Migranten dringen durch selbstgebaute Tunnel in Litauen ein und attackieren Grenzbeamte – zeitgleich warnt der Geheimdienst vor einer russischen False-Flag-OperationMit instrumentalisierter Migration will der weissrussische Autokrat Alexander Lukaschenko Chaos stiften. Während die Aufmerksamkeit an die Grenze gelenkt wird, plant der Kreml möglicherweise schon die nächste Provokation.08.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenEin Stacheldrahtzaun in der Nähe der Grenzstation Kapciamestis, wo einer der Tunnel gefunden wurde.Dominic Nahr / NZZEine Gruppe von zwanzig Migranten attackierte litauische Grenzbeamte, nachdem sie durch einen Tunnel an der Grenze zu Weissrussland ins Land eingedrungen war. Einer der Beamten wurde verletzt. Der Vorfall hat sich am 26. Juli unweit der Grenzstation Kapciamiestis ereignet und wurde diese Woche vom baltischen Nachrichtenportal «Delfi» publik gemacht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist nicht der erste Versuch, Migranten aus Weissrussland durch Tunnel nach Litauen einzuschleusen. Der litauische Grenzschutz hat Dutzende Stellen entdeckt, an denen Tunnel gegraben werden. Der erste wurde bereits Ende 2025 gefunden, der letzte am Dienstag. Auch an der Grenze zwischen Weissrussland und Polen wurden ähnliche unterirdische Gänge entdeckt.Bilder von einem der Fundorte zeigen eine Öffnung mit einem Durchmesser von etwa einem Meter. Der Tunnel verläuft in etwa 1,5 Metern Tiefe. Die Wände und die Decke werden durch Holzbalken gestützt. Für den Gang mussten grosse Mengen an Erde ausgehoben werden. Die meisten Tunnel waren noch nicht fertiggestellt.Rustamas Liubajevas, der Chef des litauischen Grenzschutzes, sagt zum Sender LRT: «Ohne die logistische Unterstützung der weissrussischen Grenzbeamten wäre dies nicht möglich.» Einerseits finde die gesamte Aktivität direkt an der Grenze statt. Andererseits müsse jemand das Holz für die Stützen geliefert haben.Über 9500 illegale Grenzübertritte verhindertDer weissrussische Autokrat Alexander Lukaschenko und der russische Präsident Wladimir Putin nutzen irreguläre Migration schon länger als Mittel, um die Nachbarländer unter Druck zu setzen. In diesem Jahr haben die litauischen Grenzbeamten bereits über tausend unerlaubte Grenzübertrittsversuche registriert. In Lettland waren es sogar über achttausend. Experten und Sicherheitskräfte sprechen von hybrider Kriegsführung.Viele der Migranten bleiben nicht in Lettland oder Litauen, sondern ziehen weiter. Die estnische Polizei hat in den vergangenen Tagen mehrere Gruppen festgenommen, die über die lettisch-weissrussische Grenze in den Schengenraum gekommen waren und nach Finnland reisen wollten.Das lettische Innenministerium hat die Regierung diese Woche aufgefordert, den Grenzübergang Paternieki nach Weissrussland zu schliessen. Dies sei notwendig, um die territoriale Integrität des Landes zu gewährleisten und Gefahren für die öffentliche Ordnung vorzubeugen, heisst es im Entwurf des Regierungsbeschlusses. Namentlich sollen illegale Grenzübertritte verhindert werden, die von Weissrussland zugelassen und erleichtert werden.Bei Paternieki handelt sich um den letzten noch offenen Landübergang an der lettisch-weissrussischen Grenze. Der Eisenbahngrenzübergang Indra ist zwar noch in Betrieb, wird aber ausschliesslich für den Güterverkehr genutzt. Faktisch ist die Grenzstation Paternieki schon seit dem 31. Juli geschlossen – offiziell wegen «technischer Störungen», die eine Grenzkontrolle verhinderten. Wann das Problem behoben wird, liessen die Behörden offen. Reisende werden an die litauisch-weissrussischen Grenzübergänge Salcininkai und Medininkai verwiesen.Russland könnte erbeutete ukrainische Drohnen einsetzenWährend die Aufmerksamkeit der Medien und Politiker auf die Situation an der Grenze gelenkt wird, plant der Kreml womöglich schon die nächste Provokation. Nach Informationen des litauischen Geheimdienstes bereitet Russland möglicherweise Angriffe auf kritische Infrastrukturen in der Region vor.Der Verteidigungsminister Robertas Kaunas warnte am Donnerstag vor einer False-Flag-Operation: «Es ist wahrscheinlich, dass Russland zu diesem Zweck erbeutete ukrainische Drohnen einsetzen könnte.» Ziel sei es, Verwirrung über den Ursprung eines Angriffs zu stiften und die Verantwortung für einen Angriff auf Nato-Territorium abzustreiten. Zugleich werde dadurch die Unterstützung für die Ukraine geschwächt.In den letzten Monaten drangen immer wieder ukrainische Drohnen, die Ziele in Russland anvisiert hatten, in den litauischen, lettischen, estnischen und finnischen Luftraum ein. Während die Streitkräfte der Nato-Staaten davon ausgehen, dass sie von der russischen Flugabwehr abgelenkt wurden, kursierten auch Gerüchte, wonach Russland die Drohnen gezielt in die Nachbarländer lenke. Beweise dafür, dass dies technisch möglich wäre, fehlen.Der Kreml behauptet derweil, dass die Nato-Staaten ihren Luftraum der Ukraine für Angriffe auf Russland zur Verfügung stellten – eine gezielte Fehlinformation, die Litauen, Lettland, Estland und Finnland mehrfach dementiert haben.Der litauische Ministerpräsident Mindaugas Sinkevicius betont, dass sich die Sicherheitslage nicht «dramatisch» verändert habe. Die litauischen Streitkräfte bewachen wichtige Energieinfrastrukturen. Derweil hat Finnland Grenzschützer als Verstärkung nach Estland geschickt, um die illegale Migration zu unterbinden.Passend zum Artikel
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