Drohne mit Sprengstoff am Flughafen Leipzig: Die wichtigsten Antworten zum mutmasslichen AnschlagWas genau passierte auf dem Flughafen Leipzig, und was sind die Konsequenzen? Noch sind viele Fragen nicht geklärt, doch die Ermittlungen laufen. Was wir derzeit wissen.07.08.2026, 10.52 Uhr5 LeseminutenEin Polizeiermittler am 5. August 2026 im Einsatz.Jens Schlueter / GettyWorum geht es?In der Nacht auf Mittwoch (5. 8.) ist auf der Start- und Landebahn «Südpiste» des Flughafens Leipzig/Halle nahe einer ukrainischen Transportmaschine vom Typ Antonow AN-124 Condor eine Drohne sichergestellt worden. An der Drohne befand sich Sprengstoff. Der Flughafen wurde vorübergehend gesperrt, mehrere Flugzeuge, darunter eine Passagiermaschine, wurden umgeleitet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Währenddessen kam es zu einem zweiten Vorfall: Als ein Frachtflugzeug wegen der gesperrten Landebahn durchstarten musste, kollidierte es mit einem unbekannten Flugobjekt. Nach der Landung in Hannover wurden keine Spuren eines Vogelschlags gefunden. Deshalb prüfen die Ermittler, ob es sich bei dem Flugobjekt um eine zweite Drohne gehandelt haben könnte. Möglicherweise wäre diese dazu gedacht gewesen, den mutmasslichen Anschlagsversuch zu beobachten oder zu filmen. Wrackteile einer zweiten Drohne wurden bisher aber nicht gefunden.Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen. Sie wertet den Vorfall als möglichen schweren Angriff auf die deutsche Transport- und Logistikinfrastruktur, der die Sicherheit der Bundesrepublik gefährden könnte.Wie wurde die mit Sprengstoff versehene Drohne entdeckt und unschädlich gemacht?Offenbar ist es einem Mitarbeiter des Flughafens Leipzig/Halle zu verdanken, dass die Drohne zu Boden kam. Laut dem sächsischen Landeskriminalamt entdeckte der Mann, wie es heisst ein Busfahrer, die Drohne nahe der ukrainischen Transportmaschine und brachte sie mit einem Fusstritt zu Boden. Spezialisten der Bundespolizei entschärften die Sprengvorrichtung daraufhin mit einem Roboter.Hierauf folgende Untersuchungen ergaben, dass für den Sprengsatz auch Semtex verwendet wurde. Der Plastiksprengstoff wird bei kommerziellen Sprengungen eingesetzt, während des Kalten Kriegs taten das auch Terroristen.Warum ist die Drohne nicht explodiert?Hierzu gibt es widersprüchliche Berichte. Zunächst war davon die Rede, dass die Zündvorrichtung defekt gewesen sei. Dies hätten die Untersuchungen der Ermittler mit einem Röntgengerät ergeben. Weiter wurde berichtet, die Ermittler hätten den Zünder mithilfe des Sprengstoffroboters entfernt. Später hiess es auch, der Zünder sei abgerissen gewesen. Möglicherweise sei er sogar schon vor dem Anschlagsversuch von den mutmasslichen Tätern entfernt worden.Wer sind die Täter?Noch ist nicht bekannt, wer hinter dem mutmasslichen Anschlagsversuch steckt, der Drohnenpilot wurde nicht gefasst. Doch nehmen sogenannte hybride Angriffe auf kritische Infrastruktur europäischer Staaten zu. Als deren Auftraggeber wird zumeist Russland verantwortlich gemacht. Verdeckte Operationen sind für den Kreml kostengünstig und lassen sich gut abstreiten. Die Verwicklungen Moskaus zu belegen, ist allerdings meist schwierig.Wieso konnte die Drohne unbemerkt auf den Flughafen gelenkt werden?Dieser Frage widmen sich derzeit die Ermittler. Am Flughafen Leipzig/Halle ist bereits ein System zur Erkennung und Abwehr von Drohnen installiert worden. Warum es die Drohne bei ihrem Flug in den Luftraum über dem Flughafen nicht bemerkte, oder ob die Drohne vielleicht sogar auf dem Flughafengelände gestartet wurde, ist Gegenstand der aktuellen Untersuchungen.Gibt es weitere Vorfälle dieser Art?Sogenannte hybride Angriffe auf kritische Infrastruktur europäischer Staaten nehmen zu. Auch Deutschland ist immer wieder von Störungen des Flugbetriebs durch Drohnen betroffen – Tendenz steigend. Insgesamt wurden laut dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) im vergangenen Jahr 116 relevante Störfälle an 25 deutschen Flughäfen identifiziert. Im ersten Halbjahr 2026 zählte die Deutsche Flugsicherung (DFS) an deutschen Flughäfen bereits 145 Störfälle durch unerlaubte Drohnenflüge.Der Flughafen Leipzig/Halle steht dabei besonders häufig im Visier der Täter. 