PfadnavigationHomeICONISTTikTokisierung des Erzählens„Für mich erinnern viele dieser Handy-Stoffe an moderne Froschkönig-Geschichten“Von Volker TackmannStand: 07:16 UhrLesedauer: 7 MinutenWer vier oder fünf Stunden am Tag kurze Videos auf TikTok schaut, der hat keine Muße für lange KinofilmeQuelle: Anna Barclay/Getty ImagesMini-Serien mit ganz kurzen Folgen, gedreht fürs Handy, erobern nach TikTok nun die Welt. Die „Verticals“ verändern unsere Rezeption, das Erzählen und gehen auf Kosten der Komplexität, warnt Nico Hofmann, Produzent und Regisseur.Nur wenige Sekunden entscheiden auf Social-Media-Kanälen darüber, ob ein Video auf dem Handy weitergeschaut oder weggewischt wird. Auf diese kurze Aufmerksamkeitsspanne reagiert eine neue Form des seriellen Erzählens, das sogenannte „Vertical Drama“. Die „Vertikals“ im Format 9:16 erobern die Film- und Fernsehbranche. Was auf TikTok begann, wird 2026 zum Standard: Netflix baut vertikale Kurzvideos zentral in die App ein und greift damit direkt Social-Media-Plattformen an. „Vertical Dramas“, vor allem aus China und Asien, breiten sich nach Europa aus – Mini-Serien, gedreht fürs Smartphone, oft nur 90 Sekunden lang, gesteuert vom Algorithmus. Auf der Berlinale 2026 präsentierte sich TikTok als „Seismograph“ für die Entertainment-Branche: Die Plattform zeigt, welche Geschichten funktionieren, bevor sie auf die Leinwand kommen.Auch in Bayern und Baden-Württemberg reagieren Studios: Bavaria Film in Geiselgasteig experimentiert mit neuen Formaten, während Produktionsfirmen in der Region Stuttgart und Ludwigsburg – darunter die Filmakademie Ludwigsburg – auf vertikale Social-Media-Inhalte setzen. Der Trend ist nicht nur technisch, sondern auch psychologisch brisant: Studien zeigen, dass Short-Form-Videos ein deutlich höheres Suchtpotenzial haben als klassisches Social Media. TikToks Algorithmus-System gilt als besonders ausgeklügelt und erzeugt einen „Flow-Zustand“ bei Nutzerinnen und Nutzern – eine Mischung aus Konzentration, Zeitverzerrung und Belohnungsgefühl, die schnell zur Gewohnheit wird. Wie aber verändern diese fürs Handy gemachten Formate die Wahrnehmung und das Storytelling insgesamt? Wir haben Nico Hofmann gefragt, als Regisseur, Produzent und bis vor zwei Jahren mächtiger CEO der Ufa, was die TikTokisierung mit Filmstoffen macht. Hofmann wurde bekannt als „Erfinder“ des Event-Mehrteilers im deutschen Fernsehen, er steckte hinter Mehrteilern wie „Dresden“; „Die Luftbrücke“; „Die Flucht“ oder „Unsere Mütter, unsere Väter“. Derzeit arbeitet er an einer Doku mit Spielszenen über den gestürzten Immobilienmogul René Benko, hat die neue Staffel der Serie „Charité“ in Prag begleitet und plant für die ARD einen Themenabend zum 10. Todestag von Helmut Kohl.WELT: Herr Hofmann, wie war Ihre erste Reaktion auf die Hochkant-Handyvideos, die als „Vertical Drama“ bezeichnet werden?Lesen Sie auchNico Hofmann: Das Format ist mir erstmals nach der Corona-Zeit bewusst aufgefallen. Wenn man es gut macht, ist es eine eigene Kunstform. Gleichzeitig führt die enorme Geschwindigkeit zu einem Verlust von Aufmerksamkeit und Ruhe – beides Voraussetzungen dafür, sich wirklich auf einen Stoff einzulassen. Deshalb hatte ich zunächst ein eher ambivalentes Gefühl. Andererseits trifft das Format den Zeitgeist von TikTok und den sozialen Medien sehr genau.WELT: Sehen Sie