Was sich Menschen wünschen, wenn sie wissen, dass sie sterbenDie meisten Menschen glauben, sie wüssten, was am Ende wichtig sei. Bis sie dort sind.08.08.2026, 05.30 Uhr25 LeseminutenDie Eisheiligen waren vorüber. Tagsüber drückte Eugen Begonienknollen in die Graberde, am Abendtisch erfuhr er von seiner Frau, dass ihr rechtes Bein von Ablegern durchsetzt war.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zehn Jahre zuvor hatte Christina an ihrem Fuss einen Fleck entdeckt. Die Ärzte schnitten ihn heraus, so tief, dass die Wunde nur mit einer Hauttransplantation zu schliessen war. Die Haut blieb seither an dieser Stelle etwas heller.Jetzt hat der Krebs wieder ausgeschlagen. Die Ärzte entfernten Lymphdrüsen. In einer Selbsthilfegruppe hörte Christina, falls die Bestrahlung nichts nütze, habe sie vielleicht noch ein Jahr.Als Christina und Eugen sich kennenlernten, war sie achtzehn, er ein Jahr älter. Er leitete im Wallis ein Jungwacht- und Blauringlager, Christina stand in der Küche. Nachts fanden sie heraus, dass sie am Zürichberg ins selbe Oberstufenschulhaus gegangen waren.Christina hatte Dekorationsnäherin gelernt. Sie nähte Kissen und gezogene Markisen, hängende Vorhänge und fallende mit breitem Saumband, damit der Stoff sich weniger verzog und schöner fiel.Christina und Eugen heirateten Anfang zwanzig im alten katholischen Kirchlein von Zollikon. Die Flitterwochen verbrachten sie in einem Häuschen von Eugens Mutter im Tessin, danach fuhren sie nach Südtirol und Österreich.Als zwei Mädchen und ein Junge da waren, blieb sie zu Hause. Erst als die Kinder grösser waren, kehrte sie in ihren Beruf zurück, stundenweise, in einer Vorhangnäherei.Eugen hatte Forstwart gelernt, doch der Beruf war gefährlich, und deshalb bildete er sich zum Landschaftsgärtner weiter. Im Friedhof Zürich Witikon übernahm er die Verantwortung für die Gartenarbeiten. Dort begann er, zusammen mit Biologen die Flächen anders zu bewirtschaften.Zwischen den Gräbern liess er heimische Pflanzen wachsen, die vielerorts verschwunden waren, legte Lebensräume für Insekten an, schuf Korridore für Tiere und den Samenflug. Wildbienen kehrten zurück.Eugen hob im Friedhof Üetliberg Beete aus, pflanzte Begonien und schüttete Graberde, als seine Frau die Diagnose der Metastasen im Bein erhielt.Eines Abends nach der Diagnose sahen sie im Fernsehen einen Film, «The Bucket List», und der handelte von zwei Männern, die wussten, dass sie sterben würden, und die eine Liste machten von allem, was sie noch tun wollten, und sie sahen den Film zu Ende, und dann lief der Fernseher noch eine Weile, und Eugen sagte, wir könnten das auch machen, und Christina sagte nichts, aber sie nickte. Am nächsten Tag lagen auf dem Küchentisch zwei Zettel.Hochzeitsreise nochmals machen stand zuoberst.So erzählt es Eugen Ofner heute, mehr als ein Jahrzehnt später, an ebenjenem Küchentisch. Ergrauter Bart, kariertes Flanellhemd. Durchs Fenster hinter ihm das Grüne. Sein Haus grenzt an den Friedhof Enzenbühl. Auf dem Gasherd zieht Kaffee durch die Mokkakanne.Und so fuhren Christina und Eugen in das Häuschen, das sie von den Flitterwochen kannten, und der Luganersee war kalt und klar, und die Hitze dieses Junis löste sich darin auf wie etwas, das man loslassen kann, und später fuhren sie weiter an den Comersee, und Eugen hatte einen zitronengelben Mini gemietet, der eng war, aber das machte nichts, und über den Passo dell’Aprica kamen sie nach Meran.In den Gärten von Schloss Trauttmansdorff standen Feigenkakteen, Agaven, eine Chinesische Hanfpalme, Grevillea, Olivenbäume aus Italien, riesige Säulenkakteen aus Nord- und Südamerika, und Christina sagte, ich kann es fast nicht glauben, dass hier solche Pflanzen wachsen, obschon wir doch schon einmal hier waren, und Eugen sagte nichts, aber er nahm ihre Hand.Und so fuhren sie weiter nach Salzburg, und das Hotel war genauso wie damals, der Eingang, die Tapeten und die Tische, wie aus der Zeit Mozarts, und als Christina am Empfang sagte, wir waren hier vor dreissig Jahren, als wir geheiratet haben, und erzählte, weshalb sie wiedergekommen seien, da führte man sie nicht in ihr Zimmer von damals, sondern in die Hochzeitssuite mit dem Himmelbett und den schweren Vorhängen aus rotem Damast. Christina sagte, das hätte es nicht gebraucht, und dann genossen sie und Eugen es trotzdem, und irgendwann läuteten die Glocken, und für einen Moment wurden sie ganz still.Allein zur ToiletteRoland Kunz hat mehr als tausend Menschen sterben sehen. Das letzte Wesen aber, das er sterben sah, war eines seiner Rosse. Beide Tiere waren alt, über dreissig, und lebten um sein Haus im Kanton Zürich. Eines litt unter einer akuten Krankheit, lag eines Abends auf dem Boden und erhob sich nicht mehr. Als der Tierarzt einen schweren Eingriff vorschlug, entschied sich Kunz für das Einschläfern.Das Ross bekam ein Beruhigungsmittel. Danach hätte es das Mittel erhalten, das tötet. Doch das Tier hatte sich