Ein Lichtblick im Ozean allgemeiner VerdummungMillionen von Menschen haben sich vom Bücherlesen verabschiedet. Und der Anteil Jugendlicher mit Leseschwäche wächst besorgniserregend. Doch noch ist nicht alles verloren.Paul Jandl15.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenAus dreissig Billy-Regalen des grossen schwedischen Möbelhauses konnten Besucher 2010 am Bondi Beach in Australien Bücher auswählen oder eintauschen. Sie konnten aber auch einfach surfen gehen.Lisa Maree Williams / GettyWer liest was? Mein Beruf sorgt dafür, dass mir ungerufen Bücher zulaufen. Es stapelt sich, was zwar gelesen werden könnte, aber aus Zeitgründen nicht gelesen werden kann. Deshalb frage ich die Menschen rundum, ob sie nicht etwas brauchen können. Ich bin ein Dealer. Feinster Stoff, aber gratis.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Installateur in meinem Haus lehnt neue Literatur ab. Er sagt, er halte sich lieber an die Klassiker. Gerne stelle ich mir vor, wie er sich nach einem Tag voller Muffen, Flansche und verstopfter Abflüsse an Goethe und Schiller hält. Die Grundschullehrerin vom ersten Stock hat ein Faible für Fantasy und weist meine Avancen, ihr überzählige Neuerscheinungen aus dem Bereich gesellschaftskritischer Belletristik zu überlassen, mit verschämtem Blick zurück. Ob ich vielleicht auch aktuelle Kinderbücher hätte? Ich habe keine aktuellen Kinderbücher.Mein Friseur liest Ähnliches wie ich. Die Sendung «Kulturzeit» auf 3sat ist sein Anregungsmedium. Wird dort ein Buch vorgestellt, das ihn interessiert, läuft er in die Buchhandlung und besorgt es sich. Begeisterung und empörte Ablehnung begleiten seine Lektüre und werden danach in die Welt hinausgetragen. Er kann Szenen nacherzählen, als hätte er sie selbst erlebt.Bücherregal ohne BücherWarum liest einer so und ein anderer anders? Warum lesen immer mehr Leute überhaupt nicht? Die Branche der Bucherzeuger rätselt, wie es sein kann, dass sich innerhalb des letzten Jahrzehnts elf Millionen Deutsche von der Idee verabschiedet haben, Lesestoff zu kaufen. Von 2017 bis 2022 ist der Anteil leseschwacher Schüler von 17 auf 25 Prozent angestiegen. Man muss nicht lesen, aber man müsste schon lesen können, um es vielleicht irgendwann doch zu tun.Der Anteil derer, die Bücher nur noch von aussen kennen, wird also weiter steigen. Das sind die schlechten Nachrichten. Aber es gibt auch gute. Es gibt eine Renaissance der Lektüre-Enthusiasten. Sie sind nicht viele, aber sie kaufen mehr anspruchsvolle Bücher denn je. Wäre man Kulturpessimist, könnte man diese Gruppe zur intellektuellen Schicksalsgemeinschaft auf dem Ozean allgemeiner Verdummung hochjazzen. Weniger elitär Denkende würden einwerfen, dass es nicht immer nur Hochgestochenes sein muss. Das Genre der New Romance, das via Tiktok in die Aufmerksamkeitsspannen junger Leser gespült wird, sei doch auch so etwas wie Literatur.Es gibt Menschen, die bemerkt haben wollen, dass die Bücherregale in den Ikea-Katalogen immer weniger für ihren ursprünglichen Zweck beworben werden. An seine Stelle treten kollaterale Nutzungsmöglichkeiten. Serviervorschlag des Möbelladens: Man kann auch Nippes daraufstellen, ein Foto vom Hund und sonstige Sächelchen. Ikea will seine Kunden nicht mehr mit dem Imperativ belästigen, ein Regal müsse mit Büchern gefüllt sein.Daran kann man sehr schön den Niedergang eines bürgerlichen Bildungsideals sehen. «Das Bücherregal ist ein liminales Objekt», nämlich eines im Übergang zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Es stellt die Beteiligung an der Beobachtung von Publikationsleistungen aus, wie es zugleich deren individuelle