Für die Schweizer Performancekünstlerin Katja Schenker hat Kunst auch viel mit Schwimmen und Schreiben zu tunSie schafft tonnenschwere Monolithe mit vollem Körpereinsatz und überwindet mit ihren dynamischen Performances räumliche Grenzen. Dabei hat Katja Schenker nicht Kunst, sondern Geisteswissenschaften studiert.Susanna Koeberle06.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie gebürtige St. Gallerin Katja Schenker ist bekannt für ihre Performances und Kunst-am-Bau-Projekte. (Aufnahme: Kreuzlingen, 2024)Ralph Ribi / CH MediaWie ein Derwisch wirbelt sie herum, angetrieben durch das Gewicht und die Fliehkraft eines zehn Kilo schweren Alabastersteins, der an einem vier Meter langen Seil befestigt ist. Sie ist Bewegerin und Bewegte zugleich. Wer oder was die Bewegung kontrolliert, lässt sich nicht genau sagen. Denn Loslassen und Kontrolle bedingen sich gegenseitig. Das ist nicht nur für die Performerin ein enormer Kraftakt, auch das Publikum braucht Nerven. Die Aktion ist nämlich nicht ungefährlich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der Performance «Vesuv» (2014) von Katja Schenker liegen Anspannung und Anmut nahe beieinander. Was die Performancekünstlerin interessiert, ist die Auflösung räumlicher und körperlicher Grenzen. Das wiederum schafft neue Räume. Orte erfahren durch Schenkers performative Interventionen eine Veränderung. Wie kürzlich in den neuen Räumlichkeiten des Museums Haus Konstruktiv im Zürcher Löwenbräukunst-Areal: Die Künstlerin eröffnete ihre Einzelausstellung mit «Caryatids Go for a Swim» – Karyatiden gehen schwimmen. Erstmals arbeitete sie dabei mit anderen Performerinnen zusammen.Was geschieht, wenn Karyatiden schwimmen gehen? Eigentlich müsste dann der gesamte Raum zusammenfallen. Vorweg: Das tut er nicht, aber passieren tut dennoch einiges. Die Karyatiden sind weibliche Figuren, die bei antiken griechischen Tempeln Dächer, Giebel und andere architektonische Elemente tragen – und zwar auf ihren Köpfen. Frauen sind als Säulen zum Tragen von Lasten verdammt. Diese Überlieferung der Karyatiden ist irritierend – gerade aus feministischer Perspektive. Schaut man genauer hin, dann findet man auch eine andere Lesart, bei der diese Figuren als Priesterinnen interpretiert werden, die sich für einen rituellen Tanz vorbereiten – eine weitaus würdevollere Aufgabe.Genau diese Deutung nimmt Katja Schenker auf und entwickelt sie weiter. Konzeptionelle Analyse und sinnliche Erfahrbarkeit sind in der Arbeit der 1968 in St. Gallen geborenen Künstlerin keine Gegensätze. Diese Gleichzeitigkeit ist vielmehr ihr wichtigstes Merkmal. Der Raum in der ehemaligen Löwenbräu-Brauerei, der für ihre Schau zur Verfügung steht, wird durch acht wuchtige Säulen dominiert. Dieser rigiden räumlichen Ausgangssituation möchte die Künstlerin etwas Fluides, Dynamisches und Beziehungsorientiertes entgegensetzen. Zum einen durch die Eröffnungsperformance, zum anderen durch die ausgestellten Zeichnungen.Zeichnen mit dem KörperAn der Vernissage warfen die fünf Performerinnen einander Schnurknäuel zu. Das Netz, das sie damit bildeten, verformte auch die Kupferfedern zweier türenartiger Strukturen. Vor den Augen des Publikums entstand eine lebendige Skulptur. Die Performerinnen traten mit den räumlichen und materiellen Gegebenheiten in einen Dialog und verwandelten diese. Auch die ausgestellten Zeichnungen laden den Raum mit Energie auf.Das liegt auch an den leuchtenden Rottönen dieser Werke. Rot ist eine Farbe, die für Katja Schenker Energie und Innerlichkeit symbolisiert. Man spürt als Betrachterin deutlich, dass beim Herstellen dieser Arbeiten ein Körper am Werk war. Die Zeichnungen entstehen unter vollem Körpereinsatz. Schenker bemalt ihren Körper mit roter Farbe und hält schon zu Beginn dieser «Bildperformance» – die Bilder sind eine Mischform aus Performance und Zeichnung – zwei Ölpastellkreiden in der Hand.Rot ist für Katja Schenker die Farbe der Energie: Blick in die Ausstellung.Stefan AltenburgerDann beginnt Schenker sich zu bewegen und vollführt eine Art Tanz, in dem Körper, Farbe und Papier in einen Austausch treten. Was in diesen Augenblicken passiert, ist für uns unsichtbar. Dennoch bleibt etwas zurück: nämlich die roten Abdrücke von Schenkers Körperstellen sowie die fliessenden Linien der Ölkreiden, die die Bewegungen abbilden. Was wir sehen, ist die Spur einer Performance. Die Künstlerin erzeugt mit