Der deutsche Aktienleitindex Dax hat zu Wochenbeginn erstmals die Marke von 26.000 Punkten überschritten. Am Mittwoch wurde die Rekordmarke auf gut 26.400 Punkte verbessert. An diesem Donnerstag tendiert der Index um 26.200 Punkte herum. Niedrigwasser im Rhein, Inflationsdruck durch teureres Öl, Verlust an Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen, schwache Binnenkonjunktur – es gibt zahlreiche Belastungsfaktoren, angesichts derer sich die Frage stellt, warum der Dax dennoch zu Hochform aufläuft. Und dies ausgerechnet im saisonal am Aktienmarkt eigentlich meist schwachen Sommer.Der erste Blick gilt dem internationalen Vergleich. Hier zeigt sich ein ausgesprochen freundliches Aktienumfeld. Der Dax mit seinen knapp sieben Prozent Jahreszuwachs ist international keine Lokomotive, sondern abgehängt. Der ein wenig außer Rand und Band geratene koreanische Aktienmarkt hat sich im Jahresverlauf zeitweise verdoppelt und liegt nach größeren Turbulenzen auch in dieser Woche immer noch 50 Prozent im Plus – zeitweise sehr hochgelobten Technologiewerten wie SK Hynix zum Dank, aber auch koreanischen Aktienmarktklassikern wie Samsung. Der japanische Aktienmarkt zeigt sich in Euro gemessen und damit trotz Yen-Schwäche bislang um 30 Prozent im Plus in diesem Jahr.In Europa nur auf Rang zwanzigWer sich in Deutschland trösten mag, dass das eben eine Techblase ist, die da manche Aktienmärkte befeuert, muss zur Kenntnis nehmen, dass der deutsche Aktienmarkt auch im innereuropäischen Vergleich dieses Jahr nur auf Rang 20 von 25 nennenswerten Aktienmärkten liegt. Die aktuell rund sieben Prozent Dax-Plus verglichen mit dem Jahresbeginn messen sich zum Beispiel mit 25 Prozent Zuwachs aus Österreich und damit einer Börse, die auch nicht gerade für Techüberflieger bekannt ist.Unter den größeren europäischen Märkten zeigen sich schon seit Jahren Spanier und Polen stärker, aber auch die Börsen in Mailand und London liegen klar vor dem Dax. Nur Paris liegt unter den größeren Börsenplätzen knapp dahinter.Das führt zu der Frage, warum das so ist. Die Antwort: Autos und SAP. Neben Deutschland hat nur Frankreich größere börsennotierte Autohersteller. Und die leiden dieses Jahr (mal wieder) besonders stark.Es gab Zeiten, da wurde der Dax als Auto-Dax bezeichnet. Der Bruch kam mit dem VW-Dieselskandal im Jahr 2015. Die Autowerte erreichten damals ein Gewicht im Dax von rund 18 Prozent. Ihre Bedeutung an der Börse war aber noch viel größer, da die Deutsche Börse für den Dax den Festbesitz an Aktien herausrechnet. Im Falle von VW gehen damit nur die frei handelbaren Vorzugsaktien in den Dax-Börsenwert ein, nicht aber die großen Aktienanteile in den Händen von Porsche, des Landes Niedersachsen und von Qatar. Auch die BMW-Anteile der Familien Quandt und Klatten bleiben für den Dax-Anteil unberücksichtigt.Gegenwärtig addiert sich der Gesamtanteil der Autowerte noch auf übersichtliche 4,3 Prozent. VW, immer noch einer der größten Arbeitgeber des Landes, kommt auf 0,9 Prozent Dax-Anteil, Continental als sehr großer Zulieferer auf 0,4 Prozent, BMW auf 1,1 Prozent und Mercedes auf 1,9 Prozent. Beide Porsche-Aktien sind mittlerweile wegen ihrer Kursschwäche aus dem Dax wieder abgestiegen.Die gute Nachricht lautet, dass die Krise der Autoindustrie dem Dax nicht mehr so viel anhaben kann wie früher. Noch im Jahr 2023 kamen die Autowerte auf rund zehn Prozent Gewicht. In diesem Jahr belastet das Minus von 36 Prozent in der