Kuration mitteilt.» So schreibt es Christoph Engemann in seinem jüngst erschienenen Buch «Die Zukunft des Lesens», aber er meint damit natürlich eine Vergangenheit.Das bildungsbürgerliche Schamgefühl geht verlorenMan erinnert sich an Studentenzeiten, wo das eigene revolutionäre Gewissen im bürgerlichen Goldrahmen des Bücherregals ausgestellt war. Der Blick aufs Regal anderer war das, was heute das Swipen auf Tinder ist. Zeig mir deine Taschenbuch-Werkausgaben, und ich weiss, wer du bist. So meint man sich zumindest zu erinnern. Und der grämliche Fortschrittsfeind Adorno erzeugte immer ein schlechtes Gewissen: «In die kleinen Wohnungen, die nicht mehr repräsentieren, sondern nur noch Mobilität zu ermöglichen haben, passen auch nur Taschenbücher», las man bei ihm damals. Und: «Viele Taschenbücher treten an die Stelle eines Haltbaren.» Herrgott noch mal, Adorno, wir hatten doch nichts! Wenn die Leute heute wenigstens Taschenbücher lesen würden!Das Haltbare ist der Mythos der Kanonisierer. Sie schwören auf eine Sammlung von literarischen Achttausendern, die man bestiegen haben muss. Joyce und Proust und Thomas Mann. Lange waren literaturkritische Autoritäten Wächter belletristischer Höhenkämme. Ihre Empfehlungen waren pädagogisch gemeint und konnten auf den gesellschaftlichen Konsens hoffen, dass es lohnenswert sei, sich mit Literatur zu beschäftigen. Dieser Konsens scheint verloren, und im allgemeinen medialen Angebot ist das Prestige von kanonisierten Büchern bedrohlich abgesackt. Selbst unter Studenten, die eigentlich vom Fach sind. Bei einem Literaturkritik-Seminar, das ich an der Uni Hildesheim gehalten habe, hatten von siebzig Studenten nur noch fünf Thomas Bernhard gelesen, und der Paradigmenwechsel war greifbar. Alle Studenten wussten alles über Harry Potter.Zum bürgerlichen Lesen gehörte ein doppeltes Schamgefühl, das sich heute aus den Diskursen über Literatur verflüchtigt hat. Die Peinlichkeit, nicht mitreden zu können, weil man etwas Bestimmtes nicht gelesen hat. Und die Peinlichkeit, mit Nichtlesen womöglich eigene Zukunftschancen zu verwirken. Lies was, dann wirst du was, lautete das Mantra einer Bildungsgesellschaft, die deshalb so hiess, weil sie an den Aufstieg durch Wissen nicht nur glaubte, sondern diesen Glauben bisweilen sogar auf faktische Beweise stützen konnte.Ins Lesen hineingeschlittertHeute gibt die sogenannte Bildungsgesellschaft ein verzweifeltes Bild ab. Sie wirft immer mehr Ballast ab, übt sich in anorektischer Verschlankung, um durchs Schlüsselloch immer spezifischerer Berufsanforderungen zu passen. Die modularen Studiensysteme sorgen dafür, dass immer effizienter gelesen wird. Es bleibt kein Platz für die Ausschweifungen der Lektüre, für das Wildern im Unbekannten. Die Geisteswissenschaften, in denen so etwas vielleicht noch möglich wäre, sind im Blick der Öffentlichkeit zu Orchideenfächern herabgesunken. Die schwindende Lesekompetenz der Studenten tut ein Übriges. Die Fächer nivellieren sich selbst. Zwangsläufig.Ich bin ins Lesen irgendwie hineingeschlittert. Ich war ein scheues Kind und wahrscheinlich scheute ich sogar die erste Öffentlichkeit, die ich kennenlernen durfte: meine Familie. Bücher waren Paravents, hinter denen man sich verstecken konnte, so wie es heute die Mobiltelefone sind. Beschäftigt zu wirken, ohne es zu sein, ist heute keine Kunst, und damals war es auch für mich recht schnell keine Kunst mehr. Ich habe ja gerne gelesen.Bei Arno Schmidt gibt es eine schöne autobiografische Stelle, die man durchaus metaphorisch nehmen kann. In einer engen Hamburger Küche sitzt das Kind «altklug & unterernährt & wohl überhaupt unangenehm