Irans Wirtschaft liegt am Boden – wie lange kann das Regime noch durchhalten?Die Führung in Teheran glaubt, am längeren Hebel zu sitzen. Doch das ökonomische Fundament des angeschlagenen Landes bröckelt gewaltig – und das liegt nicht nur an der amerikanischen Blockade.07.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenNoch herrscht in Iran kein Mangel – doch die Dinge des täglichen Bedarfs werden jeden Tag teurer.Abedin Taherkenareh / EPAIn den Machtzentren Teherans scheint man sich sicher zu sein: Die Zeit ist auf der Seite Irans. Wieder hat das Regime dementiert, mit den USA in Verhandlungen zu stehen – die Strasse von Hormuz und die iranischen Häfen bleiben blockiert. Irans Führung nimmt an, dass die steigenden Energiepreise und der innenpolitische Druck Donald Trump eher in die Knie zwingen, als dass die Wirtschaft im eigenen Land kollabiert – eine gefährliche Wette.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Schon bevor die USA und Israel Ende Februar begonnen haben, das Land mit einer massiven Bombenkampagne zu überziehen, lag die marode Wirtschaft Irans darnieder. Zu Beginn des Jahres gingen Hunderttausende Iranerinnen und Iraner auf die Strasse. Treiber der Demonstrationen waren ursprünglich keine politischen Forderungen, sondern die ökonomische Misere: der immense Wertverlust des Rial und die täglich steigenden Preise. Das Regime in Teheran reagierte nicht mit Reformen, sondern mit einem Massaker. Dann kam der Krieg.Seit knapp einem halben Jahr dauern die Angriffe mit kurzen Pausen schon an. Für die meisten Menschen vor Ort ist der Krieg vor allem im Portemonnaie spürbar: Irans Wirtschaft ist so tief abgestürzt wie seit Jahrzehnten nicht mehr – und das liegt nicht nur an der amerikanischen Blockade iranischer Häfen.Inflation und MisswirtschaftLaut dem nationalen Statistikbüro Irans lag die Inflationsrate im Juli bei 87,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. «Der durchschnittliche iranische Haushalt verliert täglich an Einkommen und wird unter die Armutsgrenze gedrückt», sagt Ellie Geranmayeh, stellvertretende Leiterin des Nahostprogramms des European Council on Foreign Relations. Gemäss jüngsten iranischen Zahlen lag die Inflationsrate bei Nahrungsmitteln sogar bei 134 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.Die wirtschaftliche Misere schlage sich auch in der kollektiven Psyche nieder, sagt Alex Vatanka, Iran-Experte des amerikanischen Middle East Institute: «Viele Menschen verschieben die Heirat, die Familiengründung, Investitionen und grössere Anschaffungen, weil sie nicht für die Zukunft planen können.»Dabei ist Iran grundsätzlich ein reiches Land: gesegnet mit grossen Rohstoffvorkommen und einer gut ausgebildeten Bevölkerung. Doch eine jahrelange Sanktionspolitik, Korruption und jetzt der Krieg haben es an den Rand des ökonomischen Abgrunds gebracht. Die Revolutionswächter kontrollieren immer weitere Teile der Wirtschaft und verhindern mit ihrem eisernen Griff nach Ressourcen die Entwicklung des Landes.Irans ÖlschockJetzt kommt zu den strukturellen Problemen der iranischen Wirtschaft noch der grösstmögliche Schock hinzu: Iran kann sehr viel weniger Erdöl verschiffen. Die Erdölexporte sind eine der wichtigsten Quellen für dringend benötigte Devisen und machten in der Vergangenheit gemäss Schätzungen mehr als ein Viertel der Staatseinnahmen aus.Seit der amerikanischen Blockade Mitte April sind die iranischen Ölexporte laut dem Datenanbieter Vortexa eingebrochen: von 1,6 Millionen Barrel pro Tag auf nur noch rund 400 000 Fässer täglich in den vergangenen zwei Monaten. Gemäss Vortexa kann Iran trotz der Blockade also weiterhin Erdöl exportieren – doch schmerzen die Einbussen das Regime gewaltig.Eine lange Blockade dürfte das iranische Regime in eine prekäre Situation bringen. Denn nach einigen Monaten werden die Öllager vollkommen aufgefüllt sein. Danach müsste Teheran die Produktion drosseln oder sogar ganz stoppen. «Das ist etwas, was Iran unbedingt vermeiden möchte», sagt Ellie Geranmayeh. «Denn sobald man die Produktion einmal gedrosselt hat, dauert es sehr lange, um die Förderung wieder auf die vorherige Menge hochzufahren.»Der toxische Mix der iranischen WirtschaftDer Ölschock und die kriegsbedingte Zerstörung der Infrastruktur in Iran seien allerdings sekundäre Probleme, meint Esfandyar Batmanghelidj, Direktor der Denkfabrik Bourse and Bazaar, die sich auf die politische Ökonomie Irans spezialisiert hat. «Für viel wichtiger halte ich den Rückgang der Nachfrage