt.Erstens ist Tourismus ein Karriere-Booster. Der Einstieg ist oft niederschwellig, die Entwicklungsmöglichkeiten beachtlich. Wer Sprachen lernt, Verantwortung übernimmt und mit Menschen umgehen kann, kommt weit. Für unzählige Menschen ist diese Branche die erste Schule für Unternehmertum und Führung. Ich weiss das aus eigener Erfahrung: Mein Berufsweg begann einst als Landmaschinenmechaniker und führte mich über den Tourismus zu meiner heutigen Führungsaufgabe.Zweitens ist er ein Regionalwirtschafts-Booster. Drei von fünf Franken, die ein Gast in der Schweiz ausgibt, landen nicht bei Hotels oder Bergbahnen, sondern bei der Bäckerin, im Dorfladen oder beim Transportunternehmen. Dazu kommen Investitionen der Hotellerie, von denen Schreinereien, Elektriker oder Sanitärbetriebe profitieren. Vor allem in den Randregionen sichert der Tourismus wirtschaftliche Perspektiven und bremst die Abwanderung.Drittens ist Tourismus ein Lebensraum-Booster. Viele Einrichtungen, die Gäste nutzen, existieren auch für die einheimische Bevölkerung: der dichtere Fahrplan, die Bergbahn, das Hallenbad, die Kulturveranstaltung oder schlicht die Möglichkeit, im Tal zu leben und vor Ort eine Zukunft zu haben. Ohne Tourismus gäbe es vieles davon in der Peripherie nicht.Friede, Freude, Eierkuchen also? Natürlich nicht. Fachkräftemangel, Klimawandel und eine wachsende Skepsis gegenüber Wachstum fordern die Branche. Auch die Kritik an überfüllten Orten nehmen wir ernst. Aber wir differenzieren. Punktuelle Engpässe betreffen eine Handvoll Orte an ausgewählten Wochenenden, bei Sonnenschein, während der Schulferien, meist zwischen 10 und 17 Uhr.Aus einem Stau am Gotthard schliesst auch niemand auf einen permanenten Verkehrsinfarkt der ganzen Schweiz. Doch beim Tourismus begehen viele genau diesen Denkfehler. Die Antwort auf die Herausforderung heisst nicht weniger Tourismus. Sie heisst besserer Tourismus.Bei Schweiz Tourismus nennen wir das «Travel Better». Dahinter stehen fünf Massnahmen: bessere Lenkung der Gästeströme, längere Aufenthalte, Weiterentwicklung von Swisstainable, Sicherung der Tourismusakzeptanz und mehr Ganzjahrestourismus. Konkret: Die Monate Juni bis September laufen vielerorts bereits gut. Deshalb bewerben wir vor allem die übrigen acht Monate. Gegenwärtig besonders den Herbst, der sonniger, wärmer und vielerorts zur schönsten Reisezeit wird. Die Kampagnen mit Roger Federer folgten genau dieser Logik.Dasselbe gilt räumlich. Wer zum ersten Mal in die Schweiz reist, möchte das Matterhorn sehen oder über die Kapellbrücke laufen. Aber danach beginnt die eigentliche Entdeckungsreise. Mit der Grand Tour of Switzerland und dem dichtesten ÖV-Netz der Welt führen wir Gäste auch zu weniger bekannten Orten, die touristisch erschlossen sind und sich über zusätzliche Besucher freuen. Dazu arbeiten wir bewusst mit Influencern zusammen, die nicht dieselben Hotspots bewerben, sondern Orte ins Schaufenster stellen, die touristisch bestens erschlossen sind und noch Potenzial für zusätzliche Gäste haben.Am Ende geht es darum, die richtigen Gäste zum richtigen Zeitpunkt an die richtigen Orte zu bringen. Wir sollten den Schweizer Tourismus also weniger nach seinen vollsten Stunden beurteilen als nach allen Stunden. Die Frage lautet nicht, ob wir zu viele Gäste haben. Sondern, ob wir gut genug sind, sie dorthin zu bringen, wo sie willkommen sind.Martin Nydegger, 55, ist seit 2018 Direktor von Schweiz Tourismus.