Fabian HugoElisabeth Kohler-von Siebenthal fährt für die Spitex in die entlegensten Täler. Wer sie begleitet, sieht mehr als offenes Fleisch: Stolz, Angst, Einsamkeit und die erstaunliche Zähigkeit des Lebens.09.08.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenDie Wundheilerin steuert ihren kleinen Dienstwagen hinauf zu einem Dorf über Interlaken. Dort haftet an der Eingangstür eines Chalets ein Zettelchen mit einem Pfeil zum ersten Stock und einer handschriftlichen Notiz: «Spitex bitte läuten und eintreten.» Sie steigt mit ihrem silberfarbenen Aluköfferchen, wie man es von Zauberern kennt, ins Obergeschoss, wo Beat Steiner* in T-Shirt und Boxershorts liegt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Elisabeth Kohler-von Siebenthal, Kurzhaarfrisur, dezentes Rosa auf den Lippen, fragt nach seinem Befinden, öffnet ihren Koffer und macht sich an die Arbeit. Die Gummihandschuhe schnalzen beim Überstreifen, aus dem dick einbandagierten linken Bein schält sie sein Knie, in dem ein rötliches Loch vom Durchmesser eines Golfballs klafft. Vor zwei Monaten ist der allein lebende Mittsiebziger im Keller gestürzt, der Bluterguss brachte das Gewebe zum Absterben und musste im Spital entfernt werden. Davon zeugt nun diese gähnende Wundhöhle.Elisabeth Kohler-von Siebenthal reinigt sie mit routinierter Sorgfalt, Pinzette und Tupfer, misst, fotografiert und dokumentiert sie, ehe sie wieder einen Unterdruckverband anlegt, der über ein Schläuchlein stetig Wundflüssigkeit absaugen wird.Sie pflegt die Wunden einer Gesellschaft, deren Narben viel mit Isolation zu tun haben.Mahnmale des ZerfallsIn unzählige Leben und Leiden hat die zierliche Bernbieterin schon hineingesehen. Über vierzig Berufsjahre liegen hinter ihr, gut die Hälfte davon als Wundexpertin. Von der Basis in Interlaken, dieser malerischen Mischung aus Bodenständigkeit, Massentourismus und Exklusivität, fährt sie in die entlegensten Täler des Oberlands, zu Dörfern, in denen noch orange Schilder mit der Aufschrift «Kodak Filme» hängen.In dieser Idylle wie aus dem «Bergdoktor», die sie den «schönsten Arbeitsplatz der Welt» nennt, taucht sie in Abgründe ein: akute und chronische Wunden, Abszesse, Krebsgeschwüre, die von innen erbarmungslos durch die Haut wachsen als Mahnmal des inneren Zerfalls. Sie kämpft gegen den Leichtsinn abgestürzter Gleitschirmflieger und den Starrsinn alter Bergbauern, von denen manche den Weg von ihrem Weiler zum Spital oder Arzt scheuen wie der Teufel das Weihwasser.Im Spital begeben sich Patienten meist ganz in die Hände des Pflegepersonals. Wer sie aber zu Hause versorgt, dringt in ihre Privatsphäre vor, den Hort der Selbstbestimmung. «Auch zum Duschen können wir niemanden zwingen», sagt Elisabeth Kohler-von Siebenthal lächelnd. Sie weiss nie, welcher Geruch, welche Stimmung sie erwartet.Ein sonniger Maimorgen. Im Suzuki, auf Anhieb als Dienstauto erkennbar mit den Logos der Spitex und der Bank, die sie sponsert, geht es auf den Beatenberg. Auf einer Anhöhe inmitten von Bauernhöfen riecht’s nach Sägemehl. Frisch zerteilte Stämme liegen am Boden wie Körperteile. Elisabeth Kohler-von Siebenthal studiert die Jahresringe und findet keinen einzigen kranken Stamm: «Alle so schön regelmässig und exakt! Der Baum hatte ein gutes Leben.»Wenig später versorgt sie hinter verschlossenen Türen eine Wunde an intimer Stelle. Im Raum nebenan erzählt Bruno Moser*, der Mann der Patientin, vom Schock ihrer ersten Krebsdiagnose vor fünfzehn Jahren, dann von neuen Methoden und Mitteln, die seither Jahr für Jahr die Hoffnung nähren. Fast ein Jahrzehnt ruhte der Tumor, ehe er zurückkam: «volle Ladung Chemo», Amputation einer Brust, später Bestrahlung eines Ablegers im Rücken. Bauchgewebe musste verpflanzt werden, eine Tortur für den geschwächten Körper. Die Wunde am Bauch öffnete sich