Interview«Die Idee, dass jeder Mensch, der die europäische Grenze erreicht, ein Asylverfahren erhält, ist überholt», sagt der Asyljurist Daniel Thym nach der Ceuta-KriseDie Ceuta-Krise befeuert die europäische Asyldebatte. Europäische Politiker möchten die Asylverfahren an Drittstaaten auslagern. Daniel Thym hält das für illusorisch. An den Gerichten führe kein Weg vorbei.08.08.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenMigranten überqueren am 30. Juli bei Ceuta die Grenze zwischen Marokko und der spanischen Exklave. Mehrere EU-Staaten machen die offene Migrationspolitik der Sánchez-Regierung für die Krise verantwortlich.Antonio Sempere / APHerr Thym, wird die Ceuta-Krise die EU-Migrationspolitik nachhaltig verändern?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Spannend an der Reaktion war für mich ihre Einhelligkeit: Wir wollen Grenzschutz! Die drastischen Bilder verstärken einen Trend, den wir ohnehin schon länger beobachten: Die EU-Staaten setzen auf Abschottung, wenn man es hart formulieren will, sie setzen auf die Festung Europa. Die Bereitschaft, Leute aufzunehmen, unterzubringen, Verfahren durchzuführen, nimmt drastisch ab. Von Menschenrechten, von Asylverfahren, von humanitärer Unterbringung war kaum noch die Rede. Obwohl die Antragszahlen derzeit zurückgehen, wird die Migrationsdebatte weitergehen.22 EU-Staaten unterschrieben einen von der italienischen und der dänischen Regierung initiierten Brief und machten Spanien für die Krise mitverantwortlich, vor allem wegen der Legalisierung von illegaler Einwanderung. Haben die Kritiker recht?Spanien trägt sicher eine Verantwortung, aber auch Marokko ist mitverantwortlich. Man muss dabei unmittelbare Auslöser und Gründe unterscheiden. Die spanische Regierung blieb anfangs untätig. Als ein Gericht entschied, dass Migranten, die nach Spanien schwimmen, ein Anrecht auf eine Einzelfallprüfung haben, lieferte es die Handlungsanweisung gleich mit: Schon in der Pressemitteilung des Urteils stand, dass eine Barriere auch im Meer errichtet werden könnte und dann auch Schwimmer zurückgewiesen werden dürften. Spanien setzte die Massnahme aber erst nach Ausbruch der Krise um. Der eigentliche Pull-Faktor aber ist der spanische Arbeitsmarkt, die Möglichkeit, dort auch illegal Geld zu verdienen. Über eine Million Menschen haben dort ohne Aufenthaltsstatus gearbeitet, die Legalisierungskampagne hat das nur sichtbar gemacht.Ein ausgewiesener Kenner des MigrationsrechtsPDDaniel Thym – Professor an der Universität KonstanzSeit 2010 lehrt Thym öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht an der Universität Konstanz und leitet dort das Forschungszentrum für Ausländer- und Asylrecht. Er hat umfangreich zum Migrationsrecht publiziert. Zuletzt erschien beim CH-Beck-Verlag «Migration steuern. Eine Anleitung für das Hier und Jetzt».Italien hat Schengen gegenüber Spanien temporär ausgesetzt. War das eine sinnvolle Methode, um die illegale Migration zu bekämpfen?Das war vor allem Rhetorik. In der Praxis hat man nur die Kontrollen an der Grenze zu Spanien wieder eingeführt, was letztlich ein paar Schiffe und Flugzeuge betrifft. Das war bestenfalls eine symbolische Massnahme. Italien ist damit sogar weniger streng als Frankreich, Deutschland und Österreich, die alle ihre Aussengrenzen kontrollieren, im Fall Frankreichs seit zehn Jahren. Wer etwas gegen Grenzkontrollen in der jetzigen Situation hat, müsste daher eher den Zeigefinger auf Macron, Merz oder Stocker richten.Haben die Schengen-Staaten denn ein Mittel, um zu verhindern, dass ein Staat in der Migrationspolitik ausschert und eine besondere Sogwirkung entfaltet?So ein Mechanismus existiert nicht, und es ist schwer vorstellbar, wie er aussehen sollte. Aus zwei Gründen: Erstens ist gar nicht klar, ob eine solche Sogwirkung überhaupt besteht und welche Faktoren sie auslösen: der informelle Arbeitsmarkt, eine grosszügige Integrationspolitik oder zu hohe Sozialleistungen? All das spielt eine Rolle, ist für sich genommen aber meist nicht der entscheidende Faktor, auch wenn die Politik das gerne anders behauptet. Zweitens müsste man klären, welche Länder man überhaupt bestrafen will. Man kann etwa die spanische Wirtschaft kaum dafür bestrafen, dass irreguläre Migranten dort Arbeit finden. Das ist in Deutschland nicht anders.Die Legalisierung illegaler Migration war aber ein bewusster politischer Entscheid der Sánchez-Regierung.Ich will die spanische Massnahme