Wenige Wochen vor den Landtagswahlen im September ist in den sozialen Medien von zahlreichen politischen Skandalen zu hören und lesen: Der Bürgermeister von Berlin soll ein Mörder sein und die SPD einen Sexualstraftäter in ihren Reihen haben. Videos, die solche schweren Vorwürfe vermeintlich aufdecken, sind mit den Logos glaubwürdiger Medien versehen und ähneln auch in der Gestaltung den Social-Media-Videos von Frankfurter Allgemeiner Zeitung, Zeit, taz, von ARD oder der Deutschen Welle. Doch was täuschend echt erscheinen kann, ist gezielte Desinformation.Eric Stehr, Linken-Kandidat in Sachsen-Anhalt, ist einer von vielen Betroffenen. Ein kurzes Reel zeigt sein vermeintliches Verbrechen: Datiert auf den 27. Juni 2026 und mit dem Logo der FAZ versehen, wird Stehr als Mörder seiner Großmutter dargestellt. Der Grund seien Schulden, entstanden durch Spenden an queere Webcam-Models und beglichen durch den Verkauf der Wohnung seiner ermordeten Großmutter. Eine Lüge, die offenbar gezielt im Vorfeld der Wahlen verbreitet wird. Der Polizeisprecher des Burgenlandkreises in Sachsen-Anhalt entlastet Stehr: Es bestehe weder ein Mordverdacht noch werde gegen ihn ermittelt. Stehr selbst reagiert gegenüber der Deutschen Welle mit gemischten Gefühlen auf die Fake News über seine Person: mit Erheiterung über die haltlosen Behauptungen, die in ihrer Überzeichnung keine Ernsthaftigkeit zulassen, und zugleich mit Hilflosigkeit angesichts des Kontrollverlusts über Desinformation, die sich im Netz zu verselbständigen scheint.Laut einem Faktencheck sind die Videos Teil der russischen Einflussoperation „Matrjoschka“Ein Faktencheck der Deutschen Welle hat diese Einflussnahmen nun recherchiert, die auch andere Kandidatinnen und Kandidaten der Landtagswahlen betrifft. Es handle sich mutmaßlich um russische Fake-News-Videos. Die Deutsche Welle hat 180 Posts untersucht, die vom Recherchekollektiv „Antibot4Navalny“ gesammelt wurden, und Narrative identifiziert, die sich gezielt gegen Kandidatinnen und Kandidaten der Wahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen richten. Die Vorwürfe reichen von Mord über sexuellen Missbrauch bis hin zu Korruption. Betroffen seien CDU, SPD, Die Linke, FDP sowie Bündnis 90/Die Grünen. Hinweise auf gefälschte Inhalte gegen AfD oder BSW gebe es hingegen nicht. Die Kampagne scheint damit mehr zum Ziel zu haben, als einzelne Politikerinnen und Politiker zu diskreditieren: Sie greift in den politischen Wettbewerb ein.InstagramDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von Instagram angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Instagram angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Laut dem Faktencheck sind die Videos Teil der russischen Einflussoperation „Matrjoschka“, die bereits seit September 2023 die deutsche Bundespolitik ins Visier nehme. Die gezielte Einflussnahme auf Wahlen in einzelnen Bundesländern trete in diesem Ausmaß erst seit diesem Sommer auf. Die Narrative seien „stark prorussisch, antideutsch und EU-feindlich“, sagt Pablo Maristany de las Casas, Spezialist für Desinformation.„Wir haben beobachtet, dass die Desinformationskampagne zuletzt an Fahrt aufgenommen hat, sowohl quantitativ als auch hinsichtlich der Narrative“, so Joscha Weber, Leiter von DW Faktencheck. Die Urheberschaft der Fakes einwandfrei festzustellen, sei schwierig, da vor allem gestohlene Social-Media-Accounts für die Kampagne genutzt würden, die längere Zeit inaktiv waren und selten Rückschlüsse zuließen. „In einem Fall können wir durch einen Übersetzungsfehler aber davon ausgehen, dass die Autoren des Fakes russischsprachig sind.“Der DW-Faktencheck stellt dabei in zwanzig Fällen einen Missbrauch des eigenen Logos fest. Doch auch andere Medienhäuser werden fälschlicherweise als Quelle der Desinformation angegeben. Dabei wird der zunächst seriöse Eindruck der Videos vor allem durch die prominent platzierten Logos sowie die optische Nachahmung der Social-Media-Kanäle großer Medienhäuser vermittelt. Die DW hat die falschen Inhalte bereits auf den jeweiligen Plattformen gemeldet und will nun zivil- und strafrechtliche Schritte prüfen.
Fake-News mit Logos journalistischer Medien: Wie die Landtagswahlen zum Ziel werden
Mit den Logos seriöser Medien kursieren Fake-Videos zu Politikerinnen und Politikern in Sachsen-Anhalt. Nur AfD und BSW bleiben von der Kampagne verschont.















