InterviewEin ehemaliger Polizist meint: «Das Opfer eines Intensivtäters ist in Deutschland in Wahrheit ein Opfer des Staates»Der Jurist und Bestsellerautor Nickolas Emrich hat als Polizist und U-Bahn-Fahrer in Berlin gearbeitet. Jetzt hat er ein Buch über die Erosion der Sicherheit im öffentlichen Raum geschrieben. Der Zerfall der inneren Sicherheit spalte die Gesellschaft, sagt er und fordert schärfere Strafgesetze.09.08.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenNach einer tödlichen Messerattacke im Jahr 2024 haben Trauernde Blumen auf einem Gehweg in der Solinger Innenstadt niedergelegt.Christoph Reichwein / DPAOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herr Emrich, in Ihrem neuen Buch vertreten Sie die These, die innere Sicherheit sei die neue soziale Gerechtigkeit. Wie kommen Sie darauf?Der Begriff der sozialen Gerechtigkeit steht üblicherweise für das Streben nach einer gleichmässigen Verteilung von Einkommen und Vermögen. Aus meinen Gesprächen mit Menschen aus dem Arbeitermilieu weiss ich jedoch, dass die innere Sicherheit für diese Menschen wichtiger ist als die Umverteilung von Einkommen. Die Menschen haben das Gefühl, sich wegen der zunehmenden Kriminalität im öffentlichen Raum nicht mehr sicher bewegen zu können. Wenn der Weg von der Schichtarbeit nach Hause am späten Abend als Risiko empfunden wird, der Spaziergang im Park aus Angst vor Anmache und Übergriffen unterbleibt und die eigenen Kinder von Mobbing und Gewalt in der Schule berichten, dann erodiert die soziale Gerechtigkeit.Warum?Weil die innere Sicherheit zunehmend vom eigenen Geldbeutel abhängt. Wer über genug Geld verfügt, ist weniger auf den öffentlichen Raum angewiesen. Man wohnt in einem wohlhabenden Stadtviertel, in dem es keine Drogenkriminalität, aber gute Schulen für die Kinder gibt. Man fährt mit dem eigenen Auto statt mit der U-Bahn zur Arbeit. Und die Kinder spielen im eigenen Garten statt auf dem öffentlichen Spielplatz. Es gibt eine gesellschaftliche Spaltung bei der inneren Sicherheit. Das ist politischer Sprengstoff.Die Politiker streben soziale Gerechtigkeit dennoch lieber durch Umverteilung an.Die Politiker führen ein anderes Leben als die meisten Wähler. Wer mit dem Fahrdienst des Deutschen Bundestages durch Berlin unterwegs ist, gewinnt ein anderes Bild von der Hauptstadt als jemand, der die U-Bahn-Linie 8 benutzen muss, die die Problemviertel der Stadt verbindet. Ich habe mehrere Jahre als Polizist und als U-Bahn-Fahrer in Berlin gearbeitet und dadurch Einblicke in die Gesellschaft gewonnen, die den meisten Politikern verborgen bleiben. Ich bin überzeugt, dass sich an der Frage der inneren Sicherheit entscheidet, wie die Menschen auf die Gesellschaft blicken und ob sie diese als fair und gerecht wahrnehmen.Hat die innere Sicherheit auch Einfluss auf die Wirtschaft?Es gibt einen engen Konnex zwischen Sicherheit, Wohlstand und Freiheit. Die Sicherheit ist basale Voraussetzung dafür, dass sich Wohlstand und Freiheit entfalten können. Wer damit rechnen muss, dass er schon morgen Opfer eines Gewaltverbrechens sein könnte, dass Vandalen sein Haus und seine Fabrik zerstören, der investiert nicht in die Zukunft. Er investiert nicht in seine Ausbildung, baut kein Unternehmen auf, kauft keine Immobilie. In einer Gesellschaft, in der es keine innere Sicherheit gibt, gibt es auch keinen Wohlstand und keine Freiheit. Schauen Sie sich die Welt an. Die freiesten und wohlhabendsten Länder sind zugleich die sichersten. Sicherheit, Freiheit und Wohlstand gehen Hand in Hand.Der englische Staatstheoretiker Thomas Hobbes hat den Staat als Ergebnis eines Gesellschaftsvertrags interpretiert. Der Staat erhält das Gewaltmonopol und sorgt im Gegenzug für Sicherheit. Funktioniert dieser Gesellschaftsvertrag in Deutschland noch?Der Staat in Deutschland ist unfassbar teuer. Die Bürger zahlen