Die Rave-Bewegung hat die ganze Welt erobert. Jenseits des Mainstreams aber werden noch immer die Mythen des Underground zelebriertAnfang neunziger Jahre fuhren DJ der sogenannten Free-Tek-Bewegung mit Lastwagen, Generatoren und Boxen durch ganz Europa, um in der Natur Partys zu feiern. Noch heute nährt Free Tek die Ideale einer romantischen und rebellischen Partyszene.Björn Schäffner07.08.2026, 14.54 Uhr5 LeseminutenDer Underground wird von elitären Netzwerken bestimmt.Tony Davis / PYMCA / Avalon / GettyDas «Ministry of Sound» meldete im Frühling Besuch von Einbrechern. Der Klub, seit 1991 eine Londoner Institution der House-Musik, veröffentlichte Bilder von vermummten Gestalten, besprühten Spiegeln und fliegendem Konfetti. Hundert tanzende Menschen auf der Frauentoilette! DJs, Soundsystem und eine improvisierte Bar! Am 1. April löste der Klub die Sache auf: Es habe sich um einen Aprilscherz gehandelt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es sei doch witzig, in einen Klub einzubrechen, um darin ein Pop-up aufzuziehen, liess sich der Manager später zitieren. Ein «Pop-up»? Eigentlich simulierte die Aktion die vorübergehende Besetzung eines Raums, um eine illegale Party zu veranstalten.Im Falle von «Ministry of Sound» gab es kein illegales Wagnis. Der etablierte Klub schmückte sich mit etwas Rebellentum für eine Nacht. Der Aprilscherz aber erinnert an den für die Pop-Kultur typischen Gegensatz von Underground und Mainstream. Damit einher geht meist die Idee eines Transfers von der Kreativität aus der Tiefe zum oberflächlichen Kommerz. Dass der Underground auf diese Weise «entdeckt, ausgebeutet und zerstört» werde, hält der britische Musikhistoriker Tim Lawrence jedoch für eine zu simple Vorstellung. Die Trends verbreiten sich nie direkt von unten nach oben, sondern in «a squiggle of directions»: kreuz und quer.Der Backstage hinter dem BackstageWer «Underground» sagt, benennt nicht nur ein Ideal. Er erhebt auch einen Anspruch. Im Techno trägt man ihn gerne auch auf dem Leib: Ein T-Shirt des politischen Detroiter Kollektivs «Underground Resistance» signalisiert beispielsweise Szenekompetenz und Solidarität mit den verarmten Milieus der Motor City. Tragen es privilegierte, mitteleuropäische Fans, glaubt man Detroit allerdings zurückrufen hören: «You ain’t from here!» Das Logo reist um die Welt, das Prekariat bleibt in Detroit zurück.Underground ist immer eine Frage des Zugangs. Wer früher zu einem illegalen Rave wollte, brauchte die richtige Telefonnummer, um geheime Treffpunkte zu erfahren. Oder es wurde einem ein Flyer zugesteckt. Heute folgt man dem richtigen Telegram-Kanal. Doch deshalb ist man noch lange nicht drin. Bei einem Techno-Anlass des Veranstalter-Teams Naturklang auf dem Zürcher Üetliberg gewährte ein Backstage-Bändel jüngst zwar Zutritt zum Backstage-Bereich, nicht aber zum eigentlichen Insider-Backstage. Dafür brauchte es einen zweiten Bändel für den Backstage hinter dem Backstage. Exklusiver geht immer.Wo jeder Zugang geregelt ist, wächst die Sehnsucht nach dem, was sich nicht regeln lässt. Nach dem Abenteuer. Und etwa auch nach jenen Autokonvois, die sich Anfang der neunziger Jahre ausserhalb von London bildeten, um im Nebel der Nacht ein stillgelegtes Flugfeld aufzusuchen. Der Generator wurde angeworfen, die Boxentürme wummerten los.Mit der Zeit kam diese Partykultur auf die politische Agenda. Die Thatcher-Regierung bekämpfte die Jugend, die mit Acid House auf der Insel eine Kulturrevolution ausgelöst hatte. Der Tanzboden wurde zur Kampfzone. Hier Menschen, die sich im Sog der Bässe finden und verlieren wollten. Dort politische Kräfte, die ihnen den Raum streitig machten.Und da sind wirtschaftliche Begehrlichkeiten. Der Name eines neuen Berner Partyveranstalters nimmt sich passend dreist aus: «Resisdance», Widerstand und Tanz fusioniert, dem an sich kommerziellen Line-up zum Trotz. Ein harmloses Wortspiel? Vielleicht. Anderswo ist Techno wirklich widerständig. In Iran zum Beispiel ist Tanzen zu elektronischen Beats verboten. In Georgien wettert die erzkonservative Kirche gegen Techno-Klubs. In Uganda flohen queere Künstlerinnen des Techno-Labels Nyege Nyege wegen der Anti-Homosexuality Act ins Berliner Exil. Techno ist in diesen Ländern