2024 scheiterte in Leipzig ein Anschlag, als ein Paket, das einen Brandsatz enthielt, im DHL-Logistikzentrum in Flammen aufging. Nur einer zufälligen Verspätung war es zu verdanken, dass es zu dem Zeitpunkt nicht an Bord eines Flugzeugs war.Was macht den Vorfall in Leipzig besonders brisant?Der aktuelle Vorfall ist dennoch als Novum zu werten. Erstmals wurde an einem Flughafen eine feindliche Drohne mit Sprengstoff versehen und in Richtung Flugzeuge gelenkt. Bei den Maschinen, denen der Angriff offenbar galt, handelt es sich zudem um ukrainische Antonows, die auch von der Nato für grosse Transportflüge gechartert werden und von der ukrainischen Firma Antonow gewartet werden. Aufgrund dieser Tatsachen ist der Flughafen Leipzig/Halle sowohl für die Ukraine als auch für die Nato strategisch äusserst bedeutsam. Umso verwunderlicher ist es, dass es den Tätern hätte gelingen können, per Drohne eine Explosion auf dem Flughafen herbeizuführen.Laut einem Bericht von NDR, WDR und «Süddeutsche Zeitung» war eine der Antonow-Maschinen, die sich in der Nähe der Drohne befanden, sogar mit Munition beladen. Diese sei kurz zuvor aus Frankreich nach Leipzig transportiert worden und «wohl für den Weitertransport vorgesehen» gewesen. Sollte sich das bewahrheiten, und wäre die Drohne in der Nähe dieses Flugzeugs explodiert, hätte dies womöglich eine gigantische Explosion auslösen können. Später berichteten der «Focus» und die Deutsche Presse-Agentur, in einer vertraulichen Unterrichtung von Abgeordneten der Innen- und Verteidigungsausschüsse sei klargestellt worden, dass die Maschine keine Munition an Bord gehabt habe. Eine offizielle Stellungnahme zu dieser Frage ist jedoch nicht erfolgt.Wie reagieren Politiker und Experten?Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach am Mittwochabend von einem «hybriden Anschlagsszenario». Dass eine Drohne mit Sprengstoff auf das Flughafengelände gelangte, sei «eine neue Gefahrenqualität». Man habe es mit einem Wettbewerb zu tun, der «möglicherweise auch fremde Mächte» mit einschliesse, die offensichtlich zu erheblicher Verunsicherung in Deutschland beitragen wollten.Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Alexander Throm (CDU), meint zu dem Vorfall in Leipzig: «Es spricht vieles dafür, dass damit die Bedrohung eines hybriden Kriegs nach Deutschland geschwappt ist.»Der Grünen-Innenpolitiker Konstantin von Notz kritisiert, dass Dobrindt keine Namen nannte. «Es ist vollkommen naheliegend, dass Russland hinter dem Angriff auf den Leipziger Flughafen steckt», sagte von Notz der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Das Muster des Angriffs passe zu Moskau. «Es ist ein Fehler, dass Dobrindt das nicht klar benennt. So ermutigt man die Russen nur.»Von Notz verlangt «glasklare Zuständigkeiten, zum Beispiel bei der Drohnenabwehr», was Dobrindt bisher vermieden habe. Es brauche unter anderem ein tägliches Lagebild. «Alle Sabotage- und Spionageaktionen müssen dokumentiert und kommuniziert werden und vor allen Dingen an einer koordinierenden Stelle zusammenlaufen.»Der Dresdner Luftverkehrsexperte Hartmut Fricke spricht von einer neuen Dimension der Bedrohung für kritische Infrastruktur. Eine Sprengvorrichtung an einer Drohne erhöhe das Gefahrenpotenzial erheblich, sagte der Professor für Technologie und Logistik des Luftverkehrs an der TU Dresden.Die Gewerkschaft der Polizei fordert klarere gesetzliche Grundlagen, bessere Ausstattung von Polizeibehörden und den Aufbau einer bundesweiten Drohnenabwehr-Infrastruktur.Was sind die Konsequenzen?Deutschland hat in der Vergangenheit auf Vorfälle mit Drohnen meist zurückhaltend geantwortet, genauso wie andere betroffene europäische Staaten. Die Behörden haben ohnehin kaum Möglichkeiten, auf die Provokationen zu reagieren. Sie können die Drohnen in der Dunkelheit meist weder identifizieren noch deren Piloten ausfindig machen. Die Drohnen abzuschiessen ist oft viel zu gefährlich.Nach einer Reihe von Störfällen im vergangenen Jahr wurde jedoch ein Gemeinsames Drohnenabwehrzentrum zum Austausch zwischen Bund und Bundesländern bei der Bundespolizei eingerichtet. Dieses ist laut Dobrindt auch im aktuellen Fall aktiv. Auf eine Ausstattung mit Systemen zur Detektion und Abwehr von Drohnen, die das Innenministerium zugesagt hat, wartet eine Reihe wichtiger Flughäfen allerdings noch.Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hat zudem am Donnerstagabend Amtskollegen aus anderen europäischen Ländern zu einem Treffen eingeladen. Zum Treffen Ende August in der Flensburger Marineschule Mürwik sollen Minister der osteuropäischen EU-Staaten sowie der Ostsee-Anrainerstaaten Schweden, Norwegen und Dänemark kommen. Ziel der Beratungen ist laut dem deutschen Innenministerium die Koordinierung einer gemeinsamen Verteidigungsstrategie gegen unbemannte Flugsysteme und die Stärkung des Schutzes kritischer Infrastruktur.Passend zum Artikel