Im Keller des Münchner Polizeipräsidiums üben die Beamten gelegentlich für den Ernstfall. Dort ist einer von drei Standorten für das verpflichtende Einsatztraining der Münchner Polizisten eingerichtet, an diesem Mittwochvormittag haben die Ausbilder mit Stellwänden und Türen eine kleine Wohnung improvisiert. In den Übungsszenarien wird eine Streife zu einer Ruhestörung gerufen, die Beamten treffen auf eine leicht aggressive Frau, die nicht mit sich reden lassen mag. In einem Durchgang läuft sie plötzlich in ein Nebenzimmer, kommt mit einem Messer in der Hand zurück und stürmt unvermittelt auf den ersten Polizisten zu. Was jetzt? Was tun, in diesen engen Räumlichkeiten, mit diesem kurzen Abstand?Mit einem solchen oder einem ähnlichen Szenario sind die Polizisten in der Wirklichkeit gar nicht so selten konfrontiert. Im vorigen Jahr habe es 27 Einsätze gegeben, bei denen Tatverdächtige Hieb- und Stichwaffen dabeigehabt oder sogar gegen die Beamten eingesetzt haben, heißt es im Lagebericht „Gewalt gegen Polizeibeamte im Jahr 2025“, den Münchens Polizeipräsident Thomas Hampel am Mittwoch im Rahmen einer Pressekonferenz vorstellte – nachdem die Medienvertreter einen Einblick in das Einsatztraining erhalten hatten.„Es gibt eine Trainingseinheit, bei der es fünf Stunden lang nur um Stichwaffen geht“, erklärte Christian Strobel, bei der Münchner Polizei stellvertretender Leiter der Abteilung Sonderdienste. Zieht man die jährliche Kriminalitätsbilanz zu Rate, scheinen die Menschen tatsächlich immer schneller mit Messern und spitzen Gegenständen bei der Hand zu sein: In Küchen sind sie sowieso immer griffbereit, Jugendliche haben sie häufig in den Taschen, wenn sie ausgehen.Polizistinnen und Polizisten müssen sich freilich nicht nur vermehrt gegen Messerattacken wehren, sondern sich generell häufiger mit Angriffen gegen ihre Person auseinandersetzen. Wie Polizeipräsident Hampel erläuterte, habe in seinem Zuständigkeitsbereich die Zahl der entsprechenden Delikte insgesamt zwar nur leicht zugenommen im Vergleich zum Vorjahr – von 1338 Fällen auf 1352, eine Steigerung von einem Prozent. Aber innerhalb dieser Fälle haben sich signifikante Verschiebungen ergeben: Die Zahl der erfassten Beleidigungen sei zurückgegangen (von 332 auf 284), dafür sind die tätlichen Angriffe deutlich gestiegen, auf mehr als 1000. 1014 waren es genau, 66 mehr als 2024.Dabei ist die Zahl der Tatverdächtigen weitgehend stabil geblieben, sie belief sich 2025 auf 1190, nur 16 mehr als 2024. Auch die Zusammensetzung bewegt sich im gleichen Rahmen: Gewalttäter gegen Polizisten sind weitgehend Männer (zu mehr als 82 Prozent), überwiegend bereits aktenkundig (zu 88 Prozent) und in mehr als der Hälfte der Fälle alkoholisiert (zu 52 Prozent).Auch das gehört zum Training: Beamte versorgen eine Frau, die sich beim Hantieren mit dem Messer selbst verletzt hat. Stephan RumpfEin Wert in den Statistiken ist besonders auffallend und besorgniserregend: Bei gewaltsamen Übergriffen oder Widerstandshandlungen werden immer mehr Beamte verletzt. 2025 trugen 711 Polizisten und Polizistinnen körperliche Blessuren davon, 2024 waren es 609 gewesen. Im Vergleich zu den 331 im Dienst verletzten Beamten von 2015 hat sich die Zahl innerhalb eines Jahrzehnts sogar mehr als verdoppelt. Polizeipräsident Hampel führt das darauf zurück, dass in der Gesellschaft „der Respekt vor Einsatzkräften generell abnimmt“. Er bezieht ausdrücklich auch Feuerwehren und Rettungsdienste mit ein, die sich ebenfalls immer häufiger Angriffen bei ihrer Arbeit ausgesetzt sehen.Dass die Intensität der Angriffe auf Polizeibeamte zugenommen hat, hat neulich bereits Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) festgestellt, als er die entsprechenden Zahlen für den Freistaat vorstellte: Landesweit wurden demnach im vergangenen Jahr 3172 Polizistinnen und Polizisten verletzt, so viele wie noch nie, seit 2010 diese Statistik erstmals erstellt worden ist.Um der steigenden Gewaltbereitschaft zu begegnen, wird im Polizeipräsidium München freilich nicht nur das Verhalten in bestimmten Situationen trainiert – auch die psychosoziale Nachsorge nach herausfordernden Einsätzen oder Angriffen auf Beamtinnen und Beamte ist in den Fokus gerückt. 2025 wurde im Polizeipräsidium München ein standardisiertes Fürsorge- und Unterstützungskonzept etabliert; Beteiligten an potenziell belastenden Einsätzen (zu denen nicht nur Angriffe auf die eigene Person zählen) wird nun automatisch ein Betreuungsangebot gemacht; es wird nicht gewartet, bis jemand von sich aus Bedarf anmeldet. „Wir müssen schnell sein“, hat die Polizeidirektorin Daniela Hand erkannt.Die für den allgemeinen Dienstbetrieb zuständige Beamtin berichtete von einer steigenden Nachfrage. Im Premierenjahr seien 60 Betreuungsmaßnahmen eingeleitet worden, dazu kamen zehn Gruppenmaßnahmen. Im ersten Halbjahr 2026 waren es bereits 94 Betreuungen, 14 Gruppenmaßnahmen und zwölf Einzelgespräche, die 2025 noch gar nicht erfasst wurden. Die Polizeidirektorin Hand schloss daraus: „Wir haben einen Bedarf, und der ist nicht gering.“
München: Immer mehr Polizisten werden im Dienst verletzt
Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl im Dienst verletzter Beamte verdoppelt. Bei Übungen werden Polizisten gezielt auf Angriffe vorbereitet.







