Der andere BlickWer in Deutschland Missstände deutlich benennt, gilt schnell als Schwarzmaler. Dabei beginnt Optimismus nicht mit Schönfärberei, sondern mit der Anerkennung der Wirklichkeit.06.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenHochspannungsleitungen im Landkreis Ludwigsburg. Versorgungssicherheit, Netzausbau und Wettbewerbsfähigkeit sind keine Frage der Stimmung, sondern der funktionierenden Infrastruktur.Arnulf Hettrich / ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Florian Eder, Chefredaktor NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Niemand verbringt seine Zeit gern damit, schlechte Laune zu verbreiten. Unternehmer schon gar nicht. Ihr Beruf besteht darin, Chancen zu erkennen. Wenn selbst sie seit Jahren Alarm schlagen, lohnt es sich, über den Grund dafür zu sprechen.Wer die deutsche Wirtschaft hört, könnte glauben, das Land stehe kurz vor dem Zusammenbruch: Energiepreise, Lohnkosten, Bürokratie – und jede Reform, die die Politik zustande bringt, höchstens ein Schritt in die richtige Richtung.Hochspannungsleitungen im Landkreis Ludwigsburg. Versorgungssicherheit, Netzausbau und Wettbewerbsfähigkeit sind keine Frage der Stimmung, sondern der funktionierenden Infrastruktur.In Debatten über Bildungspolitik, Migration und die Staatsfinanzen ist der Ton ähnlich scharf. Das wirkt auf manche wie eine Kultur des – konservativen – Schwarzmalens. Das Gegenteil ist richtig.Es ist doch so: Wer Probleme beharrlich verharmlost, ignoriert oder ganz leugnet, zwingt andere zum Alarmismus. Solange bestritten wird, dass es überhaupt einen Missstand gibt, müssen diejenigen, die ihn sehen, lauter werden, selbst wenn es gegen ihre Natur ist.Unternehmer gehen ins Risiko, sehen Marktlücken, stellen Leute ein, haben zunächst Interesse an Wachstum, nicht Lust am Maulen.Die Klage sei eben des Kaufmanns Lied, hat der frühere deutsche Kanzler Olaf Scholz den Wirtschaftsverbänden entgegengehalten. Der Satz steht exemplarisch für eine Politik, die lieber den Ton der Warnung kritisiert als ihren Anlass ernst nimmt.Olaf Scholz hat den Ton gesetztWohltemperiert soll der Ton sein, so wäre es relevanten Teilen der Politik angenehm: bloss nicht laut, bloss nicht scharf, die – tatsächliche oder vermeintliche – Komplexität immer entschuldigend anerkennend. Wer auf Missstände deutlich hinweist, gilt schnell als Alarmist oder Schlimmeres.Nun ist es so: «Die Sonne schickt keine Rechnung» zu sagen, ersetzt keine bezahlbare Energie- und Industriepolitik, die Versorgungssicherheit, Netzausbau und internationale Wettbewerbsfähigkeit zusammendenkt.Die Rechnung schickt das Energiesystem: Netze, Speicher, Reservekraftwerke und Versorgungssicherheit kosten Geld. Der Hinweis darauf, dass Deutschlands Energiepreise ein Hindernis im europäischen und internationalen Wettbewerb seien, wurde als ungeduldige Schwarzmalerei abgetan.Die Welt als blosse VorstellungDie Politik glaubt zu oft, die Beschreibung einer besseren Zukunft ersetze den mühsamen Weg dorthin.So lautete die Erzählung lange, die Schwäche der deutschen Wirtschaft sei vor allem psychologisch: schlechte Stimmung, mangelndes Vertrauen, übertriebener Pessimismus. Das ist eine Verwechslung von Symptom und Ursache: Die Stimmung folgte den Standortbedingungen.Umso erstaunlicher, wie lange über die Diagnose gestritten wurde. Deutschland hat seine Fiskalpolitik massiv gelockert. Wenn trotz hohen öffentlichen Ausgaben und neuen Schulden kaum Wachstum entsteht, spricht doch vieles dafür, dass das Problem viel tiefer liegt als in einer vorübergehenden Nachfrageschwäche. Milliardenprogramme kaufen eben keinen wettbewerbsfähigen Standort.Die Staatsfinanzen selbst sind das beste Beispiel für die Verdrängung der Realität. Schulden seien angesichts niedriger Zinsen praktisch kostenlos, hiess es lange. Heute und in den kommenden Jahren engen Zinslasten den politischen Spielraum enorm ein. Frühe Hinweise auf diese Entwicklung wurden als Sparfetisch abqualifiziert.Warnungen wurden moralisch eingeordnetIn der Migrationspolitik übrigens dasselbe Muster: Warnungen vor Integrationsproblemen, der Bildung von Parallelgesellschaften oder der Überforderung einzelner Kommunen wurden lange Jahre nicht widerlegt, sondern moralisch eingeordnet: als pessimistisch oder gleich populistisch. Als die Probleme schliesslich unübersehbar wurden, waren Jahre verloren – und die Debatte wurde umso schriller.Sinkende Leistungen, mangelnde Sprachkenntnisse und der Verlust von Disziplin an Schulen – auch solche Beobachtungen bekamen einen Stempel: Kulturpessimismus. Heute beschäftigen dieselben Probleme Schulen im ganzen Land.Es hilft nichts, das Offensichtliche zu leugnen. Wenn vernünftige Menschen wieder optimistisch über Deutschland sprechen sollen, muss die Politik zuerst aufhören, die Lage des Landes schönzureden.Passend zum Artikel
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