Lisi Niesner / ReutersDie Arktis ist längst nicht mehr am Rand der Welt: In Ny-Alesund lässt sich wie durch ein Brennglas beobachten, was Hitze und neue geopolitische Spannungen für uns alle bedeuten.Michael Marek und Anja Steinbruch06.08.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenDie Frage fällt beiläufig, fast scherzhaft, ist aber ernst gemeint. Auriane Herbaut lächelt, als sie ihr auf Spitzbergen von einem Besucher gestellt wird: «Wann bauen Sie hier Wein an?»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf dem Tisch vor ihr liegen ausgedruckte Messreihen, Einsatzpläne und die orangefarbene Hülle einer Radiosonde. An der Wand hängen Wetterkarten. Kurz zuvor hatte Auriane Herbaut einer Touristengruppe erläutert, wie es um den Klimawandel in der Arktis steht. Die Ozeanografin leitet die deutsch-französische Forschungsstation Arctic Weather Information Project and Environmental Research Station (Awipev). Sie sagt, dass nicht einzelne Messungen zeigten, dass sich die Arktis erwärme, sondern jahrzehntelange Datenreihen. Die Frage nach dem Wein klingt absurd. Sie zeigt aber, wie leicht sich Ferienstimmung und wissenschaftlicher Ernst hier nebeneinander behaupten.Draussen auf dem Kongsfjord bilden dümpelnde Eisberge ständig neue Formationen. Der Himmel leuchtet wolkenlos, die Luft ist so klar, dass selbst weit entfernte Gletscherkanten scharf hervortreten.Von Wind und Wetter gegerbt: Einzelne Häuser ausserhalb von Longyearbyen.Maja Hitij / GettyEin Dorf wird zum FreiluftlaborNy-Alesund ist eine faszinierende kleine Ansammlung bunter Holzhäuser, die durch Schotterwege miteinander verbunden sind. Es ist die nördlichste dauerhaft bewohnte Siedlung der Welt und mit ihren Messstationen ein Freiluftlabor, in dem die Folgen der Erderwärmung so greifbar sind wie kaum anderswo.Für manche Besucher, die morgens mit der Hurtigruten am Pier angekommen sind, bleibt der Ort eine Kulisse, ein exotischer Hintergrund für Fotos und für Fragen wie jene nach dem Wein.Svalbard, der norwegische Name des Archipels mit der Hauptinsel Spitzbergen, bedeutet «kalte Küste». Die Inselgruppe ist so gross wie Kroatien und zählt kaum 3000 Einwohner, zwei Drittel stehen unter Naturschutz.Vom Pier führt eine leicht ansteigende Schotterpiste ins Dorf, das aus kaum mehr als einer einzigen Hauptstrasse besteht. Links und rechts stehen Holzhäuser mit Spitzdächern, auf Steinen leicht erhöht, um den gefrorenen Boden darunter nicht zu destabilisieren. Die Fassaden sind gelb, rot, grau oder blau gestrichen, ein buntes, fast tropisch anmutendes Farbspiel im hohen Norden.Im Zentrum des Dorfes stehen ein Denkmal für die Polarexpedition von 1926 und eine Statue von Roald Amundsen. Ein Museum erinnert an Bergbau, Luftschifffahrt und Pioniergeist; daneben liegen ein Hotel für Wissenschafter und ein Laden, in dem Norwegerpullover, Postkarten, Chips und Schokolade verkauft werden.Am Ende der Schotterpiste gabelt sich der Weg. Links führt er hinunter zum Fjord, rechts zu einem grossen Teleskop. Dahinter ragen die Berge steil und dunkel aus dem eiskalten Wasser.Die farbigen Fassaden gehen auf die Bergbauzeit zurück, als Häuser nach Zugehörigkeit zu Firmen eingefärbt wurden.UCG / GettyLongyearbyen, die grösste Siedlung Spitzbergens, sieht im Sommer fast aus wie ein normales Dorf im hohen Norden.Hannah McKay / ReutersWissenschaft erobert die BergbausiedlungNy-Alesund ist heute ein internationales Zentrum der Klimaforschung. Knapp ein Dutzend Staaten betreiben eigene wissenschaftliche Stationen, von China bis Südkorea. Norwegen stellt die Infrastruktur und Logistik bereit, allerdings unter einer Bedingung: Alle Forschungsergebnisse müssen öffentlich zugänglich sein. Was hier gemessen wird, gehört niemandem allein.Im Sommer bleibt es 24 Stunden lang hell, im Winter herrscht wochenlange Dunkelheit. Dann sinken