im ganzen Land.»Iranerinnen und Iraner gäben wegen der anhaltenden Unsicherheit im Land weniger Geld aus, obwohl einige noch die Mittel dafür hätten, sagt Batmanghelidj. Dies betreffe nicht nur grössere Anschaffungen, sondern auch Güter des täglichen Bedarfs, wie Daten von einem der grössten Einzelhändler Irans enthüllten. «Das ist ein neuer und signifikanter Effekt, den wir vorher nicht beobachtet haben.»Dies führt laut dem Politikwissenschafter zu einem toxischen Mix: Weil die Strasse von Hormuz geschlossen sei, könne Iran weniger industrielle Güter importieren, was die Produktion im eigenen Land schwäche. «Das grosse Problem für Iran ist, dass weniger produziert und gleichzeitig weniger konsumiert wird», sagt Batmanghelidj. «In diesem Jahr wird das Land daher wahrscheinlich den grössten Wirtschaftseinbruch seit dem Iran-Irak-Krieg in den 1980er Jahren erleben.» Laut dem IWF wird die iranische Wirtschaft 2026 um 6 Prozent schrumpfen.Sollte die Lage in Iran längerfristig unübersichtlich bleiben, dürfte sich der Nachfragerückgang verstetigen. Falls der Krieg mit einem Abkommen endet, dem die Iranerinnen und Iraner nicht vertrauen, werden sie ihr derzeitiges Verhalten kaum anpassen. Eine wirtschaftliche Erholung durch Ankurbelung des Binnenkonsums wäre weitaus schwieriger.Die Unsicherheit in der iranischen Bevölkerung ist gross – es ist noch nicht einmal bewiesen, ob der neue oberste Führer des Landes, Mojtaba Khamenei, am Leben ist.Vahid Salemi / AP«Neue Proteste sind unausweichlich»Schon jetzt mehren sich die Berichte aus Iran, dass Arbeiter auf ihre Saläre verzichten müssten. Vor wenigen Tagen mahnte Akbar Shokat, der Vorsitzende der staatlich kontrollierten Gewerkschaft in der iranischen Stadt Qom, dass die finanziellen Reserven vieler Angestellter in der Stadt zur Neige gingen: «Sollte sich der derzeitige Trend fortsetzen, wird es im Land bis zum Ende des Sommers mit Sicherheit zu erheblichen Unruhen unter den Arbeitnehmern kommen.»Falls die Einnahmen aus dem Ölgeschäft langfristig niedrig bleiben, dürfte es nicht nur im Privatsektor zu verzögerten oder ausbleibenden Lohnzahlungen kommen, sondern auch im Staatsdienst. Der Staat beschäftigt rund 15 Prozent aller iranischen Arbeitnehmer, und ein Zahlungsausfall könnte auch diese Menschen auf die Strasse treiben.«Die Demonstrationen werden nicht nächste Woche, nächsten Monat oder im nächsten Quartal ausbrechen», sagt Ellie Geranmayeh vom European Council on Foreign Relations. «Aber wenn sich nichts Grundlegendes ändert, dann werden neue Proteste unausweichlich sein.»Die Strasse von Hormuz bleibt nahezu unpassierbar. Iran kann deswegen weniger industrielle Vorprodukte einführen und weniger Öl exportieren – die Wirtschaft trifft das hart.Stringer / ReutersBeobachter halten es dennoch für unwahrscheinlich, dass die wirtschaftliche Malaise zur Kapitulation Irans führt. «Die iranische Führung ist derzeit vor allem daran interessiert, ihre eigene Machtbasis und die Fähigkeit zur Kriegsführung zu erhalten», sagt Esfandyar Batmanghelidj. «Und Iran kann mittelfristig sehr viel ärmer werden, bevor diese beiden Ziele ernsthaft gefährdet sind.»Von autoritären Generälen geführte Länder wie Ägypten oder Pakistan seien sehr viel weniger wohlhabend als Iran, sagt der Direktor von Bourse and Bazaar. «Trotzdem sind diese Länder vergleichsweise stabil und unterhalten grosse Militärapparate.» Irans Kriegsführung hat zudem bisher recht wenig Ressourcen verschlungen, da sich das Militär auf günstiges Kriegsmaterial wie Drohnen konzentriert. «Wirtschaftlicher Druck alleine wird Irans militärische Fähigkeiten nicht untergraben», sagt Batmanghelidj.Sollte die Bevölkerung aufbegehren, wird das Regime wahrscheinlich nach einem alten Muster reagieren: brutale Repression, womöglich ein neues Massaker. Der ökonomische Schwitzkasten wird Iran also mittelfristig nicht in die Knie zwingen.Doch der iranischen Führung dürfte eins bewusst sein: Mit jedem Tag Krieg schneidet sich Teheran tiefer ins eigene Fleisch. Falls der Konflikt mit den USA also nicht mit einer vollständigen Aufhebung der Sanktionen endet, wäre das langfristige Überleben des Regimes wegen der Wirtschaftskrise nicht gesichert. Auch das erklärt, warum Teheran in den Verhandlungen kaum von Maximalpositionen abrückt.Noch verhält sich die iranische Bevölkerung trotz der tiefen Wirtschaftskrise ruhig. Doch falls sich in der nahen Zukunft die Lage nicht bessert, sind neue Proteste laut Experten unausweichlich.Vahid Salemi / APPassend zum Artikel