ihrem Körper einen Raum. Denn die Zeichnungen sind eben keine Körperfigurationen, sondern Orte.Die rohe Materialität des PhysischenUm die Arbeit von Katja Schenker zu verstehen, hilft ein Blick auf ihren Werdegang. Schenker hat keine klassische Ausbildung zur Künstlerin absolviert, sondern an der Universität Zürich Komparatistik, Kunstgeschichte und Philosophie studiert. Für ihre Interessen sei die geisteswissenschaftliche Ausbildung das Beste gewesen. Denn alles andere müsse sie sowieso immer wieder neu lernen, sagt sie. 1999 trat sie erstmals als Künstlerin mit einer Performance in Erscheinung.Katja Schenker arbeitet langsam, sie bezeichnet die Vorbereitungszeit, bis eine Idee nach aussen drängt und sie die richtige Umsetzung dafür gefunden hat, als «aktives Warten». Ihr Arbeitsprozess ist dabei stark ritualisiert. Egal, ob sie an einer Skulptur, einer Zeichnung, einem Video oder an einem Kunstwerk im öffentlichen Raum arbeitet: Alles ist performativ gedacht und geht von der körperlichen und räumlichen Erfahrung aus. Das bedeutet, dass sie Körper und Geist gleichermassen trainieren muss.Zu ihren vorbereitenden Ritualen gehören Gehen, Achtsamkeitsübungen, Schwimmen und Schreiben – hier kommt ihr Hintergrund als Komparatistin zum Tragen. Von ihrem Professor Hans-Jost Frey habe sie gelernt, zu verstehen, was ein Text mache, und nicht primär, was er bedeute. Das Performative von Sprache stand im Vordergrund. Bei Katja Schenker verschob sich der Fokus von den Buchstaben zur rohen Materialität des Physischen. Sie wurde Künstlerin. Mehrheitlich ist ihr eigener Körper ihr Arbeitsmaterial. Aber auch die Eigendynamik «fremder» Materialien interessiert sie.Wie radikal Schenker bei der Umsetzung einer Idee vorgeht, zeigt sich an ihrem bisher grössten und ehrgeizigsten Werk: der elf Meter hohen und hundert Tonnen schweren Skulptur im Campus-Gebäude der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz. Die gigantische Arbeit «Dreamer (Wie tief ist die Zeit?)» versteht sie als vierjährige Performance.Allein zwei Jahre dauerte das Sammeln des Materials: verschieden grosse Holzteile, Steine und Metalle, die sie in der Schweiz fand. Während dreier Monate schichtete sie ihre Fundstücke auf. Gegen Ende des Tages ging sie mit einem Schlauch ans Werk und verteilte dickflüssigen Beton auf das geordnete Gefüge. So ging das Tag für Tag, bis die Höhe von elf Metern erreicht war.Wer Schenker 2017 auf der Baustelle besuchte, musste zuerst ein Gerüst hinaufklettern. Oben fand man die feingliedrige Frau mit Helm und schweren Schuhen ausgerüstet auf der Betonschicht, mit der sie das Werk des Vortags zugedeckt hatte. Sie arbeitete quasi blind und hielt die Anordnung der Stücke auf einer rudimentären Zeichnung fest.Anschliessend schnitt eine Diamantseilsäge die vier Aussenseiten des Turms auf und brachte das eigentliche Werk erstmals zum Vorschein. Bedenkt man, dass jedes der Abertausende von Naturobjekten durch die Hände der Künstlerin gegangen ist, dann erscheint einem dieser Monolith noch verrückter. Zugleich ist das Werk einfach verständlich. Es ist ein Abbild unseres Planeten und seiner Geschichte – materialisierte Zeit.Doch wozu die Mühe, fragt man sich. Und was will die Künstlerin mit solchen Werken eigentlich bezwecken? Eindrücklich an Katja Schenkers Wirken ist, wie zart ihre Arbeiten ungeachtet des immensen Kraftaufwands wirken. Können hundert Tonnen Material zart sein? Ja! Denn die Skulptur zeigt trotz ihrer schieren Masse, dass Halt durch ein Zusammenwirken von innen und aussen zustande kommt.Was Menschen zusammenhält, ist nicht Materie, sondern sind offene und poröse Gefüge: Beziehungen. Indem Katja Schenker eine sinnlich erfahrbare Form für diese Beziehungen schafft, macht sie uns ein Angebot. Nehmen wir es an, werden wir vielleicht zu besseren Menschen – zu sensibleren auf jeden Fall.Katja Schenker, Haus Konstruktiv, Zürich, bis 6. September. Buchpräsentation und Finissage der Ausstellung «Caryatids Go for a Swim» am Sonntag, 6. September, ab 15 Uhr, mit Künstlerinngespräch, Buchsignierung und anschliessendem Apéro.Passend zum Artikel
Für die Künstlerin Katja Schenker hat Kunst auch mit Schwimmen und Schreiben zu tun
Sie schafft tonnenschwere Monolithe mit vollem Körpereinsatz und überwindet mit ihren dynamischen Performances räumliche Grenzen. Dabei hat Katja Schenker nicht Kunst, sondern Geisteswissenschaften studiert.










