In einem Monat wird in Sachsen-Anhalt der Landtag gewählt. Großes Interesse an dieser Wahl haben nicht nur die Bürger des Bundeslandes, sondern hat auch die russische Desinformationsmaschinerie. Vor einem Monat berichtete die F.A.Z. über den aktuellen Stand der seit Jahren laufenden Operation „Matrjoschka“, auch bekannt als „Overload“ oder „Storm-1679“. Dahinter steckt ein Netzwerk russischer Bots, die auf Social-Media-Plattformen wie X, Bluesky oder Tiktok KI-generierte Falschinformationen über Politiker von CDU, Bündnis 90/Die Grünen, SPD und Die Linke verbreiten.Mittlerweile verbreitet die Operation Falschinformation über Politikvertreter in ganz Deutschland. Auch in Sachen Drastik hat „Matrjoschka“ zugelegt, als wollten die Hintermänner die Grenzen des Möglichen, sprich dessen, was für möglich gehalten werden könnte, austesten.Alles erfunden: ermordete Tennisprofis und Sex-PartysWurden Politikern oder Politikerinnen zuvor in kurzen Videoclips unter dem Logo bekannter Medienmarken wie „Die Zeit“ oder der F.A.Z. Falschaussagen in den Mund gelegt, setzen die Macher mittlerweile auf absurd wirkende Anschuldigungen.FAKE: Vor den Wahlen in Berlin, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen kursieren Dutzende Fake-Inhalte, die Kandidaten diskreditieren und Deutschland als gespalten darstellen sollen.archive.orgSo entdeckte die Deutsche Welle (DW), die sich seit Langem auch in eigener Sache intensiv mit russischer Desinformation auseinandersetzt, einen Videoclip, in dem fälschlicherweise behauptet wird, Berlins Bürgermeister Kai Wegner (CDU) werde des versuchten Mordes an einem professionellen Tennisspieler verdächtigt; was die Berliner Polizei der DW gegenüber umgehend dementierte, zumal auch kein professioneller Tennisspieler vermisst wird. Mit erfundenen Missbrauchs- und Betrugsvorwürfen werden indes der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) oder Hannovers Bürgermeister Belit Onay (Grüne) diskreditiert.FAKE: Fake-News über Eric Stehr, Der Student ist Kandidat für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt für die Partei Die Linke und hofft mit Listenplatz zwei am 6. September in den Landtag einziehen zu können.archive.orgEin weiteres Beispiel betrifft Eric Stehr, Direktkandidat der Linken zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Ihm wird in einem Fake-Video mit dem Logo der F.A.Z. und englischen Textbausteinen vorgeworfen, er stehe unter Verdacht, seine Großmutter umgebracht zu haben. Ein anderes Fake-Video verbreitet die Falschinformation, er habe ein Webcam-Model auf dem Gewissen. Überdies soll er an der Bauhaus Universität in Weimar nicht nur geheime Sex-Partys geschmissen, sondern Studenten aus den westlichen Bundesländern zu besseren Noten verholfen haben.Gerade in der letzten Falschinformation zeigt sich der gängige Versuch, den Osten Deutschlands gegen den Westen auszuspielen. Anhand solcher Erzählmuster, aber auch anhand von Abkürzungsfehlern, die auf russische Quellen hindeuten, gehen Beobachter wie Viginium (Frankreich), CheckFirst (Finnland) oder das anonyme Investigativ-Kollektiv Antibot4Navalny davon aus, dass russische Akteure dahinterstecken.Desinformationsprojekte wie die Matrjoschka-Kampagne laufen in fünf Schritten, die sich ständig wiederholen: Im ersten Schritt werden Fake-Inhalte (Videos, Bilder, Memes, journalistische Formate wie etwa Titelseiten) generiert, mit Erkennungsmerkmalen westlicher Medien (Logos, Design) versehen (sogenanntes „Media-Spoofing“) und in Kombination miteinander zu einer scheinbar zusammenhängenden Geschichte verstrickt. Im zweiten Schritt werden diese Story-Amalgame in prorussische Portale wie das „Pravda“-Netzwerk (einst „Portal Kombat“) oder auf Telegram eingespeist.Desinformationskampagnen in fünf SchrittenDer dritte Schritt sieht die Verstärkung und Verbreitung auf Plattformen wie X, Tiktok und mittlerweile verstärkt BlueSky, vor, indem die Fake-Inhalte dort von Fake-Accounts (genannt „Seeder“) gepflanzt werden, um von anderen Fake-Accounts („Quoter“) aufgegriffen zu werden. Letztere streuen die Inhalte gezielt als Antworten auf Posts von Politikern, Medien, Prominenten oder Fakten-Checkern und versehen ihre Posts mit Tags, die sich direkt an Zielpersonen oder Organisationen richten.Geht die Saat der Erzählung auf, werden Journalisten und Fact-Checker im vierten Schritt mitunter direkt mit der Bitte um Prüfung kontaktiert. Zuletzt wird versucht, einer solchen Erzählung mit bot-gesteuerten Likes und Reposts Aufmerksamkeit, respektive „Engagement“ zu verschaffen.Oft werden die Elemente solcher Fake-Storys von den Plattformen einigermaßen schnell erkannt und gelöscht, doch die Art und Weise, wie die Fake-Posts und -Inhalte sich verändern, spricht dafür, dass derlei Kampagnen rasch angepasst werden.Die Frage ist: Welchen Einfluss haben solche Kampagnen in der Realität? Ein Bericht des in London ansässigen Institute for Strategic Dialogue (ISD) aus dem Juli 2025 legt nahe, dass sich der Einfluss der „Matrjoschka“-Kampagne seinerzeit in Grenzen hielt. Nicht nur, weil viel mehr solcher Inhalte vergleichsweise schnell gelöscht werden, als mancher glaubt, sondern auch, weil nur wenige echte Nutzer mit ihnen interagieren.Den Medien gibt das ISD den Ratschlag mit auf den Weg, maßvoll über derlei Desinformationskampagnen zu berichten. Sie zu unterbrechen sei wichtiger als sie aufzudecken. Wir denken: Es braucht das eine wie das andere.