Über der Leinwand thront die Orgel. Es riecht nach Popcorn in der Christuskirche im hessischen Oberursel. Exakt zehn Zuschauer haben am Donnerstagvormittag in den Bankreihen aus Holz Platz genommen, um sich den Film „Pizza Under Fire“ anzusehen. Einer hat sich an der Theke im Vorraum eine Cola gekauft. Die Popcornmaschine und das Bierangebot aus dem Taunus werden dann vermutlich erst am Abend so richtig intensiv genutzt: Die Vorführung des Films „Identitti“ nach dem Roman von Mithu Sanyal ebenfalls in der evangelischen Kirche sei schon ausgebucht, sagt Eva Debrodt, Festivaldirektorin des Taunus-Filmfests Taunale.Dessen Programm beginnt im Kirchenschiff pünktlich um 11.30 Uhr, und zwar mit „Winter in March“. Der Kurzfilm handelt von einem russischen Paar, das im Krieg die Heimat verlässt. Dargestellt wird das mit handgefertigten Puppen, die sich mittels Stop-Motion-Technik bewegen. Direkt danach folgt der Langfilm, eben „Pizza Under Fire“. Die britische Dokumentation von 2025 begleitet Freiwillige einer Wohltätigkeitsorganisation, die mit einem umgebauten Lastwagen an die Front in der Ostukraine fahren und in den Dörfern gratis Pizza backen und verteilen.Anders als die Berlinale findet die von vielen Sponsoren unterstützte Taunale nicht in einer Großstadt statt, sondern in vier mittelgroßen Städten im Taunus. Das Festival mit Ursprung unter dem freien Himmel des Rushmoorparks in Oberursel ist nicht nur viel, viel kleiner, als die Filmfestspiele in Berlin es sind, sondern auch deutlich jünger. Aber die Taunale wächst – und wird in diesem Jahr immerhin zum 15. Mal ausgerichtet. Einen internationalen Anstrich gibt sie sich außerdem.So lief der allererste Film, nämlich „Marsupilami“, schon am Mittwochabend bei der Eröffnungsgala im Bad Homburger Kurhaus – nach einem Sektempfang und etlichen Grußworten. Zur Deutschlandpremiere des französischen Spielfilms, in dem das gleichnamige Comictier mit dem gelben Fell und den dunklen Flecken die Hauptrolle spielt, seien rund 330 Gäste gekommen, sagt Debrodts Direktorenkollege Alexander Mereien. Als Bekleidungscode im Kurhaus galt „Dress to impress“.Ungewöhnlicher Vorführort: Die Evangelische Christuskirche in Oberursel wird während der Taunale zur Kinokirche.Frank RöthAm nächsten Mittag gibt eine Mitarbeiterin in der Christuskirche eine Einführung in die beiden Filme auf Deutsch und Englisch. Denn es seien auch zwei internationale Gäste gekommen. In den Stuhlreihen sitzen die Oberurselerin Julia Nourney und ihr 29 Jahre alter Sohn Felix. Er habe sie schon vor Jahren für das Filmfest begeistert, sagt die Besucherin vor Filmbeginn. Die Kirche finde sie als Vorführort super. „Wir freuen uns jetzt sehr darauf.“Zwei Städte sind neu dabeiAm Freitagvormittag um elf Uhr ist abermals „Marsupilami“ zu sehen, und zwar im Kinopolis am Bad Homburger Bahnhof. Das immer noch ziemlich neue Kino war schon vergangenes Jahr als Vorführort dabei. Oberursel hat kein eigenes Kino, nach der Stadthalle im vorigen Jahr haben sich die Veranstalter diesmal für die Kirche entschieden. Außerdem beteiligen sich erstmals Kinos in Eschborn und Bad Soden. Auch Open-Air-Filme gehören zum Programm. Am Samstagabend werden Preise an Filme verliehen, die eine Jury prämiert hat. Am Sonntag endet die Taunale mit Ausstellungen in der Christuskirche und im Kinopolis.Im ersten Jahr, 2010, dauerte das Filmfest bloß einen Tag. Bis vor wenigen Jahren zeigte die Taunale zudem ausschließlich Kurzfilme. Langfilme, die Gala am ersten Abend und ein Begleitprogramm gibt es jetzt erst zum dritten Mal. Filmbesucher Felix Nourney zum Beispiel bringt sich inzwischen auch selbst bei der Taunale ein. Wie seine Mutter kommt er „aus der Spirituosenbranche“, wie die beiden erzählen – und zeigt am Freitagabend im Oberurseler Elaya-Hotel, wie Hollywood-Cocktails gemixt werden. Das Seminar heißt „Geschüttelt oder gerührt“.Voriges Jahr schauten sich laut Veranstalter knapp 2000 Besucher insgesamt 40 Filme an und nahmen an Workshops teil. Festivalleiter Mereien will das wieder erreichen. „Das ist schon die Erwartung, die wir haben.“
Taunus-Filmfest Taunale mit Gala, Filmprogramm und Workshops
Die Taunale ist im Vergleich zum berühmten Filmfest in Berlin kaum bekannt. Aber sie wächst. Noch bis zum Wochenende werden Kurz- und Langfilme in vier Städten im Taunus gezeigt. In Kinos, aber auch in einer Kirche.






