Festivals und Grossveranstaltungen leiden unter der Hitze: Bei Ausfällen drohen extreme KostenHitzewellen und extreme Wetterlagen prägen den europäischen Sommer. Auch die Festivalsaison leidet darunter: Verschiedene Grossevents sind abgebrochen, abgesagt oder verschoben worden. Doch eine Ausfallversicherung ist für viele Festivals oftmals zu teuer.07.08.2026, 16.59 Uhr4 LeseminutenZunehmende Hitze und Extremwetter stellen die Festivalbranche vor neue Herausforderungen.Gian Ehrenzeller / KeystoneJodlerchöre proben in öffentlichen Brunnen, Frauen tauschen ihre traditionellen Lederschuhe gegen luftige Sandalen, Besucher suchen unter Regenschirmen etwas Schatten: Am 32. Eidgenössischen Jodlerfest in Basel schwitzen alle. 39 Grad, ein Temperaturrekord.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Laut der «Basler Zeitung» hat das Organisationskomitee aufgrund der extremen Temperaturen sogar eine Absage des Fests diskutiert. Als weniger drastische Konsequenz entschied es sich, am Umzug keine Tiere mitzuführen. Zudem verzichtete die Fasnachtsclique auf ihren Auftritt.Die Hitzewelle ist vorerst passé. Mit Blick auf die grösste Technoparty der Welt, die am Samstag in Zürich steigt, bleibt Stefan Epli cool. «Normale Sommertemperaturen sind wir gewohnt», sagt der Kommunikationschef der Street Parade Zürich auf Anfrage und verweist auf die Temperatur-Historie auf der Website.Wegen Hitze: Technofestival abgebrochen, Pride verschobenAufgrund der extremen Temperaturen sind in den vergangenen Monaten in verschiedenen europäischen Ländern Stadtfeste, Open-Air-Konzerte und Grossveranstaltungen kurzfristig verschoben oder angepasst worden. Dabei wurden Konzerte zum Teil erst am Abend statt am Nachmittag angesetzt oder einzelne Programmpunkte gekürzt.Das Hype Festival in Köln und das Sunset Beach Festival im Ruhrgebiet wurden kurz vor Beginn sogar ersatzlos abgesagt. Die französische Hauptstadt Paris hat die Pride, die am 27. Juni hätte stattfinden sollen, präventiv auf September verschoben. Und in den Niederlanden brachen die Veranstalter das Elektromusik-Festival Defqon.1 nach dem ersten Tag ab.Rund 58 000 Campinggäste und täglich weitere 15 000 Tagesbesucherinnen und -besucher waren dort erwartet worden, die Festivalpässe kosteten rund 340 Euro. Das entspricht Ticketeinnahmen in der Grössenordnung von knapp 20 Millionen Euro.Nach dem vorzeitigen Abbruch bot der Veranstalter den Ticketkäufern die Wahl zwischen einer vollständigen Rückerstattung oder der Übertragung des Tickets auf die Ausgabe 2027. Unklar bleibt, welche finanziellen Folgen der Abbruch für die angekündigten Künstler hatte. Der Veranstalter machte keine offiziellen Angaben dazu, ob vereinbarte Gagen ausbezahlt wurden.Extremwetter beeinflussen PlanungDie Ereignisse der vergangenen Monate zeigen: Wetterbedingte Unsicherheit bleibt ein dauerhafter Begleiter von Festivals und Grossveranstaltungen. Bei einer kurzfristigen Absage haben Besucherinnen und Besucher grundsätzlich Anspruch auf die Rückerstattung des Ticketpreises. Für Vertragspartner wie Gastronomiebetriebe, Campinganbieter oder Merchandising-Stände gelten hingegen in der Regel die vertraglich vereinbarten Regelungen, insbesondere zu höherer Gewalt. Das wirtschaftliche Risiko wird damit häufig auf die beteiligten Unternehmen