zu Füssen des anderen hingelegt und von sich aus aufgehört zu atmen.Das andere Ross schaute zu, senkte den Kopf, streckte den Hals nach vorne und knickte mit den Vorderbeinen ein. Dann liess es langsam die Hinterhand absinken, verlagerte sein Gewicht zur Seite und legte sich zum verstorbenen Ross in das Gras. Es stand nicht wieder auf. «Es hat uns eine Frage abgenommen», sagt Kunz. Dass Rosse so fühlen können, hätte er nicht gedacht. «Rosse sind Herdentiere.»Kunz, zurückgekämmtes, grauweisses Haar, empfängt in einem Sitzungszimmer von Age Medical in Zürich, gegenüber einer Fruchtbarkeitsklinik. Vier Jahrzehnte lang hat er Sterbende begleitet, als Facharzt für Geriatrie und als Mitbegründer der Palliativmedizin in der Schweiz.Was Menschen umtreibe, sagt er, sei selten der Tod. Er höre immer wieder denselben Satz von Menschen, die ahnten oder wüssten, dass der Tod nah sei. «Ich habe nicht in erster Linie Angst vor dem Tod, ich habe Angst vor dem Sterben.» Vor dem Prozess. Die schlimmste Vorstellung sei, in Schmerzen gefangen zu sein, die niemand sehe. Alle stünden ringsum, zündeten ein Kerzchen an und merkten nicht, wie man leide.Während das Sterben näher rücke, werde alles kleiner, nach und nach. Die Kräfte, der Spielraum, die Wünsche. Am Ende könne der grösste Wunsch darin bestehen, sich wenigstens noch allein auf der Toilette zu versorgen. Es gebe Menschen, erzählt er, die ihre ganze verbleibende Kraft für diesen einen Gang aufsparten, nicht aus Scham, sondern um nicht völlig ausgeliefert zu sein.Noch näher am Ende höre auch das auf. Ganz am Schluss habe man oft keinen konkreten Wunsch mehr. Diese Personen lebten im Moment, man spreche sie an, sie öffneten die Augen, gäben vielleicht Antwort und sänken zurück. «Die schwimmen raus», sagt Roland Kunz.Eines der grössten Missverständnisse sei, das Sterben als Niederlage zu sehen. Darüber rege er sich auf, über die ganze Longevity-Geschichte, die verspricht, dass man immer älter wird und dabei gesund bleibt. Die, die hundert würden und Golf spielten, würden so zu Siegern, die früher gingen, zu Verlierern. Es erleichtere niemandem das Sterben, «wenn er sich dabei auch noch als Verlierer fühlen muss», sagt Kunz.Das Wichtigste über letzte Wünsche habe er in keinem Lehrbuch gefunden. Es ist das Bewusstsein der Endlichkeit – und die Dankbarkeit. So oft sei er am Abend nach schweren Stunden aus dem Spital Waid getreten, wo er Chefarzt war, habe über die Stadt geschaut, den See, die Berge und gedacht: «Danke, dass ich hier noch hinausgehen und die Welt anschauen kann.»Seine Frau hat vor einem Jahr die Diagnose ALS bekommen. Sie sitzt im Rollstuhl. Weil er pensioniert ist, kann er für sie da sein. Er kocht und wäscht für sie. Er pflegt sie. Vor allem aber ist er für sie da. Sie hätten sich gefragt, was sie noch tun wollten, solange sie es könnten, und seien jedes Mal zum selben Schluss gekommen. «Eigentlich haben wir alles gemacht, was uns wichtig war. Wir können in diesen Erinnerungen schweben, aber wir haben nichts, was wir noch machen wollen.»Die RundfahrtNach den Hundstagen verblühten die Rosen im Beet. Der Morgentau kehrte zurück, die Luft roch in den frühen Stunden wieder feucht und kühl. Eugen ging die Gräber ab und schnitt die welken Triebe der Fuchsien zurück, bevor sie in sich zusammenfielen.Als er eines Abends nach Hause kam, spürte er schon im Flur: Etwas stimmt nicht. «Christina?» Keine Antwort. Sie war nicht in der Küche, nicht im Bad. Stattdessen lag sie im Bett, die Augen nach oben gedreht, nur das Weiss war zu sehen. Eugen rief ihren Namen, rüttelte an ihrer Schulter. Sie schreckte nicht auf. Ihr Atem ging schneller, flacher, doch sie atmete, und trotzdem war es, als sei ihr Körper hier und sie fort. Eugen wusste nicht, wohin mit den Händen.Im Universitätsspital sagten sie, der Anfall sei von einem Tumor im Gehirn ausgelöst worden, der wiederum von den Ablegern des Krebses am Fuss. Die Ärzte bestrahlten die Mikrotumoren. Wochenlang musste Christina dafür eine Maske tragen, die ihren Kopf fixierte, während in ihrem Inneren die letzten Reste der Geschwulst zerstört wurden. Erschöpft kam sie jeweils nach Hause, und Eugen merkte, wie sich die Tage neu ordneten, nicht mehr nach Arbeit und Freizeit, sondern danach, ob Christina bestrahlt wurde oder nicht.Die Astern leuchteten schon in ihrem späten Flor, als Christina und Eugen die Kraft fanden, die Liste mit den letzten Wünschen wieder aufzunehmen.Und so fuhren sie mit dem Tram hinunter zum Bellevue und überquerten die Quaibrücke, schauten auf den See und zu den Bergen und bestiegen dann das Schiff für eine neunzigminütige Rundfahrt, an der Pfnüselküste den See hinauf und an der Goldküste hinunter. Je näher sie Zürich kamen, desto kleiner wurden die höchsten Häuser der Stadt, das Bettenhaus des Triemli und das Universitätsspital, die vorhin gross und wuchtig gewirkt und alles überragt hatten, versanken zwischen den anderen Häusern. Am Quai