BMW-Aktie, von 27 Prozent in der VW-Aktie und von 21 Prozent in der Mercedes-Aktie den Dax gerade noch in Summe um ein Prozent.Stärker wiegt der Kursabsturz von SAP, der sich in diesem Jahr mit einem Abschlag von 18 Prozent fortgesetzt hat. Etwa 1,8 Prozentpunkte hat das den Dax gekostet, da SAP selbst nach einer zwischenzeitlichen Kurshalbierung noch auf ein Dax-Gewicht von knapp zehn Prozent kommt. Die Bedenken, Künstliche Intelligenz könne den Wert von Softwareentwicklern stark mindern, haben einige Softwarekonzerne an der Börse arg belastet. Zuletzt hat sich der Kurs von seinen Tiefs merklich erholt.Auch die einst hochgejubelte Rheinmetall-Aktie ist dieses Jahr zu einem Belastungsfaktor für den Dax geworden. Gleichwohl läge der Dax nicht auf einem Rekordhoch, wenn hierzulande alles nur bergab ginge. Infineon ist der größte Dax-Treiber in diesem Jahr. Hochanerkannte Techaktienfachleute wie Jan Beckers mit seiner Fondsgesellschaft BIT Capital hat Infineon in seinem Flaggschifffonds BIT Global Technology Leaders hoch gewichtet. Höher als die meisten der ganz großen amerikanischen Internetunternehmen. Von ihnen hält er momentan nur Amazon und Alphabet (Google) für aussichtsreicher. Infineon könne vom KI-Boom sehr gut profitieren mit energieeffizienten Chips, so Beckers im Gespräch mit der F.A.Z.Aber auch das Thema Energie beschäftigt die Märkte nicht erst, seitdem KI-Rechenzentren als neue Energiefresser bekannt wurden. Schon mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine gewann Kompetenz in Fragen der Energieerzeugung an der Börse an Relevanz. Und der Kraftwerksbauer Siemens Energy gilt hier an den Aktienmärkten als erste Wahl.Siemens Energy hat sich von einem Dax-Abstiegskandidaten mit weniger als einem Prozent Indexgewicht auf aktuell knapp sieben Prozent Dax-Anteil hochgearbeitet. Der Aktienkurs hat sich mehr als verzwanzigfacht gegenüber seinem Tiefstand. Die Muttergesellschaft Siemens profitiert indes nicht nur vom Wertgewinn ihrer Beteiligung, sondern auch von eigener Stärke als Industriekonzern mit vielen Kompetenzen. Mit knapp zwölf Prozent Dax-Gewicht ist Siemens das aktuelle Schwergewicht.Auch eine Allianz vermag es allein, die Schwäche der Autoaktien im Dax auszugleichen. Hochprofitabel und als sehr verlässlicher Dividendenzahler bekannt, gehört der Versicherer zu den Gewinnern im Dax und gilt als internationaler Liebling an der Frankfurter Börse. Auf den Plätzen der Dax-Treiber folgt Bayer, mit deutlicher Erholung von den ewigen Glyphosat-Rechtsstreitigkeiten. Die Deutsche Börse gilt als stabil-verlässliche Gewinnmaschine mit hohen Margen.Der Flugkonzern Airbus profitiert von Technologie- und Rüstungskompetenz. Bankaktien hilft das höhere Zinsniveau, der Commerzbank zusätzlich das hohe Unicredit-Interesse an ihren Aktien. Aber auch Werte wie Daimler Truck oder die DHL Group sind international gefragte Dax-Aktien.Und unter den weniger hoch gewichteten Titeln wie BASF, Merck und Symrise stellt der technische Analyst Achim Matzke von Matzke Research „ebenfalls charttechnische deutliche Verbesserungen“ fest und sieht sie „auf dem Weg nach oben“. Weniger Abhängigkeit von Autos und SAP und durchaus eine gute Marktbreite mit einer ganzen Reihe gefragter Aktien mit global erfolgreicher Geschäftstätigkeit erklären damit die aktuellen Rekorde.Und sie lassen auch einen positiven Ausblick zu, der dem Dax nach Einschätzung von Banken wie der DZ Bank bis zum Jahresende 27.500 Punkte zutraut.