Selbst die Älteren können sich an so eine Situation nicht erinnern: Die Wirtschaft des Landes steckt in Schwierigkeiten, so lange auf der Stelle getreten hat das Bruttoinlandsprodukt des Landes noch nie, allmählich wächst die Arbeitslosigkeit – und doch herrscht im Land eine große Sehnsucht nach den guten Nachrichten.Ständig wollen die Deutschen lesen: So schlimm ist es gar nicht. So war es nicht in der großen Finanzkrise des Jahres 2008. So war es auch nicht, als die New-Economy-Blase platzte. Und so war es schon gar nicht in den Neunzigerjahren, als die Arbeitslosigkeit allmählich wuchs. Doch heute ist es so: Immer wieder wird der typische Wirtschaftsredakteur gebeten, zu zeigen, was gut ist am Land. Und das ist an sich schon ein starker Hinweis darauf, was genau in der Wirtschaft des Landes funktioniert.Die Merkwürdigkeiten der aktuellen MisereKommt der Wunsch nach guten Nachrichten daher, dass die Leute genug haben von den vielen Krisen und schlicht etwas Schönes hören wollen? Möglich. Kommt er von der Angst, dass zu schlechte Laune die Wahlchancen der Extremisten steigert? Nicht ausgeschlossen. Doch all diese Nachfrage nach Optimismus wäre kaum vorstellbar, wenn es vielen Deutschen schlecht ginge. Dann würden solche Artikel als Schönreden empfunden, als Augenwischerei, vielleicht sogar als Realitätsverweigerung. Doch tatsächlich geht es vielen Leuten gut – zumindest sagen sie das selbst so über sich und ihre Lage.Zu den Merkwürdigkeiten der aktuellen Misere gehört eine Umfrage, die in unterschiedlichen Formulierungen jedes Jahr wiederkommt. Hier zum Beispiel von der Körber-Stiftung aus dem vergangenen Jahr: Da fanden nur 22 Prozent der Befragten die wirtschaftliche Lage Deutschlands gut oder sehr gut, die große Mehrheit sah das Land pessimistisch.Wenn es aber um die eigene wirtschaftliche Lage ging, war das Bild viel besser: Da verorteten sich 57 Prozent der Befragten auf der guten Seite. Das war sogar ein Hauch mehr als im Jahr zuvor. Und die Bundesregierung kann in ihrem Armuts- und Reichtumsbericht vermelden: Es glauben mehr Leute, dass sich ihre Lage in den kommenden fünf Jahren verbessert, als dass sie sich verschlechtert.Die Deutschen haben immer mehr Platz und die Zahl der Urlaube wächstDabei sind die Einkommen der Deutschen in den vergangenen Jahren kaum gestiegen. Doch die Arbeitsplätze sind für viele Deutsche immer noch sicher. Auf dieser Basis lässt sich gut das Leben genießen. Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden im Land ist in den vergangenen Jahren nur dank der Zuwanderung auf Rekordhöhen gestiegen, die länger ansässige Bevölkerung hat ihre Arbeitsstunden mutmaßlich gesenkt.An neuen Techniken ist Deutschland mit einzelnen Unternehmen sehr erfolgreich beteiligt. Lasertechnik von Trumpf ist zum Beispiel in der Chipproduktion gefragt.dpaIm Gegenzug ist die Freizeit gewachsen, seit 2000 immerhin im Durchschnitt um eine Stunde in der Woche. Selbst die übrigen Arbeitsstunden sind für viele Leute angenehmer geworden, seit sie einen Teil davon im Homeoffice erledigen können. Und es wächst die Zahl der Urlaube. Mehr als die Hälfte der Deutschen leistet sich mehrere Urlaubsreisen im Jahr.So geht es weiter. In Großstädten sind Wohnungen knapp, und wer umzieht, zahlt für seinen neuen Vertrag immer mehr Miete – doch auch diese Mangelerzählung ist nicht die ausschließliche Wahrheit. Gleichzeitig leben die Deutschen nämlich auf immer mehr Platz. Fast 48 Quadratmeter pro Kopf meldet das Statistische Bundesamt im Durchschnitt. Im Jahr 2000 waren es noch 39 Quadratmeter.Wer ist hier wirklich arm?Und wer kein Glück im Leben hat, um den kümmert sich der Staat. In kaum einem Land wird so viel Geld von Reich zu Arm umverteilt wie in Deutschland. Bevor der Staat kommt, sind Deutschlands Einkommen so ungleich wie in den USA. Nach der Umverteilung aber liegt Deutschland auf dem Niveau von Kanada.Deutschland ist Teil des europäischen Trends. Im April fragte das „Wall Street Journal“ aus New York: „Was passiert, wenn die Europäer herausfinden, wie arm sie sind?