verschwanden die Gebäude schliesslich ganz aus dem Blickfeld, und für eine Weile gab es nur Wasser und Licht, das darauf tanzte.Ein anderer Punkt auf der Liste führte sie auf den Adlisberg, auf einen Waldspaziergang zur Lichtung Degenried und zu ihrem Teich, in dem sie als Kinder Kaulquappen gefangen hatten. Damals hatten sie diese glitschigen Dinger in die Hände genommen, nur um sie wieder zwischen den Fingern ins trübe Wasser entgleiten zu lassen.Auf dem Friedhof am Stadtrand schnitt Eugen derweil die letzten Stauden zurück, deckte die Rosenstöcke mit Tannenreisig ab. Auf dem Friedhofsareal wurde es still, die Besucher kamen seltener, nur die Krähen blieben und hockten im kahlen Geäst der Eiben, und Eugen häufelte Laub um die Stauden, damit die Wurzeln nicht erfroren.Von einem Tag auf den anderen spürte Christina ihre Beine nicht mehr. Ein Ableger habe sich im Rückenmark ausgebreitet, erklärten die Ärzte, und drücke auf die Nervenbahnen. Es war wie ein Knick im Gartenschlauch. Keine Signale kamen mehr an, und Christina konnte ihre Beine weder spüren noch bewegen.Nicht mehr jeder Traum liess sich erfüllen. Die wiederholte Hochzeitsreise war gemacht, die Schiffsrundfahrt war gemacht, der Spaziergang zum Teich auf dem Adlisberg war gemacht. Was möglich blieb, war kleiner geworden. Und es gab Wünsche, die bis jetzt unerfüllt blieben. Etwa: sich von den Angehörigen in Frieden verabschieden.Am Abend, allein im Spital, nahm Christina die Karte mit dem Tagesmenu vom Tablett, drehte sie um und schrieb auf die Rückseite in blassblauer Schrift eine neue Liste. Als Eugen am nächsten Morgen zu Besuch kam, die Jacke noch kalt vom Wind draussen, reichte sie ihm die Karte.Noch einmal ans Wasser«Das Wort Wunsch ist falsch», sagt Petar Sabovic. Achtzig Prozent dessen, was die Menschen am Ende äusserten, seien keine Wünsche im träumerischen Sinn, sondern «Anliegen, Herzensanliegen», Dinge, die erledigt werden müssten. Noch einmal nach Hause. Etwas aus dem Tresor nehmen. Etwas verstecken oder weitergeben. Den eigenen Geburtsort sehen. «Der Begriff letzter Wunsch romantisiert etwas, das in Wahrheit ein Abschliessen ist.»Petar Sabovic, weiches Gesicht mit hoher Stirn, um den Mund ein fragender Zug, gründete die Schweizer Wunschambulanz. Die Zürcher Vereinigung ist von Schaffhausen aus schweizweit im Einsatz.Sein Fahrzeug sieht aus wie ein moderner Krankenwagen mit speziellen Rolltragen und einer besonders weichen Matratze, die schmerzfreies Liegen und eine freie Sicht nach draussen ermöglicht. Mit ihm fahren Ehrenamtliche, mehrheitlich Pflegefachkräfte, einige von ihnen sind längst pensioniert. An seiner Seite sitzt oft seine Partnerin, eine Pflegefachkraft mit dreissig Jahren Berufserfahrung in der Notfallmedizin.Die Fahrten werden meistens in den letzten Lebenstagen angefragt. Sie kosten die Wünschenden nichts. Spenden machen sie möglich. Sabovic orientierte sich an einer niederländischen Stiftung, von der er auch das Wort «Fahrgast» übernahm für die sterbende Person, die er begleitet.Er selber kommt nicht aus der Pflege, sondern vom Film. Er war Produktionsleiter. Seine eigentliche medizinische Schule waren fünf Jahre, in denen er am Bett seines Vaters sass und ihn pflegte.Die schwierigere Frage sei, sagt er in einem Sitzungszimmer der NZZ, wessen Wunsch umgesetzt werden solle. In der oft eiligen Vorabklärung, die meistens an einem einzigen Tag geschehen muss, hört Sabovic genau hin. Kommt das Anliegen vom Fahrgast selbst, von den Angehörigen oder von der Pflege? In etwa jedem fünften Fall, so schätzt er, handelt es sich beim Wunsch um einen der Angehörigen und nicht um den der Sterbenden.Manche Sterbende sagen zu etwas: Ja, ich will das, und wollen es im gleichen Atemzug nicht. Sie haben keine Kraft mehr, aber die Familie will, dass alles versucht wurde. Spürt Sabovic das am Telefon, stellt er eine einzige Frage: ob heute mit dem Betroffenen selber über den Wunsch gesprochen wurde. Wenn nicht, bittet er darum, jetzt nachzufragen und zurückzurufen. Meldet sich die Stimme rasch wieder, war der Wunsch wahrscheinlich von den Angehörigen. Dauert es länger, mussten die Angehörigen erst hingehen und fragen, kann der Wunsch eher von den Patienten stammen. Den Sterbenden selber gegenüber wiederholt er stets denselben Satz, man müsse den Ausflug nicht machen, sie dürften jederzeit absagen.Die Wünsche ähneln sich. Berge, oft der Säntis. Wasser, ein See, das Meer, das meistens zu weit weg ist, so dass er an den Bodensee fährt. Damit es nach Meer riecht, öffnete er in den Anfangsjahren der Wunschambulanz manchmal einen Kanister mit Zweitaktöl, jenen Dieselgeruch der Häfen, den viele mit dem Meer verbinden.Wichtig ist den Sterbenden oft auch das Wiedersehen und Zusammenführen von bestimmten Menschen. Freunde noch einmal einladen, sich auf einem Schiff verabschieden und dazu eine beerdigungsähnliche Feier zu Lebzeiten erleben. Die Wünsche «reimen sich», sagt Sabovic, ein Zoobesuch