Die Bilanz der ukrainischen Luftstreitkräfte am Mittwochvormittag fällt verheerend aus. Insgesamt 24 ballistische Raketen habe Russland in der Nacht auf die Ukraine abgefeuert, zudem vier Antischiffsraketen, schrieb Präsident Wolodymyr Selenskyj auf der Plattform X. Abgefangen wurde offenbar keine einzige.In Kiew wurde es in der Nacht schon kurz nach Mitternacht laut. Zunächst heulten Sirenen, schnell waren die ersten lauten Einschläge zu hören. Fortwährend warnten die Luftstreitkräfte auf Telegram vor weiteren anfliegenden ballistischen Raketen. Laute Explosionen folgten, die meisten davon aber in einiger Distanz zum Kiewer Stadtzentrum. Im Osten der Stadt, jenseits des Flusses Dnipro, erleuchteten später mehrere Feuer den Nachthimmel. Abgefeuert wurden die Raketen aus den russischen Grenzgebieten Brjansk und Kursk. Offenbar gezielt in dichter Abfolge, um die ukrainische Flugabwehr zu übersättigen. Diese konnte der Mitteilung zufolge zumindest 98 Drohnen unterschiedlichen Typs abwehren.Russland will 500 Drohnen abgefangen habenInsgesamt kamen nach offiziellen Angaben vom Mittwochnachmittag 17 Menschen ums Leben, Dutzende weitere wurden verletzt. Der Angriff galt offenbar vorwiegend Logistikzentren privater Unternehmen im Umland. Getroffen wurden etwa die Lagerhäuser mehrerer Supermarktketten. Nach Angaben der ukrainischen Eisenbahn wurde auch ein Bahnhof in der Nähe getroffen. Dort warteten in der Nacht offenbar zahlreiche Menschen auf einen Zug, mindestens acht von ihnen wurden getötet.Die Schläge wirken wie eine Reaktion auf die ukrainischen Angriffe auf Warenlager des russischen Onlinemarktplatzes Wildberries. Fast täglich gibt es neue Bilder von brennenden Lagerhallen und schwarzen Rauchsäulen in Russland. Mehr als 20 Warenlager wurden seit Anfang Juli bereits zerstört, auch am Mittwoch verbreiteten sich Aufnahmen eines brennenden Wildberries-Lagers im Gebiet Tula. Russlands Verteidigungsministerium gab darüber hinaus an, in der Nacht nahezu 500 ukrainische Drohnen abgefangen zu haben.Nicht nur in der Luft weitet sich der Krieg gerade aus. Auch auf dem Schwarzen Meer nehmen beide Seiten seit Wochen die gegnerische Wirtschaft ins Visier. Anders als früher werden auch zivile Frachtschiffe – oft mit internationaler Besatzung – gezielt angegriffen.Weniger Drohnen, dafür mehr ballistische RaketenDie Systematik des nächtlichen russischen Angriffs entspricht dem Trend der vergangenen Wochen. Abermals richtete sich die Attacke vorwiegend gegen die ukrainische Hauptstadt. Zudem setzte Moskau auch diesmal vergleichsweise wenige Drohnen ein. Während Russland bei kombinierten Großangriffen im Frühling zeitweise mehr als 800 Drohnen einsetzte, waren es in den vergangenen Tagen selten mehr als 200. Zuletzt haben die ukrainischen Verteidiger ihre Drohnenabwehr stark verbessert, die Abfangquote liegt bei mehr als 90 Prozent.Doch auch die Drohnen selbst haben sich verändert. Geran-Angriffsdrohnen wurden früher von Propellern angetrieben. Das machte sie laut – und brachte ihnen den Spitznamen „Moped“ ein. Nun gibt es neuartige Modelle mit Strahltriebwerk, optisch erinnern sie mit ihren kleinen Flügeln an Marschflugkörper. Sie erreichen weitaus höhere Geschwindigkeiten, es bleibt der Luftverteidigung also weitaus weniger Zeit, um sie zu entdecken und abzufangen. Möglicherweise ist Russland gerade damit beschäftigt, seine Produktion auf Drohnen mit Strahltriebwerk umzustellen. Aber auch Marschflugkörper konnten zuletzt überwiegend abgefangen werden.Bei Raketen mit ballistischer Flugbahn sieht es hingegen ganz anders aus. Die Ukraine leidet unter einem dramatischen Mangel an Flugabwehrraketen. Luftverteidigungssysteme des Typs Patriot sind als einzige in der Lage, ballistische Raketen zuverlässig abzuwehren. Wolodymyr Selenskyj bittet seine westlichen Partner deshalb seit Wochen verzweifelt um Unterstützung. Auch am Mittwoch schrieb Selenskyj mit Blick auf den jüngsten Angriff in sozialen Medien: „Verzögerte Lieferungen und die mangelnde Bereitschaft, Mittel zur Abwehr ballistischer Raketen bereitzustellen, führen genau zu solchen schrecklichen Opfern und Zerstörungen.“Zunächst wurde gelächelt: Wolodymyr Selenskyj und Donald Trump bei ihrem Treffen Ende Juli.AFPDerzeit scheint es für Kiew weder eine kurzfristige noch eine langfristige Lösung zu geben. Nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump Ende Juli die Erlaubnis für eine Produktion von Abfangraketen in der Ukraine in Aussicht gestellt hatte, relativierte er das nur wenige Tage später wieder. Er äußerte dann, man müsse bei der Weitergabe von derartigen Technologien „sehr vorsichtig“ sein. Einem neuen Bericht der „Financial Times“ zufolge lehnte Trump bei dem Treffen mit Selenskyj in Washington auch dessen Wunsch nach einer schnellen Lieferung von „Hunderten Abfangraketen“ ab.Kommt Hilfe aus Nordkorea?Ohne Luftverteidigungsmunition sieht sich Kiew russischen Raketen zunehmend schutzlos gegenüber. Und während die Ukrainer sich von ihren westlichen Partnern abermals im Stich gelassen fühlen, kann Russland womöglich auf ausländische Unterstützung hoffen.Laut einem Sprecher des ukrainischen Militärgeheimdienstes HUR erwartet Moskau nordkoreanische Hilfe. Demnach plane man derzeit die Verlegung einer nordkoreanischen Raketeneinheit ins westrussische Woronesch. Die Einheit ist nach Angaben des HUR mit rund 120 ballistischen Raketen und sechs Startgeräten ausgerüstet. Nach ukrainischen Angaben setzt Russland bereits seit 2023 auch nordkoreanische Raketen ein. Bis August 2025 habe Pjöngjang mehr als 150 Raketen geliefert.Nordkoreas ballistische Raketen vom Typ KN-23 und KN-24 haben eine größere Reichweite und eine höhere Nutzlast als russische Iskander. Sie gelten allerdings als weitaus ungenauer und könnten somit zu noch größeren zivilen Opferzahlen führen. In der vergangenen Woche kamen ukrainischen Behörden zufolge mindestens fünf Mitglieder einer Familie durch eine nordkoreanische Rakete im zentralukrainischen Dorf Raduschne ums Leben.
Nach Angriffen auf Kiew: Ukraine fehlen Flugabwehrraketen
Ohne Luftverteidigungsmunition sieht sich Kiew russischen Raketen zunehmend schutzlos gegenüber. Das kostet immer mehr Menschenleben.













