Die Hitze spüre er am stärksten an den Füßen, sagt Dennis Christopher Kühn. Er schiebt die Fersen aus seinen zerschlissenen Nike-Schuhen, die nackten Füße stecken nur noch halb drin. Durch die Hitze schwellen sie an, erzählt Kühn, der Schweiß weicht die Haut auf, und die Füße sind dauerhaft wund: „Es tut einfach nur sehr weh.“ Über seiner Schulter hängt eine randvolle Sporttasche, obenauf baumeln feuchte Socken. Kühn ist 36 Jahre alt und seit zehn Tagen wieder obdachlos. Wie eigentlich fast immer, seit er 2016 nach Frankfurt gekommen ist.Kühn ist einer von rund einer Million Menschen, die in Deutschland als wohnungslos gelten. Er gehört damit einer Gruppe an, für die immer heißere und längere Sommer zur Gesundheitsgefahr werden. Wer keine Wohnung hat, hat keinen kühlen Rückzugsort. Asphalt und Beton speichern Wärme und geben sie stundenlang ab. Vorerkrankungen lassen das körpereigene Regulationssystem schneller versagen, zusätzlich dämpfen Alkohol und Drogen die Wahrnehmung, sodass Betroffene die Warnsignale nicht erkennen.Die Folgen reichen von Dehydrierung und Kreislaufkollaps bis zum Hitzetod, warnen Fachstellen. Laut dem Robert-Koch-Institut sind in diesem Sommer bisher bundesweit etwa 11.900 Menschen an Hitzefolgen gestorben. Wie viele davon auf der Straße lebten, wird in keiner Statistik erfasst.Auch das Klima auf der Straße verändert sichKühn steht bei knapp 34 Grad Außentemperatur neben dem Märchenbrunnen am Willy-Brandt-Platz in der Frankfurter Innenstadt und erklärt, wie er sich während der Hitzeperioden „durchkämpft“. Zwei- bis dreimal täglich gehe er in den Brunnen tauchen. Dadurch sei er „erfrischt und gewaschen“, sagt Kühn lachend. Rückzugsorte gebe es kaum. Immerhin die Hochhausschluchten des Frankfurter Bankenviertels hülfen ein bisschen bei der Abkühlung, weil dort der Wind durchzieht. Am meisten halte er sich aber in der „B-Ebene“ auf, die sich unterhalb des Frankfurter Bahnhofsvorplatzes befindet: „Wenn die U-Bahnen einfahren, hat man diesen schönen Fahrtwind.“Dennis Christopher Kühn am Willy-Brandt-Platz in der Frankfurter InnenstadtFrank RöthKühn merkt, wie die Hitze immer mehr zunimmt. Und auch das Klima auf der Straße verändere sich durch die hohen Temperaturen, findet Kühn. Er erlebe mehr Stress und mehr Schlägereien in den Hitzephasen: „Die Menschen haben einfach eine kürzere Zündschnur.“Auf dem Willy-Brandt-Platz versucht die Stadt Frankfurt, Obdachlosen wie Kühn zu helfen: zwei ausrangierte Linienbusse, je rund vierzig Plätze, täglich von 13 bis 19 Uhr geöffnet. Gold-silberne Rettungsdecken spannen sich über die Fensterbreite, zwei mobile Klimageräte und zwei Ventilatoren laufen durchgehend, um die Raumtemperatur bei 20 Grad zu halten. Pfandfreie Wasserflaschen liegen bereit, Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe stehen als Ansprechpersonen bereit. „Obdachlose Menschen können sich nicht einfach in einem klimatisierten Einkaufszentrum oder Restaurant abkühlen“, sagte Sozialdezernentin Elke Voitl zur Eröffnung des „Kühlmobils“ Anfang August.Verschiedene Projekte in deutschen StädtenOliver Pitsch, Vorstandsmitglied der Johanniter Rhein-Main, erklärt, wie die Idee entstand: Dieser Sommer sei extrem heiß gewesen, früher, anhaltender und anders als die Jahre davor. Die Johanniter registrierten eine Zunahme rettungsdienstlicher Einsätze, besonders an den heißesten Tagen. Schon früh in der Hitzeperiode hatten sie begonnen, kostenlos Getränke zu verteilen, und merkten schnell: Hydration, das Zuführen von Wasser in den Körper, ist neben dem Abkühlen die entscheidende Voraussetzung dafür, dass ein Mensch nicht zusammenklappt.Hauptsächlich besuchen an diesem Mittwochnachmittag aber Passanten den Bus. Das sei kein Problem, sagt Pitsch, schließlich richtet sich das Angebot zum Herunterkühlen an alle. Zudem müsse sich das neue Angebot in der Szene erst rumsprechen.Frankfurt ist mit dem „Kühlmobil“ nicht die einzige Stadt, die Hilfsangebote für obdachlose Menschen bei der Hitze macht. In Frankfurt selbst ist bereits der „Hitzebus“ des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten unterwegs: Während Hitzewellen fährt er abends von 18.30 bis 2 Uhr durch die Stadt und verteilt Wasser, Kappen, Sonnencreme und Wasserzerstäuber.Mit Rettungsdecken abgeklebte Fenster, abgepacktes Wasser und Kühlgeräte: Die Linienbusse sollen ein Rückzugsort vor der Hitze sein.Frank RöthBerlin betreibt die „Hitzehilfe“ in Schöneberg mit kühlen Tagesräumen, Duschen und Beratung. Stuttgart schickt das Deutsche Rote Kreuz los, sobald die Temperatur 30 Grad überschreitet.Für das Deutsche Rote Kreuz und den Sozialverband VdK ist das nicht genug. Die Verbände fordern seit Längerem flächendeckende Lösungen: kühle Orte, gekühlte Unterkünfte sowie Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe forderte 2024 einen Hitzeschutzfonds, damit Einrichtungen Sonnencreme, Wasser und Sonnensegel anschaffen können.„Warnsignale von diesem Sommer wahrnehmen“Pitsch von den Johannitern fährt selbst Rettungsdienst. Er kennt die Zeichen der Hitzeschwäche: roter Kopf, schwere Atmung, Schweißperlen, der Blick auf den Boden. „Wir müssen die Warnsignale von diesem Sommer wahrnehmen“, fordert er und meint damit die dritte Hitzewelle in diesem Sommer. Hitzeschutz für vulnerable Gruppen müsse von der Politik mitgedacht werden, insbesondere bei der Stadtplanung.Dennis Kühn findet den Bus eine „geile Idee“. Heute nimmt er sich aber erst mal nur Wasser mit, er muss weiter, ein Freund wartet. Ihm will er aber von der „Busfahrt, ohne zu fahren“ erzählen – und wiederkommen.