zum Beispiel taucht nicht nur einmal auf, sondern gleich siebenmal.Wer an seinem Lebensabend so geschwächt ist und trotzdem einen Wunsch äussert, ist für Sabovic stark. Sie oder er trägt allen Schmerz und bringt doch die Kraft auf, der Held des Tages zu sein. «An dem Tag, an dem sein Wunsch eingelöst wird, stirbt keiner», sagt Sabovic, «da nimmt man sich noch einmal zusammen.»Manche sehen am Vorabend aus, als könnten sie jede Stunde sterben: das Gesicht eingefallen, verfärbt. Und dann, am Morgen der Fahrt, sind sie plötzlich wieder enorm präsent. Erst danach, oft am Tag darauf, folgt auf den geglückten Wunsch ein friedlicher Tod. Die Erfüllung, sagt Sabovic, sei der Moment der Erkenntnis: Jetzt darf ich loslassen.Am stärksten bleibt Sabovic eine Frau im Gedächtnis. Ein Verdingkind. Sie wollte noch einmal in ihr Dorf in den Alpen fahren, um sich von ihren Leuten zu verabschieden. Sie wollte denen in die Augen schauen, die ihr als Kind Böses angetan hatten. Und sie wollte jenen danken, die sie gerettet hatten.Die Wunschambulanz führte sie hin. Zwei Tage, eine Übernachtung in einem Hotel, in dem sie einst gearbeitet hatte.Die Leute kamen. Auch die aus der älteren Generation, die ihr Schlimmes angetan hatten, waren in Tränen aufgelöst und entschuldigten sich. Dann brachte man sie zurück. An demselben Tag, an dem sie heimkam, starb sie.«Meistens gilt», sagt Sabovic, «dass die Leute noch einmal dorthin wollen, wo sie glücklich waren. Danach können die meisten gehen.»Gesehen werdenDer Totensonntag nahte. Eugen rechte feuchte Blätter, damit der Rasen nicht von Pilzen befallen wurde und verfaulte.Sich in Frieden verabschieden, das stand weit oben auf Christinas Liste. Sie war die Jüngste von fünf Geschwistern, der älteste Bruder fast zwanzig Jahre älter. Besuchte Christina die Mutter, konnte sie kaum zu Ende essen, schon wurde das Geschirr abgeräumt und abgewaschen. Lud sie die Mutter zu sich ein, fand diese, die Fensterscheiben seien schmutzig, und bot an, gleich mitzuputzen. Einfach nur beieinandersitzen ging nicht.Ein Geschwister versuchte mehrmals zu vermitteln. Irgendwann machte Christina ihm klar, dass es ihr nicht um einen Ausgleich ging, sie selbst einen Bruch in Kauf nahm. Sie wollte, dass die Mutter ihre Sicht auf ihr Leben akzeptierte.Das eigene LebenBronnie Ware sitzt neuntausend Kilometer entfernt, irgendwo in Australien, irgendwo zwischen zwei Vorträgen, und beantwortet Fragen zu letzten Wünschen per E-Mail. Ein Gespräch liess sich nicht arrangieren, die Distanz zu gross, der Kalender zu voll mit Seminaren, Kursen und Schreibprojekten.Acht Jahre lang begleitete sie als Krankenschwester unheilbar Kranke auf einer Palliativstation und in Privathaushalten. In den Stunden am Bett sprach sie mit ihnen über das, was sie bereuten. Einen Satz hörte sie dabei häufiger als jeden andern: «Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein Leben nach meinen eigenen Vorstellungen zu führen, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten.»Ware begann, diese Gespräche aufzuschreiben. Zuerst in einem Blog, dann für das Buch «The Top Five Regrets of the Dying», das in rund dreissig Sprachen übersetzt wurde.Kurz nach dem Welterfolg holte ihre eigene Geschichte sie ein. Mit fünfundvierzig Jahren bekam sie ihr erstes Kind, kurz darauf eine Autoimmunkrankheit. Monatelang konnte sie kaum laufen, alleinerziehend, mit chronischen Schmerzen. Ihren Weg zurück in ein normales Leben verarbeitete sie in einem zweiten Buch.Was sie am meisten überrascht habe, schreibt sie in ihrer E-Mail, sei die Geschwindigkeit gewesen, mit der man einander in den Sterbezimmern kennengelernt habe. Für Smalltalk blieb keine Zeit. «Wenn ich ankam, dachten diese Menschen bereits intensiv über ihren Tod nach. Und über ihr Leben», schreibt sie. Diese augenblickliche Tiefe habe sie sich nie vorstellen können.Nicht alles, was sie hörte, schaffte es auf ihre berühmte Liste der fünf grössten Reuen. Eine Frau in ihren Achtzigern etwa trug eine Scham aus ihren Zwanzigern mit sich, die sie nie jemandem anvertraut hatte. Eine Kollegin war damals gemein zu ihr gewesen, und aus Rache hatte sie ihr einen kleinen Geldbetrag gestohlen. Die Schuld quälte sie so sehr, dass sie ihrem erwachsenen Sohn das Versprechen abnahm, zehn Dollar an eine Wohltätigkeitsorganisation zu spenden.Eine andere Frau, die Ware rund drei Monate begleitete, gestand in ihren letzten Stunden, dass ihre beste Freundin in Wahrheit ihre Lebensgefährtin gewesen war. Ein Leben lang verbarg sie ihre wahren Gefühle, weil ihre Generation es so gelernt hatte. Ware war die Einzige, der sie sich je offenbarte. Das Comingout geschah am letzten Tag ihres Lebens.Ein Mann, der als Kind von einem katholischen Priester missbraucht wurde, bat Ware inständig, dass ihm kein katholischer Geistlicher die letzte Ölung geben werde. Er hatte später über die anglikanische Kirche zu seinem Glauben gefunden, seiner Familie aber nie den