Gut gemeint, aber immer daneben, der als Frage getarnte Kommentar von Besuchern: „Hast du die alle gelesen?“ Die, das sind Bücher in zwei, drei oder mehr Regalen. Ja, die stehen nicht einfach so rum, sondern sind gelesen, manchmal mehrfach, lösen beim Betrachten wohlige Erinnerungen aus, zaubern Bibliothekscharme ins Wohnen – und sind für immer mehr Menschen völlig aus der Zeit gefallen. In der skeptischen Kontrollfrage schwingt latente Aggression mit: Wer modern ist, lädt sich Lektüre aufs E-Book und hält es für irre, voluminöse Taschenbücher auf Reisen mitzuschleppen. Bildungsbücherwände sind sentimentale Zurschaustellungsstaubfänger, ihr Anblick wirkt unaufgeräumt und torpediert den reduzierten Wohn-Chic. „Was für ein Opa-Style“, entfährt es dem benachbarten Paar, das erinnere an großelterlichen Mahagoniburgen. Ja, beim Anblick einer Bücherwand schüttelt es manchen, der ausladende Flachbildschirm-Altäre anstandslos bewundert.Ein schöner Rücken, ledergebunden, kann entzückenDabei kann ein schöner Rücken entzücken, ledergebunden, eine Spur von Klosterbibliothek im Neubau, daneben knallige Ausstellungskataloge mit kreativem Kleinkunstwerk als Rückansicht und die wundervolle Erich-Kästner-Gesamtausgabe, ganz in Blau mit dezenten Farbtupfern. Anfällig für optische Wow-Effekte sind Instagramzirkel. Durchaus bibliophil, aber beseelt von der Idee, Bücher nach Farben zu sortieren. Die dort geposteten Regale feiern eine „ganz neue Ästhetik“, untermalt von der epochalen These, Regale nicht länger als „schnöde Aufbewahrungsorte, sondern Teil einer stilvollen Einrichtung“ zu sehen. Holla. Wer hätte das gedacht. Redigiert eigentlich jemand solche Beiträge? Der Trend, farblich zu sortieren, hält sich hartnäckig. Das sieht zugegebenermaßen hübsch aus, aufgeräumt, ein farbenfroher Blickfang, und erinnert an den Dopaminstil – es also mit farblichen Akzenten tüchtig krachen zu lassen: pinkes Kissen auf giftgrünem Mustermix-Sessel. Das zaubert kurzfristig gute Laune, der Farbalarm lässt aber ermüden. Man sieht sich schnell satt an extremen Farbexplosionen. Und ein wenig sieht es nach Kita aus, in der sich überdrehte Mitarbeiter dekomäßig derart ausgetobt haben, als seien mit ihnen wimpelgeschmückte Einhörner durchgegangen. Nicht nur ausgemachten Puristen wird das zu infantil.