Fast zehn Millionen Bücher verbrannt: Russlands Angriffe treffen die ukrainische Kulturindustrie ins HerzRussland zerstört offenbar systematisch die ukrainische Buchbranche. Eine Reportage aus dem Epizentrum des Angriffs auf die ukrainische Sprache und Identität.Kristina Thomas09.08.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten«Ich kann diese Zerstörung nicht ohne Tränen ansehen»: Am 1. August griffen zwei russische Drohnen die Lagerhallen des Verlages Ranok in Charkiw an. Bis zu 8 Millionen Bücher wurden zerstört.Volodymyr Pavlov / ReutersNoch eine Woche nach dem ballistischen Raketenangriff auf eine Druckerei in Kiew hängt der stechend-chemische Dunst in der Luft. Vereinzelt sind Überreste der rund 600 000 zerstörten Bücher zu sehen. Am 19. Juli durchschlug mutmasslich eine S-400-Rakete das Dach. Über den verstummten Druckmaschinen öffnet sich nun ein gezackter Ausschnitt des Julihimmels.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wiktoria Haidai, kaufmännische Direktorin der Druckereigruppe Konwi, führt durch die zerstörte Halle, zählt beschädigte Maschinen und Auflagen auf, zeigt, wo Splitter das Metall durchbohrt haben und bis wohin es Bücher geschleudert hat, als ginge es um eine Inventur. Die Erschütterung liegt nicht in ihrer Stimme, sondern in dem, was sie beschreibt: «50 Prozent der Produktionskapazität sind verloren – etwa siebeneinhalb Millionen US-Dollar.»Die Druckerei ist eine der grössten des Landes. Im Monat werden hier 800 000 Bücher produziert. 1,3 Millionen Bücher für die vierte und die neunte Klasse sollten in diesem Jahr hergestellt werden. Nun wurden 250 000 Schulbücher und 350 000 weitere Bücher zerstört, nur Wochen vor Schulbeginn. An ein Versehen der russischen Luftwaffe glaubt Haidai nicht: «Es war ein Volltreffer.» Sie sieht darin einen gezielten Angriff auf das Land: «Sie wollen unsere Zukunft zerstören. Kinder und Bücher sind unsere Zukunft: Es geht um die Vermittlung von Wissen, von Erinnerung – und um die Erziehung unserer Kinder.»Die Hände in den Schoss zu legen, sei keine Option, sagt Wiktoria Haidai, die kaufmännische Direktorin der Druckereigruppe Konwi.NZZaS – BildDie Zerstörung von Konwi ist Teil einer Angriffswelle, die eine ganze Branche getroffen hat. Seit Anfang Juli verbrannten Millionen Bücher, bevor sie ihre Leser erreichten. Das Ukrainische Buchinstitut schätzt den Verlust auf nahezu 10 Millionen Exemplare. Betroffen sind mehrere Knotenpunkte der Buchwelt, die den gesamten Produktionszyklus betreffen: von Redaktionsbüros über zentrale Lager und Distributionszentren bis hin zu einer der grössten Druckereien des Landes.«Hitler hätte gratuliert»Wiktor Kruglow vom Verlag Ranok, einem führenden Bildungs- und Kinderbuchverlag der Ukraine, schrieb angesichts des Ausmasses, was so viele aus der Branche fühlten: «Ich kann diese Zerstörung nicht ohne Tränen ansehen.» Es waren auch Schulbücher seines Verlags dabei, die bei Konwi frisch gedruckt und gebunden für das neue Schuljahr bereitstanden – und in einer Nacht komplett zerstört wurden. Genau zwei Wochen später wurden die Lagerhallen seines Charkiwer Verlags, die als Distributionszentrum für mehrere Verlage genutzt werden, innerhalb von Minuten direkt von zwei Drohnen attackiert.600 000 Schulbücher und bis zu 8 Millionen weitere Bücher fielen den Flammen zum Opfer. «Ich hätte nicht gedacht, dass wir im 21. Jahrhundert die Rückkehr der Bücherverbrennung erleben. Hitler hätte gratuliert», sagt Kruglow am Telefon. Könnten die Angriffe auf Logistikzentren noch als Kollateralschäden gelten, liefere die Attacke auf die Lagerhallen eines grossen Verlags den endgültigen Beweis für Russlands Vorsatz, glaubt Kruglow.Dabei trafen Russlands Drohnen und Raketen keine sterbende Branche, sondern eine im Aufbruch. Nach dem dramatischen Einbruch zu Beginn der Invasion hat sich der ukrainische Buchmarkt jüngst spürbar erholt. 2024 stiegen sowohl die Umsätze der Verlage als auch die Gesamtauflagen deutlich. Ein Jahr später zählte die Ukraine statt 350 bereits rund 400 aktive Verlage – trotz der demografischen Krise, die Russlands Angriffskrieg ausgelöst hat.Insbesondere die Nachfrage nach ukrainischsprachigen Büchern nahm seit 2022 stark zu. Viele Leser wandten sich bewusst heimischen Autoren und Verlagen zu. Trotz Krieg eröffneten neue Buchhandlungen, es entstanden Verlage und literarische Initiativen. «Vor allem wuchs das Interesse an Literaturveranstaltungen – und zwar nicht nur in Kiew», sagt Kruglow, Geschäftsführer bei Ranok. «Auch in den Regionen entstanden neue Literaturfestivals. Literatur ist im Krieg für viele zu einem Anker geworden.»«Ein Kriegsverbrechen»Für viele Ukrainer begann die Bedrohung der eigenen Sprache und Identität nicht erst mit den Angriffen auf Druckereien und Lagerhäuser. «Als Russland Mariupol zu Beginn der Invasion besetzte, war eines der ersten Dinge, die sie taten, ukrainische Bücher zu verbrennen und durch russische zu ersetzen», sagt der ehemalige ukrainische Aussenminister und Autor Dmitro Kuleba, dessen Bücher im Lager von Kniholaw verbrannten.Das Lesen vermittle den Menschen inmitten des Krieges ein Gefühl der Ganzheit: zerstörte Druckmaschine.NZZaS – BildDie stellvertretende Kulturministerin Bohdana Laiuk sieht darin ein Verbrechen gegen die kulturelle Identität des Landes. Solche Angriffe müssten als eigene Kriegsverbrechen anerkannt werden, sagt sie. Bücher bewahrten jene Identität, die Russland leugne und auszulöschen versuche. Zugleich vermittle das Lesen den Menschen inmitten des Krieges ein Gefühl der Ganzheit. Die Verluste in diesem Sektor seien deshalb nicht nur eine Frage der Kultur, sondern auch der nationalen Sicherheit.Die Branche reagiert auf die Zerstörungen mit einer Mischung aus Improvisation und Solidarität: Verlage rufen ihre Leser in den sozialen Netzwerken dazu auf, betroffene Häuser zu unterstützen und Bücher vorzubestellen. Buchketten geben bereits ausgelieferte Ware zurück, damit Verlage sie über eigene Kanäle verkaufen können. Autoren wie Dmitro Kuleba verzichten auf Tantiemen.Ans Aufgeben denkt aber niemand. Die Hände in den Schoss zu legen, sei keine Option, sagt Wiktoria Haidai: «Wir müssen trotz allem, was vor sich geht, unsere Kinder erziehen, unsere Literatur und Kunst lehren – denn sie sind die Zukunft. Das ist also trotz allem, was vor sich geht, unsere Mission.»Die Branche reagiert auf die Zerstörungen mit einer Mischung aus Improvisation und Solidarität: Die Feuerwehr löscht den Brand in den Lagerhallen in Charkiw.Serhii Masin / ImagoEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»