“ Die Europäer antworteten: Auf X posteten sie Bilder von ihrer Freizeit beim Angeln, im Café und bei der Open-Air-Disco. Sie waren stolz darauf, dass sie es ruhig angehen lassen.Auch in den harten Zahlen gibt es den einen oder anderen Lichtblick. Pharmaindustrie und Medizintechnik funktionieren in Deutschland immer noch sehr gut, allen voran die Firmen, die an der Spitze des Fortschritts stehen. An neuen Techniken ist das Land mit einzelnen Unternehmen sehr erfolgreich beteiligt. Trumpf stellt Laser für die Chipproduktion her. Die Chips von Infineon sind im KI-Zeitalter sehr gefragt – und auch die Gasturbinen von Siemens Energy erfreuen sich jetzt hoher Nachfrage.Optimismus allein wird nicht ausreichenZudem tut sich das eine oder andere in der jungen Wirtschaft. Die Zahl der Unternehmensgründungen sinkt nicht mehr weiter, sondern ist – je nachdem, welche Unternehmen man zählt – zuletzt sogar wieder leicht gestiegen. Und es gibt durchaus zukunftsfähige Techniken, in denen Deutschland nicht nur gut forscht, sondern auch vielversprechende Start-ups hat, zum Beispiel in anspruchsvollen Technologien wie Quantencomputern und Fusionskraftwerken.Bei allem Optimismus wird das allein nicht ausreichen, um das gemütliche Leben in Wohlstand, das die Deutschen so lieben, in den kommenden Jahren weiter zu finanzieren. Das Problem beginnt schon damit, dass es an Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträgen fehlt. Während die Bundesregierung so hohe Schulden aufnimmt wie nie zuvor, geht es im Haushalt von Jahr zu Jahr immer knapper zu – und es wird noch knapper werden, wenn in den kommenden Jahren noch mehr Deutsche in Rente gehen.Doch auch da gibt es eine gute Nachricht. Deutschland hat nämlich noch längst nicht alles an Wohlstand herausgeholt, was mit den aktuellen Arbeitszeiten möglich wäre. Die relevante Überlegung dreht sich um die sogenannte „Produktivität“: Wie viel Wohlstand holt das Land aus einer Stunde Arbeit heraus?Deutschland hat die Digitalisierung verschlafenDie USA liegen vorne. Jahrzehntelang holten Deutschland und die anderen Länder auf. Doch ungefähr seit der Jahrtausendwende bleiben sie zurück. Deutschland – und große Teile Europas – haben die Digitalisierung verschlafen. Das ist kein unabwendbares Schicksal, und man muss seine Wirtschaft auch nicht so organisieren wie die USA, um mehr Produktivität zu schaffen. Auch Länder wie Irland und Neuseeland schaffen mehr Produktivitätswachstum als Deutschland. Eine Geschichte aus dem Frankfurter Allgemeine Quarterly, dem Zukunftsmagazin der F.A.Z. Mehr erfahren Da wäre also einiges an Wohlstand zu gewinnen. In den vergangenen Monaten ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Deutschland hinter dem anderer Länder zurückgeblieben, auch hinter anderen europäischen Ländern. Dabei läge da eine Chance, mit weniger Arbeit mehr Wohlstand zu schaffen. Man muss KI nicht unkritisch über den grünen Klee loben. Aber wer sich auch nicht von den Kritikern komplett entmutigen lässt, sondern mit offenen Augen und kritisch guckt, für welche Aufgaben so ein Werkzeug taugt, der kann in den kommenden Jahren eine Menge Arbeit sparen.Dann kann das Land noch ein bisschen Bürokratie abbauen. Die Teile, die niemandem etwas bringen, und wo das Land sich nur selbst verwaltet, ohne einen Nutzen daraus zu ziehen. Es gibt da erstaunlich tief hängende Früchte zu ernten. Wenn das Land das schafft, dann ist Optimismus angebracht: Dann kann Deutschland das retten, was an seiner Wirtschaft gut ist – und diesen Wohlstand in den kommenden Jahren auch bezahlbar halten.
Wohlstand: Es läuft nicht alles schlecht in der deutschen Wirtschaft
Es läuft nicht alles schlecht in der deutschen Wirtschaft. Was getan werden muss, damit das so bleibt – und warum wir dafür nicht wie die USA werden müssen.