darin „nur“ einen Social Media-Trend oder eine dauerhafte Veränderung der Filmbranche?Hofmann: Zunächst einmal ist es ein Trend. Für die Menschen, die in diesem Bereich tätig sind, ergibt er aber wirtschaftlich absolut Sinn. Es entsteht ein eigener Markt mit eigenen Geschäftsmodellen und Produktionsstrukturen.WELT: Sie stehen als Erzähler für große Geschichten, lange Spannungsbögen und Figuren, die sich entwickeln. Kann man große Geschichten in Episoden von 90 Sekunden erzählen?Hofmann: Natürlich. Man kann einen 600 Seiten langen Roman von Thomas Mann auf einen Comicstrip reduzieren. Wenn man etwa aus dem „Zauberberg“ die wesentlichen Handlungspunkte herausfiltert und verdichtet, entsteht eine klare Storyline, die auch in wenigen Minuten funktionieren kann. Die Erzählweise verändert sich dabei allerdings grundlegend. Deshalb würde ich Vertical Dramas eher mit Comicstrips als mit klassischen Filmen vergleichen.WELT: Was geht beim Übergang vom klassischen Film zum Drama à la TikTok verloren?Hofmann: Vor allem die erzählerische Ruhe. Bei einem Zwei- oder Dreiteiler verbringen die Zuschauer idealerweise mehrere Stunden mit einer Geschichte. Sie begleiten Figuren über einen längeren Zeitraum und entwickeln eine tiefere Beziehung zu ihnen. Das ist vergleichbar mit dem Lesen eines Romans über mehrere Tage hinweg. Vertical Dramas verdichten eine Geschichte dagegen auf wenige Minuten. Dadurch verändert sich zwangsläufig die Wirkung und die Erzählstruktur.WELT: Ist das ein Qualitätsverlust?Hofmann: Verglichen mit längeren Erzählformen würde ich sagen: ja. Gleichzeitig müssen wir akzeptieren, dass inzwischen eine Generation heranwächst, die genau dieses Format nachfragt. Ich sehe das sogar in meiner eigenen Familie. Während meine Mutter problemlos einen Dreiteiler mit jeweils 90 Minuten anschaut, möchten ihre Enkel oft nicht mehr als zehn Minuten mit einem Inhalt verbringen. Für mich persönlich bedeutet das einen Verlust an Qualität. Für die junge Generation ist es schlicht eine andere Form der Mediennutzung.WELT: Verändern solche Formate die Sehgewohnheiten einer ganzen Generation?Hofmann: Davon bin ich überzeugt. Junge Menschen wachsen heute mit YouTube, TikTok und ähnlichen Plattformen auf. Sie wechseln Inhalte in kürzester Zeit und bewegen sich permanent von einem Reiz zum nächsten. Alle paar Sekunden öffnet sich eine neue Welt. Genau auf diesen Mechanismus sind Vertical Dramas zugeschnitten.WELT: Hat diese Generation dadurch möglicherweise Schwierigkeiten, sich auf längere Filme einzulassen?Hofmann: Ja, das halte ich für eine reale Entwicklung. Die Fähigkeit, sich Zeit zu nehmen, Geduld aufzubringen und sich langsam auf eine Geschichte einzulassen, nimmt spürbar ab. Das betrifft nicht nur das Medienverhalten. Ich arbeite, durch meine Lehrtätigkeit an der Filmakademie in Ludwigsburg, ständig mit jungen Menschen und stelle fest, wie vorsichtig und reserviert viele im Umgang mit Nähe, Intimität und persönlichen Beziehungen geworden sind. Man hat manchmal den Eindruck, zwischen ihnen und der Welt befinde sich eine Glasscheibe. Natürlich spielen dabei viele Faktoren eine Rolle. Aber die permanente Beschäftigung mit sozialen Medien trägt ihren Teil dazu bei. Wenn Jugendliche täglich vier oder fünf Stunden TikTok konsumieren, bleibt das nicht ohne Auswirkungen.WELT: Welche Altersgruppen sprechen