wahren Hintergrund verraten. Als er es nach seinem Tod seinen Nächsten erzählen liess, reagierten alle bestürzt und mit Verständnis. Seine Trauerfeier fand in einer anglikanischen Kirche statt.Wünsche und Reue seien zwei verschiedene Dinge, schreibt Ware. Die meisten Wünsche, die sie hörte, bezogen sich nicht auf das eigene Leben, sondern auf andere. Eltern wünschten ihren erwachsenen Kindern Glück, einen Partner oder das Ende einer Partnerschaft. Sie wünschten ihnen weniger Arbeit und mehr Leichtigkeit. Auch wenn die Kinder sechzig oder älter waren, blieben sie Kinder, um die sie sich sorgten. Oder anders formuliert: Eltern bleiben ihr Leben lang Eltern.Am Ende ihrer Antwort schreibt Ware etwas, das aus ihrer eigenen Geschichte zu stammen scheint, aus den Monaten, in denen sie mit einem Neugeborenen allein war und kaum laufen konnte. In verschiedenen Lebensabschnitten glaube man allzu leicht, der eigene Körper werde einem gehorchen, solange man es von ihm verlange. Aber so spiele das Leben nicht. Was sie am Bett der Sterbenden gelernt habe, schreibt sie, habe sie später am eigenen Leib noch einmal lernen müssen. «Erst wenn wir ganz und gar annehmen, dass unsere Zeit und unsere Kräfte endlich sind, finden wir den Mut, die Dinge zu tun, auf die es wirklich ankommt.»Früher arbeitenDie Schneeglöckchen blühten, während noch Schnee die Gräber bedeckte und lange bevor die Bäume ihre ersten Blätter zeigten. Nachts schlossen sie ihre Blüten und senkten die Stengel zur Erde. Doch mit den ersten Sonnenstrahlen richteten sie sich auf und öffneten ihre Glocken.Als die Lähmung fortschritt, zog Christina ins Lighthouse. Sie fand sich dort gut zurecht, doch im Alltäglichen war sie nun auf Hilfe angewiesen, beim Waschen, beim Ankleiden, auf dem Weg zur Toilette. Es ging nicht mehr ohne die andern.Eines Abends fragte Eugen sie, was sie bereue. Christina dachte lange nach. Im Grunde nur eines, sagte sie. Sie hätte nach der Geburt der Kinder früher wieder arbeiten sollen. Unter Erwachsenen habe sie etwas verpasst.Frieden machen stand noch immer auf der Liste, und der Eintritt ins Hospiz zeigte, viel Zeit würde nicht mehr bleiben.Christina lud die Ihren ein.Einen nach dem andern.Mit jeder und jedem rechnete sie ab, zog einen Schlussstrich oder fand zur Versöhnung. So auch mit ihrer Mutter.Der PalmfarnEin Treppenhaus in einem Mehrfamilienhaus, kühl. Paul-David Borter steigt die Stufen hinauf. Seine Schritte hallen auf dem Stein. Auf halber Höhe begegnet ihm eine Mieterin. Sie schaut ihn fragend an. Er tritt zur Seite und sagt: «Grüezi, mein Name ist Borter, ich habe einen Termin im zweiten Stock.» Sie nickt und geht weiter nach draussen. Im zweiten Stock klingelt Borter. Hinter der Tür wird an diesem Vormittag ein Mensch einen selbstgewählten Tod finden.Borter, Oberwalliser, das mittlere von drei Kindern, studierte Philosophie, bevor er zu Exit kam. Seit rund zwanzig Jahren begleitet er Menschen in den Freitod. Als er damit begann, zählte der Verein fünfzigtausend Mitglieder. Heute sind es über zweihunderttausend. Die Sterbehilfe, die als Randphänomen begann, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.Doch Zahlen sagen nichts über das, was in einem Zimmer passiert, in dem sich Borter zu jemandem setzt und über den letzten Wunsch spricht. Er unterscheidet dabei klar. «Es gibt eine Hilfe beim Sterben», sagt er, «und eine Hilfe zum Sterben.»Die erste Form kennt Borter aus Situationen, die auch Palliativmediziner erleben. Ein Mensch liegt im Bett, der Körper hat sich auf den Tod vorbereitet, aber etwas hält ihn zurück. Eine Versöhnung, eine Beichte, eine ungeklärte Frage, die Angst vor dem Danach. Borter hört zu, stellt Fragen. Manchmal genügt ein einziges, erlösendes Gespräch. Die Schultern des Patienten sinken, der Atem wird ruhiger, die Augen schliessen sich, und der Mensch geht von selbst, ohne dass je eine Substanz eingesetzt worden wäre. «Das erlebe ich regelmässig», sagt Borter.Die zweite Form betrifft Menschen, die mitten im Leben stehen, bis eine Diagnose alles verändert. Das Leiden wächst, wird chronisch, der Wunsch entsteht, selbst zu bestimmen, wann es endet. Hier begleitet Borter keinen Prozess des Loslassens, sondern einen Entschluss.Es kann vorkommen, dass ein Schmerzpatient bei Exit anruft, der seit Monaten den Gedanken an einen Suizid mit sich trägt. Doch er ruft jetzt nicht an, um zu sterben, sondern um zu wissen, dass er könnte. Sobald er die Mitgliedskarte in der Hand hält, verändert sich etwas. «Er hat eine Möglichkeit mehr, und das entspannt ihn», sagt Borter. Manchmal sei genau das schon die Hilfe.Das Wort «Wunsch» vermeidet Borter. Es klingt für ihn «zu materiell», zu nachdrücklich, als müsse «ein Feuerwerk gezündet werden». Stattdessen fragt er, was einem Menschen noch wichtig ist. Die Antwort ist selten eine Liste. In zwanzig Jahren hat er kaum jemanden erlebt, der eine richtige Liste abarbeitete. Wenn doch, dann waren es meist junge