Intensiv ist in den zurückliegenden Monaten in Deutschland darüber debattiert worden, wie Überkapazitäten in China die europäische Wirtschaft unter Druck setzen. Das gilt für die exportorientierte deutsche Industrie zweifellos in besonderem Maße. Chinesische Elektroautos, Batterien, Maschinen oder Solarmodule kommen zu Preisen auf den europäischen Markt, mit denen europäische Anbieter kaum mithalten können.Die günstigen Einfuhren aus China wurden nicht immer so kritisch gesehen. Dahinter stand aber nicht Naivität, sondern wirtschaftliches Kalkül. Konsumprodukte aus China hielten für mindestens ein Jahrzehnt die Inflation in Schach und senkten die Kosten der Energiewende. Ohne billige Photovoltaik, Batterien und Turbinen wären die Klimaziele in noch viel weiterer Ferne.Überdies wäre die Abhängigkeit von Ölimporten größer. Doch der gleiche Preisdruck schwächt natürlich jene Unternehmen, die in Deutschland die Technologien der nächsten Generation entwickeln und herstellen wollen.Chinesische Unternehmen lernen schnellDie politische Reaktion folgte bislang einem vertrauten Muster. Immer wenn chinesische Hersteller den europäischen Markt mit ihren Produkten fluteten, wurden Antisubventionsverfahren eröffnet und sogenannte Ausgleichszölle gefordert. Die Europäische Union hat diesen Weg zum Beispiel bei Stahl, Aluminium und Elektrofahrzeugen aus China eingeschlagen. Der Ansatz ist nicht völlig unbegründet. Staatliche Hilfen, verbilligtes Land, günstige Kredite und die Förderung durch lokale Regierungen gehören zum chinesischen Modell.Aber die Erklärung, wonach Chinas Erfolg im Wesentlichen aus Subventionen bestehe, ist bequem – und falsch. In Chinas wirtschaftlichem System sind Größe und Prozesswissen die Grundlage der Entwicklung. Die chinesischen Unternehmen lernen schnell und produzieren in großem Maßstab. Damit können sie ihre Stückkosten senken und Marktanteile gewinnen. Der so geschaffene komparative Vorteil des chinesischen Systems ist ein perfektes Zusammenspiel aus massiven Investitionen, der effizienten Organisation der Zulieferketten sowie einer Industriepolitik, die Verluste und Überkapazitäten hinnimmt.Keine hermetisch abgeschlossene VolkswirtschaftDafür braucht es Kapital. Und hier liegt ein Unterschied, der in der europäischen Debatte unterschätzt wird. China weist seit Langem eine der höchsten Sparquoten der Welt auf. Zugleich ist der Anteil des privaten Konsums relativ gering. Daraus entsteht ein Überschuss an Kapital, das nach Anlage sucht.In einer vollständig offenen Volkswirtschaft könnten Haushalte und Unternehmen dieses Geld frei im Ausland investieren. Kapital geht dorthin, wo es die attraktivsten Renditen erwartet. Zugleich würden Zuflüsse aus dem Ausland den Wechselkurs, die Vermögenspreise und die Zusammensetzung der heimischen Wirtschaft stärker beeinflussen.China ist keine hermetisch abgeschlossene Volkswirtschaft. Ausländische Direktinvestitionen sind willkommen. Auch investieren chinesische Unternehmen im Ausland, und die Regierung exportiert selbst Kapital durch den Kauf von Anleihen auf dem internationalen Kapitalmarkt. Doch die Kapitalbewegungen privater Haushalte und der Zugang ausländischer Anleger zu vielen Teilen des chinesischen Finanzmarktes bleiben weit stärker reguliert als in den großen westlichen Volkswirtschaften. Dieses Modell verschafft dem Staat Einfluss darauf, wohin die inländischen Ersparnisse fließen.Hohe Sparquote, schwache BinnennachfrageÜber