nicht verteidigen, aber zu einer ehrlichen Debatte gehört auch: Deutschland hat je nach Zählweise vier bis sechs solche Programme, über die Jahr für Jahr Ausreisepflichtige ein legales Aufenthaltsrecht erhalten, nur sind diese nicht so sichtbar. Ähnliche Programme gibt es auch anderswo, etwa in Italien, wo die sogenannte Flussi-Verordnung für legale Arbeit de facto vor allem von bereits irregulär im Land lebenden Personen genutzt wird.Warum ist Europa überhaupt so attraktiv und zieht einen Grossteil der Migranten an?Ein Grossteil ist es gar nicht. Die meisten Afrikaner migrieren innerhalb Afrikas, es gibt auch sehr viele pakistanische und bangalische Gastarbeiter in den Golfstaaten. Aber man muss nur das Bruttoinlandprodukt pro Kopf in Europa anschauen, es ist deutlich höher als in den umliegenden Ländern. Es gibt halbwegs funktionierende Staaten, ausgebaute Sozialstaaten, gute Bildung, gute Gesundheit, Demokratie und Freiheit. Ich selber will ja in Europa leben, warum sollten es die anderen nicht auch wollen?Warum sehen wir dann in den Golfstaaten keine Bootsflüchtlinge aus Pakistan oder Indien?Die Golfstaaten sind ein schwieriger Vergleich, weil man dort ohne legalen Status praktisch keine Chance auf ein einigermassen zufriedenstellendes Leben hat. Aber das Phänomen gibt es auch in Nordamerika, in Südafrika und lange auch in Australien – bis man es dort unterbunden hat, was aber auch aufgrund der besonderen geografischen Lage möglich war. Es tritt überall dort auf, wo ein Land relativ zu seinem Umfeld sehr wohlhabend ist.Ist diese Migrationsdebatte also eigentlich global?Absolut. Genauso spannend wie die Frage, wie viele nach Europa kommen, ist, wie viele eigentlich nicht kommen. Das sind sehr viele, weil wir Europäer intensiv mit Ländern wie Marokko und der Türkei kooperieren, die uns die Leute «vom Hals halten».Mit der Krise von Ceuta hat die Debatte um die Auslagerung von Asylverfahren in Drittstaaten und um Rückführungszentren wieder Fahrt aufgenommen. Ist das die Lösung?Drittstaatslösungen im engeren Sinne – also die Auslagerung ganzer Asylverfahren in andere Länder – halte ich für illusorisch. Sie scheitern daran, dass es in den allermeisten der infrage kommenden Länder im grossen Stil keine Asylverfahren gibt, die europäischen Standards genügen. Genau deshalb ist auch das britische Rwanda-Modell nicht zustande gekommen. Anders sieht es bei den sogenannten Return-Hubs aus.Wo liegt der Unterschied?Hier geht es um Menschen, die in Europa ein Asylverfahren durchlaufen und nachweislich keinen Schutz benötigen. Sie könnten in ihr Heimatland zurückkehren, tun dies aber nicht. In diesem Fall oder wenn das Heimatland bei der Abschiebung nicht kooperiert, könnte man die Personen in einen Drittstaat bringen, idealerweise in der Nähe des Heimatlandes. Das hätte noch einen weiteren Vorteil.Nämlich?Für Personen, die nicht schutzbedürftig sind, sind die rechtlichen Standards, die das Aufnahmeland erfüllen muss, geringer. Es lassen sich also leichter passende Partnerländer für solche Return-Hubs finden. Zudem dürfte dieses Modell auch politisch eher auf Akzeptanz stossen. Es spricht wenig dagegen, Personen ohne Schutzanspruch ins Ausland zu bringen.Marokko, die Türkei und andere Transit- und Herkunftsländer wollen keine solchen Zentren auf ihrem Territorium. Weshalb?Diese Länder helfen uns zwar gerne als «Türsteher», indem sie dafür sorgen, dass die Migranten nicht zu uns kommen. Marokko, die Türkei, Libyen oder Ägypten hindern Menschen daran, überhaupt in Boote zu steigen oder sich der Grenze zu nähern. Das ist der Hauptgrund, warum die Asylzahlen bei uns zurückgehen. Das machen diese Länder auch, weil sie selber nicht wollen, dass zu viel Migration sichtbar wird. Sie sind aber nicht bereit, sichtbare Abschiebezentren einzurichten. Der marokkanische König etwa, der seine Biografie bis auf den Propheten Mohammed zurückführt, könnte es sich innenpolitisch gar nicht leisten, ganz offiziell die «Drecksarbeit» für die Europäer zu erledigen.Europa versteht sich als Anwalt der Menschenrechte. Ergeben sich bei der engen Zusammenarbeit mit autoritären Staaten wie zum Beispiel der Türkei nicht grundsätzliche Widersprüche?Sie haben recht, hier besteht ein Zielkonflikt. Aber was wäre die realistische Alternative? Ginge Europa stärker auf Distanz zur Türkei, würde die türkische Polizei wohl nicht mehr gegen Schlepper vorgehen, mit der Folge, dass wieder deutlich mehr Boote ablegten. Das