Als wir vor zwei Monaten unsere Serie mit wichtigen Büchern aus der zweihundertfünfzigjährigen Geschichte der Vereinigten Staaten begonnen haben, schien der Krieg mit Iran endlich eingefroren. In der Zwischenzeit ist er wieder entbrannt, und es gab noch viele weitere markante Ereignisse: gerade erst die Klage von 25 Bundesstaaten gegen die Zollpolitik der Trump-Regierung, weitere Tote durch das Wirken der Einwanderungsbehörde ICE, die größtenteils in den USA ausgetragene Fußballweltmeisterschaft inklusive deren Manipulation durch den erfolgssüchtigen Präsidenten. Die amerikanische Geschichte kommt nicht zum Stillstand, und die Literatur braucht Zeit, um sie in Worte zu fassen.Als umso wirkungsmächtiger haben sich aber dann jene fünfzig Bücher erwiesen, die wir vorgestellt haben: jeweils eines für jedes Jahrfünft der US-Geschichte. Diese strenge zeitliche Vorgabe hat dazu geführt, dass zugunsten im selben Zeitrahmen publizierter Konkurrenz etliche literarische Meisterwerke nicht von uns berücksichtigt werden konnten. Die Zahl der entsprechenden Leserzuschriften während der zweimonatigen Laufzeit unserer Serie war dementsprechend Legion. Vermisst wurden etwa „Moby-Dick“, „To Kill a Mocking Bird“, „Rabbit, Run“ oder auch „Snow Falling of Cedars“. Vermisst auch von uns selbst. Aber nicht nur die zeitliche Komponente verdrängte so manches Plausible; bisweilen schienen uns andere Bücher prominenter Autoren noch interessanter als deren bekannteste.Das größte Thema der amerikanischen LiteraturgeschichteWas sich vor allem an der Auswahl gezeigt hat – und das war uns bei der Festlegung der fünfzig Titel noch gar nicht so deutlich gewesen –, ist die Bedeutung der Sklaverei für die literarische Eigenwahrnehmung der amerikanischen Zivilisation: als deren Schandfleck, dem immer wieder die Aufmerksamkeit von Schriftstellern galt, beginnend mit dem Paukenschlag durch Frederick Douglass’ autobiographisches Buch „Narrative of the Life of Frederick Douglass, an American Slave“ im Jahr 1845, also ein ganzes Jahrzehnt vor dem erfolgreichsten aller Sklaverei-Bücher, Harriet Beecher Stowes „Uncle Tom’s Cabin“. Danach riss die Beschäftigung der Literatur mit der Sklaverei nicht mehr ab, und so ist nun auch das letzte (und damit jüngste) Buch in unserer Serie eines zu diesem Thema: „James“ von Percival Everett, erschienen 2024 und im Jahr danach mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.Das Cover der Erstausgabe von Percival Everetts „James" 2024National Book FoundationPercival Everett wurde als Sohn eines schwarzen Armee-Sergeants 1956 in Georgia geboren, wuchs in South Carolina auf und ging zum Philosophiestudium nach Florida – also jeweils in den ehemaligen Südstaaten. Heute lehrt Everett Literaturwissenschaft in Los Angeles, und bereits 1983 erschien sein erster Roman. Seitdem sind 24 dazu gekommen, „James“ als bislang vorletzter.Das Buch erzählt 140 Jahre nach dem Erscheinen von Mark Twains „Huckleberry Finn“ den Inhalt dieses wohl einflussreichsten amerikanischen Romans noch einmal. Doch schon der Titel verrät, dass Everett in seiner Version der Geschichte eine andere Figur in den Fokus nimmt: James ist Jim, der entflohene Sklave, mit dem Huckleberry Finn sich auf den Mississippi begibt, um jene Bundesstaaten zu erreichen, in denen die Sklaverei abgeschafft ist. Wir sind also noch vor dem Bürgerkrieg.Traditionsbeschwörung aus eigener KraftAber die damaligen Südstaaten sehen wir nun mit Jims Augen, nicht mehr mit denen des weißen Teenagers Huck Finn, der bei allem Nonkonformismus doch Angehöriger der weißen Herrschaftsschicht bleibt. Und der bei Twain als der viel Jüngere doch auf Jim herabschaut. Everett dreht den Spieß nun herum – nicht nur, indem er den Ruf- (und somit Kommando-)Namen „Jim“ durch das vollwertige „James“ ersetzt. Sondern auch, indem er ihn sowie alle anderen Schwarzen gemäß dem sprechen und handeln lässt, was sie selbst im Roman den „Sklavenfilter“ nennen: Sobald ein Weißer in der Nähe ist, fallen sie in schlichte Sprach- und Verhaltensmuster, um dem Klischee zu entsprechen und zusätzliche Grausamkeiten zu vermeiden, die aus Angst des sich als Herrenvolk verstehenden angelsächsischen Bevölkerungsteils vor menschlicher Gleichheit (und damit Bedrohung der eigenen Macht) entstünden.Dadurch wird Mark Twains bereits abolitionistische Vorlage gegen den Strich gebürstet, ohne sie umzuwerten, und zum zeitgemäß emanzipativen Roman in einem Amerika, das sich immer noch mit den Folgen seiner Sklavereivergangenheit herumschlägt. Vorgemacht hatte eine solche literarische Aneignung eines Buchklassikers für die Gegenwart Thomas Pynchon, der 1997 in seinem Roman „Mason & Dixon“ die fast zweihundert Jahre alten Expeditionsberichte von Lewis und Clark neu erzählte – und damit auch die US-Geschichte literarisch neu akzentuierte. Solche Bezugnahmen auf Bücher, die die amerikanische Geschichte geprägt haben, sind selbst prägend für die gesamte US-Literatur, die analog zur politischen Genese der Vereinigten Staaten ihre Tradition aus eigener Kraft und gegen die europäischen Vorläufer beschworen hat.Das anhand der F.A.Z.-Serie aktuell mit US-Literatur bestückte Schaufenster einer Kölner BuchhandlungM. Lengfeld’sche BuchhandlungDamit ist die amerikanische Literatur auch außerhalb ihres Landes erfolgreich geworden: weil sie der vorherigen Übermacht des europäischen Kanons etwas entgegensetzte und auch in Europa selbst für ihre Eigenständigkeit anerkannt wurde – vor allem aber durch die weltweit einsetzende US-Kulturdominanz nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie viel sie zu bieten hat, dürfte in den vergangenen zwei Monaten deutlich geworden sein. Und dass es Buchhandlungen gibt, die mit dem Programm der Serie „Amerika, wie es im Buche steht“, ihre Schaufenster bestückt haben, ist eine sichtbare Bestätigung für deren Erfolg.In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellten wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
Percival Everetts "James" und Bilanz der US-Buchserie der F.A.Z.
Die Literatur der Vereinigten Staaten, die die Welkt prägte, nimmt immer wieder Bezug auf eigene Traditionen – wie in Percival Everetts Roman „James“: die 50. und letzte Folge unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“.






