Der Putschist in Myanmar sucht den Schein der Normalität. Er ist immer erfolgreicher damitDer Präsident Myanmars, Min Aung Hlaing, ist auf Staatsbesuch in Thailand. Zuvor hat ein Verbund von Gegnern des Regimes Gesprächsbereitschaft bekundet. Doch der Bürgerkrieg geht weiter.07.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenMyanmars Machthaber Min Aung Hlaing schreitet in Bangkok die Ehrengarde ab. Der zweitägige Staatsbesuch in Thailand soll die bilateralen Beziehungen stärken und die Isolation der Militärjunta durchbrechen.EPAAm Donnerstag wurde der Putschpräsident Min Aung Hlaing in Zivilkleidung in Bangkok vom Ministerpräsidenten Anutin Charnvirakul mit allen Ehren empfangen. Zu Beginn der Woche durfte ein Vertreter des Roten Kreuzes (IKRK) die frühere Regierungschefin Aung San Suu Kyi in ihrer Haft kurz besuchen. Die beiden Ereignisse hängen eng zusammen: Myanmars Machthaber sucht den Schein der Normalität.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit Jahresbeginn sind in Myanmar bemerkenswerte Veränderungen eingetreten, die vordergründig auf eine schrittweise Befriedung hindeuten. Im Januar hatte sich Min Aung Hlaing zum Sieger von Scheinwahlen erklärt; dann liess er sich im April vom neuen, willfährigen Parlament zum Präsidenten wählen. In den vergangenen Monaten hat die Armee zudem umstrittene Gebiete zurückerobern können; der Widerstand diverser Rebellenverbände bröckelte. Entsprechend mehren sich seither Meldungen, wonach an einzelnen Fronten Waffenstillstandsvereinbarungen im Gang sind.Die jüngste solcher Verlautbarungen betrifft eine Erklärung der Dachorganisation Steering Council for the Emergence of a Federal Democratic Union (SCEF), in der bis zu sechs hochgerüstete Rebellengruppen sowie die Exilregierung vertreten sein sollen. Diese Verbände sind offenbar zu Gesprächen mit der Regierung über eine Beilegung des Bürgerkriegs sowie über die politische Neugestaltung Myanmars bereit.Der Staatenbund Asean wird ausgehebeltSolche Statements, gepaart mit der Medienwirkung des IKRK-Besuchs und dem roten Teppich in Thailand, passen genau zum Zeitplan des früheren Armeechefs. In seinen Zivilkleidern mimt er jetzt jene präsidiale Rolle, die er Aung San Suu Kyi ungeachtet ihrer Wahlsiege und Popularität seit 2015 verwehrt hat. Es ist eine zynische Meisterleistung, die von der bürgerkriegsversehrten Bevölkerung erst noch verdaut werden muss. Schätzungsweise 100 000 Todesopfer hat der Krieg seit dem Putsch gefordert.Thailand hat mit dem Machtanspruch des früheren Generals im Vergleich wenig Mühe. Das Königreich hat die längste Landgrenze mit Myanmar, ist am stärksten von wiederkehrenden Flüchtlingswellen betroffen und profitiert unter den Asean-Ländern wirtschaftlich am meisten von einer Normalisierung der Beziehungen. Militärputsche haben in beiden Ländern bekanntlich Tradition, es gibt zudem zahlreiche kulturelle Affinitäten, und auf Leviten bezüglich Demokratie und Menschenrechten verzichtet man hüben wie drüben gerne.An dieser Stelle tritt der Unterschied zur Assoziation südostasiatischer Staaten (Asean) hervor. Diese elf Länder umfassende Staatengemeinschaft, der Myanmar seit 1998 angehört, hat sich seit dem Militärputsch als Vermittlerin zwischen den Fronten engagiert. Rasch entwickelte man einen Fünf-Punkte-Plan, der eine Waffenruhe, humanitäre Hilfe, inklusive Gespräche und die Entwicklung einer neuen, stabilen politischen föderalen Ordnung vorsah. Vergeblich. Naypyidaw sonderte dazu nur Lippenbekenntnisse ab, ging aber weiterhin mit unverminderter Härte gegen Rebellen und Zivilisten vor.Als Reaktion wurden Min Aung Hlaing und seine Minister schliesslich von den zweimal jährlich stattfindenden Asean-Gipfeltreffen ausgeschlossen. In dieser Koalition zur Abstrafung Myanmars war Thailand immer der unzuverlässigste Part. Am bilateralen Treffen in Bangkok hat der Regierungschef Anutin durchblicken lassen, dass Thailand an einer vollständigen Normalisierung der Asean-Beziehungen zu Myanmar interessiert ist. Thailand gehört mittlerweile faktisch zur Ländergruppe China, Russland, Nordkorea, Indien und Laos, die Min Aung Hlaing als legitimen Staatschef anerkennen.Gleichzeitig ist klar, dass Myanmars Machthaber in dieser Konstellation auch ohne Kniefall vor anderen südostasiatischen Ländern auskommt. Es dürfte denn auch kein Zufall sein, dass zum Fototermin mit Aung San Suu Kyi nicht der seit Jahren darum bittende Abgesandte der Asean, sondern der Delegierte des IKRK zum Zuge kam. Die Asean wurde gezielt ausgehebelt.Kein Ende des BürgerkriegsOb aufgrund dieser Entwicklungen ein Ende des seit 78 Jahren schwelenden Bürgerkriegs realistisch ist, ist zweifelhaft. Die Machthaber in Myanmar haben der Aussenwelt mit minimalistischen Bildern gezeigt, dass die Lady noch lebt – und dass sie Ende Juni gar einen Geburtstagskuchen erhalten hat. Mehr lässt deren Starrsinn vermutlich nicht zu. Man setzt darauf, dass die 81-jährige Friedensnobelpreisträgerin auch so langsam in Vergessenheit gerät.Und wer soll mit wem verhandeln? Die Exilregierung ist durch interne Konflikte gespalten und verfügt bei den kämpfenden Rebellen kaum über Ansehen, sagt ein Insider, der anonym bleiben will, der NZZ. Das Manifest von SCEF, das im April 2026 zur Zukunft des Landes verabschiedet wurde, lässt praktisch keinen Spielraum für eine Rolle der Armee in der Politik. Genau darauf fussen aber das Werk und der Werdegang von Min Aung Hlaing.Der militärische und zivile Widerstand gegen Armee und Herrscher ist letztlich so amorpher Natur, dass schon allein die Schaffung einer gemeinsamen Verhandlungsplattform illusorisch wirkt. Die Taktik «Teile und herrsche» wird deshalb vermutlich weiterhin erfolgreich sein. Richard Horsey, Senior Adviser der International Crisis Group, schätzt die neue Ausgangslage denn auch eher nüchtern ein: Man sei vielleicht bereit, der anderen Seite zuzuhören. Zu irgendwelchen Konzessionen sei es aber noch ein weiter Weg.Passend zum Artikel