Im Trent Park entspannten sich Nazi-Offiziere. Und verrieten den Briten ihre GeheimnisseLondons neuestes Museum ist eine faszinierende Zeitkapsel der britischen Spionage.Marion Löhndorf, London07.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenWährend des Zweiten Weltkriegs verwandelten die Briten das Landhaus im Norden Londons in ein Luxusgefängnis für deutsche Offiziere – und in eine ausgeklügelte Abhörstation.Houghton HallNördlich von London, zwischen gepflegten Rasenflächen und alten Bäumen, steht ein Herrenhaus, das im Zweiten Weltkrieg zum Gefängnis wurde. Seit Ende Juli ist Trent Park erstmals als Museum öffentlich zugänglich. Besucher können nun jene Salons und Kellerräume besichtigen, in denen sich eine der ungewöhnlichsten Abhöroperationen der Briten abspielte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ab 1942 diente Trent Park als luxuriöses Internierungslager für hochrangige deutsche Offiziere. Sie speisten in Räumen, die mit Wandgemälden des Gesellschaftsmalers Rex Whistler und chinesischen Tapeten geschmückt sind, schlenderten durch die Gärten und wurden sogar zum Abendessen in der Stadt ausgeführt.Während die britische Bevölkerung mit Lebensmittelkarten auskommen musste, liessen es die Behörden den deutschen Generälen im Trent Park an wenig fehlen. Die Gefangenen – denn das waren sie trotz den Spaziergängen und Restaurantbesuchen – sollten sich in der palastartigen Umgebung entspannen. Sie sollten ins Reden kommen. Denn das Gebäude war bis in den letzten Winkel verwanzt.Heimliche Zuhörer der Nazi-VerbrechenIm Keller sassen derweil die heimlichen Zuhörer. Was die Offiziere besprachen, wurde auf Schallplatten festgehalten, transkribiert und zu Geheimdienstberichten verdichtet. Mehr als tausend Berichte versendeten die deutschsprachigen Abhörspezialisten von Trent Park. Von Interesse waren nicht nur Militärgeheimnisse, sondern auch Informationen zur Moral der deutschen Zivilbevölkerung.Auch Bletchley Park las mit, das geheime Zentrum der britischen Funkaufklärung, wo unter anderem Enigma-Sprüche entschlüsselt wurden. Die Krypto-Analytiker erhielten Auszüge aus den Gesprächen der Gefangenen. So erfuhren die Briten Näheres über jene Funkleitstrahlen, die deutsche Bomber durch die Nacht zu ihren Zielen geführt hatten. Die Mithörer im Keller erfuhren zudem erschreckende Details über die Massenerschiessungen in den besetzten Gebieten Osteuropas und die Beteiligung der Wehrmacht an den NS-Verbrechen. Sie wurden protokolliert und weitergereicht. Unmittelbare Folgen blieben aus.General Hans-Jürgen von Arnim bei seiner Ankunft im Trent Park im Mai 1943.Houghton Hall«Das wichtigste Gespräch fand im März 1943 statt, als sich zwei Generäle über die V2-Rakete unterhielten», sagt Giuseppe Albano, Leiter des «Trent Park House of Secrets».Sieben Monate soll es gedauert haben, Trent Park für die Abhöroperation herzurichten. Zunächst wurden dort deutsche und italienische Marine- und Luftwaffenangehörige festgehalten, ab 1942 hochrangige deutsche Offiziere. Unter den Fenstersimsen, an Topfpflanzen, unter dem Parkett und dem Billardtisch, sogar an den Bäumen und unter den Bänken im Park wurden Mikrofone angebracht.Ganz arglos waren die Deutschen nicht. «Keiner von uns weiss, ob Abhörgeräte installiert sind», mahnte Generaloberst Hans-Jürgen von Arnim am 9. Juli 1943 seine Mitgefangenen. Trotzdem redeten die inhaftierten Generäle offen über geheime militärische Angelegenheiten.Partypalast am StadtrandIm Erdgeschoss ist die Welt seines letzten privaten Besitzers minuziös wieder instand gesetzt worden. Trent Park gehörte bis zu seinem Tod 1939 dem jüdischen Kaufmannssohn Sir Philip Sassoon. In den 1920er Jahren gab er ein Vermögen dafür aus, Trent Park in sein Traumlandhaus zu verwandeln – einen Partypalast am Rand Londons.Archivfoto des Salons von Sir Philip Sassoon im Trent Park House, Ende der 1930er Jahre.Houghton HallDer Pool des Trent Park in den 1930er Jahren.Houghton HallSassoon, eine schillernde Figur, hatte im Ersten