NNeulich bin ich in einem Hotel aufgewacht. Und beim gemeinsamen Frühstück mit all den anderen Gästen auf einer großen Terrasse habe ich mir als Erstes meine morgendliche Trinkampulle unter den Orangensaft gemischt. Ich tat das routiniert, schnell, und bemühte mich vor all den Leuten um Unauffälligkeit. Völlig unnötig. Als ich später auf dem Weg zum Buffet an allerhand Tischen vorbeiging, sah ich auf jedem zweiten ebenfalls Pillen, Pulver, Blister und Ampullen liegen. Ganz offen.In meinem Umfeld startet kaum noch jemand ohne Nahrungsergänzungsmittel in den Tag. Aber ich hatte gedacht, ich lebe in einer sogenannten Blase, wo man mit Magnesium, Zink, Q10 und Kollagen ein bisschen Longevity im Alltag betreibt. Den eigenen Erfahrungen aus dem sozialen Nahraum lernt man als Journalistin früh zu misstrauen. Das ist sinnvoll. In meinem Leben habe ich zum Beispiel überproportional viel Kontakt zu Menschen, die in den vergangenen zehn Jahren ein Wickelkleid von Diane von Fürstenberg gekauft haben, deren Kinder große Hunde haben und die sich jeden Tag wieder über die Pfütze hinter dem Spül­becken in der Küche ärgern. Man kann durchaus sagen: Das ist eine sehr spezielle Gruppe weiblicher Mensch.Das Frühstück in einem Hotel zeigte mir: Als Nahrungsergänzungsmittelnehmerin bin ich eine von vielen. Der Lebensmittelverband bestätigt das: Es gibt ein Marktvolumen von etwa 4,3 Milliarden Euro im Bereich Nahrungsergänzungsmittel. Das Ergebnis von vielen Jahren Wachstum, vor allem der vergangenen zehn Jahre. Am häufigsten eingenommene Vitamine, in dieser Reihenfolge: Vitamin C, Vitamin D, Vitamin A. Auf der Hotelterrasse blisterten im Laufe des Morgens alle irgendwann an etwas herum und stürzten die Kapseln mit Wasser hinunter. Zwischen Paaren wurden Dragees, Pulvertütchen und Ampullen hin und her gereicht. Seit ich draußen im Alltag darauf achte, sehe ich ständig irgendwen was einnehmen. In der Bahn, beim Bäcker, im Café, vor allem beim Sport rühren sich viele Leute etwas in ihre Trainingsflasche. Als sei jedes Schlucken, das keine konzentrierten Nährstoffe reinspült, eine unnötige Kieferbewegung. Das Nahrungsergänzungsmittel ist so umfassend, dass man es kaum noch als Ergänzung betrachten kann. Es hat sich anscheinend für viele in den Mittelpunkt gedrängelt. Da hat man noch nichts erlebt, will sich aber gleich versichern, dass man noch mehr davon kriegt. Das wundert mich deshalb, weil eine Menge Menschen gleichzeitig gar nicht so wirkt, als wollte sie unbedingt länger leben.Jetzt müssen Sie mir leider zum Ende der Kolumne hin doch in den Bereich der gefühlten Wahrheit folgen. Ich habe aber auch bei gefühlten Wahrheiten einen journalistischen Ethos. Ich teile sie nur, wenn ich mir sehr sicher bin. Und hier bin ich mir sicher: Die Laune ist mies. Ich meine nicht die Wirtschaft, nicht den Fußball, nicht die Regie­rung. Ich meine auf der Straße. Alle sind so abgenervt voneinander, von ungewollten Fragen, vom Bestellen-Wollen und Nicht-direkt-bedient-Werden, vom Irgen­dwo-kurz-warten-Müssen, vom Angesprochen-Werden, vom Eine-Sekunde-zu-lang-angeguckt-Werden, vom Im-Weg-Sein, von Leuten, die im Weg sind. Von Menschen, die nicht direkt alles sofort raffen, von zufälligen Berührungen. Von allen anderen Menschen. Neulich stand ich im Supermarkt einer Frau im Weg herum, aus Versehen. Was machte sie? Sie wechselte nicht den vollen Einkaufskorb an den Arm auf der mir zugewandten Seite, um mich damit aus dem Weg zu rammen, sondern sie fragte ganz nett, ob es mir was ausmachen würde, kurz rüberzugehen, damit sie durch könne. Ich bin zur Seite, sie durch, dann haben wir uns angelächelt. Ich hoffe, sie lebt lange. Illustration: GrafiluLara Fritzsche schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Tobias Haberl und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.