die Temperaturen auf durchschnittlich minus 25 Grad Celsius. Die «mörketid», die dunkle Zeit, dauert von Ende Oktober bis Mitte Februar. Im Hochwinter wird es nicht einmal mittags dämmrig. Wer hier überwintert, lebt monatelang in einem engen Korridor aus Kunstlicht, Sicherheitsroutinen und dem regelmässigen Blick nach draussen, ob sich ein Eisbär nähert.Im Winter leben nur knapp 45 Menschen in Ny-Alesund. Rund die Hälfte arbeitet für Kings Bay AS, das staatliche Unternehmen, das Versorgung, Logistik und den Erhalt der historischen Denkmäler sicherstellt.Der Expeditionsleiter Leonard Haberl führt eine Besuchergruppe zwischen roten und gelben Holzgebäuden hindurch. «Diese Kulisse ist gewaltig, und dann steht hier dieses kleine Dorf, in dem Menschen aus aller Welt zusammenarbeiten. Das macht den Reiz aus.»Die Wohnhäuser stehen hinter eigens errichteten Lawinenschutzbarrieren. Nach einem tödlichen Lawinenunglück 2015 wurde der Schutz in Longyearbyen verstärkt.Maja Hitij / GettyDie Hunde sind eine Kreuzung aus Grönlandhund und Husky und ziehen im Winter Schlitten durch die Schneelandschaft. Im Sommer kommen speziell gebaute Wagen mit Rädern zum Einsatz.Maja Hitij / GettyEin Grubenunglück stürzt die RegierungNy-Alesunds zweite Identität liegt in seiner Vergangenheit als Kohlesiedlung. Die Reste jener Zeit sind rostige Leitungen, Schächte und Fundamente, Relikte eines Industriezweigs, der Norwegen im 20. Jahrhundert mehrfach erschütterte. Nach wiederholten Unglücken – das letzte forderte 1962 einundzwanzig Todesopfer – wurde der Abbau 1963 eingestellt. Das Grubenunglück löste in Oslo eine politische Krise aus; die sogenannte Kings-Bay-Affäre führte zum Sturz der Regierung Gerhardsen, ausgelöst an einem Ort, in dem heute kaum mehr als ein paar Dutzend Menschen leben.Im Dorf- und Bergbaumuseum verdichten sich die Spuren dieser Epoche auf engstem Raum: Schwarz-Weiss-Fotografien von Grubenmannschaften, Helme, Bohrgeräte, vergilbte Schichtpläne, selbst der Stuhl des Zahnarztes ist erhalten geblieben. Tafeln erzählen von den Arbeitsbedingungen in den engen Stollen und von der aufwendigen Versorgung des entlegenen Ortes über das Meer. Wer hier durch die niedrigen Räume geht, versteht, dass Ny-Alesund nicht nur Forschungsstandort, sondern ein sozialgeschichtliches Archiv der Industrialisierung im hohen Norden ist.Das Adventdalen erstreckt sich über rund dreissig Kilometer entlang des Flusses Adventdalselva. Es mündet bei Longyearbyen in den Adventfjord und weiter in den Isfjord.Anna Filipova / NurPhoto / GettyDie Statue erinnert an Roald Amundsen, der 1926 von hier aus zum Nordpol startete. Ny-Alesund beherbergt heute Forschungsstationen aus rund einem Dutzend Ländern.Sebnem Coskun / Anadolu / GettyAmundsen startet zum Nordpol«Viele Exponate stammen aus der Zeit, als in Ny-Alesund noch Kohle gefördert wurde. Darunter sogar denkmalgeschützte Wasserleitungen», erklärt Haberl und zeigt auf einen Stahlmast, an dem Roald Amundsen 1926 sein Luftschiff festmachte. «Von hier startete er gemeinsam mit dem Italiener Umberto Nobile Richtung Nordpol.»Nur ein paar Schritte weiter steht das ehemalige Telegrafenamt, ein schlichtes, hellgrünes Holzhaus mit grosser Geschichte. Von hier verschickte die Grubengesellschaft ihre Meldungen, später auch die Depeschen der Polarexpeditionen. Heute sind im Innern alte Morsegeräte, Schreibmaschinen und Fernschreiber ausgestellt. Die Kabel sind längst tot, doch der Raum erzählt noch immer von einer Zeit, in der Nachrichten aus Ny-Alesund die Welt erreichten.Aus der einstigen Bergbausiedlung ist ein beliebtes Reiseziel geworden, nicht nur für Abenteurer. Kreuzfahrtschiffe wie die MS «Trollfjord» legen regelmässig an. Alle zwei Tage strömen Touristengruppen von Bord. Die Besucher bleiben nur wenige Stunden, spazieren durch das ehemalige Bergwerksdorf, stets