diese Formate vor allem an?Hofmann: Sie richten sich in erster Linie an ein sehr junges Publikum. Häufig geht es in den Verticals um attraktive Figuren, starke emotionale Gegensätze und leicht verständliche Konflikte. Die Geschichten spielen oft in extremen sozialen Milieus – reich oder arm, stark oder schwach, Gewinner oder Verlierer. Für mich erinnern viele dieser Stoffe an moderne Froschkönig-Geschichten.Lesen Sie auchWELT: Muss dafür auch anders geschrieben werden?Hofmann: Absolut. Die Dramaturgie orientiert sich stärker an Werbung, Comics und kurzen Social-Media-Formaten. Alles muss schneller, prägnanter und unmittelbarer erzählt werden. Das hat mit dem Schreiben eines klassischen Drehbuchs nur noch wenig gemeinsam.WELT: Fühlen Sie sich durch diese Entwicklung bedroht?Hofmann: Nein. Wenn es derzeit einen Bereich gibt, der durch KI massiv unter Druck gerät, dann ist es eher die Werbung. Heute lassen sich komplette Werbewelten künstlich erzeugen – inklusive Figuren, Landschaften und Stimmungen. Das geschieht inzwischen auf einem Niveau, bei dem Zuschauer kaum noch erkennen können, ob echte Schauspieler beteiligt waren oder nicht.WELT: Würden Sie, wenn Sie noch einmal anfangen dürften, heute eher einen Kinofilm oder eine vertikale Smartphone-Serie drehen?Hofmann: Definitiv einen Kinofilm. Wer sich für diesen Beruf entscheidet, möchte das große Handwerk lernen: die Arbeit mit Schauspielern, das Erzählen komplexer Geschichten, die Dynamik eines Filmsets und den gesamten kreativen Prozess. Meine Studierenden in Ludwigsburg würden wahrscheinlich lautstark protestieren, wenn ich ihnen erklären würde, dass wir uns künftig ausschließlich mit Vertical Dramas beschäftigen.WELT: Könnte einer Ihrer Stoffe als Vertical Drama funktionieren?Hofmann: Ich könnte so etwas selbst gar nicht schreiben. Das Format folgt eigenen Regeln und verlangt spezielle Fähigkeiten. Ähnlich wie bei Daily Soaps gibt es dafür spezialisierte Autoren. Persönlich empfinde ich es als problematisch, komplexe Stoffe so stark zu verkürzen. Vor Kurzem habe ich einen dieser Clips gesehen, der wie Cinderella in einem Schloss spielte. Für mich war das kaum auszuhalten. Trotzdem müssen wir akzeptieren, dass hier eine neue Form des Erzählens entstanden ist.WELT: Wird es großes Kino langfristig geben?Hofmann: Davon bin ich überzeugt. Jede neue Entwicklung erzeugt irgendwann auch eine Gegenbewegung. Das Kino erlebt derzeit wieder einen Aufschwung. Die Menschen suchen das Gemeinschaftserlebnis und den besonderen Moment auf der großen Leinwand. Der deutsche Film hat zuletzt bemerkenswerte Marktanteile erreicht. Das zeigt, dass das Bedürfnis nach großen Geschichten keineswegs verschwunden ist.WELT: Kann man die Jugendlichen von heute also tatsächlich wieder für längere Erzählformen begeistern?Hofmann: Ich glaube schon. Vielleicht entdecken viele mit zunehmendem Alter wieder die Freude daran, sich Zeit zu nehmen und Geschichten in Ruhe zu erleben.WELT: Kehren sie dann vielleicht auch in Ihre erzählerische Welt zurück?Hofmann: Das wird sich zeigen. Ich kann nur beobachten, dass viele Studierende, mit denen ich heute arbeite, sehr interessiert an klassischen Erzählformen sind. Vielleicht kommen diejenigen, die heute ausschließlich Vertical Dramas konsumieren, später ebenfalls an diesen Punkt.WELT: Sie werben also für Geduld?Hofmann: Unbedingt.