Der berühmte Satz, den Chefredakteur Rudolf Augstein 1961 als Devise für den „Spiegel“ ausgerufen hat, ist heute so beliebt wie nie zuvor: Journalisten sollten „sagen, was ist“. Leider wird er heute derart verkürzt verwendet, dass er das, was Augstein damit gemeint hat, grotesk auf den Kopf stellt. Denn meist wird Augsteins Diktum als Aufforderung interpretiert, sich an Fakten zu halten und die Berichterstattung rein von der eigenen Meinung.Das Motto dient heute als Argument gegen den „Haltungsjournalismus“, und zwar im Namen jener Haltung, die tut, als käme man der Wirklichkeit am nächsten, indem man nur von ihren alleroffensichtlichsten Erscheinungen spricht. Und damit eben dann in Kauf nimmt – oder sich darauf verlässt –, dass die herrschenden Verhältnisse und das allgemeine Ressentiment den ideologischen Job zu Ende erledigen.Dabei ging es Augstein explizit um das Gegenteil, nämlich darum, „einer Wahrheit ans Licht zu helfen, die unter der glatten Oberfläche der Volksmeinung schlummert“, und, so fuhr er fort, „diese notwendige Wahrheit unangreifbar zu fassen (…), eine Wahrheit, der die etablierten Führer und Meinungsmacher aus Bequemlichkeit und Eigensucht bislang ausgewichen sind“. Sein Ziel war alles andere als Objektivität (vielleicht auch weil er wusste, wie problematisch der Begriff ist): „Sagen, was ist“, schrieb er, sei „die einzige Möglichkeit für den Journalisten, die Wirklichkeit zu verändern“.Dieses falsche Verständnis von richtigem Journalismus ist auch im Zeitalter von Deepfakes und allgegenwärtiger Meinungsmanipulation noch erstaunlich intakt. Noch immer begegnen Medien dem Weltgeschehen mit den Routinen der Nachrichtenaufsagerei, als müsste man heute nicht jeden Satz in Anführungszeichen setzen, jedes Bild dreimal schütteln. Wie fatal das ist, konnte man nicht erst am Beispiel der Berichterstattung über die Ereignisse in Ceuta sehen; aber daran besonders gut. Seit Tagen laufen die Bilder des „Massenansturms“ auf die spanische Exklave in Marokko über die Bildschirme, dazu ein paar Zahlen und Fakten, die einen derart beschränkten Blick auf die Geschehnisse vermitteln, dass man sich fragen muss, ob die Berichterstattung das mitschwingende Narrativ nur weiterverbreitet oder selbst produzieren will. Was in Ceuta „ist“, um es mit Augstein zu fragen, davon aber hatten viele Medien zuerst auch keine Ahnung. Und wenn nun allmählich die Umstände, die zu dem massenhaften Grenzübertritt geführt haben, bekannt wurden, die falschen Bilder, auf die wiederum Zigtausende leichtgläubige, perspektivlose Flüchtende hereingefallen sind, bleiben sie doch oft nur eine Fußnote.Nachplappern, was andere sagenDabei hätte man doch, statt so zu tun, als würde man sagen, was ist, schon von Anfang an fragen können, was man da sieht. Und warum. Warum kam es so plötzlich zu diesem Andrang der Massen? Warum erst einen Monat nach dem spanischen Richterspruch, der ihnen angeblich die Türen nach Europa öffnete? Warum werfen 22 Staats- und Regierungschefs der EU der spanischen Regierung vor, das Chaos durch Maßnahmen zur Legalisierung der Migration verursacht zu haben, wo Legalisierung doch der beste Weg gegen illegale Migration wäre? Warum wurden die Bilder so schnell von denen weiterverbreitet, die politisch von der Panik profitieren und sich sonst doch kaum für Europa interessieren? Warum blieb die marokkanische Polizei so untätig? Und warum benannte Marokko eine Autobahn in die nach Unabhängigkeit trachtende Westsahara nach Donald Trump? Nicht erwähnen, was dahintersteckt, nachplappern, was andere sagen – auch das ist Desinformation.Statt aber ihren Job zu machen, verbreiten Medien unkommentiert Bilder weiter, von denen sie wissen müssten, dass sie Waffen sind. Aber Kommentare verbietet ja das Neutralitätsgebot, zumindest solange sie nicht mit Warnhinweisen gekennzeichnet in eigene Ressorts gesperrt werden. Und noch während man sich den Bildern ergibt, berichtet man kopfschüttelnd über die dummen arabischen Jungs, die wegen eines Gerüchts auf Tiktok ihr Leben aufs Spiel setzen.Eine seltene Ausnahme war in den vergangenen Tagen der britische Podcast „The Rest is Politics“ mit Rory Stewart und Alastair Campbell. Die kamen nicht auf die Idee, zu sagen, was ist. Stattdessen überschrieben sie ihre Folge zum Thema mit einer Frage, auf die viele deutsche Kollegen bis heute noch nicht gekommen sind: „Wer profitiert von der Migrationskrise in Ceuta?“
Wie die Bilder aus Ceuta zu Waffen werden
Nicht nur Fake News in den sozialen Medien waren bei dem Ereignis in Ceuta ein Problem. Auch ein falsches Verständnis von Objektivität bei vielen Medien half denen, die politisch von der Panik profitieren.