begleitet von bewaffneten Guides. Denn auch hier streifen Eisbären umher.Viele Touristen bestaunen die stählerne Startanlage für das Luftschiff «Norge», von der Amundsen zu seinem Nordpolflug aufbrach. Der Polarforscher wählte den Ort nicht zufällig: Die Telegrafenstation sicherte den Kontakt zur Aussenwelt, die geografische Lage versprach einen strategischen Vorteil.Nahe dem kleinen Rollfeld für Propellermaschinen steht heute ein Radioteleskop, das die Bewegungen der Kontinentalplatten misst. Mobiltelefone und Bluetooth sind verboten, die Antennen reagieren empfindlich selbst auf geringste Störsignale. Dafür verfügen die Forschenden über einen Glasfaseranschluss, den leistungsfähigsten Internetzugang der Arktis.Im Zentrum des Dorfes steht das «Blue House», die Basis der deutsch-französischen Station. Betrieben wird sie vom Alfred-Wegener-Institut und vom französischen Polarinstitut. «Wir untersuchen die Folgen der Erderwärmung», sagt Herbaut, die das deutsch-französische Gemeinschaftsprojekt leitet. Luft und Wasser der Arktis erwärmen sich bis zu viermal schneller als im globalen Durchschnitt.Jeden Tag um 12 Uhr 45 startet ein Wetterballon. Seit 1992 wurde keine einzige Messung ausgelassen. Die Sonde übermittelt Temperatur, Luftdruck und Windprofile in Echtzeit und fällt später irgendwo zu Boden. Viele werden wieder eingesammelt, manche verschwinden im Permafrost.Das Schild markiert den Rand der Forschungsstation und warnt vor Eisbären. Ausserhalb der Siedlung ist bewaffnete Begleitung vorgeschrieben.VW Pics / GettyEin türkisches Forschungsteam besuchte die Station im Rahmen der dritten nationalen arktischen Expedition. Die Gruppe führte zuvor Messungen bis zum 79. Breitengrad durch.Sebnem Coskun / Anadolu / GettyQuallen verschieben das NahrungsnetzIm Fjord verändert sich das Ökosystem rasant. «Der arktische Kabeljau wird zunehmend vom grösseren Atlantischen Kabeljau verdrängt», erklärt Herbaut. «Das verschiebt das gesamte Nahrungsnetz.» Eine invasive Qualle, vermutlich bereits vor einigen Jahren in arktische Gewässer eingeschleppt, frisst heute die kleinen Krill-Schalentiere, die eigentlich auf der Speisekarte von Kabeljau und Hering stehen.Damit entzieht sie dem System eine zentrale Nahrungsgrundlage. «Weniger Schalentiere und Fische bedeutet auch für die Vögel, dass sie weiter fliegen müssen, um Nahrung zu finden. Hier hängt alles eng zusammen», gibt Herbaut zu bedenken. Betroffen sind Möwen, Küstenseeschwalben, Papageitaucher sowie rund dreissig Vogelarten, die auf Spitzbergen brüten und deren Kolonien schrumpfen. Auch die Gletscher reagieren empfindlich. Sommer für Sommer zieht sich die Schneegrenze weiter zurück. In manchen Jahren reicht der blanke Fels bis tief in den Fjord, ein Anblick, der vor wenigen Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wäre. Der Gedanke an Weinreben wirkt hier wie ein schlechter Witz, und doch speist er sich aus realen Temperaturkurven.Auriane Herbauts Tage bestehen aus Organisation, Messarbeit und Sicherheitsroutinen. Sie koordiniert Ankünfte, genehmigt Forschungsexpeditionen, schult Kolleginnen im Umgang mit Gewehren und begleitet Projekte im Feld. Manchmal wird Wissenschaft dabei abrupt konkret. «Ein Eisbär kam auf uns zu, schneller, als wir realisieren konnten. Wir schafften es gerade noch zurück aufs Boot. In solchen Momenten spürt man, wie verletzbar wir sind.»Gleichzeitig wächst der Tourismus: 2004 registrierte Svalbard rund 20 000 Übernachtungen, 2024 mehr als 120 000. Die Infrastruktur stösst zunehmend an ihre Grenzen. Vielen Besuchern fehle das Verständnis für die Empfindlichkeit des Ökosystems, sagt Herbaut.Lars Fause lächelt, wenn er von solchen Fragen hört: Weinberge am Rand des Packeises. Als Gouverneur von Spitzbergen ist er verantwortlich für Polizei, Such- und Rettungsdienste, Umweltschutz und Kulturerbe. Damit