Im Oktober 2023 rückte die Streifenpolizistin Margaretha Reuther zu einem nächtlichen Einsatz aus, der ganz harmlos begann. In einem Dorf bei Würzburg meldeten Passanten einen betrunkenen Mann, der einen hilflosen Eindruck machte. Gemeinsam mit einem Kollegen fuhr Reuther los, um nach dem Rechten zu sehen, eigentlich Routine. Doch nach dem Einsatz erlebte die Polizistin laut eigener Schilderung einen „seelischen Zusammenbruch“ und begab sich in psychologische Behandlung.Reuther, 38, wurde am Mittwoch ins bayerische Innenministerium nach München eingeladen, um über die persönlichen Folgen von Übergriffen auf Polizistinnen und Polizisten zu sprechen. Zwar geht die Fallzahl insgesamt leicht zurück, im vergangenen Jahr registrierten die Behörden knapp 7200 Straftaten gegen Polizisten, darunter körperliche Gewalt sowie Bedrohungen und Beleidigungen. Doch die Intensität der Angriffe habe zugenommen, sagte Innenminister Joachim Herrmann (CSU) bei der Präsentation der neuen Zahlen. 3172 Einsatzkräfte wurden demnach durch Gewalttäter verletzt, so viele wie nie seit 2010, 13 davon schwer. Sieben Fälle wurden als versuchte Tötungsdelikte eingestuft. All das sei „inakzeptabel“, sagte Herrmann.Die Würzburger Streifenpolizistin Margaretha Reuther erlebte im Oktober 2023 einen Angriff bei einem Routineeinsatz. Sie nahm daraufhin psychologische Betreuung in Anspruch. Foto: Thomas BalbiererMargaretha Reuther erlebte die Gewalt vor drei Jahren am eigenen Leib. Als sie und ihr Kollege den betrunkenen Mann, der gerade von einer Party nach Hause gekommen war, ansprachen, sei er aggressiv geworden und habe „versucht, uns zu schlagen“, sagt sie. Als die Polizisten ihn fesseln wollen, habe er sie an den Haaren gepackt und nicht mehr losgelassen. Sie habe sich nicht mehr bewegen können und „nur noch geschrien“. Als es schließlich gelang, sie aus dem Griff zu befreien, habe sie „nur noch einen sehr großen Haarbüschel in seiner Hand“ gesehen.Natürlich seien da zuerst die körperlichen Schmerzen gewesen, sagt Reuther am Mittwoch, sie habe sich im Krankenhaus behandeln lassen. Doch die „die seelischen Verwundungen“ seien weitaus größer gewesen, wie sie ein paar Tage nach dem Einsatz feststellte. Da sei sie in einer Nachtschicht plötzlich zusammengebrochen.Reuther nahm daraufhin die psychosoziale Notfallbetreuung der Polizei in Anspruch. Sie redete mit einer Kollegin, einer Sozialpädagogin und mit Ärzten „über meine Schuldgefühle, meine Versagensängste“. Doch die Experten sagten ihr: „Du reagierst normal auf ein unnormales Ereignis.“ Durch die Gespräche habe sie „verstanden, dass nicht ich das Problem war“. Nach vier Wochen sei sie wieder in den Streifendienst zurückgekehrt. Den Gedanken, sich die Haare abzurasieren, habe sie schnell wieder verworfen.ExklusivBayerische Polizei:48 Polizisten nahmen sich seit 2015 das LebenIm Schnitt fünf Suizide pro Jahr gab es seit 2015 bei der bayerischen Polizei. Das hat eine Abfrage des Innenministeriums unter den Polizeiverbänden ergeben. 30 Polizisten töteten sich demnach mit der eigenen Dienstwaffe.Mit der 38-jährigen Polizeihauptmeisterin hat das Ministerium einen Musterfall ausgewählt, der zeigt, wie die Polizei idealerweise mit solchen Übergriffen umgeht. Dass es auch Fälle gibt, in denen sich Polizisten nach belastenden Ereignissen zurückziehen oder kein Hilfsangebot erhalten, weiß auch der Innenminister. Er betonte, dass es die Aufgabe jedes Dienststellenleiters sei, betroffenen Kollegen entsprechende Hilfe anzubieten. Sie werde aber niemandem „aufgezwungen“. Es gebe auch Polizisten, die sagten: „Ich mach’ das für mich alleine.“Der Statistik zufolge waren im vergangenen Jahr 82 Prozent der 5800 Tatverdächtigen Männer, etwa 60 Prozent standen demnach unter Drogen- oder Alkoholeinfluss. 900 Tatverdächtige wurden mit zwei oder mehr Taten erfasst.Herrmann sagte, dass bereits viel für den Schutz von Polizisten getan werde, etwa in der Aus- und Fortbildung, bei Einsatztrainings oder durch moderne Ausstattung. Abschreckend auf mögliche Angreifer soll zum Beispiel eine Body-Cam wirken, also eine Kamera an der Uniform der Polizisten. Zusätzliche Abschreckung erhofft sich der Innenminister vom Einsatz sogenannter Taser im Streifendienst, die Gefährder mit Elektroschocks außer Gefecht setzen sollen. Die Geräte werden derzeit in den Polizeiinspektionen Schweinfurt, Regensburg Süd und Augsburg Mitte erprobt.ExklusivInnere Sicherheit in Bayern:Wenn Polizisten das Schießen nicht trainieren könnenBeim Nachweis von Trainings für die Dienstwaffe klaffen Lücken. Die Grünen beklagen: Die Staatsregierung habe „jahrelang dem Verfall der Schießanlagen zugeschaut“.Auch eine schnelle und strenge Strafverfolgung soll dazu beitragen, dass Polizisten weniger oft attackiert werden. Justizminister Georg Eisenreich (CSU) erinnerte daran, dass Angriffe auf Vollstreckungsbeamte seit ein paar Jahren in einem eigenen Paragrafen im Strafgesetz verankert sind, mit einer Strafe von bis zu fünf Jahren. In den bayerischen Behörden gebe es zudem „priorisierte Verfahren“ für besonders schwere Übergriffe. Das Ziel sei, dass solche Fälle „innerhalb von 14 Tagen bei der Staatsanwaltschaft vorliegen“, sagte Eisenreich. Ob die Behörden in der Realität tatsächlich immer so schnell sind, konnte der Justizminister nicht sagen. Dazu gebe es keine Zahlen.Die Deutsche Polizeigewerkschaft in Bayern forderte nach der Bekanntgabe der aktuellen Zahlen mehr Anstrengungen bei der Gewaltprävention sowie eine personelle Stärkung der Justiz. „Die Uniform darf nicht länger Zielscheibe bleiben“, teilte der Landesvorsitzende Jürgen Köhnlein mit. Der Grünen-Sicherheitspolitiker Florian Siekmann forderte „deutlich mehr Alkoholprävention, bessere Aufklärung, Drogenkonsumräume, um Abhängige aus der Illegalität zu holen“.Der Mann, der Margarethe Reuthers Haare ausriss, musste sich ihren Angaben zufolge ein Jahr später vor Gericht verantworten. Er sei „gut situiert“ gewesen und bei der Polizei vor der Tatnacht im Oktober 2023 „nie in Erscheinung getreten“. Das Gericht habe ihn zu einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung verurteilt, sagte Reuther. Am Ende sei sie selbst überrascht gewesen, dass die Strafe „dann doch so hoch ausgefallen ist“.