will aber niemand, denn es ist breit akzeptiert, dass weniger Menschen über das Asylsystem kommen sollen. Genau das führt dazu, dass man solche Arrangements mit den Nachbarländern eingeht.Trotz den Bedenken gelten Drittstaaten-Modelle für viele Politiker und Experten beinahe als Wundermittel. Weshalb?Sie wirken bestechend, weil dabei auch moralisch alles perfekt zu sein scheint: Man verhindert die Toten im Mittelmeer. Man gibt den Leuten Schutz, wenn auch nicht in Europa. Man untergräbt das Geschäft der Schlepper. Und bei alldem löst man auch noch das Migrationsproblem Europas. Aber so einfach wird das nicht funktionieren. Ich glaube deshalb, dass für eine ehrliche Debatte eine Erkenntnis unerlässlich ist: Wir sind nicht nur die Guten.Wie meinen Sie das?Es gibt sehr viele Menschen, die auf Schutz angewiesen wären oder die hier leben möchten, aber dazu nie die Möglichkeit erhalten. Denken Sie nur an den Bürgerkrieg im Sudan, da fliehen ja Millionen. Sie haben keine Chance, nach Europa zu kommen und hier zu bleiben. Die Wahrheit ist: Wir verweigern einem grossen Teil der Menschen Hilfe in Not oder die Aussicht auf ein besseres Leben.Wenn nicht diejenigen Schutz erhalten, die ihn benötigen: Sind individuelle Asylverfahren heute überhaupt noch der richtige Weg?Genau darauf verlagert sich die Debatte gerade: Darf jeder, der an der Aussengrenze «Asyl» sagt, vorläufig einreisen, um ein Verfahren zu bekommen? Mehr Grenzschutz bedeutet letztlich nichts anderes, als dass man versucht, Menschen von der Einreichung eines Asylgesuchs fernzuhalten. In Ceuta waren ja sämtliche Läden geschlossen, und man hat die Leute quasi verdursten lassen, um sie zur Rückkehr nach Marokko zu bewegen. Damit wird der Anspruch auf ein individuelles Asylverfahren doch schon infrage gestellt. Es ist allerdings alles andere als trivial, einen solchen Paradigmenwechsel verlässlich umzusetzen. Die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) hat den Schutzbereich zwischen 1989 und 2012 weit über die Genfer Flüchtlingskonvention hinaus ausgedehnt. Das hat den politischen Handlungsspielraum stark eingeengt. Jetzt versucht die Politik, sich diesen Spielraum zurückzuholen.Ist das möglich, solange die Gerichte nicht mitziehen?Es gibt auch dort erste Öffnungen. Ein wichtiges Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte betrifft beispielsweise die spanische Exklave Melilla: Der Gerichtshof entschied 2020, dass Pushbacks unter bestimmten Konstellationen legal sein können. Dass also Menschen an der Grenze zurückgewiesen werden können, ohne dass ein individueller Schutzbedarf geprüft wird. Aber ganz unabhängig davon: Politik und Verwaltung können auch von sich aus aktiv werden.Was sollen sie tun?Es gibt in Europa extrem komplizierte nationale Gesetzgebungen und Verwaltungsstrukturen mit unzähligen Prüfungspflichten und Klagemöglichkeiten. Es ist für Politiker sehr bequem, auf die Richter in Strassburg zu zeigen, statt in diesem Bereich die eigenen Hausaufgaben zu machen. Dass man administrative Spielräume nutzen kann, zeigt Deutschland: Dort wurden in den letzten zwei Jahren deutlich weniger Asylgesuche junger afghanischer Männer genehmigt als früher – ohne Gesetzesänderung, einfach durch eine veränderte Praxis. Und die Gerichte sind mitgegangen.Inwiefern würde ein Austritt aus der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) für europäische Staaten den Handlungsspielraum vergrössern?Das würde den EU-Mitgliedstaaten gar nichts bringen, weil sie weiterhin an die EU-Grundrechtecharta gebunden wären. Diese hat dieselben Inhalte. Und die EU kann man nicht auflösen, ohne Europa politisch und wirtschaftlich zu ruinieren. Und selbst für Nicht-EU-Staaten wie die Schweiz wäre die EMRK-Kündigung extrem schädlich. Der Weg führt eher über Zusatzprotokolle, über Neuauslegungen durch die Gerichte oder gesetzliche Anpassungen.Sie sehen also trotz der Krise Chancen, das Asylsystem auf eine tragfähige Grundlage zu stellen?Wir sind mitten in einer Korrektur. Die neuen europäischen Asylregeln gehen in diese Richtung. Das individuelle Asylrecht wird rechtlich nicht grundsätzlich abgeschafft, aber die Praxis wird es drastisch verändern: Der Zugang zum Territorium wird massiv erschwert, Asylverfahren werden beschleunigt und auf Menschen mit echtem Schutzbedürfnis konzentriert. Die Idee, dass jeder Mensch, der die europäische Grenze erreicht, ein Asylverfahren erhält, ist überholt.Passend zum Artikel