hohe Steuern und Abgaben, bekommen dafür aber immer schlechtere Leistungen bei der inneren Sicherheit. Ein gut geführtes Unternehmen würde sich um seine Kunden kümmern, von denen es lebt. Der Staat aber gibt den grössten Teil seiner Steuereinnahmen für Sozialleistungen aus. Die Wünsche der Steuerzahler nach mehr Sicherheit hingegen bedient er nur unzureichend. Das fördert die Staatsverdrossenheit.Wenn der Staat nicht liefert, was er verspricht, sollte man dann nicht private Agenturen damit beauftragen, für Sicherheit zu sorgen?In libertären Kreisen wird gern über die Privatisierung der inneren Sicherheit diskutiert. Aber das ist extrem weit weg von der Realität. Der Staat wird sein Gewaltmonopol nicht hergeben. Deshalb halte ich es für zielführender, darüber nachzudenken, wie man innerhalb der bestehenden Strukturen dafür sorgen kann, dass der Staat für mehr Sicherheit sorgt.Der Staat besteht aus Legislative, Judikative und Exekutive. Welche der drei Gewalten ist für die schwindende innere Sicherheit verantwortlich?Entscheidend ist die Legislative. Sie schafft die Gesetze, nach denen die Gerichte urteilen und die Polizei handelt. Um die innere Sicherheit zu verbessern, brauchen wir in erster Linie schärfere Gesetze. Dadurch liessen sich auch allzu milde Urteile der Gerichte verhindern. So könnte der Gesetzgeber den Ermessensspielraum der Gerichte bei der Bestimmung der Strafmasse nach unten begrenzen. Das führte zu härteren Urteilen und schreckte potenzielle Täter ab.Nach Gewalttaten heisst es oft, die Täter seien traumatisiert oder litten an psychischen Störungen. Macht das deutsche Rechtssystem die Täter zu Opfern?Der Eindruck drängt sich zuweilen auf. Allerdings gilt es zu bedenken, dass es in Deutschland die Aufgabe der Justiz ist, sich mit dem Täter zu beschäftigen. Gegen ihn wird ein Strafverfahren geführt. Das Opfer hat vor Gericht nur den Status eines Zeugen. Das könnte man ändern, indem man den Gerichten per Gesetz die Auflage erteilt, bei der Urteilsfindung das Leid der Opfer stärker zu berücksichtigen. Bis anhin aber gibt es keine Initiativen in diese Richtung.Zur PersonNickolas EmrichNickolas Emrich ist mehrfacher Bestsellerautor. Nach dem Jurastudium gründete der gebürtige Berliner mehrere Franchise-Standorte in der Gastrobranche und machte sich als Franchise-Berater selbständig. Anschliessend absolvierte er bei der Polizei ein Studium als Polizeikommissaranwärter und arbeitete auf der Polizeiwache am Berliner Alexanderplatz. Nach sieben Jahren quittierte er den Dienst bei der Polizei, um U-Bahn-Fahrer in Berlin zu werden. Zwischendurch schrieb er mehrere Sachbücher zu gesellschaftsrelevanten Themen. Jüngst ist sein Buch «Der Preis unserer Toleranz» erschienen.Das deutsche Strafrecht ist stark auf die Resozialisierung von Straftätern ausgerichtet. Müssen wir stärker auf Abschreckung und Vergeltung setzen, um die innere Sicherheit zu verbessern?Der Versuch, Straftäter zu resozialisieren, ist grundsätzlich richtig. Aber wir müssen aufpassen, dass wir dabei das Gerechtigkeitsgefühl der Opfer und der Gesellschaft nicht verletzen. Wenn Gerichtsurteile, die auf die Resozialisierung der Täter ausgerichtet sind, nach Ansicht der Opfer und der Gesellschaft zu milde ausfallen, entfremdet das die Gesellschaft von der Justiz. Deshalb halte ich es für erforderlich, dass Strafurteile den Aspekt von Vergeltung und Abschreckung stärker als bisher berücksichtigen.Kleinkriminelle Delikte wie Fahrraddiebstähle werden kaum noch verfolgt, und wenn doch, werden sie nur mit schwachen Sanktionen belegt.Das ermutigt die Täter und treibt die Geschädigten in die Resignation. Delikte wie Fahrraddiebstähle werden irgendwann gar nicht mehr angezeigt, wenn es nicht für die Versicherung benötigt wird. Auch das elfte Graffiti an einer Hauswand wird vom Eigentümer vermutlich gar nicht mehr gemeldet. Die Folge ist, dass die offiziellen Kriminalitätsstatistiken das tatsächliche Ausmass der Kriminalität stark unterzeichnen. Wenn Straftaten wegen geringer Aussichten auf Aufklärung und Ahndung nicht mehr gemeldet werden, hat das Unrecht gesiegt. Das ist mit einem Rechtsstaat unvereinbar.Braucht Deutschland mehr Polizisten, damit Straftaten besser verfolgt werden?Berlin hat schon jetzt mehr Polizisten je Einwohner als New York. Wir haben in Deutschland kein Personal-, sondern ein Mentalitätsproblem. Man muss sich nur die hohe Zahl von Wiederholungs- und Intensivtätern anschauen. Wie kann es sein, dass in Deutschland Menschen 200 Straftaten begehen und dennoch weiter frei herumlaufen? Der Gesetzgeber könnte das verhindern, tut es aber nicht.Polizisten im Berliner Stadtteil Kreuzberg während einer Demonstration zum 1. Mai.Marius Schwarz / ImagoWas schlagen Sie vor?Wir müssen das Strafrecht stärker auf Wiederholungs- und Intensivtäter zuschneiden. Das deutsche Strafrecht geht davon aus, dass Ersttäter wieder auf den Pfad der Tugend geführt werden. Das ist aber nicht bei allen Tätern möglich. Es gibt Menschen, die weigern sich beharrlich, die Gesetze zu befolgen. Das deutsche Strafrecht und die Strafprozessordnung bilden das nicht hinreichend ab. Wir können einen Wiederholungstäter nach der fünften Straftat doch nicht so behandeln, als hätten wir es das fünfte Mal mit einem Ersttäter zu tun. Wir müssen Wiederholungstäter aus dem Verkehr ziehen und härter bestrafen. Das Opfer eines Intensivtäters ist in Deutschland in Wahrheit ein Opfer des Staates.Kann man Intensivtäter mit härteren Strafen überhaupt abschrecken?Frühzeitige und harte Strafen signalisieren, dass der Staat ein bestimmtes Verhalten nicht toleriert. Ein hoher Preis für individuelles Fehlverhalten steigert die Chance auf Resozialisierung.Gilt das auch für die Bestrafung von Jugendlichen?Das Jugendstrafrecht leidet unter demselben Problem wie das allgemeine Strafrecht. Es ist auf Ersttäter und ihre Resozialisierung ausgerichtet. Aber es ist zu milde gegenüber Wiederholungstätern. Auch jugendliche Wiederholungstäter müssen schneller und härter bestraft werden. Neben der eigentlichen Tat sollte dem Aspekt der Wiederholung ein eigener Unrechtsgehalt zugesprochen werden, der entsprechend hart bestraft wird.Ein grosser Teil der Gewaltkriminalität ist durch die Migration importiert. In den Herkunftsländern der Migranten herrscht ein anderes Verhältnis zur Gewalt als in Deutschland. Wie lässt sich das Problem lösen?In einem funktionierenden Rechtsstaat muss das Rechtssystem in der Lage sein, gesellschaftliche Veränderungen abzubilden. Wenn sich Gewalttäter mit Migrationshintergrund durch das bisherige Recht nicht abschrecken lassen, dann muss das Recht verschärft werden. Zumal es Deutschland offenbar nicht gelingt, ausreisepflichtige Migranten in ausreichender Zahl abzuschieben.Wenn der Staat die innere Sicherheit nicht mehr ausreichend gewährleistet, wäre es dann nicht geboten, das Waffenbesitzverbot aufzuheben, damit sich die Bürger selbst verteidigen können?Deutschland ist nicht die USA. Ich hätte persönlich zwar nichts dagegen, wenn man unbescholtenen Bürgern, die nicht vorbestraft sind, den Besitz von Waffen erlaubt. Aber ich glaube nicht, dass das in Deutschland mehrheitsfähig ist.Politiker fordern, der Staat solle mit Chat-Kontrollen, Staatstrojanern und Vorratsdatenspeicherung die innere Sicherheit verbessern.Ich halte nichts von anlassloser Massenüberwachung durch den Staat. Das schränkt die Freiheitsrechte der Bürger ein. Wir können mit den vorhandenen Mitteln, insbesondere mit einem schärferen Strafrecht, die innere Sicherheit verbessern. Damit zielen wir konkret auf diejenigen Personen, die die innere Sicherheit gefährden, statt die gesamte Bevölkerung unter Generalverdacht zu stellen.Passend zum Artikel