verlagert.Verschiedene Schweizer Open-Air-Festivals schreiben auf Anfrage, dass sie aufgrund der Hitze eng mit Meteorologen und den zuständigen Behörden zusammenarbeiteten. Doch trotz laufend angepassten Sicherheitskonzepten bleibt die finanzielle Absicherung wetterbedingter Risiken eine Herausforderung.Zum Heitere-Open-Air auf dem Zofinger Hausberg kommen pro Ausgabe rund 35 000 Besucherinnen und Besucher. Eine kurzfristige Absage hätte laut dem Sprecher Christoph Bill erhebliche finanzielle Folgen. Gegen hitzebedingte Ausfälle sei das Festival jedoch nicht versichert.Ähnlich klingt es bei den derzeit stattfindenden Musikfestwochen in Winterthur. Der Co-Geschäftsleiter Nik Müller-Crepon erklärt, der Verein trage das Risiko einer kurzfristigen Absage selbst. Eine entsprechende Versicherung sei wegen der «extrem hohen Kosten» nicht finanzierbar.Kleine Festivals sind stärker unter DruckBereits 2024 wies das amerikanische Branchenmagazin «Billboard» darauf hin, dass der Klimawandel und die Zunahme von Extremwetterereignissen die Kosten für Ausfallversicherungen in den USA massiv in die Höhe trieben. Die Prämien hätten sich innert weniger Jahre teilweise verdreifacht. Besonders unter Druck geraten laut dem Magazin kleinere und unabhängige Festivalveranstalter, die steigende Versicherungsprämien und Wetterrisiken weitgehend selbst tragen müssen.Dass der Klimawandel die Durchführung von Festivals bereits heute beeinflusst, zeigt sich auch in der Schweiz.Die Bad-Bonn-Kilbi in Düdingen, ein Musikfestival mit rund 3000 Besucherinnen und Besuchern, fand traditionell im Frühsommer statt. Die Erntezeit auf dem Biohof, auf dem ein Grossteil des Festivalgeländes liegt, hat sich jedoch zunehmend in den Frühling verlagert. Dadurch geriet der bisherige Termin in Konflikt mit der landwirtschaftlichen Nutzung. Seit 2025 wird das Festival deshalb im September durchgeführt.Gleichzeitig sei das Risiko einer hitzebedingten Absage im Herbst geringer. Der Mitorganisator Daniel Fontana erklärt, dass die Bad-Bonn-Kilbi trotzdem auf eine Ausfallversicherung verzichte, die Kosten seien zu hoch: «Es ist und bleibt ein unsicheres Metier.»Kein Trend in SichtBei der Mobiliar, der ältesten privaten Versicherungsgesellschaft der Schweiz, ist eine Absage von Veranstaltungen aufgrund von Hitze im Rahmen einer Event-Versicherung grundsätzlich nicht gedeckt. Versicherbar seien hingegen beispielsweise Schäden an technischen Anlagen durch Überhitzung sowie wetterbedingte Ausfälle infolge von Ereignissen wie Sturm oder Brand, schreibt die Versicherung auf Anfrage. Auch Axa Schweiz bietet keine spezifische Versicherung für hitzebedingte Risiken bei Festivals und Grossveranstaltungen an.Trotz zunehmenden Wetterextremen stellt die Mobiliar bislang keine höhere Nachfrage nach Event-Versicherungen infolge des Klimawandels fest.Für Veranstalter bleibt die Herausforderung dennoch bestehen: Anpassungsmassnahmen allein reichen langfristig nicht aus. Festivals und andere Grossevents müssen sich zunehmend mit der Frage auseinandersetzen, unter welchen Bedingungen Veranstaltungen in Zukunft wirtschaftlich noch tragbar sind und wie sie sich finanziell aufstellen müssen, wenn Wetterrisiken und damit verbundene Ausfälle zunehmen.Passend zum Artikel
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