anzuschauen» auf einem Stühlchen und hat ein Buch vor sich. Schmidt möchte nichts verklären: «Es war auf der Buchfläche einfach heller so in dem verwünschten Loch!» Wie schön doppeldeutig dem späteren Schriftsteller das Licht der Aufklärung in die Kindheit scheint. Arno Schmidt wird ein emphatischer Leser bleiben, und sein ganzes Werk ist bevölkert mit grossartigen Selbstporträts in Gestalt von Bibliophilen. In beinahe tantrischer Selbstauflösung verwachsen sie mit den Büchern, feiern das «Handflächenglück» und die «Ballenseligkeit» beim Halten von Folianten.Peter Handke, ein Erotiker der Sittlichkeit, sieht in der Literatur ein Mittel zur Selbstvervollkommnung und gibt diese Einsicht auch gleich als Bonus-Doppelpack weiter: «Ich erwarte von der Literatur ein Zerbrechen aller endgültig scheinenden Weltbilder. Und weil ich erkannt habe, dass ich selber mich durch Literatur ändern konnte, dass ich durch die Literatur erst bewusster leben konnte, bin ich auch überzeugt, durch meine Literatur, andere ändern zu können.» Jedem Leser das Seine, aber man muss feststellen, dass es bis zuletzt am allerwenigsten die Literatur war, die endgültig scheinende Weltbilder zerbrochen hat.Konzentration ist die schönste ZerstreuungIch muss gestehen, dass mir die Behauptung, Lesen sei etwas Magisches, unangenehm ist. Das klingt nach den Losungen, die Buchhändlerinnen und Buchhändler handschriftlich auf Schilder malen, um sie dann in die Auslage zu stellen. Marketingtechnisch braucht das Lesen keine neuen Verzückungsformeln, es braucht eine neue Normalität. Einen Wegweiser durch das Zuviel an Angebot und Anspruch. Ein Buch genügt, und man ist dabei. Lesen kann jederzeit zur Routine werden. Millionen noch verbliebener Bücherkäufer wissen das. Die Hardcore-Abteilung unter ihnen, zu der ich mich zähle, kennt diese Augenblicke der Selbstvergessenheit, in denen die Lesegewohnheit gefühltermassen und tatsächlich wie Wohnen ist. Man muss sich nicht ermuntern, es zu tun. Niemand sagt sich: Die nächsten drei Stunden wohne ich.Konzentration ist die schönste Zerstreuung, und so lese ich. Es gibt das Gerücht, ich sei schnell durch Bücher durch, ich würde gewissermassen über die Seiten brettern, aber das stimmt nicht. Der geübte Leser kennt die Ideallinie. Wo sich Redundanzen bauschen, kann man die Kurve anschneiden, allerdings muss man immer noch genau lesen. Bücher bestehen aus Wörtern und Sätzen, und man wäre kein nur halbwegs interessierter Leser, würde man nicht nach den besten Wörtern und Sätzen suchen. Wer mit Büchern nicht selbst zu schreiben gelernt hat, sollte Büchern nicht vorschreiben, wie sie geschrieben sein sollen. Das sei den Literaturkritikern gesagt, die vielleicht ihr ganzes literaturkritisches Leben über die besten Sätze versäumt haben, weil sie nur auf der Suche nach einem Plot, einer Romanhandlung sind.Wir leben in konzentrationsmüden Zeiten. Darüber ist viel gesagt worden. Und am Ende kommt jetzt auch so ein Buchhändler-Satz: Die Gesellschaft braucht die Konzentrationsübung des Lesens, damit sie wieder zu sich selbst kommt und auch sonst keinen Unfug treibt. Vier Stockwerke unter mir zerschlägt der Installateur alte Waschbecken und wirft die Teile in die Tonne, bevor er sich zu seinem Klassiker-Feierabend aufmacht. Er kann sie sogar zitieren. Man darf den Glauben an die Menschheit nicht aufgeben.Passend zum Artikel
Ein Lichtblick im Ozean allgemeiner Verdummung. Über das Glück, Bücher zu lesen.
Millionen von Menschen haben sich vom Bücherlesen verabschiedet. Und der Anteil Jugendlicher mit Leseschwäche wächst besorgniserregend. Doch noch ist nicht alles verloren.