Weltkrieg als Privatsekretär von Feldmarschall Douglas Haig gedient. Später wurde er parlamentarischer Privatsekretär von Premierminister David Lloyd George und Unterstaatssekretär im Luftfahrtministerium. Vor allem aber blieb Sassoon als Trendsetter, Philanthrop und als einer der grössten Gastgeber seiner Zeit in Erinnerung. Einladungen nach Trent Park waren in der Londoner Gesellschaft begehrt, seine glanzvollen Feste legendär – Winston Churchill, T. E. Lawrence, Charlie Chaplin, John Singer Sargent und Edward VIII. gehörten zu den Gästen.Trotz allem war Philip Sassoon «zwar Teil des Establishments, zugleich aber auch ein Aussenseiter», wie Museumsdirektor Giuseppe Albano sagt. «Er verfügte über hervorragende Verbindungen zu den Eliten, war aber gleichzeitig heftigem Antisemitismus ausgesetzt. Er war ein grossartiger Netzwerker, hätte es aber sehr schwer gehabt, in manche der exklusiven Gentlemen’s Clubs aufgenommen zu werden.»Virginia Woolf etwa, selbst mit dem jüdischen Intellektuellen Leonard Woolf verheiratet, bezeichnete den hochkultivierten Sassoon in ihrer Korrespondenz als «ungehobelten Whitechapel-Juden», nachdem sie ihn 1929 kennengelernt hatte.In den 1920er und 1930er Jahren war Trent Park der Wochenendsitz des wohlhabenden Bankiers Sir Philip Sassoon (Porträt: 1923).Houghton HallSassoon hatte das Haus vom Architekten Philip Tilden im frühgeorgianischen Stil umbauen lassen. Für die Fassade wurden Ziegel des abgerissenen Devonshire House am Piccadilly verwendet. Er liess einen Neun-Loch-Golfplatz und einen Flugplatz anlegen und setzte auf den Seen exotische Wasservögel aus – darunter Flamingos, schwarze Schwäne und sogar ein Paar Königspinguine. Er starb 1939. Im Krieg wurden Teile der Gartenanlagen eingeebnet; Stacheldraht und Betonpfähle verwandelten den Landsitz in ein Gefangenenlager.Kellereingang hinter dem RegalZu beiden Seiten eines riesigen Bücherregals in der Bibliothek hängen Porträts von Philip Sassoon und seiner Schwester Sybil. Letztere hat John Singer Sargent kunstvoll in Szene gesetzt. Das Bücherregal zwischen ihnen ist zugleich eine Geheimtür.Winston Churchill gehörte zu den prominenten Gästen Sir Philip Sassoons in den 1930er Jahren, als dessen Landhaus der Treffpunkt der britischen Elite war.Houghton HallAb 1942 führte ein Bücherregal von der Bibliothek aus in die Abhörräume des britischen Geheimdienstes.Houghton HallWenn man das Regal zur Seite schiebt, kommt der Eingang zum kargen Keller zum Vorschein – eine Unterwelt, in der die Abhöranlage aus der Kriegszeit mit ebenso viel Sorgfalt nachgebaut wurde wie die üppige Ausstattung des Erdgeschosses. Dazu gehören drei «M»-Räume, «Miked Rooms», in denen die Mithörer in zwei Schichten den Gesprächen der Kriegsgefangenen lauschten und wichtige Passagen aufzeichneten. In den Büros des Geheimdienstoffiziers Thomas Kendrick und seiner rechten Hand Catherine Townshend wurden die Abhörspezialisten darüber informiert, auf welche Themen sie besonders achten sollten.Ab 1942 bestand das Team vor allem aus deutschsprachigen jüdischen Flüchtlingen – überwiegend gebildeten jungen Männern aus bürgerlichen Familien, darunter viele Söhne von Bankiers, Anwälten und Ärzten.Nach dem Krieg wurde das Haus, dessen Geschichte bis zu einem königlichen Jagdpark zurückreicht und das im Lauf der Jahrhunderte zahlreiche Verwandlungen erfuhr, zur Ausbildungsstätte für Lehrer. Später ging das College im Middlesex Polytechnic und schliesslich in der Middlesex University auf; einer der einstigen Abhörräume diente zeitweise als Studentenbar. In Teilen von Sassoons ehemaligem Park entstanden unterdessen Luxuswohnungen. Doch es sind die miteinander kollidierenden Schichten der Geschichte, die ihm seinen besonderen Charakter verleihen.Das heutige Museum im Herrenhaus, in dessen Konzeption Erinnerungen von Zeitzeugen und Menschen mit persönlichen Verbindungen zum Trent Park eingeflossen sind, konzentriert sich vor allem auf die Rolle des Hauses während des Zweiten Weltkriegs.Passend zum Artikel