ist er einer der wenigen, die täglich zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis, touristischen Erwartungen und geopolitischer Realität vermitteln müssen.Barentsburg liegt rund sechzig Kilometer westlich von Longyearbyen und ist die zweitgrösste Siedlung Spitzbergens. Hier betreibt die Russische Akademie der Wissenschaften eine eigene Forschungsstation.Sebnem Coskun / Anadolu / GettyFriedliche Wissenschaft unter geopolitischem Druck«Ich bin ein Mann des Friedens und muss mich auf friedliche Weise um den Archipel kümmern», erklärt Fause. «Sollte es zu einer Bedrohung kommen, übernimmt die norwegische Armee. Svalbard gehört zur Nato.» Was sachlich klingt, verweist auf Verschiebungen, die über Sicherheit hinausgehen.Mit dem schwindenden Eis verändert sich nicht nur das Klima, sondern auch der strategische Blick auf diese Region. Der Archipel am nördlichen Ende der Welt rückt zunehmend aus geopolitischen Interessen in den Fokus der Grossmächte. Ein zentraler Treiber ist das rasche Abschmelzen des arktischen Meereises. Hinzu kommen die Rohstoffe der Region, insbesondere Erdgas und Erdöl, die das Interesse der USA, Chinas, Kanadas und Russlands wecken.«Norwegen übt die staatliche Hoheit über Svalbard aus, andere Staaten, allen voran Russland, pochen auf ihre im Svalbard-Vertrag verankerten Rechte», sagt Fause. Auf Spitzbergen liegen sowohl Longyearbyen als auch die russische Siedlung Barentsburg. Jahrzehntelang pflegten beide Orte enge, pragmatische Beziehungen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist diese Normalität beendet. Die Zusammenarbeit zwischen den norwegischen und den russischen Tourismusorganisationen liegt auf Eis. Norwegen kontrolliert Einreisevisa auf den Inlandflügen Richtung Svalbard heute strenger. Russinnen und Russen müssen ein Schengen-Visum vorweisen. Um dennoch Landsleute und vor allem Nahrungsmittel nach Barentsburg zu bringen, steuern Frachter aus Murmansk die russische Enklave an. Einen Landweg gibt es nicht.Vor einem Jahr wurden Flaggen gehisst und Hände geschüttelt, russische fehlten. Stolz zeigt Fause ein Foto: Neben ihm stehen Kronprinz Haakon, der Ministerpräsident und die Justizministerin. Anlass war der 100. Jahrestag des Spitzbergen-Vertrags, der am 14. August 1925 in Kraft trat, jene völkerrechtliche Zeremonie, die Svalbard Norwegen zusprach, zugleich aber internationale Nutzungsrechte festschrieb.Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts galt Spitzbergen als Terra nullius, als Niemandsland. Kaum jemand hätte damals ein internationales Tauziehen um die Inselgruppe vermutet. Der «Run auf Svalbard» setzte mit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein: Reichhaltige Kohlevorkommen machten den Archipel für internationale Bergbauunternehmen attraktiv. Ungeklärte Besitzverhältnisse bei der Erschliessung der Gruben führten jedoch immer wieder zu Konflikten.Heute gibt es tägliche Flugverbindungen vom norwegischen Festland, und regelmässig landen internationale Kreuzfahrtschiffe an. Aus dem frostigen, einst abgelegenen Kohleabbaugebiet ist ein Reiseziel geworden. Nur der russische Stützpunkt bleibt unberücksichtigt.Am Nachmittag frischt der Wind in Ny-Alesund auf. Die MS «Trollfjord» bereitet das Ablegen vor, im Dorf wird es wieder still. Morgen schon trifft die nächste Besuchergruppe ein. Der Kreislauf aus Forschung und Tourismus beginnt von vorn. Wer hier arbeitet, sieht die Veränderungen, lange bevor sie statistisch erfasst sind. Wer hier ankommt, verlässt den Ort mit der Ahnung, dass sich dieser Breitengrad nicht mehr am Rand der Welt befindet. Vielleicht bleibt von der Reise auch die Erinnerung an eine scheinbar harmlose Frage nach Wein in der Arktis, die mehr über den Zustand des Planeten verrät als jede Messreihe.Passend zum Artikel
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