noch immer ein Soundtrack der Freiheit. Oder, in den Ohren der Machthaber, der Lärm des Ungehorsams.Der Underground scheint romantisch und rebellisch. Gegen den Kommerz zu moralisieren, wirkt da schnell wohlfeil. Oft greift das zu kurz: Ein Künstler-Deal mit Spotify kann den Sprung aus der Armut bedeuten, weil er lukrativ ist. Wer darin Ausverkauf sieht, muss sich das leisten können. Etwa in Südafrika: In den Townships wurde der Dance-Stil Amapiano entwickelt – abseits des etablierten Musikbetriebs. Im Underground? Ein eng verwandter Stil trägt den Namen eines alkoholischen Getränks: «Bacardi House», mehrere Tracks haben überdies den Titel «Jägermeister» – als kommerzielle Chiffre einer glitzernd-durchzechten Nacht.Die Zürcher Street Parade (28. August 1993) zeigte den Übergang vom Techno-Underground in den Techno-Mainstream.KeystoneDer subventionierte UndergroundIst das Pochen auf einen reinen Underground also ein Privileg sozialer Komfortzonen wie der Schweiz? Das politische Klima ist liberal, der Lebensstandard hoch. Alternative Kultur wird nicht nur geduldet, sondern auch subventioniert. Die Achtziger-Bewegung und später die Techno-Szene haben Freiräume erkämpft, die heute institutionell abgesichert sind wie die Rote Fabrik oder die Zentralwäscherei. Gerade diese Sicherheit erlaubt es, sich mit Szenen zu solidarisieren, deren Mitglieder andernorts Razzien, Beschlagnahmungen und Gefängnisstrafen riskieren.Das gilt zum Beispiel für die sogenannte Free-Tek-Bewegung. Ein aufmerksamer Beobachter dieser Szene ist der Zürcher DJ und Kurator Nicola Kazimir, der ein Label mit dem selbstironischen Namen «Gentrified Underground» betreibt. Für Kazimir ist Free Tek eine der letzten Bastionen des Undergrounds, weil sie auch ohne offizielle Bewilligung Partys organisiert. Im Dezember 2023 hat Kazimir das legendäre Free-Tek-Kollektiv Spiral Tribe, in das kleine Kulturlokal «Mikro» am Zürcher Sihlquai eingeladen, das aus allen Nähten platzte.Anfang der neunziger Jahre zog das Kollektiv mit Lastwagen, Generatoren und Boxen durch ganz Europa, nahm Hallen und Wiesen in Beschlag. Es galt die einfache Formel: Auffahren, aufbauen, aufdrehen. Zum Mythos wurde das Kollektiv 1992 in Castlemorton. Verschiedene DJ-Teams liessen sich auf einer Allmend in den englischen Midlands nieder. Aus der ungeplanten Zusammenkunft wurde ein mehrtägiges Festival mit schätzungsweise 40 000 Menschen.Dreizehn Mitglieder von Spiral Tribe wurden in der Folge angeklagt und erst nach einem monatelangen Prozess freigesprochen. Teile des Kollektivs zogen danach über den Kontinent und prägten die europäische Free-Tek-Szene. Vierunddreissig Jahre später geraten die Erben dieser Bewegung wieder unter Druck. In Italien riskieren Organisatoren nicht bewilligter Raves mehrere Jahre Haft; auch Frankreich will härter gegen Free-Tek-Partys vorgehen.Wir sind alle RaverWährend die einen für einen Rave vor Gericht stehen und saftige Bussen zahlen müssen, buchen ihn andere zur Selbstoptimierung. Der «Global Wellness Summit Report» kürte jüngst den sogenannten «Sauna Rave» zum Top-Trend des Jahres 2026. Bei dieser Veranstaltung gibt es Kopfhörer-geführte Tanzeinheiten. Der Körper soll so nicht betäubt werden. Im Gegenteil – man soll ihn besser spüren.Man kann es als Verwässerung beklagen oder als Erfolg der Dance-Kultur feiern, die sich flächendeckend durchgesetzt hat. Scheinbar alle Bevölkerungsschichten «raven» in allen Lebenslagen: egal ob bedröhnt oder nüchtern, nach Mitternacht oder frühmorgens, kommerziell oder alternativ. Der «Rave», der einst auf unbewilligten Partys in britischen Lagerhallen und auf freien Feldern abging, ist längst Allgemeingut.Auch in Zürich begann Techno im Underground. 1989 wurde im «Razzia» ein Einbruch gemeldet. Der Veranstalter James Wolfensberger hatte davon profitiert, dass das kurz zuvor geschlossene Kino nur mit einem Vorhängeschloss gesichert war, und liess hier eine Party steigen. Die Polizei rückte an, doch der Besitzer verzichtete auf eine Anzeige. Wolfensberger kam frei und zog dreihundert Meter weiter in den Kellerklub «Daktari», der offen stand. So konnte die illegale Party weitergehen. Das war kein Aprilscherz und kein Pop-up. Aber schon damals eine gute Geschichte.Passend zum Artikel