wieder, wurde grösser und braucht Pflege.Nach einer halben Stunde kommt Lydia Moser* aus dem Zimmer, setzt sich an den Tisch und erinnert sich: «Als der Arzt den Einsatz der Spitex anordnete, waren in meinem Kopf all die Klischees, alte Patienten und so. Dann kamen beim ersten Termin zwei wunderbare junge Frauen, ich fühlte mich sofort gut aufgehoben.» Die Erstaunlichste aber sei die gerade Anwesende. Sie lobt sie für ihre Empathie, ihren Humor und eine «gewisse Leichtigkeit»: «Sie gibt mir das Gefühl, dass es gut kommt. Und mit der Wunde wird es besser, immerhin.»Bewegung fördert fast jede Wundheilung — und offene Beine können eine Folge von Übergewicht sein.Die Würde der CharakterköpfeEs kommt vor, dass die Wundheilerin von Patienten ein geschlachtetes Huhn oder Gitzi erhält. Der grösste Dank aber ist ihr das Vertrauen, ohne das keine Behandlung gelingen kann. Sie bekommt es selten einfach geschenkt, muss es sich oft erkämpfen, und schnell ist es verloren. In einer ihrer Online-Kolumnen für die Schweizerische Gesellschaft für Wundbehandlung, deren Vizepräsidentin sie ist, beschreibt sie ihren allerersten Spitex-Einsatz, bei dem sie ihren ersten spektakulären Wundfall witterte: «multiple venöse Ulzerationen, infiziert, prekäre hygienische Verhältnisse». Populär ausgedrückt: entzündete, offene Beingeschwüre, voll mit Keimen, in verschmutzter Bude. Sie sah sich auf einer Mission, alarmierte den Hausarzt, ohne zu merken, dass dieser Landwirt das gar nicht wollte. Er liess sie nie mehr rein.Oft sei das Hauptproblem nicht die Krankheit, sagt sie, sondern der Kopf, der sich dagegen sträube, sich helfen zu lassen. Mancher Tumor werde so jahrelang verdrängt.Aus Kohler-von Siebenthals Augen spricht eine seltene Mischung aus Lebenserfahrung und jugendlicher Keckheit. Mit Charme, Witz und Bestimmtheit hat sie schon manche harte Nuss geknackt, auch wenn sie an so mancher gescheitert ist. Ihre fachliche Autorität verbindet sich mit Respekt vor der individuellen Lebensleistung ihrer Schützlinge – auch bei jenem chronisch Kranken, dem sie zuerst klarmachen musste, dass während ihres Besuchs keine Pornos laufen sollen.Wer Patienten zu Hause versorgt, dringt in ihre Privatsphäre vor, den Hort der Selbstbestimmung.Selbst schrägsten Vögeln lässt die Sechzigjährige in ihren Schilderungen ihre Würde, auch in ihren Kolumnen, die nun in einem Bändchen unter dem Titel «Der wunde Punkt» versammelt sind. Sie erzählt darin leichtfüssig von ihrer Arbeit, von Wunden, Begegnungen, Charakterköpfen. Ihr wichtigster Helfer, am Schreibtisch wie am Krankenbett, ist rezeptfrei der Humor. Die feine Klinge der Ironie setzt sie am liebsten bei sich selbst an, der in medizinischen Kreisen verbreitete Schutzschild des Zynismus hingegen scheint ihr fremd zu sein. Dass sie Todesanzeigen sammelt, mag makaber klingen; aber auch dahinter steckt ihr Interesse für Menschen und ihre Geschichten.Einmal entdeckte sie ihr Bändchen im Bestseller-Regal einer Berner Buchhandlung, nebst dem neusten Werk von Siri Hustvedt, und musste sich kneifen, um es zu glauben. Ihr Werk trifft einen Nerv. Sie ist die Wundheilerin einer Gesellschaft, deren Narben viel mit Isolation zu tun haben. Der Tod ist durch den medizinischen Fortschritt hinausgeschoben, doch dem allmählichen Zerfall des Körpers sind viele daheim und allein ausgeliefert. So wird die Arbeit von Spitex-Teams, die auch Spezialistinnen für Demenz, Psychiatrie, Palliative Care umfassen, weiter an Bedeutung gewinnen.Die Wunden des WaffensammlersDer nächste Patient, bald neunzig, wartet in seiner kleinen Parterrewohnung. In einer Ecke lehnt eine Beinprothese, die Wanduhr tickt, ein Gemälde zeigt ein Segelschiff mit geblähten Segeln im Abendrot. Bruno Zgraggen* faltet die Hände vor dem stattlichen Bauch, bewegt beim Reden den Rollstuhl mit dem Fuss