In der deutschen Hauptstadt schien alles auf eine Koalition von Linkspartei, Grünen und der SPD zuzulaufen. Doch nun grenzt sich die SPD von der Linkspartei ab. Der Streit entzündet sich an der Enteignung von Immobilienkonzernen.07.08.2026, 12.05 Uhr4 LeseminutenElif Eralp möchte die Geschicke Berlins lenken. Ihre türkischen Eltern kamen in den achtziger Jahren nach Deutschland.Jörg Carstensen / ImagoDie Bürger der deutschen Hauptstadt sind empfänglich für sozialistische Ideen. Das wurde bei einem Volksentscheid im Jahr 2021 deutlich. Damals stimmten 57,6 Prozent der Wähler dafür, Berliner Wohnungskonzerne zu verstaatlichen. Wenn das Bundesland Berlin Ende September ein neues Parlament wählt, könnten die Sozialisten erneut triumphieren. Erstmals in der Geschichte des wiedervereinigten Berlins möchte die Linkspartei die Regierende Bürgermeisterin stellen. So heisst in der deutschen Hauptstadt der Chef der Landesregierung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Derzeit wird Berlin von Kai Wegner regiert, einem Christlichdemokraten. Weil er sich in Lügen verstrickt hatte, tritt er nicht mehr an. Auf ihn folgt Stefan Evers als Spitzenkandidat. Das derzeitige Regierungsbündnis aus CDU und SPD dürfte laut den Umfragen aber seine Mehrheit verlieren. Eine Koalition aus SPD, Grünen und Linkspartei hätte voraussichtlich eine klare Mehrheit. Damit könnte Berlin nicht nur weiter nach links, sondern auch ein bisschen weiter Richtung Sozialismus rutschen.Mit einiger Wahrscheinlichkeit dürfte dann die Linkspartei mit der Politikerin Elif Eralp die Regierende Bürgermeisterin stellen. Sie wurde im Jahr 1981 als Tochter von türkischen Sozialisten in München geboren. Ihre Eltern waren auch in Deutschland politisch aktiv. Eralp ist Volljuristin und hat ihren Wahlkreis im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, der von linken Parteien dominiert wird.Schon bevor die ersten Wahlplakate aufgehängt werden durften, plakatierte die Linkspartei Elif Eralp auf reguläre Werbeflächen im öffentlichen Raum. Vor tiefrotem Hintergrund versprach sie: «Ich werde jeden verdammten Hebel umlegen, um Berlin wieder bezahlbar zu machen.» In Berlin dürfte viele Bürger intuitiv wissen, was damit gemeint ist.700 Euro pro Monat für ein ZimmerDie Mieten in der deutschen Hauptstadt sind in den vergangenen zehn Jahren um rund 70 Prozent gestiegen. Schon ein einzelnes Zimmer in einer Wohngemeinschaft kann in Berlin schnell 700 Euro pro Monat kosten. Vor allem für Studenten und für Menschen mit geringen Einkommen ist diese Entwicklung problematisch. Aber auch Bürger mit besseren Einkommen haben es schwer, bezahlbare Wohnungen zu finden.Somit es ist strategisch klug von der Linkspartei, ihren Wahlkampf fast komplett auf das Thema Wohnen auszurichten. Dass der Wohnungsmarkt in einem schwierigen Zustand ist, würde die wenigsten Berliner bestreiten. Der eingangs erwähnte Volksentscheid aus dem Jahr 2021 zeigt, dass die absolute Mehrheit der Berliner die grossen Wohnungskonzerne dafür verantwortlich macht und deren Enteignung befürwortet.Die Linkspartei gibt sich hier kompromisslos, doch diese Haltung könnte sich nun gegen sie wenden. Die Bundesvorsitzende der Linkspartei, Ines Schwerdtner, hatte dem Magazin «Stern» kürzlich gesagt: «Das ist für uns ganz klar: Es wird mit der Berliner Linken in der Regierung vergesellschaftet werden. Das ist für uns gar keine Frage. Das kann ich Ihnen sehr sicher sagen.»Diese Ansage brachte den potenziellen sozialdemokratischen Koalitionspartner auf die Zinne. «Wenn das die rote Linie ist für die Linkspartei, dann müssen sie gucken, mit welcher Koalition sie das umsetzen wollen – mit der SPD jedenfalls nicht», sagte Steffen Krach, der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten. Krach will selbst Regierender Bürgermeister werden und weiss um das Gewicht der SPD. Ohne die SPD ist ein linkes Bündnis in Berlin nahezu unmöglich. Grüne und Linkspartei dürften zu zweit nicht auf eine Mehrheit der Sitze im Landesparlament kommen.Krach und seine SPD wissen nur zu gut, dass es beim Enteignen zwei gewaltige Probleme gibt. Erstens hat das hochverschuldete Bundesland Berlin kein Geld, um die Wohnungskonzerne für die Enteignung zu entschädigen. Eine Schätzung der Berliner Regierung aus dem Jahr 2019 geht davon aus, dass die Entschädigung 29 bis 36 Milliarden Euro kosten würde. Zweitens schaffen Enteignungen keine neuen Wohnungen. Die braucht Berlin aber, weil die Nachfrage seit vielen Jahren das Angebot stark übersteigt.Merz will Enteignung verhindernSelbst wenn sich diese beiden Probleme irgendwie lösen liessen, gibt es am Horizont noch ein weiteres Hindernis. Der deutsche Kanzler Friedrich Merz will ein Gesetz auf den Weg bringen, um solche Enteignungen zu verhindern. Recherchen der «Bild»-Zeitung ergaben allerdings, dass die Arbeit an diesem Gesetz noch nicht weit fortgeschritten ist.Die Linkspartei hat das Thema derart aufgeladen, dass ein Kompromiss schwierig scheint. Zudem entsprechen Enteignungen ihrer sozialistischen DNA. Gerade ihren vielen jungen Wählern mag es teils nicht klar sein, doch die Linkspartei ist die offizielle Rechtsnachfolgerin der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Die SED verwandelte den deutschen Osten nach dem Zweiten Weltkrieg in einen autoritären Überwachungsstaat und terrorisierte unzählige Andersdenkende.Es gibt wohl nur wenige Grossstädte, die so tiefgreifende Erfahrungen mit Sozialisten gemacht haben wie Berlin. Im Jahr 1961 teilten sie die Stadt mit einer Mauer, die fast drei Jahrzehnte stand. Auch damals wurde enteignet, allerdings aus einem anderen Grund: Weil Grundstücke und Häuser zu nah an der Mauer lagen.Passend zum Artikel