Fast zwei Jahre ist der große Knall in Thyssenkrupps Stahlsparte jetzt her. Damals traten im Streit über Sanierungspläne sieben hochrangige Manager öffentlichkeitswirksam zurück, unter ihnen der frühere Bundeswirtschaftsminister und damalige Stahlaufsichtsratschef Sigmar Gabriel (SPD). Als Hauptschuldiger wurde schnell Thyssenkrupp-Chef Miguel López ausgemacht. Eine „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ mit ihm sei nicht mehr möglich, die „Geschäftsgrundlage entfallen“, so Gabriels Urteil.Bei den Beschäftigten kam López noch schlechter weg: In ihrer Protestaktion vor dem Duisburger Haupteingang von Deutschlands größtem Stahlhersteller loderten Flammen aus brennenden Tonnen. Auf Transparenten war López’ Gesicht zu sehen, rot durchgestrichen und versehen mit der Zeile „LópezNotMyCEO“. Während einer Demonstration im selben Spätsommer wurde eine als López verkleidete lebensgroße Puppe in einem Sarg zu Grabe getragen.Seither ist viel passiert. López ist unter Arbeitnehmervertretern noch immer nicht beliebt, gilt mittlerweile aber in der Öffentlichkeit als stringenter Sanierer, der im Unternehmen gut aufgeräumt und viel vorangebracht hat. Der alte Sponti-Spruch, mit dem er 2023 sein Amt antrat, scheint sich zu bestätigen: „Machen ist wie wollen, nur krasser.“Ein dickes FellLópez will viel. Und er macht viel. Denn López – Sohn spanischer Eltern, in Frankfurt geboren, leicht hessischer Akzent – hat ein dickes Fell. Er fürchtet sich nicht. Nicht vor unangenehmen Entscheidungen. Nicht vor harten Verhandlungen. Nicht mal vor der IG Metall.Sein Mut scheint ihm recht zu geben. Der Aktienkurs des Industriekonzerns hat verglichen mit dem Stand vor einem Jahr mehr als 40 Prozent hinzugewonnen. Vor allem López’ Plan, den Gemischtwarenladen Thyssenkrupp zu einer schlanken Finanzholding umzubauen, verfolgt er mit Tempo und Zielstrebigkeit. Schritt für Schritt will er alle heutigen Sparten verselbständigen, „fit für den Kapitalmarkt“ machen und zu eigenständig agierenden Tochtergesellschaften umformen.Erst die Marinesparte, dann der MaterialhandelDas Paradebeispiel: die Kriegsmarinesparte TKMS. López hat sie im vergangenen Jahr erfolgreich abgespalten und einen Minderheitsanteil an die Börse gebracht. TKMS floriert gerade stark – allerdings ist dies zuvorderst der weltpolitischen Lage geschuldet. Zuletzt sicherten sich die Kieler einen U-Boot-Auftrag aus Kanada im Umfang eines zweistelligen Milliardenbetrags. Da flog López natürlich über den Atlantik, selbständiges Tochterunternehmen hin oder her. Schließlich hat der Mutterkonzern 51 Prozent an TKMS behalten. In der Rede des Konzernchefs mangelte es nicht an Verweisen auf die übergeordnete Strategie. Thyssenkrupp sei „stolzer Mehrheitseigentümer“ und der Auftrag „ein Beleg für die Richtigkeit der Transformation und der Verselbständigung von TKMS“.Nun, rund ein Jahr nach dem Spin-off von TKMS, soll die nächste Sparte folgen: Am Freitag möchte sich López in einer außerordentlichen Hauptversammlung grünes Licht für die Abspaltung der Materialhandelstochtergesellschaft holen, die seit Kurzem TK Accelis heißt. Größere Widerstände sind nicht zu erwarten, allerdings auch keine Deals in historischer Dimension, wie bei der Schwestergesellschaft.Streitpunkte mit den Gewerkschaften räumte López zusammen mit Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm beinahe geräuschlos aus dem Weg. Russwurm und López verbindet ein langer Weg, vor allem ihre gemeinsame Vergangenheit im Siemens-Konzern. Im Thyssenkrupp-Aufsichtsrat drückte Russwurm mehrere einschneidende Veränderungen mithilfe seines Doppelstimmrechts gegen die Arbeitnehmerbank durch, was als eines der Erfolgsrezepte von López gilt. Anders war es aber mit Blick auf die Pläne für Accelis. Nach allem, was zu hören ist, wurden sie einvernehmlich abgenickt.Die größte Aufgabe wartet nochAll diese Fortschritte könnten beinahe darüber hinwegtäuschen, dass Thyssenkrupp und damit auch López weiterhin mit seiner größten Aufgabe ringt: Seit vielen Jahren, auch schon unter López‘ Vorgängerin Martina Merz, war es erklärtes Ziel, den Konzern unabhängiger zu machen, von seiner historischen Wurzel, der hoch volatilen Stahlsparte. Der Stahlbereich leidet momentan dreifach: unter Dumpingkonkurrenz aus China, unter dem Schwächeln der Autoindustrie als wichtige Abnehmerbranche und unter dem Druck, die extrem klimaschädliche Produktion CO₂-ärmer zu machen.Kritiker sagen, Thyssenkrupp ohne Stahl