das Bankensystem, über staatliche Unternehmen und über lokale Regierungen wird ein großer Teil dieses Geldes in Anlagen, Fabriken, Infrastruktur und strategische Zukunftsbranchen geleitet. Damit werden zwar sicher zum Teil auch einzelne Unternehmen subventioniert.Wichtiger ist aber, dass auf diese Weise die Finanzierung ganzer Industriezweige ermöglicht wird. Die Kosten des Kapitals bleiben niedrig, selbst wenn die erwarteten Erträge zweifelhaft sind. Risikoprämien werden nicht bezahlt. Der Druck, unrentable Kapazitäten rasch abzubauen, ist daher schwächer als in einer Wirtschaft, in der private Investoren jederzeit ihr Geld abziehen können.Die Debatte über Subventionen erfasst das Problem infolgedessen nur halb. Direkte Hilfen sind sichtbar und können juristisch geahndet werden. Weniger sichtbar, aber viel wichtiger ist die Verbindung aus hoher Sparquote, schwacher Binnennachfrage, gelenkter Kreditvergabe, Wechselkurspolitik und kontrolliertem Kapitalverkehr.Daraus folgt nicht, dass Europa hilflos zusehen sollte. Gezielt eingesetzte und regelgebundene Zölle können Zeit verschaffen, wenn Unternehmen gegen nachweislich verzerrte Konkurrenz antreten müssen. Sie sind ein Schutzinstrument.Aber das zugrunde liegende Problem wird damit nicht adressiert. Zölle verteuern die Einfuhr auf dem europäischen Markt, aber sie ändern weder den geringen Konsum der chinesischen Binnenwirtschaft – noch den Investitionsdruck eines Systems, das die eigenen Ersparnisse fortwährend in Produktionskapazität kanalisiert.Die europäische Antwort muss deshalb breiter ausfallen als ein handelspolitischer Abwehrreflex. Europa muss erkennen, dass eine starke Industrie ohne ausreichend geduldiges Kapital nicht zu halten ist. Das heißt vor allem: Europäische Ersparnisse müssen in viel größerem Umfang als bisher in europäische Innovationen, Unternehmensgründungen und die Modernisierung der bestehenden Industrie gelenkt werden.Die Kapitalmarktunion, die in Brüssel seit Jahren als Fernziel behandelt wird, muss viel schneller kommen. Solange junge europäische Technologieunternehmen bei der Skalierung ihrer Geschäfte fast zwangsläufig auf amerikanisches Kapital angewiesen sind und große Anleger in einem Flickenteppich nationaler Regeln operieren, wird der Kontinent weiter an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.Mehr europäisches Kapital im europäischen Wirtschaftskreislauf lässt sich hierzulande natürlich nicht durch Verbote erreichen, sondern durch bessere Märkte, verlässliche Regeln und attraktive Anlagemöglichkeiten. Dafür braucht es einen liquiden und integrierten Kapitalmarkt. Es braucht langfristig orientierte institutionelle Anleger und einen Staat, der strategische Risiken dort absichert, wo private Finanzierung zögert.Der Streit über Chinas Überkapazitäten ist mehr als ein Konflikt über die Höhe von Zöllen oder die Wirksamkeit von Industriepolitik. Vielmehr stehen wir in einem Wettbewerb zwischen zwei Modellen, Kapital zu organisieren. Europa wird diesen Wettbewerb nicht gewinnen, wenn es nur auf die Handelsbilanz schaut. Es muss vor allem sicherstellen, dass den Fabriken von morgen ausreichend Kapital zur Verfügung steht.
Mühlhahn und Haes zum Umgang mit China: Nicht nur ein Zollproblem!
Chinas Überkapazitäten gefährden die europäische Industrie. Dagegen helfen Zölle nur begrenzt. Wichtiger ist zu verstehen, wie der chinesische Erfolg wirklich entsteht: Es geht um Kapitalbildung und Industrie.










