PfadnavigationHomeRegionalesBayernSo viele Polizisten in Bayern verletzt wie noch nieStand: 14:29 UhrLesedauer: 4 MinutenPolizistin mit Bodycam.Quelle: Peter Kneffel/dpaSeit Jahren beklagen Polizisten eine zunehmende Gewaltbereitschaft, immer wieder werden Beamte im Dienst angegriffen und verletzt. Jetzt gibt es neue Zahlen.Margaretha Reuther kann sich noch gut an den Moment erinnern, als sie das Haarbüschel in der Hand des Mannes sah. «Wir wollten der Person nur helfen», sagt die Polizistin aus Würzburg. Doch dann sei der betrunkene Mann auf sie und ihren Streifenpartner losgegangen. «Wir haben versucht, diesen Schlägen auszuweichen und ihn zu fesseln, beziehungsweise ihn zu Boden zu bringen. Bei diesem Versuch vergriff die Person sich in meinen Haaren und hat massiv an meinen Haaren gerissen», sagt die 38-Jährige. «Ich sah dann in dem Moment nur noch ein sehr großes Haarbüschel in seiner Hand.» Minutenlang lang habe ihr Streifenpartner versucht, sie zu befreien.Körperliche Schmerzen habe sie etwa drei Tage lang gehabt, die seien aber aushaltbar gewesen. Doch die psychischen Folgen waren schwerer: Ein paar Tage später erlitt sie während einer Nachtschicht einen seelischen Zusammenbruch, wie sie berichtet. Sie war dienstunfähig.Nach dem Ereignis habe sie überlegt, sich die Haare abzurasieren, damit ihr so etwas nicht noch einmal passiert. «Der Gedanke ist allerdings relativ schnell wieder passé gewesen». Für Reuther waren die Folgen des Angriffs psychischer Schmerz, Versagensängste und Schuldgefühle. Der Täter bekam eine Bewährungsstrafe für ein Jahr und vier Monate, sie bekam Schmerzensgeld.Gewerkschaft: «Uniform darf nicht länger Zielscheibe bleiben»Reuther ist eine von mehr als 3.000 Polizisten, die im vergangenen Jahr im Einsatz angegriffen und verletzt wurden. Die Zahl hat in Bayern einen neuen Höchststand erreicht. Nach Angaben des bayerischen Innenministeriums wurden im vergangenen Jahr insgesamt 3.172 Beamte verletzt. Das sind so viele wie noch nie seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen im Jahr 2010. Die Deutsche Polizeigewerkschaft spricht von einem «besorgniserregend hohen Niveau».«Die Uniform darf nicht länger Zielscheibe bleiben», sagt der Landesvorsitzende der Gewerkschaft, Jürgen Köhnlein. Er fordert unter anderem eine schnellere Bearbeitung entsprechender Strafverfahren und weniger Bürokratie, wenn Einsatzkräfte Schmerzensgeld fordern.Wie das Ministerium mitteilte, mussten 13 Polizistinnen und Polizisten schwer verletzt stationär behandelt werden. Zählt man auch die psychische Gewalt dazu, lag die Zahl der Polizistinnen und Polizisten, die Opfer von Gewalt wurden, bei 18.400.«Beleidigungen, Respektlosigkeiten und Bedrohungen»«Beleidigungen, Respektlosigkeiten und Bedrohungen können die betroffenen Polizistinnen und Polizisten im Alltag ebenso stark belasten wie körperliche Verletzungen», sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU).Die Zahl der Straftaten gegen Polizeibeamte ging insgesamt allerdings etwas zurück von 7.384 im Jahr 2024 auf 7.151 im Jahr 2025. Dabei machten Gewaltdelikte (4.611 Fälle) den größten Teil aus, gefolgt von Beleidigungen (2.118) und Bedrohungen (334). In allen Bereichen lagen die Zahlen für 2025 etwas unter denen von 2024. Sieben Fälle wurden laut Ministerium als versuchte Tötungsdelikte eingestuft, das sind zwei mehr als 2024.In zehn Fällen hatten die Angreifer eine scharfe Schusswaffe dabei. In einem Fall wurde diese auch gegen Polizeikräfte eingesetzt. Hieb- und Stichwaffen wurden 149-mal mitgeführt und 17-mal gegen die Polizisten eingesetzt.Rund 82 Prozent der Tatverdächtigen waren den Angaben zufolge männlich, etwa 60 Prozent von ihnen standen während der Tat unter Alkohol- oder Drogeneinfluss.Gewalt gegen Polizisten «deutlich intensiver und folgenschwerer»«Die Zahl der Delikte und der Täter ist zwar rückläufig», sagt Herrmann. «Gleichzeitig steigt aber die Zahl der verletzten Polizistinnen und Polizisten auf einen neuen Höchststand. Das zeigt: Die Gewalt gegen Einsatzkräfte geht heute von weniger Personen aus, ist aber offenbar deutlich intensiver und folgenschwerer.» Die Polizei erfasste insgesamt 5.798 Tatverdächtige, 2024 waren es 5.971. Das ist der niedrigste Stand seit 2015.Münchens Polizeipräsident Thomas Hampel hatte schon Ende 2025 eine deutliche Zunahme beklagt. Seinen Angaben zufolge verdoppelte sich die Zahl der jährlich bei Einsätzen verletzten Münchner Polizisten innerhalb von zehn Jahren von 300 auf 600.Damit Polizeibeamte sich besser schützen können, tragen sie inzwischen beispielsweise Bodycams. Außerdem läuft an mehreren Standorten in Bayern ein Pilotprojekt zur Ausrüstung von Polizeieinheiten mit sogenannten Tasern. «Polizistinnen und Polizisten sind sieben Tage die Woche für unsere Sicherheit im Einsatz. Deshalb müssen wir die schützen, die uns schützen, sagte Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (CSU).«Alarmierendes Signal»Der innenpolitische Sprecher der Landtags-Grünen, Florian Siekmann, nennt die Zahlen «ein alarmierendes Signal». Die Straftaten gegen Polizisten streng zu verfolgen, greife aber zu kurz. «Die Daten zeigen auch, dass wir stärker an die Ursachen der Gewalt herangehen müssen», sagt er. «Wieder zeigt sich, dass exzessiver Alkohol- und Drogenkonsum zu Brandbeschleunigern für rohe Gewalt werden können.»Innenminister Herrmann betont: «Gewalt, Bedrohung und Respektlosigkeit gegenüber Einsatzkräften ist ein Angriff auf den Rechtsstaat und darf in unserer Gesellschaft keinen Platz haben.»dpa-infocom GmbH
So viele Polizisten in Bayern verletzt wie noch nie - WELT
Seit Jahren beklagen Polizisten eine zunehmende Gewaltbereitschaft, immer wieder werden Beamte im Dienst angegriffen und verletzt. Jetzt gibt es neue Zahlen.







