„Meine Tochter liebt diesen Oktopus. Vorteil: Man kann ihn auch in der Waschmaschine waschen“, schwärmt eine Kundin des bekanntesten schwedischen Möbelhauses und vergibt auf der Website eine Fünf-Sterne-Bewertung für das gelbe Plüschtier. Dass der nach Kindchenschema niedlich gestaltete Polyestertintenfisch im Schleudergang mutmaßlich Mikroplastik ins Abwasser wirbelt, ist hier nicht der Punkt; für 17,99 Euro schwimmt der Kuschelkrake auf einer seit Jahren anschwellenden Woge der Liebe zum Oktopus. Sie brandet durch Spielzeugabteilungen und Kinosäle, Bücherregale und Dekoshops. Die achtarmige Molluske aus den Tiefen der See ist zu einem Seelentier des Gegenwartsmenschen geworden.Kuscheln mit acht Armen: Stofftiere bei IkeaImagoNoch vor rund hundert Jahren sah das ganz anders aus. Die 1928 gedruckte vierbändige Ausgabe von „Brehms Tierleben“, deren bevorzugtes Habitat die Wohn- und Klassenzimmer des deutschen Bürgertums waren, hält ganz unsentimental fest: „Man kann diese sonderbaren Geschöpfe auf jedem größeren Fischmarkt der italienischen Küstenstädte zu sehen bekommen.“ Besonders der Markt von Messina wird gesteigerter Pulpo-Präsenz wegen empfohlen. Wer lebendiges und ungleich interessanteres Anschauungsmaterial suche, heißt es bei Brehm aber auch, finde es in mediterranen Aquarien. Dort zeige sich – dadurch, wie der Oktopus jage oder mit welcher Raffinesse er Hindernisse überwinde – eine „weit über den Instinkt hinausreichende Tätigkeit des Gehirns“.Klug, klüger, KrakeSchon streckt die Oktopusfaszination tastend einen ihrer Tentakel aus: Das Weichtier ist schlau, viel klüger, als man es von einem Verwandten der eher dumpfen Schnecken erwarten sollte – und stülpt damit die Vorstellung, dass Lebewesen komplexer, intelligenter und unseres Respekts würdiger werden, je näher sie mit uns verwandt sind, komplett um.Drei Herzen, neun Gehirne: Der Oktopus ist ein faszinierendes Geschöpf.Picture AllianceDer kulturhistorische Leumund des Oktopus war freilich dennoch lange Zeit katastrophal. Schon in der Antike tauchten monströse Kopffüßler in Erzählungen auf, enorme Extremitäten schwingend, um Mensch oder Halbgott zu verschlingen. Die Skylla als denkbar bösartigste Verwandte aller Meerjungfrauen, ein Weib-Hunde-Fischleib-Mischwesen mit Tentakeln, lehrt Odysseus das Fürchten. Auch die Hydra, mit der es Herakles aufnehmen muss, könnte von der Anatomie der Tintenfische mitinspiriert worden sein. Dass ihre vielen Köpfe, wenn sie abgeschlagen werden, nachwachsen, deutete Sigmund Freud später – wenig überraschend – libidinös. Wahrscheinlich hätte er ähnlich über „Posession“, Andrzej Żuławskis Beziehungskrisen-Horrorfilm mit Tentakelerotik aus dem Jahr 1981 geurteilt: Hier wird ein Oktopuswesen zur Manifestation zerstörerischer Obsessionen.Je mehr man über ihn weiß, desto größer wird das StaunenNäher am echten Oktopus war dagegen schon Aristoteles mit der Beschreibung eines Tiers, das er Polyp nannte. Plinius der Ältere spann nach ihm das Seemannsgarn und den Faden der Erkenntnis weiter und referierte, kein anderes Wasserlebewesen töte Menschen auf grausamere Weise. Seinen Lesern stellt er einen in Hispanien erlegten räuberischen Monsterpolypen von angeblich 700 Pfund vor. Wahrscheinlich steckt hinter der Story ein Riesenkalmar, der wie der auch Krake genannte Oktopus zu den Tintenfischen gehört, aber zehn Arme hat und eine Länge von gut zehn Metern erreichen kann, etwas mehr als der Pazifische Riesenkrake. Der achtarmige Gemeine Krake bringt es nur auf gut einen Meter.Dass man den Kraken für ein Fabelwesen halten muss, liegt in seiner Natur. Genauere Kenntnis von dieser hat daran nichts geändert, im Gegenteil: Das Tier ändert Farbe und Textur der Haut nach Lage und Laune, trägt den Schnabel in der Achsel und den Rumpf über dem Haupt, täuscht und tarnt mit Tinte, quetscht sich durch kleinste Spalten, atmet Wasser und