sei nicht mehr Thyssenkrupp. López hält dagegen, der Stahl sei kein Kerngeschäft mehr. Sein erklärtes Ziel: die Mehrheit am Stahlbereich loszuwerden. Doch bislang sind all seine Versuche gescheitert. Vergangenen Herbst sprang der tschechische Milliardär Daniel Křetínský ab, der bis dahin als Interessent an einem 50:50-Joint-Venture gegolten hatte. López hielt sich mit direkten Kommentaren zurück. Doch im Hintergrund gelang es ihm, die schlechte Nachricht in eine gute Erzählung umzumünzen: Křetínský sei nur gegangen, um Platz für einen damals neuen Interessenten zu machen – Jindal Steel aus Indien.Auch mit Interessent Nummer zwei gab es keine EinigungSeit Mai „pausieren“ nun allerdings auch die Verhandlungen mit dem Jindal-Konzern – vermutlich für immer. López aber drehte auch diese Botschaft in eine Erfolgsnachricht. Diesmal: Man werde den Stahl nicht zu jedem Preis verscherbeln. „Wir haben immer gesagt: Stahl ist Zukunft. Und ein zukunftsfähiges Geschäft ist ein werthaltiges Geschäft“, ließ er sich zitieren.López machte ein weiteres Mal das, worin er richtig gut ist: Erfolge hervorheben. Er tut das in einer nüchternen, manchmal fast ruppig klingenden Art. Seine öffentlichen Reden sind dabei oft an der Grenze zur Langatmigkeit, aber sorgfältig orchestriert. Er argumentiert logisch und teilt seine Gedanken in aufeinanderfolgende Unterpunkte. Erstens, zweitens, drittens.Nach dem Abbruch der Jindal-Gespräche klingt der Argumentationsstrang so: Die Voraussetzungen für eine profitable Fortführung der Stahlsparte seien „so gut wie lange nicht mehr“. Dazu geführt hätten: erstens, dass nach langen, zähen Verhandlungen seit dem Spätherbst ein Sanierungstarifvertrag für den Stahl unterschrieben ist – mit schmerzhaften Einschnitten für die Belegschaft, etwa einer Streichung und Ausgliederung von insgesamt 11.000 Stellen. Zweitens, dass sich damals schon die Übernahme der Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) durch den Konkurrenten Salzgitter anbahnte. Die Mehrheitseigentümerschaft an dem sanierungsbedürftigen Werk hatte bis dahin Thyssenkrupp Steel wie ein Klotz am Bein gehangen. Und drittens, dass seit dem 1. Juli in der EU neue Handelsschutzregeln für Stahl gelten, die dem Markt Preisdruck nehmen.Eigentlich bleibt nur noch ein Börsengang übrigDie Positiverzählung spricht dafür, dass López nun einen neuen Kurs einschlagen und Thyssenkrupp Steel an die Börse bringen möchte. Explizit sagt er das nicht, und auch sonst keiner im Konzern mag es bestätigen. Das „Ziel einer Verselbständigung von Thyssenkrupp Steel bleibt bestehen“, hieß es lediglich am Tag, als die Jindal-Gespräche platzten. Plausibel aber wäre ein Börsengang: Ernst zu nehmende Kaufinteressenten sind schlicht nicht mehr übrig.Ob der Stahlbereich nach der Ausgliederung des Materialhandels auch zeitlich als Nächstes auf der Abspaltungsliste steht, ist offen. Ein paar Punkte sprächen dafür: Etwa dass López sich eigentlich schon seit Amtsantritt vom Stahl verabschieden wollte. Oder dass die ansonsten noch übrigen Sparten sich aktuell kaum anbieten: Das Autozuliefergeschäft kämpft mit der europäischen Autokrise, der Anlagenbau ist eine komplizierte Mixtur.Neue Töne von der IG MetallDer wohl wichtigste Punkt ist allerdings, dass sich die Tonalität der IG-Metall gedreht hat. Argumentierte die Gewerkschaft noch vor zwei Jahren mit Verve für einen Verbleib der Stahlsparte am Tropf des Mutterkonzerns, sagt die Gewerkschaft nun ganz offiziell, sie befürworte eine Verselbständigung „ausdrücklich“. Der zweite IG-Metall-Vorsitzende und stellvertretende Thyssenkrupp-Aufsichtsratschef Jürgen Kerner lässt sich mit der Aussage zitieren: „Ich bin überzeugt: Thyssenkrupp Steel hat die Kraft, eigenständig und erfolgreich am Markt zu bestehen – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.“Miguel López steht jetzt vor der Frage, ob er wirklich den „krassen“ Schritt geht, ob er macht, was er schon lange will. Und vor allem: auf welchem Weg genau. Klargemacht hat er bislang nur, dass er nicht vorhat, das Spin-off-Modell mit Mehrheitsbeteiligung zu kopieren, das er für TKMS und Accelis gewählt hat. Thyssenkrupp soll schließlich bei der Stahlsparte am Ende bloß noch Minderheitsgesellschafter sein. Maximal. Wird López das schaffen? Aus all seinen Reden – den echten Erfolgsmeldungen wie den umgedeuteten Rückschlägen – lässt sich jedenfalls eine Botschaft herauslesen: Wovor sich López womöglich doch fürchtet, ist das Scheitern.