langsam vor und zurück.Der linke Unterschenkel wurde vor siebzehn Jahren amputiert, nach einer Meniskusoperation war die Durchblutung gestört. Dann kam auch noch «dä Zucker» dazu, das Insulin spritzt er sich täglich selbst. Der Körper streikt an allen Ecken und Enden, aber Zgraggen murmelt, und der weisse Schnauz bebt dabei leicht: «Suscht bin i ja no guet zwäg.»In den letzten Jahren mag er seelisch durch tiefe Täler gegangen sein, geschlagen gibt er sich nicht. «Jedes Ding hat seine Zeit, jede Pflanze, ich weiss. Aber ich gebe es noch nicht so gerne her gerade, dieses Leben. Es ging mit einem Bein weiter, und wäre das zweite auch weg, ginge es ebenso.» Schliesslich brachte er es einst nach überstandener Kinderlähmung auf achthundert Militärtage, wie er stolz vorrechnet.Die dicke Bandage am rechten Bein verdeckt handgrosse wunde Stellen, die es regelmässig zu versorgen gilt. Aber viel lieber als über seine Wunden spricht der gelernte Mechaniker über seine Waffen. In einer Nische stehen gegen dreissig Gewehre in Reih und Glied, der Rest seiner einstigen Sammlung. Von jedem kennt er das Baujahr. So richtig in Fahrt kommt er, wenn er historische Ereignisse samt Jahreszahlen aus dem Kopf abruft. Er erzählt von einem Soldaten in Napoleons Diensten, dem ganz in der Nähe ein Bein amputiert wurde.«Mich ängstigen Waffen in Privatbesitz», sagt Elisabeth Kohler-von Siebenthal später am Steuer, «aber mehr die versteckten. Und vor allem bei Leuten mit Ansätzen zur Demenz.» Einmal wurde sie zu einem Patienten gerufen, der sich gerade erschossen hatte. Das Bild ist in ihr Gedächtnis eingebrannt. Seither pflegt sie unruhig zu werden, wenn zum vereinbarten Zeitpunkt niemand die Tür öffnet.Sichtbare und unsichtbare NarbenDen Vorsatz, Krankenschwester zu werden, fasst das Mädchen Elisabeth früh, inspiriert unter anderem von einem romantisierenden SJW-Heftchen über Florence Nightingale. Als Tochter eines Lehrerpaars wächst sie grossteils im Schulhaus eines Emmentaler Bauerndorfs auf – der Ursprung ihres guten Drahts zu bäuerlicher Klientel. Sie träumt davon, einen Landwirt im Emmental zu heiraten und sieben Kinder mit ihm zu haben. Doch im zweiten Lehrjahr verliebt sie sich in den Spross einer Tösstaler Käserfamilie, der in Interlaken gerade seine erste Assistenzarztstelle angetreten hat.Heute sind die beiden mehrfache Grosseltern, er taucht in ihren Kolumnen nur als «der Chirurg» auf. Als er noch operierte, hatten sie gemeinsam ein erfolgreiches «Geschäftsmodell», wie sie es lachend nennt. «Er machte die Wunden, ich heilte sie.»Bilder von Blut und Schwären sind Teil unserer Kulturgeschichte, von den Stigmata des geschundenen Messias bis zu Rubens’ Gemälde vom Tod des Achilles, dessen einzige verletzliche Stelle die Ferse ist. Bis heute gilt: Hängt ein Leben am seidenen Faden, wird die Wundversorgung existenziell, wie Anfang 2026 die Brandkatastrophe von Crans-Montana eindringlich zeigte.Von solchen Ereignissen bleiben sichtbare Narben, die innere nach sich ziehen können. Umgekehrt wurzelt so manche sichtbare Wunde in tiefen seelischen Verletzungen, für die andere zuständig sind als die Wundexpertin. Ihr Fach bleibt, bei allem psychologischen Gespür, das Fleisch, ihr Erfolg basiert auf dem komplexen Zusammenspiel biologischer Prozesse.Ein paar Grundsätze sind schnell festgehalten: «Eine Wunde, die nach zweiwöchiger Pflege keine Veränderung zeigt, wird nicht ursachengerecht behandelt», erklärt Kohler-von Siebenthal. «Nur saubere Wunden können heilen, und feuchte Behandlungen bringen üblicherweise schnellere Erfolge als trockene.» Und Bewegung sei der Wundheilung fast immer zuträglich, betont die begeisterte Läuferin, die schon den Jungfrau-Marathon geschafft hat.Chronische Wunden wiederum zeugen oft davon, dass Betroffene ungesund essen und sich zu wenig bewegen. Die Masse drückt auf die Gefässe, staut Blut und Wasser, bis die Haut reisst und aufplatzt, oft an den Schenkeln. Geschwollene Beine, die in Stützstrümpfen stecken, gehören zum Arbeitsalltag der Wundheilerin.