schießt mit Rückstoß dahin. Es benutzt Werkzeuge: Kokosschalen verbaut es als Unterschlupf, Muschelschalen trägt es als Maskerade. Statt sich wie unsereins das Hirn zu zermartern, verarbeitet es Informationen dezentral vor allem in den Tentakeln, schmeckt, tastet, haftet und hievt mit Tausenden Saugnäpfen. Und dann sind da noch die paarigen Augen, unseren gar nicht so unähnlich, obwohl der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Oktopus eine Art Wurm ohne solche Sehorgane war. Kraken sind derartig andersartig, dass sie eigentlich Aliens sein müssten.Kalmar oder Oktopus? Illustration zu Jules Vernes Buch „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“ von Alphonse Marie de NeuvillePicture AllianceKein Wunder, dass ein Auge auf Tintenfischbeinen zum extraterrestrischen Zoo des jüngsten Fernseh-Spin-offs der „Alien“-Filme gehört. Dem Science-Fiction-Autor John Wyndham diente der Oktopus schon 1953 als apokalyptische Chiffre in seinem Roman „Wenn der Krake erwacht“. Traditionell sind Horrorkraken derart gigantisch, dass sie ganze Schiffe ins Verderben reißen: in nordischen Sagen, frühneuzeitlichen Naturkunden oder der modernen Literatur. Kampf der Krake ist das Motto in Victor Hugos Roman „Die Arbeiter des Meeres“, und in „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“ greifen Riesententakel nach Kapitän Nemos U-Boot; gemeint war als Widersacher wieder ein Kalmar, aber Illustratoren fanden Oktopusse zuverlässig attraktiver. Phantastische Horrorkraken mutieren im Film trashig immer weiter; gerade läuft „Kraken – Erwachen der Tiefe“ in den Kinos. Da lauert das Grauen in den vom Menschen nicht beherrschten Tiefen unter einer Lachsfarm.Wie kann ein solches Tier, das nebenbei noch für die Informationsbeschaffung von Geheimdiensten – Albernheiten wie James Bonds „Octopussy“ inklusive – und das Datenkrakentum der Techgiganten herhalten muss, trotzdem zum Kuschelsehnsüchte weckenden Sympathieträger werden? An Paul dem Kraken allein kann es nicht gelegen haben, obwohl der Mollusk aus dem Sealife Center Oberhausen während der Fußball-WM 2010 als allwissendes Orakel Kult wurde. Nach seinem Ableben im selben Jahr wurde ihm sogar ein Denkmal gesetzt.Tentakulär: „Infinity Room“ von Yayoi Kusama in der kürzlich zu Ende gegangenen Schau im Kölner Museum LudwigAFPDie Zeit war offenbar einfach reif für eine Begegnung mit dem Kraken abseits von Angst oder Appetit. In der Krakenfaszination trifft das im Digitalzeitalter zum Allgemeingut gewordene Netzwerkdenken mit der Einsicht zusammen, dass der Mensch als vermeintliche Krone einer von ihm bedrohten Schöpfung doch reichlich defizitär ist. Tentakuläres Denken empfahl sechs Jahre nach Pauls Auftritt die amerikanische Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway in ihrem Buch „Staying with the Trouble“ (Unruhig bleiben). Es geht ihr um eine nicht mehr anthropozentrische Perspektive über das vom Menschen bestimmte Erdzeitalter hinaus und speziesübergreifende Gemeinschaften.Ganz andere DenkwegeUnd ist es nicht tatsächlich verlockend, ganz andere Denkwege einzuschlagen, nicht zentral gesteuert vom Schädel immer die Wirbelsäule hinab wie wir, sondern sternförmig mit neun Gehirnen, dezentral und teilautonom? Der Oktopus ist eine Utopie der Andersartigkeit und dazu ein perfekter Individualist von gestaltwandlerischer Eleganz, ein autodidaktischer Einzelgänger ohne soziale Konditionierung, ein Jäger, ja, aber glücklicherweise nicht von Menschen, und meist selbst auf der Flucht vor dem Gefressenwerden. Dass aus Einfühlung in Tentakuläres ambitionierte postmoderne Literatur werden kann, vielstimmig und nicht linear, hat Luca Kieser 2023 mit seinem Debütroman bewiesen. In „Weil da war etwas im Wasser“ erzählen die Arme eines Riesenkalmars und berühren Probleme der Naturethik. Nebenbei geht es um Geheimdienstaktivitäten.Heilsame Begegnung: Tierfilmer