PfadnavigationHomePolitikNeue Bedrohungslage„Russland ist ein Hauptaggressor“ – Hessen organisiert Verfassungsschutz neuVon Sergen KayaReporter im Ressort Investigation & ReportageStand: 16:14 UhrLesedauer: 4 MinutenMit Blick auf wachsende Bedrohungen aus dem Ausland stellt sich Hessens Verfassungsschutz mit einer eigenen Spionageeinheit neu auf. WELT-Reporter Sergen Kaya berichtet.Russische Dienste setzen auf Spionage, Sabotage und angeworbene Helfer vor Ort. Innenminister Poseck warnt vor weiteren Eskalationen durch Putin. Nun erhält der Verfassungsschutz zwei neue Abteilungen.Als Hessens Innenminister Roman Poseck am Donnerstagmorgen die Neuaufstellung des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz (LfV) vorstellt, geht es zunächst nicht um Behördenstrukturen. Der Innenminister zeichnet vielmehr das Bild einer Sicherheitslage, die sich nach seiner Einschätzung spürbar verschärft hat. „Das Thema könnte heute nicht aktueller sein“, sagt Poseck in Wiesbaden.Wenige Stunden zuvor war ein mutmaßliches hybrides Anschlagsszenario am Leipziger Flughafen bekannt geworden. „Deutschland befindet sich inzwischen in einer hohen Gefährdungslage“, sagt Poseck. Es gehe längst nicht mehr nur um abstrakte Risiken. Poseck verweist auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Folgen für die Sicherheitslage in Deutschland. „Bedrohungen für die äußere und die innere Sicherheit greifen immer stärker ineinander“, sagt Poseck. Besonders deutlich wird er beim Blick nach Moskau: „Dabei ist Russland ein Hauptaggressor.“ Cyberangriffe, Sabotage, Spionage und Desinformation seien Teil einer hybriden Kriegsführung geworden.„Weitere Eskalationen durch Putin sind wahrscheinlich. Er kennt offensichtlich keine Grenzen mehr. Er greift unsere Sicherheit durch hybride Kriegsführung an“, sagte Poseck. Besorgniserregend sei zudem, dass entsprechende Einflusskampagnen teilweise Unterstützung aus dem Inland erhielten.„Hessen ist ein potenzielles Angriffsziel“Nach Angaben des Verfassungsschutzes hat sich die Zahl der Verdachtsfälle mit Russland-Bezug seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine mehr als verdoppelt. Während die Behörde 2022 noch 832 entsprechende Vorgänge bearbeitete, waren es 2025 bereits 1852. Für das laufende Jahr rechnen die Sicherheitsbehörden mit rund 2100 Fällen. Auch bei Verdachtsfällen mit Iran-Bezug registriert das LfV deutliche Zuwächse. „Die Zahlen sprechen eine sehr deutliche Sprache“, sagte Poseck. „Die Bedrohung wird nach meiner Wahrnehmung größer.“ Lesen Sie auchPoseck begründet die Ernsthaftigkeit seiner Entscheidung mit der besonderen Rolle Hessens. „Hessen ist ein potenzielles Angriffsziel“, sagt der Minister. Mit dem Frankfurter Flughafen, dem Internetknotenpunkt in Frankfurt und militärischen Standorten verfüge das Land über Einrichtungen, die aus Sicht fremder Nachrichtendienste von besonderem Interesse seien. „Hessen hat in vielen Bereichen eine sehr zentrale Bedeutung“, sagt Poseck. Die wirtschaftliche Stärke und die verkehrsstrategische Lage machten das Bundesland aus Sicht der Sicherheitsbehörden interessanter für Angriffe als viele andere Regionen Deutschlands.Lesen Sie auchUnter hybriden Bedrohungen verstehen Sicherheitsbehörden Maßnahmen staatlicher oder staatlich gelenkter ziviler Akteure unterhalb der Schwelle eines offenen militärischen Angriffs. Dazu zählen Spionage, Sabotage, Cyberangriffe und Desinformation. Häufig kommen dabei sogenannte Proxys zum Einsatz. Diese übernehmen Aufträge vor Ort, observieren Zielpersonen, fertigen Aufnahmen an oder beschaffen Informationen. Die eigentlichen Auftraggeber bleiben im Hintergrund.Als Beispiel für solche Gefahren verwies Poseck auf ein laufendes Verfahren vor dem Oberlandesgericht Frankfurt. Dort sind drei Männer angeklagt, einen in Deutschland lebenden Ukrainer im Auftrag eines russischen Geheimdienstes ausgespäht zu haben. Nach Auffassung der Bundesanwaltschaft könnte die Observation der Vorbereitung weiterer Operationen gedient haben. Die Angeklagten bestreiten die Vorwürfe. Lesen Sie auchDer Prozess vor dem Oberlandesgericht Frankfurt dient Poseck vor allem als Beispiel für eine Entwicklung, die aus Sicht der Sicherheitsbehörden längst über einzelne Verfahren hinausgeht. Dort sind drei Männer angeklagt, einen in Deutschland lebenden Ukrainer ausgespäht zu haben. Hinter der Operation soll nach Auffassung der Bundesanwaltschaft ein russischer Geheimdienst gestanden haben. „Das ist nur ein Beispiel von sehr vielen Beispielen, die wir hier heute benennen könnten“, sagt Poseck. Der Fall zeige, wie ausländische Nachrichtendienste heute vorgehen könnten: verdeckt, arbeitsteilig und häufig durch Personen, die selbst nur einen kleinen Teil eines größeren Auftrags kennen.„Es liegt auf der Hand“Hinzu kommt ein Phänomen, das bislang vor allem aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität bekannt ist. Unter dem Begriff „Violence as a Service“ beobachten Ermittler die digitale Vermittlung von Gewalttaten. Kontakte entstehen über Messenger-Dienste, soziale Netzwerke oder Gaming-Plattformen, Aufträge werden anonym weitergegeben und von angeworbenen Tätern ausgeführt. Die europäische Strafverfolgungsbehörde Europol sieht darin eine neue Form arbeitsteiliger Kriminalität. Die Logik ähnelt in Teilen jener Vorgehensweise, die Sicherheitsbehörden auch bei Spionage- und Sabotageoperationen beobachten: Auftraggeber, Vermittler und Ausführende treten häufig getrennt voneinander auf. Wer im Hintergrund handelt, bleibt für Ermittler oft lange unsichtbar.Genau auf diese Entwicklung reagiert Hessen nun mit einer bundesweit ungewöhnlichen Struktur. Künftig soll eine eigene Abteilung des Verfassungsschutzes ausschließlich Spionage, hybride Bedrohungen, Einflussoperationen und transnationale Repression bearbeiten. Eine weitere Abteilung bündelt operative Maßnahmen wie Observationen und andere nachrichtendienstliche Mittel. Gleichzeitig wird der Wirtschafts-, Wissenschafts- und Behördenschutz ausgebaut. „Es liegt auf der Hand, dass wir auf diese Entwicklungen weiter reagieren müssen“, sagte Poseck. Die Neuaufstellung sei die Antwort auf eine Sicherheitslage, in der digitale Einflussnahme, Spionage und Sabotage immer enger miteinander verflochten seien.Wir sind das WELT-Investigativteam: Sie haben Hinweise für uns? Dann melden Sie sich gerne, auch vertraulich – per E-Mail oder über den verschlüsselten Messenger Threema (8SNK792J).