«Wir müssen uns auf unsere Grundlagen besinnen», sagt Elisabeth Kohler-von Siebenthal in Bezug auf den Einsatz von KI.Die Technik greift einEin schwüler Sommertag. Die Schweizerischen Gesellschaften für Wundbehandlung haben Fachpersonal aus dem ganzen Land ins Kongresszentrum bei Freiburg geladen, zu einer Tagung über Ödeme. Die Einladung streicht «die Wichtigkeit der Wundversorgung für das Leben der Patienten ebenso wie für die Gesundheitssysteme» hervor. Gekommen sind Hunderte von Frauen, die paar Herren stehen vornehmlich hinter den Verkaufsständen. Wundheilung ist auch ein Geschäft: Da werden Salben angepriesen oder Hightech-Geräte wie das 9000 Franken teure Plasmoheal, das mit Kaltplasma und Aerosol desinfizieren und gleichzeitig den Säurewert regeln soll.In einem Vortragssaal lauschen über dreihundert Frauen und ein paar Männer den Ausführungen eines Professors über Mikroorganismen in Wunden, illustriert mit Fotos von unappetitlichen Geschwüren. Derweil erläutert Elisabeth Kohler-von Siebenthal in Workshops ein einfaches Gerät, das den Druck von Kompressionsverbänden misst.Neulich hat sie an einem Kongress in Bremen über den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Wundbehandlung referiert: Sensoren etwa können tief in die Wunde sehen und erkennen, welche Gewebeschichten von Verbrennungen betroffen oder welche Bakterien verbreitet sind. Bald wird es «intelligente Verbände» geben, die Daten erheben und eigenständig Antiseptika abgeben. «Aber wie immer bei KI ist zunächst zu klären, wer am Ende verantwortlich ist», hält sie fest. «Und wir müssen uns auf unsere Grundlagen besinnen, um richtig mit diesen Tools umzugehen.»Die Schattenseiten der BerufungIn einer Fernsehsendung ist Kohler-von Siebenthal unlängst als «guter Engel» des Berner Oberlands eingeführt worden. Damit konnte sie so wenig anfangen wie mit dem Bild der barmherzigen Samariterin. Solche Klischees überzuckern die harte Realität ihres Berufsstands, dessen Ansehen sie doch stärken möchte. Bei einer Lesung aus ihrem Buch in Zürich schlägt sie spielend den Bogen von ihren Geschichten zu prekären Arbeitsbedingungen. Von der Pflegeinitiative, die das Stimmvolk vor fünf Jahren klar angenommen hat, sei an der Basis noch so gut wie gar nichts angekommen, stellt sie fest.«Es besteht Personalbedarf, das ist unbestritten. Aber man tut nicht viel dafür», klagt sie an anderer Stelle. «Wir Pflegenden sind nicht sehr gut in politischer Überzeugungsarbeit, haben keine Lobby wie die Pharmaindustrie, die Bauern, Lehrer, Ärzte.» Und in der Hierarchie der Pflegeberufe stehe die Spitex zuunterst, deutlich tiefer als der Spitaldienst, das könne sie aus jahrzehntelanger Erfahrung in beiden Bereichen sagen. Dabei seien die beiden Bereiche doch als komplementär zu verstehen im hiesigen Gesundheitssystem.Ihre Spitex ist in keinen Gesamtarbeitsvertrag eingebunden, der Lohn ist eher tief, das Renommee auch: Bitterkeit mischt sich in ihre Stimme, wenn sie darüber spricht. Ihre Lockerheit kehrt zurück, als sie sich an die Wertschätzung der Pflegeberufe in der Corona-Zeit erinnert: «Meine Güte, wurden wir da befähigt!» Den Applaus der Öffentlichkeit heimste damals allerdings vornehmlich das Spitalpersonal ein, dessen Alltag zudem seit Jahrzehnten in Serien von «Schwarzwaldklinik» bis zu «Grey’s Anatomy» romantisiert wird. Auf die Idee, die Spitex-Arbeit zu fiktionalisieren, ist noch niemand gekommen.Und doch wünscht sich Elisabeth Kohler-von Siebenthal keine andere Aufgabe als diese.Eines Tages fahren wir in Richtung Lauterbrunnen, dessen Tal J. R. R. Tolkien zum Ort Bruchtal in «Lord of the