Craig Foster in „Mein Lehrer, der Krake“ bei NetflixNetflixOktopusarme noch viel weiter ausgebreitet, auf dass Millionen sich an die drei Herzen des Weichtiers drücken lassen können, haben aber andere: Da wäre Sy Montgomery mit ihrem 2015 in den USA erschienenen, zum internationalen Bestseller avancierten „The Soul of an Octopus“ (Rendezvous mit einem Oktopus). Es ist ein liebevoller Bericht über Begegnungen der Autorin mit Kraken in Gefangenschaft, der die Wirbellosen als empfindsame, verspielte und anhängliche Kreaturen beschreibt – mithin als Wesen mit Seele, wie es im Originaltitel heißt. Der Oktopus provoziert in ihr grundsätzliche Fragen: Was ist Intelligenz? Und was können wir von einer so andersartig klugen Kreatur lernen?Eine Menge, meint der südafrikanische Tierfilmer Craig Foster, der sich nach einem Burn-out tägliche Tauchgänge am Kap der Guten Hoffnung verordnete. Sein dabei entstandener Film „My Octopus Teacher“ (Mein Lehrer, der Krake) wurde im Pandemiejahr 2020 auf Netflix ein Hit und gewann später einen Oscar: Es ist die anrührende Geschichte eines sich selbst entfremdeten Mannes, den die Freundschaft zu einem Oktopus von der inneren Leere heilt und ihm ein neues Naturverständnis vermittelt.Der Krake als HeilerNun wird das Tier für den Menschen immer dann interessant, wenn er etwas von ihm hat, wenn es ihm nützt und ihn nicht bedroht: Biene gut, Wespe nicht. Der Oktopus ist vom Untier zum quasispirituellen Krafttier geworden, weil man ihn sich als Wegweiser in einer überkomplex gewordenen Welt vorstellen kann, in der alles im Fluss zu sein scheint oder eher in zahllosen Strudeln dahingerissen wird. Es zu essen, rückt kulinarischen Traditionen zum Trotz in die Nähe des Verspeisens von Katzen oder Hunden im westlichen Verständnis. In Spanien, wo man Octopus alla plancia serviert, wurde der Widerstand gegen eine geplante riesige Krakenfarm auf Gran Canaria derart groß, dass das Projekt nun gekippt wurde. Statt schlimmstenfalls aus nicht artgerechter Massentierhaltung auf unseren Tellern zu landen, soll der Oktopus nicht nur ungestört leben können. Das kurzlebige Wunderwesen soll uns gestörte Primaten therapieren, zumindest in unserer Phantasie.Protest gegen eine geplante Oktopus-Farm: Tierschützer in MadridPicture AllianceWie gefühlsduselig das werden kann, zeigt auf Netflix gerade die Verfilmung von Shelby Van Pelts Roman „Remarkably Bright Creatures“, auf Deutsch „Das Glück hat acht Arme“. Die seit Jahrzehnten auf Mutterrollen abonnierte Sally Field spielt in dem Rührstück mit Mystery-Touch eine ältere Witwe, deren Sohn einst spurlos verschwand. Als Putzkraft in einem Aquarium schüttet sie ihr Herz einem Pazifischen Riesenkraken aus – der sie vollkommen versteht, wie uns klar wird, weil wir seine Gedanken hören und seinen Blickwinkel einnehmen. Am Ende ist es am Oktopus – im Film computeranimiert inszeniert –, das beschädigte Leben der Frau zu reparieren. Die titelgebenden erstaunlich intelligenten Kreaturen sind ihresgleichen.So gleitet er dahin, der Krake, begleitet von Musik der Beatles und sehnsüchtigen Menschenblicken, weder zu seinem noch zu unserem Schaden. In „Infinity Rooms“ der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama, die aus einem Land mit überreicher Krakenbildtradition kommt, kann man sich visuell immersiv umarmen lassen von aufblasbaren Tentakeln, die die bekannten „Polka Dots“ der Künstlerin wie Saugnäpfe tragen. Im Kölner Museum Ludwig, das Kusama gerade eine Besucherrekorde brechende Retrospektive ausrichtete, gehörte der Raum zu den meistfotografierten. Seid umschlungen, Oktopoden!
Trendtier Oktopus: Wie der Mollusk zum Seelentier wurde
Vom Schrecken aus der Tiefe zum Seelentier: Der Krake hat Spielzeugläden, Filmindustrie und Buchläden erobert, dabei dürfte kaum ein Wesen uns fremder sein. Was bringt Menschen den seltsamen Mollusken so nahe?







