Unsere Autorin Annett Gröschner hat vor 44 Jahren Magdeburg verlassen. Vor den Landtagswahlen blickt sie auf die Schätze – und die Zumutungen der AfD.

Wenn jemand mich bei einer öffentlichen Veranstaltung damit vorstellt, dass Magdeburg meine Heimatstadt sei, fühlt sich das für mich wie eine Behauptung an, die mir nicht behagt. Ja, ich bin dort geboren und habe dort gelebt, bis ich volljährig war. Aber Heimat? Wäre dann, analog, die DDR mein Heimatland? Das hieße ja, dass man sich Heimat nicht aussuchen kann, dass sie Schicksal ist. Noch so ein Wort aus der nationalen Mottenkiste.

Das Grimm’sche Wörterbuch sieht in der „heimat“ neben dem Geburtsort: „patria, domicium. das land oder auch nur der landstrich, in dem man (…) bleibenden aufenthalt hat“. Meinen bleibenden Aufenthalt habe ich mir selbst gesucht, als ich volljährig war. Ich wollte auf der Straße nicht mehr damit beschimpft werden, dass man vergessen habe, mich zu vergasen, ich wollte nicht von der Polizei angehalten werden, weil ich mir auf der Brücke die Haare kämme, ich wollte nicht wegen melancholischer Texte zum Psychiater geschickt werden und mich vor dem Brigadier der Patenbrigade der Stahlgießerei nicht rechtfertigen müssen, dass sich meine Gedichte nicht reimten.