Rings» inspiriert haben soll, bis Zweilütschinen an der pittoresken Bahnstrecke zur Jungfrau. Auf einem Hof wartet Erwin von Allmen*, über achtzig, Bergbauer. Hinter ihm blühen Apfelbäume, unter der Latzhose wölbt sich der Bauch, wild wuchern die Augenbrauen, störrisch spriessen Haare aus der Nase.Die Begrüssung ist vertraut, man hat seit vierzehn Jahren miteinander zu tun. Früher hatte er lange auf eigene Faust an seinen offenen Beinen herumgedoktert. «Dann kam die da», sagt er verschmitzt lächelnd. «Ein Patient, der sie ‹d Cholere› nannte, hatte mich vor ihr gewarnt, streng war sie gewesen mit ihm. Er hatte sein Glück mit Kurpfuschern im Appenzell versucht. Die konnten ihm nicht helfen. Sie schon.»Von Allmen, der seit einer Chemotherapie auch mit schlecht durchbluteten Fingern und Zehen kämpft, will nur noch diese Frau an seine peinigenden Wunden lassen. «Pflichtbewusst wie ne Moore» sei sie, mitunter auch energisch, sagt er. Anfangs hätten sie ihre Differenzen gehabt, aber längst befolge er ihre Anweisungen, räume gar den Tisch auf, bevor sie komme. Mit den «Gelehrten und Professoren» im Spital ist er fertig, spätestens seit sie ihm in Bern ein Bein amputieren wollten. Da kehrte er in Frau Kohlers Obhut zurück, «für immer».Nicht alle Patienten heissen die Wundexpertin so willkommen wie dieser.Die Macht der AngehörigenSo gut wie von Allmen sprächen natürlich nicht alle Klienten auf sie an, stellt die Wundexpertin später auf der Rückfahrt klar. Wer sie einmal «d Cholere» nennt – was wohl nicht von ungefähr nach Pest und Cholera klingt –, den hat sie meist verloren. Manchmal kommt es auch zum Bruch, weil Angehörige ihre Arbeit sabotieren. Diesen werde gerade bei nicht mehr handlungsfähigen Patienten eine unerhörte Macht zuteil. Sie erzählt von einer Frau, welche die Flüssigkeitszufuhr ihres dementen Gatten stark beschränkte, um seine Toilettengänge zu minimieren. Und von Eheleuten, die sich mehr oder weniger subtil für früher erlittene Kränkungen rächten, sobald der andere ihnen ausgeliefert sei.Als Elisabeth Kohler in der Lehre war, hiess es, für Leute ab siebzig lohne sich eine Dialyse nicht mehr. Die Zeiten sind zum Glück vorbei. Das Paradox jedoch, dass jeder lange leben will, aber bitte schön nur bei tadelloser Gesundheit, kann sie nicht auflösen. Um in allen Lebensphasen die bestmögliche Versorgung zu gewährleisten, muss die Pflege um individuelle Lösungen bemüht sein – so die Überzeugung der Wundexpertin, gestützt auf ihr Menschenbild: «Man hat nie ausgelernt über den Menschen, den Körper, die Seele. Es gibt keine zwei, die gleich sind, weder von aussen noch von innen. So bleibt immer etwas Unberechenbares.»Deshalb bleibe sie im zwischenmenschlichen Umgang stets Schülerin, fügt sie an, deren Kolumnensammlung ein Bonmot vorangestellt ist: «Sobald jemand in einer Sache Meister geworden ist, sollte er in einer neuen Sache Schüler werden.» Zur Meisterschaft hat sie es am ehesten «beim Thema Wunden» gebracht, wie sie sagt: «Da gibt es nicht viel, was ich nicht gelernt, geübt, gelebt habe.»Wunden erzählen oft mehr über das Leben als Worte. Und auf der Rückfahrt aus einem der Täler merkt Elisabeth Kohler-von Siebenthal an: «Ich bin sehr dankbar, dass wir in der Spitex diese Wege haben – und ich besonders lange.» Am Steuer könne sie belastende Besuche ausklingen lassen, statt von Zimmer zu Zimmer zu eilen wie im Spital. Auch das hilft ihr dabei, dass sich die versorgten Wunden und die Schicksale nicht in ihr Privatleben fressen: «Trotz aller Nähe ist es nicht mein eigenes Leid. Wenn ich rausgehe, bleibt es dort, wo es ist.»* Die Namen der Patienten wurden von der Redaktion geändert.Die Kolumnensammlung «Der wunde Punkt» von ElisabethKohler-von Siebenthal ist 2026 im Berner Lokwort-Verlag erschienen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel