Wegwerf-Agenten oder Profis mit Repeater? Zwei Szenarien könnten erklären, wie eine Drohne mit Sprengstoff auf den Flughafen gelangteNach dem versuchten Drohnen-Anschlag am Flughafen Leipzig laufen die Ermittlungen. Fraglich ist, wer den Flugkörper lenkte: Deutschland ist mit seiner Drohnenabwehr derart im Rückstand, dass sogar Amateure infrage kommen.Ein Polizeiermittler am 5. August 2026 im Einsatz am Flughafen Leipzig/Halle.Axel Schmidt / ReutersEine mit Sprengstoff beladene Drohne gelangt in die Nähe mehrerer Antonow-Maschinen – ausgerechnet auf dem Flughafen Leipzig/Halle. Er wird von der Ukraine und der Nato genutzt, was ihn zu einem Flughafen von strategischer Bedeutung macht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und trotzdem schlagen keine Sensoren Alarm, und keine Störsignale oder gar Kugeln holen die Drohne aus der Luft – sondern es braucht den beherzten und zugleich lebensgefährlichen Fusstritt eines Flughafen-Mitarbeiters, damit dem Spuk ein Ende bereitet wird. Wie kann das sein?Diese Frage dürfte auch im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen, die am Donnerstagabend die Bundesstaatsanwaltschaft an sich zog. Welchen Hypothesen die Ermittler nachgehen, darüber lässt sich nur spekulieren. Ebenso, wer den versuchten Anschlag durchgeführt hat.Der deutsche Innenminister Alexander Dobrindt gab dazu am Mittwoch vage Hinweise. Die Aktion sei «nicht von Amateuren durchgeführt» worden, sondern «sehr professionell vorbereitet» und setze «ein hohes Mass an Technikerfahrung» voraus, sagte er.Vieles spricht dafür, dass Russland hinter der Aktion steckt, wenngleich noch nichts belegt ist. Das mutmassliche Anschlagsziel, die Antonow An-124, deutet jedenfalls darauf hin, dass die Akteure der Ukraine oder der Nato, die die Antonows ebenfalls nutzt, schaden wollten. Die Verwendung des Sprengstoffs Semtex ist gleichzeitig ein Indiz dafür, dass Profis am Werk waren. Semtex ist für Amateure nur schwierig zu beschaffen. Zudem wurde die Drohne laut ersten Erkenntnissen professionell manipuliert.Szenario 1: Wegwerf-Agenten waren am WerkAber wenn der Kreml die Aktion in Auftrag gegeben haben sollte, muss das nicht heissen, dass professionelle Geheimdienstmitarbeiter diese vor Ort durchgeführt hätten. Seit Jahren greift Moskau auf sogenannte Wegwerf-Agenten zurück. Das sind Personen, die im Interesse eines fremden Nachrichtendienstes handeln, ohne diesem selbst anzugehören.Sie werden oft über soziale Netzwerke oder Messenger-Dienste angeworben, mit einigen hundert Euro gelockt und für Ausspähung, Sachbeschädigung, Propaganda oder Sabotage eingesetzt. Rekrutierungsmöglichkeiten finden sich überall dort, wo Geldnot, Orientierungslosigkeit oder eine klare prorussische Ideologie herrscht.Der Clou aus Sicht des Auftraggebers: Die Handlanger sind billig, austauschbar, wenig eingeweiht, und die Befehlsketten erstrecken sich über mehrere Stufen. So bleibt der eigentliche Auftraggeber in der Regel verborgen und Russland hat es nicht schwer, jede Beteiligung abzustreiten.Über ein vom Geheimdienst orchestriertes Netzwerk hätten der Sprengstoff und die Drohne nach Deutschland gebracht und dort zusammengebaut werden können. Dieses Fluggerät wäre dann – gemeinsam mit genauen Anweisungen – an die Wegwerf-Agenten übergeben worden.Dass die Drohne von einem Flughafenmitarbeiter aus der Luft getreten werden konnte, könnte ein Indiz dafür sein, dass der Drohnenpilot schlecht ausgebildet war. Profis mit dem Erfahrungsschatz, den Russland aus dem Ukraine-Krieg im Bereich der Drohnenkriegsführung gesammelt hat, würden die Drohne wohl rasch ins Ziel lenken. Allerdings könnte auch ein technisches Gebrechen oder eine schwache Funkverbindung der Grund für die schwache Flugleistung gewesen sein.Szenario 2: Profis nutzten zweite Drohne als RepeaterIn einem zweiten Szenario wäre es denkbar, dass ausgebildete Agenten den Anschlagsversuch durchgeführt haben. Dafür könnte sprechen, dass offenbar eine weitere Drohne im Einsatz war. In der Nacht auf Mittwoch kollidierte ein Frachtflugzeug über dem Flughafen mit einem bislang unbekannten Flugobjekt. War es eine Drohne, hätte diese ein sogenannter Repeater sein können, also eine Zwischenstation zwischen dem Drohnenpilot und der Sprengstoffdrohne, die die Funkverbindung und damit die Reichweite des Signals verstärkt. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Täter hätten sich in einiger Entfernung vom Ort des Geschehens aufhalten können.Im Ukraine-Krieg wird diese Technik oft angewandt, um tiefer in feindliches Gebiet eindringen zu können. Ein solcher Einsatz setzt jedoch einiges an Wissen voraus. Zudem wurden bislang keine Wrackteile einer Drohne gefunden. Sollten die Behörden Überreste einer zweiten Drohne finden, würde sich der von Dobrindt geäusserte Verdacht, dass Profis den Anschlag ausführten, erhärten.Der Vorfall zeigt in jedem Fall die nach wie vor massiven Lücken in der Erkennung und Abwehr von Drohnen auf. Vergangenen Herbst war nach zahlreichen Drohnensichtungen über Flughäfen eine deutschlandweite Debatte über verbesserte Drohnenabwehr ausgebrochen.Probleme bei DrohnenabwehrDas deutsche Innenministerium hatte den Flughäfen Berlin, München, Düsseldorf, Stuttgart, Hamburg, Leipzig/Halle und Köln/Bonn Systeme zur Erkennung und Abwehr von Drohnen zugesagt. Allerdings wartet eine Reihe dieser Flughäfen noch darauf. «In Frankfurt ist so ein System bereits fertig installiert», sagte eine Sprecherin des Flughafenverbands ADV der NZZ.Ob das auch für weitere Flughäfen gilt, will der ADV aus Sicherheitsgründen nicht mitteilen. Die Sprecherin bestätigte der NZZ jedoch, dass in Leipzig noch kein System zur Drohnenabwehr installiert sei. Allerdings, so die Sprecherin weiter, habe das Transportunternehmen DHL, das ebenfalls auf dem Gelände des Leipziger Flughafens operiert, dort ein solches installiert. Ob dessen System in der Nacht auf Mittwoch Alarm schlug, wollte DHL auf Anfrage nicht mitteilen.Möglich ist, dass die von den Tätern eingesetzte Drohne zu klein war, als dass die Detektoren sie erkannt hätten. Die Menge an Sprengstoff, die die Täter einsetzten, spricht aber dafür, dass es sich um ein ausreichend grosses Gerät handelte. Diese Frage lässt sich aber vergleichsweise einfach eruieren, indem die Ermittler eine identische Drohne durch die Luft fliegen lassen.Und selbst wenn das System von DHL die Drohne erkannt und Alarm geschlagen hätte: Ein privates Unternehmen in Deutschland darf Drohnen nicht selbstständig abfangen oder zum Absturz bringen. Vielmehr muss in einem solchen Fall die Polizei alarmiert werden, deren Spezialkräfte am Flughafen notfalls schiessen dürften, sollte es nicht möglich sein, die Drohne mit einem Jammer, also per Störsignal aus der Luft zu holen. Beides dauert in der Regel allerdings recht lang.Noch mehr Zeit hätten die Täter gewonnen, wenn sie den Sprengstoff und die Drohne – möglicherweise in Einzelteilen – selbst aufs Flughafengelände gebracht und erst dort alles zusammengebaut haben sollten. So hätte die Drohne gar nicht erst in den Luftraum des Flughafens eindringen müssen, sondern wäre vom Start weg in der Nähe der Flugzeuge gewesen, denen der mutmassliche Angriff galt.Die Tatsache, dass die Zündvorrichtung defekt oder sogar abgerissen war, wirft weitere Fragen auf – sofern nicht der Fusstritt des Flughafen-Mitarbeiters dafür verantwortlich gewesen ist. Wollte der Kreml Deutschland und die Nato blossstellen, ohne eine allzu grosse Eskalation zu riskieren, die die Dimension eines hybriden Angriffs überschritten hätte, also einer Kriegshandlung gleichkäme? Handelte es sich bei der Aktion vielleicht nur um einen Test, der zeigen sollte, welche deutschen Behörden auf ein solches Ereignis wie reagieren?«Der Aggressor nimmt eine Eskalation in Kauf»Sicher scheint nur, dass die Täter Zugang zu sensiblen Informationen hatten und somit wussten, wohin sie die Drohne steuern mussten. Dies würde umso mehr gelten, wenn sich die Berichte bewahrheiten sollten, dass eine der Antonow-Maschinen mit Munition geladen war und an diesem eine Explosion hätte herbeigeführt werden sollen. Eine offizielle Stellungnahme zu entsprechenden Berichten steht nach wie vor aus.«Hier handelt es sich auf jeden Fall um Geheimnisverrat», sagt Roderich Kiesewetter. Der CDU-Politiker sieht Parallelen zum Anschlag 2024, als ein Paket, das einen Brandsatz enthielt, im Leipziger DHL-Logistikzentrum in Flammen aufging. Nur durch Zufall befand sich das Paket zu dem Zeitpunkt nicht wie vorgesehen an Bord eines Flugzeugs. «Ein halbes Jahr später hat man festgestellt, dass der russische Militärnachrichtendienst dahintersteckte», sagt Kiesewetter.Der Oberst a.D. fürchtet Schlimmeres. «Jetzt haben die Täter wieder in Kauf genommen, dass Flugzeuge brennen. Es ist ein Glück, dass nicht mehr passiert ist.» Es stehe aber fest, dass der Aggressor eine Eskalation in Kauf nehme. Kiesewetter ordnet die Ereignisse in Leipzig dem Konflikt mit Russland zu und fordert Konsequenzen, da die Strategie der Bundesregierung nicht wirke. «Es droht immer weitere Eskalation», sagt Kiesewetter. «Deutschland muss umdenken.»Passend zum Artikel