Menschen, die ihr Leben noch vor sich hatten. Viel öfter trifft Exit auf Menschen, die alles geregelt haben.Am Vorabend ihres letzten Tages sitzen diese dann mit einer Nachbarin auf dem Balkon, blinzeln in die späte Sonne, ein Glas Prosecco oder Whisky in der Hand. Ist der innere Weg einmal gegangen, wird der Todestag selbst meist unspektakulär.Auf dem Küchentisch liegt keine Wunschliste, sondern eine Liste mit Anweisungen. Zeitungsabo kündigen, Gartenschlauch aufhängen, Kellerschlüssel in der Schublade des Nähtischchens, Palmfarn nicht öfter als zweimal pro Woche giessen. «Die Ordnung ist hergestellt, die Arbeit für die Hinterbliebenen getan. Das erleichtert das Gehen», sagt Borter.Typisch für den begleiteten Freitod ist der allerletzte Wunsch, jener nach dem Entschluss, das eigene Ende selbst zu bestimmen. Er betrifft den Geschmack im Mund. Das tödliche Mittel empfinden manche als bitter. Borter fragt deshalb jede und jeden, was sie oder er danach trinken möchte. Oft wählen die Menschen Wasser, hin und wieder wünscht jemand Alkohol, Whisky, Rotwein, in der Romandie Limoncello, manchmal auch nur Tee. «Schon Sokrates trank nicht bloss den Schierlingsbecher, sondern spülte nach», sagt Borter.Grosse letzte Worte sind selten. Meistens danken die Sterbenden den Anwesenden und wünschen ihnen alles Gute. Doch manchmal nennen sie noch einmal den Menschen, der ihnen am meisten bedeutet hat, ob er im Raum ist oder nicht. Das berührt Borter besonders. Ein Name huscht über die Lippen, und die Kinder müssen später fragen, wer das war. Manchmal ist es nicht der letzte Partner, sondern die Liebe ihres Lebens.Ein Stück KuchenKurz nach der Tagundnachtgleiche verlässt Eugen seine Stelle auf dem Friedhof und wechselt zum Hauptsitz von Grün Stadt Zürich. Dort übernimmt er die Verantwortung für die Alleebäume und reduziert sein Pensum, alles, um häufig bei Christina zu sein.Er kniet im Streifen Erde rund um eine Platane. Hier liegt der Platz den halben Tag im Schatten, ein paar Meter weiter brennt die Sonne schon am Vormittag. Was unter dem einen Baum gedeiht, verkümmert unter dem anderen. Eugen streut Samen aus, an den sonnigen Stellen Margeriten und Malven, im Halbschatten Glocken- und Witwenblumen. Er misst die Abstände, stellt Samenmischungen zusammen, die sich im Lauf des Sommers ablösen, damit immer irgendwo etwas blüht. Eine seiner Mischungen nennt er «Malvenpower».Vierzehn Tage nach dem Stellenwechsel, als er zu ihr kommt, reicht Christina ihm eine neue Liste. Desserts, die er ihr mitbringen soll.Vermicelles mit RahmSchwarzwäldertorteBeeren mit EisTiramisuVanillecornetFruchtsalatApfelmusSchoggiküchleinDer Wunsch nach wunschloser ZufriedenheitDer glücklichste Tag seiner Kindheit war für Ralf Jox sein zehnter Geburtstag, der 9. Juli 1984. Die Sonne schien. Seine Freunde aus der dritten Klasse kamen zu ihm. Es gab seinen Lieblingskuchen, Erdbeertorte. Und am späten Nachmittag kam die eigentliche Überraschung, seine Mutter. Für sein Fest durfte sie aus dem Spital nach Hause.Sie war mit 33 an Brustkrebs erkrankt. Eine Zeitlang schrumpfte der Tumor. Dann bildeten sich Metastasen. Ralf und sein älterer Bruder ahnten kaum etwas davon. Die Erwachsenen sprachen nicht darüber, und wenn, dann sagten sie, es werde schon wieder. Es gebe ja die Therapie, eine neue Studie, die Misteltherapie. Sie erhielten die Hoffnung mit allem aufrecht, was zur Verfügung stand, sogar mit einer Wünschelrute.Für Ralf war es das grösste Geschenk, dass seine Mutter an seinem zehnten Geburtstag bei ihm war. Erst später begriff er, dass sie sich damals in ihrer letzten Phase befand. Wenige Wochen nach seinem Geburtstag, Ende August, starb sie mit 40.Ob seine Mutter einen letzten Wunsch hatte, weiss Jox nicht. Ihr Sterben blieb lange ein Tabu. Aus dieser Leerstelle zieht er einen ersten Schluss. «Die Kultur der letzten Wünsche», sagt er, «ist auch eine Antwort auf das Schweigen über den Tod.» Wer den Tod zu stark verdränge, komme über ihn gar nicht erst ins Gespräch, und ohne Gespräch gebe es keine letzten Wünsche. Man müsse das Ende zuerst anerkennen.Ralf Jox ist Medizinethiker in Lausanne, er arbeitet an der Universität und am Kantonsspital CHUV. Dort, im Arbeitszimmer gleich hinter der Bibliothek, spricht er im Interview über letzte Wünsche. Ausgebildet wurde er als Arzt und als Philosoph. Den Tod sah er zuerst auf der Notfallstation, später in der Palliativmedizin, oft bei Menschen mit ALS. Heute lehrt und forscht er zu klinischer Ethik. In der Nationalen Ethikkommission berät er den Bundesrat, auch in Fragen rund um das Lebensende.Jox interessiert bei den letzten Wünschen weniger ihre Erfüllung als die Fragen dahinter. Die grundlegendste steht hinter allen anderen. Sind letzte Wünsche wirklich für die Sterbenden da, oder sind sie vor allem ein Bedürfnis der Zurückbleibenden?Wo eine Erwartung entsteht, entsteht auch ein Druck. Die Erwartung, dass der Sterbende am Ende noch Wünsche hat, kann in einen Zwang münden. Ein Zwang zur Abrundung des Lebens und zu einem guten Abgang, der das Sterben nicht zuletzt für die Angehörigen leichter macht. Aber ein Wunsch, der nicht freiwillig aus dem Inneren komme, sondern eingeflüstert sei, sei kein eigentlicher Wunsch mehr, sagt Jox. Letzte Wünsche dürften eines nicht sein: «ein papageienhaftes Nachplappern, im Extrem eine Art Konformismus aus Angst und Ichschwäche».Das klingt streng. Dahinter steht eine einfache Überzeugung. Es gibt nicht das eine würdige Sterben, sondern für jeden Menschen ein anderes. Für die einen bedeutet würdig sterben kämpfen, für die anderen ruhen, für wieder andere reden oder etwas hinterlassen. Schlimm ist für Jox nur eines, das Sterben nach Schema F, so sterben, wie es die Konvention befiehlt. Deshalb hat er auch einen Ausdruck für alle, die es gut mit Sterbenden meinen, dabei aber übergriffig werden. Wer einem Sterbenden vorschreibt, wie sein Ende auszusehen hat, betreibt in Jox’ Augen Sterbepaternalismus. Man erkennt ihn an zwei gedachten Sätzen. «Ich weiss besser, wie du würdevoll sterben wirst.» «Ich weiss, was du unbedingt vorher alles noch machen und erleben musst.»Die Frage nach der Selbstbestimmung wird besonders brisant, wenn ein Mensch sich selbst widerspricht. Eine Frau legt mit fünfzig in einer Patientenverfügung fest, was mit achtzig gelten soll, falls sie dement wird. Mit achtzig ist sie demenzkrank, erfreut sich aber guter Gesundheit, lacht viel und wirkt fidel. Die Kinder streiten: Welcher Wille zählt, der klar festgehaltene von damals oder die Lebenslust von heute?Jox löst das nicht mit einer Regel. Er fragt, ob die Verfügung diesen Fall bedacht hat und ob die Frau beim Schreiben wirklich diese Situation vor Augen hatte oder eine andere. Wenn das unklar ist, würde er fragen, ob der Mensch im Leben eher dem Augenblick folgte oder einem festen Plan. Die Lebensfreude der Demenzkranken, sagt Jox, sei ein Zeichen von Wohlergehen und das wiege manchmal schwerer als die alte Verfügung. Der lebendige Wunsch übertrumpft den geschriebenen.Dem Sterbepaternalismus hält Jox ein Recht entgegen, von dem selten die Rede ist: das Recht, am Lebensende gar nichts mehr zu wollen. Keine Reise. Keine Versöhnung. Keine letzte Botschaft. Es gebe nicht nur dieses Recht, sondern manchmal geradezu ein Bedürfnis danach. «Der frenetische Aktivismus am Lebensende ist im Grunde kontraproduktiv.» Bleibt die Frage, wem letzte Wünsche eigentlich dienen.Auffällig ist, wie oft im Gespräch darüber die Angehörigen im Mittelpunkt stehen. Jox fragt sich selbst, ob wir Weiterlebenden mit der Wunscherfüllung nicht auch unsere eigene Hilflosigkeit umgehen. Wem also nützt die Erfüllung mehr, dem sterbenden Menschen oder denen, die bleiben?Im besten Fall beiden, sagt Jox. Aber es hänge von der Art des Wunsches ab. Eine Versöhnung etwa, eine Beziehung, die noch in Ordnung komme, nütze wahrscheinlich eher dem Weiterlebenden. Er lebt ja weiter, oft viele Jahre, mit weniger Schuldgefühlen und besseren Erinnerungen. Der Sterbende kann dadurch vielleicht ruhiger gehen. Wie man das gegeneinander abwäge, lasse sich nicht mit mathematischer Logik sagen. Gerade an der Versöhnung zeige sich, wie schmal der Grat sei.Heikel wird es, wenn eine Familie sagt: Ihr müsst euch versöhnen, solange noch Zeit ist. Ist das Fürsorge oder schon eine Form von Gewalt? «Echte Versöhnung braucht den freien Willen beider», sagt Jox, denn sie brauche die richtige emotionale Einstellung.Eine erzwungene Versöhnung verstärke insgeheim nur den Groll. Man dürfe jemanden ermuntern, seinem Herzen einen Ruck zu geben, solange man ihm die Freiheit lasse, es zu tun oder zu lassen. Und dann sagt Jox, fast nebenbei, noch zwei Dinge. Das erste handelt von den anderen, das zweite von ihm selbst.Das erste. Bei Sterbenden gebe es oft einen Wunsch, der nie ausgesprochen werde. Den Wunsch, dass es nicht der letzte Wunsch sein möge. Der allerletzte Wunsch spreche auf irgendeine Weise immer davon, dazubleiben. Für die einen heisst das Überleben, ein Medikament, ein Mittelchen, das es vielleicht doch noch gibt. Für die anderen ist es ein Nachleben, in den Angehörigen, in einem Werk, in der Erinnerung. Für wieder andere ist es die Hoffnung auf etwas, das den Tod überdauert.Das zweite. Nach seinem eigenen letzten Wunsch gefragt, nennt Jox zuerst genau diese Hoffnung, fast einen Glauben, dass etwas bleibt. Und was, wenn die Hoffnung nur Hoffnung bleibt? Dann, sagt er, sei die Hoffnung selbst der Trost. Das Hoffen reiche bereits.Nach dem Gespräch kommt er in einer schriftlichen Antwort auf die Frage zurück. Er habe nachgedacht, schreibt er. Sein wirklich letzter Wunsch wäre ein anderer. «Keinen Wunsch mehr zu haben. Also wunschlos glücklich und im Frieden zu sein.» Denn wünschen heisse immer noch streben, noch nicht angekommen sein, noch getrieben sein. Im Leben sei das ein guter Motor, eine stoische Wunschlosigkeit wolle er niemandem predigen. Aber im Angesicht des Todes, wenn die meisten Wünsche ohnehin unerfüllbar sind, wäre er gern wunschlos zufrieden.Der DessertzettelVor dem Muttertag kippt das Wetter von frühsommerlicher Hitze in winterliche Kälte. Regen prasselt nieder. Die gelben Zungenblüten des Löwenzahns falten sich ein und ziehen sich zu einem geschlossenen Kopf ins Grün zurück.Eugen bringt Christina Vermicelles mit Rahm von der Migros ins Lighthouse.Schwarzwäldertorte im Café.Beeren mit Eis, Blick auf eine flirrende Pappel.Christina bekommt gegen die Schwellung täglich Cortison.Tiramisu mit Plastiklöffel.Aufgelöst werdenMonika Frieden, um den Hals eine Kette aus ungleichen hellen Steinen mit einem grünen darunter. Sie ist Seelsorgerin im Lighthouse, durch das sie während des Interviews führt, und Pfarrerin der reformierten Landeskirche.Was sie an den Betten des Hospizes höre und andere womöglich nicht, sagt sie, seien «schambesetzte Wünsche».Dann hält sie inne.Wunsch, das Wort passe nicht recht, ein Wunsch sei doch etwas Schönes.Sind es also eher Sorgen?Nein, sagt sie, schon Wünsche. Hinter den Geschichten, die am Ende hochkommen, steht fast immer derselbe, der Wunsch nach Auflösung.Christina mag nicht mehrDer Regen fällt unablässig, drückt den Boden dicht, staut die Nässe. Wurzeln stehen im Wasser. Die ersten Pflanzen werden von Pilzen befallen und faulen.Vanillecornet im Lighthouse.Christina lagert Wasser ein.Fruchtsalat am Bett.Die Eisheiligen sind vorüber.Wo das Wasser nicht abzieht, gehen die Blumen ein.Apfelmus im Bett.Christina mag nicht mehr. Sie will die Medikamente absetzen, und die Ärztin willigt ein.Das Fenster steht einen Spalt offen. Der Wind zieht in Wellen durch die Blätter, verebbt, schwillt wieder an. Eugen bringt Christina das letzte Dessert auf der Liste.Das Schoggiküchlein.Niemandem zur LastReto Zumstein ist oft der erste Mensch, der mit einem Toten allein ist. In den Gesichtern liest er, ob das Sterben lang gedauert hat, ob es ein Kampf war oder ob einer leicht gehen konnte. Im besten Fall entspanne sich das nach einer Weile, das Gesicht werde ruhiger, manchmal sehe es aus, als lächle jemand. «Das ist subjektiv. Aber genau so sehe ich das.»Seit zwanzig Jahren ist er Bestatter in Bern, heute Geschäftsführer bei Egli Bestattungen, aufgewachsen in einem Haus, in dem schon der Grossvater die Särge selbst baute. Streng katholisch erzogen, hatte er mit dem begleiteten Suizid zuerst Mühe. Umgestimmt hat ihn der Alltag. Im Altersheim sieht er fast täglich Menschen, die nur noch vegetieren. Wer dem entgehen will, den versteht er heute.Tote nach einem begleiteten Freitod unterscheiden sich oft von denen, die auf natürlichem Weg gestorben sind. Die Totenstarre hat meist noch nicht eingesetzt, wenn Zumstein kommt, der Körper ist noch beweglich. In den Gesichtern sieht er keinen Kampf, sondern eine tiefe Ruhe. Nicht nur bei den Toten, auch bei den Angehörigen, wenn sie noch im Zimmer sind. Weil etwas zu Ende geführt werden konnte.Dieselbe Ruhe erlebt Zumstein, wenn Menschen noch zu Lebzeiten bei ihm einen Vorsorgevertrag unterschreiben, mit allen Wünschen für danach. Dann fällt eine Last von ihnen ab. «Jetzt ist das endlich geregelt», sagen sie, «jetzt können wir gehen.»Was viele beim eigenen Sterben eint, ist das Gegenteil eines Wunsches. Die meisten wollen über ihr Leben hinaus niemandem zur Last fallen. Ein Fest, ein Gottesdienst, ein besonderer Grabstein? Viele winken ab, das hätten sie nicht verdient. «Eine Bescheidenheit», sagt Zumstein, «zu Hause gelernt.»Manche wünschen sich, nicht aufgebahrt zu werden. Einfach weg. Ihnen rät Zumstein, den Wunsch zu überdenken. «Eine Aufbahrung ist für die Angehörigen wichtig, um zu begreifen, dass ein Mensch zwar noch da, aber tot ist.»Ein ArmDas Zimmer ist ohne Blumen, Pfingstsonntag.Christina wird schwächer, sie isst kaum noch etwas. Eugen taucht ein Wattestäbchen in den Kaffee und tupft es an ihre Lippen, damit sie den Geschmack noch hat.Dann fällt sie ins Koma.Am nächsten Morgen holt eine Pflegerin Eugen ans Bett. Sie wäscht Christina, und Eugen hilft ihr. Zum ersten Mal in vierzig Jahren wäscht er seine Frau. Er nimmt den Lappen, führt ihn über ihre Stirn, den Hals, die Arme, die Hände.Während er wäscht, deutet die Pflegerin auf Christina. Eugen nimmt sie in den Arm. In seinen Armen atmet sie aus, ein, aus. Frieden im Gesicht.Christina Ofner, geborene Haas, gestorben an einem 25. Mai.Auf dem Asphaltweg zwischen seinem Haus und dem Grün des Friedhofs Enzenbühl fasst Eugen einen Entschluss, und zwei Monate nach Christinas Tod meldet er sich zu einem Kurs für Sterbebegleiter an. Der Witwer will dem Lighthouse etwas zurückgeben.Zwei Jahre lang sitzt Eugen in manchen Nächten bei alten Menschen. Wenn die Unruhe kommt, legt er seine Hand auf ihre.Passend zum Artikel
Was sich Menschen wünschen, wenn sie wissen, dass sie sterben
Die meisten Menschen glauben, sie wüssten, was am Ende wichtig sei. Bis sie dort sind.








