Verzweifelt gesucht: Ein Sommerhit für ItalienLiegt es an der Ideenlosigkeit der Musiker? Ist der Klimawandel schuld? Italien fällt zum Sommer nichts mehr ein.06.08.2026, 14.22 Uhr4 LeseminutenSommer, Sonne – Adriano Celentano: Der italienische Sänger («Azzurro») auf einem Bild von 1962.Giorgio Ambrosi / Mondadori Portfolio / GettyMit letzter Sicherheit konnte man schon in den vergangenen paar Jahren nicht mehr sagen, welches nun eigentlich der grosse Sommerhit war – der «tormentone estivo», jener Song, den alle kennen, mitsingen und der in den Strandbars, Feriendörfern und auf den Tanzflächen am Meer Hunderte Male abgespielt wird. In dieser Saison verdichtet sich die Vermutung zur Gewissheit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Nicht einmal der Sommerhit ist noch das, was er einmal war», schreibt der 75-jährige Musikkritiker Gino Castaldo in der «Repubblica».Castaldo ist eine der wichtigsten Stimmen in Italiens Musikgeschäft. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, über die Beatles, über Woodstock, auch eine wichtige Biografie von Lucio Dalla stammt aus seiner Feder. Castaldo tritt in den Theatern und auf den Piazze des Landes auf, erzählt von seinen Begegnungen mit den grossen Künstlern unserer Zeit, er leitet Musikprogramme auf den Kanälen der RAI. Kurzum: Er ist eine Autorität.Bestenfalls noch ein MitwippenAufgeschreckt habe ihn kürzlich sein Barbiere, schreibt Castaldo. Dieser habe sich darüber beklagt, dass er keine Melodie, keine Textzeile gefunden habe, keine «cosina da cantare» – nichts, das man mitsingen könne. «Wenn er das sagt, müssen wir ihm glauben», so Castaldo. Und tatsächlich: Eine Durchsicht der Toplisten der verschiedenen Musikplattformen zeige: «Der Schaden ist angerichtet, und es wird von Jahr zu Jahr schlimmer.»Da ist nichts, was die Italiener noch aus der Reserve lockt. Bestenfalls wird noch mitgewippt, zum Beispiel beim Merengue «La testa gira» von Fred De Palma oder bei «Al mio paese» von Brancale, Levante und Delia. Das ist es aber auch schon.Etwas stimme einfach nicht mehr im Land, schreibt Castaldo, wenn nicht einmal mehr die Nische des Sommerhits funktioniere. Wenigstens «die Drecksarbeit der Realitätsflucht sollte die Musik doch noch erledigen können», klagt der Kritiker. Von der Auseinandersetzung mit der «uns umgebenden Realität» habe sie sich sowieso schon längst losgelöst.So weit die Diagnose des Kritikers, publiziert vor wenigen Tagen unter dem flehenden Titel «Lasciateci cantare», in Anlehnung an einen Hit von Toto Cutugno. Lasst uns bitte singen!Freilich: Es wird schon noch gesungen im Land des Belcanto. Die sommerlichen Konzerte sind immer noch sehr gut besucht, und wenn einer der alten Kämpen auftritt – Venditti, Zucchero, Jovanotti, Bennato –, singen alle aus voller Kehle mit.Wer etwas im Land herumkommt, vor allem im Süden, hört die Menschen auch im Alltag immer noch singen, manchmal wenigstens. Hinter dem Bartresen, an der Kasse im Supermarkt, beim Saubermachen. Aber es sind meist die alten Schlager, Klassiker wie «Sapore di sale» von Gino Paoli oder «Sarà perché ti amo» von den Ricchi e Poveri. Oder Überbleibsel des Festivals von Sanremo, das jeweils im Februar stattfindet.Dass dort, an der ligurischen Riviera, dieses Jahr mit «Per sempre sì» ein Titel abgeräumt hat, der stark an die Hits der siebziger Jahre erinnert und die eheliche Treue feiert, dürfte im Übrigen kein Zufall sein. «Für immer Ja», singt der 57-jährige Sänger Sal Da Vinci darin und verspricht seiner Angebeteten, der «Königin in Weiss», den grössten Tag ihres Lebens und ein grosses Haus voller Kinder. «Mit der Hand auf der Brust verspreche ich es dir vor Gott.»In Italien weht ein konservativer Zeitgeist. Das alternde Land, das eine der tiefsten Geburtenraten auf der Welt aufweist, sucht Trost in der Vergangenheit. Nostalgie hat weite Teile der Gesellschaft erfasst, so auch in der Musik. Die neuen Hits sind die alten. Oder die auf alt getrimmten.Neue UnworteÜber die Gründe des Niedergangs wird immer wieder einmal spekuliert in den Medien. Er sei die Folge der überbordenden Kommerzialisierung, klagen die einen. Produziert werde nur noch Massenware, Musik, die in die vorgegebenen Schemen und Trends passe. Andere führen den Siegeszug der KI ins Feld. Mit ein paar Klicks könne man heute billig und rasch eingängige Musik herstellen. Es gebe immer weniger Raum für kreative und unkonventionelle Ansätze, niemand wolle mehr ein Risiko eingehen.Schliesslich wird sogar der Klimawandel ins Feld geführt. Der Sommer, selbst der italienische, habe an Leichtigkeit eingebüsst. Immer neue Alarmmeldungen über Rekordtemperaturen, Trockenheit und Umweltschäden hätten den Italienern die Freude vergällt. Wärme, Sonne, Strand, unerlässliche Zutaten eines Sommersongs, seien zu Unworten mutiert.Wenn sich nicht doch noch ein Musiker erbarmt und den nächsten «tormentone» schreibt, ist dies das Ende eines grossen, spezifisch italienischen Genres. «Fasst euch ein Herz», fordert Castaldo von Italiens Liedermachern, «gebt uns wenigstens etwas, das wir in diesem glutheissen Sommer singen können!»Passend zum Artikel