SZ: Herr Niessen, Sie haben Tadej Pogacar auf dem Rennrad bezwungen, was soll jetzt noch kommen?Frederik Niessen: (lacht) Diese Frage stelle ich mir seither auch ständig. Es ist verrückt und immer noch kein bisschen weniger surreal als vor 48 Stunden. Mein Instagram-Profil hatte über Nacht buchstäblich eine Million neue Aufrufe.Denken Sie darüber nach, Ihren Arztkittel künftig durch ein Radtrikot zu ersetzen?Es steht auf jeden Fall relativ groß im Raum. Den Arztkittel temporär an den Nagel zu hängen, ist eigentlich schon lange mein Ziel.Hat das Ganze ernsthaft bereits solche Dimensionen erreicht?Es ist der pure Wahnsinn. Plötzlich fragen Firmen bei mir an, ob sie mir Sportsachen schenken können. Tatsächlich wurde auch schon das Wort Profivertrag in den Mund genommen.Tour de France:Pogacar bändigt die AnarchieTadej Pogacar gewinnt zum fünften Mal die Tour de France und steigt damit in den Kreis der Rekordsieger auf. Seine Dominanz ist diesmal besonders eindrücklich – und dabei präsentiert sich der Slowene sogar noch in einer neuen Rolle.Also Angebote von professionellen Rennställen?Ich möchte jetzt keine Namen nennen. Aber ja, ich habe schon mit einigen Leuten gesprochen. Noch ist nichts in trockenen Tüchern.Tadej Pogacar meinte im Ziel, er sei müde gewesen und habe Pech gehabt. Wie sehr hat ihn die Niederlage gewurmt?Da muss ich ehrlich sagen: Ich glaube: gar nicht. Ich denke, wenn man in seiner Position ist, sich quasi aussuchen zu können, welches Rennen man gewinnen möchte, dann spielt diese Challenge auf der kompetitiven Ebene für ihn keine Rolle.Die ersten Schlagzeilen lauteten: Deutscher Amateur schlägt den Toursieger bergauf.Das stimmt so natürlich im engeren Sinn nicht. Ich möchte es auch selbst nicht so framen. Er ist nun mal sieben Minuten später gestartet – und ja, ich hatte oben noch vier Minuten Vorsprung, also er hat, sagen wir mal, nur drei Minuten aufgeholt. Aber er war eigentlich schneller.Haben Sie das Rennen gewonnen, weil Pogacar unten im Stau war, oder wäre das auch so geschehen?Ich selbst hatte noch eine Nachtschicht in der Klinik, konnte also erst am Abend vorher anreisen, habe mir noch flott die Startnummer abgeholt und bin dann morgens zum Event. Ich war viel zu spät da, dadurch musste ich mich weit hinten in den Startblock stellen, was am Anfang absolut fatal war, weil einen das ausbremst.Und Pogacar?Ich habe erst danach gelesen, dass es wohl so war, dass es unten einen Sturz und einen Stau gab, weswegen Pogacar auch aufgehalten wurde. Ich habe ihn jedenfalls nicht gesehen, bis er oben reingekommen ist. Ich kann nicht sagen, wie viel Zeit ihn das genau gekostet hat. Weil er hatte ja, soweit ich weiß, auf wesentlichen Teilen des Anstiegs seine eigene, abgesperrte Spur. Sonst funktioniert das Ganze auch gar nicht. Ich weiß nicht, ob da jemand reingestürzt ist und Pogacars Bahn blockiert war.Also hatten Sie wohl beide Verzögerungen.Ja, wobei Tadej wahrscheinlich zwei Minuten mehr verloren hat.Was ihm aber dann trotzdem nicht gereicht hätte?Ich hatte mir das zuvor ausgerechnet: Pogacar benötigte im letzten Jahr – die sieben Minuten Wartezeit am Anfang eingerechnet – 47 Minuten. Da ich ziemlich genau weiß, wie schnell ich Berge hinauffahren kann, habe ich insgeheim schon gehofft, dass es klappt. Ich habe nun 45 Minuten und einige Sekunden gebraucht.Denker und Lenker: Radsport ist bekannterweise auch ein mentales Spiel, Frederik Niessen montierte sich seinen Verfolger als Foto ans Fahrradcockpit. Frederik NiessenWie fühlt es sich an, wenn man von Tadej Pogacar gejagt wird?Verrückt. Man ist wie im Delirium, wenn man da hochfährt und aus dem letzten Loch pfeift. Währenddessen habe ich mir zwei-, dreimal gedacht: Verdammt, so muss das für die anderen Worldtour-Fahrer sein, wenn sie in einer Fluchtgruppe sind. Und allen da vorn ist klar, dass Tadej die Etappe gewinnen will – und dass fünf Minuten Vorsprung wahrscheinlich nicht reichen werden. Es ist ein absolut wildes Gefühl.Wie geht man damit um?Das war knifflig. Natürlich hatte ich die Daten auf meiner Sportuhr und konnte ziemlich genau einschätzen, wann ich oben sein werde. Aber du weißt ja trotzdem nicht, wie schnell Tadej gerade fährt. Ich kenne es jedenfalls aus ähnlichen Situationen, dass es nicht hilft, sich ständig umzudrehen und zu gucken. Das bringt einen nur aus dem Rhythmus. Man muss einfach treten und hoffen, dass er nicht gleich hinter einem auftaucht.Sie haben sich nach dem Rennen unterhalten, worum ging es?Tadej ist sofort mit einem Lächeln zu mir gekommen und hat mir samt Handshake gratuliert. Er wollte wissen, wie ich den Anstieg fand – das ist ja sein Hausberg. Ich habe ihm noch zu seinem Tour-Sieg gratuliert. Es war jetzt kein tieferes Gespräch, aber er wirkte sehr bescheiden, bodenständig, so wie ich ihn bisher aus dem Fernsehen kannte.Kurzer Plausch im Ziel: Tadej Pogacar erkundigt sich bei Frederik Niessen. Cycling SloveniaInwieweit können Sie solche Berg-Rennradtouren bei Gluthitze aus Sicht eines Arztes empfehlen?Aus medizinischer Perspektive kann man das eigentlich nicht gutheißen. Unten im Tal in Komenda hatten wir zur Startzeit um 10 Uhr schon deutlich über 30 Grad, der Start war in der prallen Sonne. Die Fahrer standen in Trauben, gekauert an Hauswände, überall dort, wo irgendwie noch Schatten war, und haben versucht, ihre Körpertemperatur so lange es ging unten zu halten.Sie haben es offenbar gut überstanden.Wenn man Profi-Ausdauersportler ist oder ein astrein funktionierendes Herz-Kreislauf-System hat, wird man daran nicht zugrunde gehen. Aber das ist nicht der Maßstab, den man unbedingt für alle anlegen kann, die an so einem Event teilnehmen. Da sind Hunderte Leute, manche sind mit Klappfahrrädern unterwegs, 60- und 70-Jährige sind dabei, die gewiss nicht alle die körperlichen Voraussetzungen haben, um bei über 30 Grad in der Sonne den Berg hochzufahren. Gesund ist das dann eher nicht.MeinungRadsport:Die Tour de Femmes steht der Männer-Tour in nichts nachSie sind schon länger erfolgreich in der Amateur- und Semiprofiszene, haben unlängst den Glocknerkönig-Ultra gewonnen. Wie haben Sie sich auf das Duell mit Pogacar vorbereitet?Ich fahre seit über 15 Jahren Rennrad, mein halbes Leben. Da hat man natürlich eine gewisse Grundkondition und kennt seine Leistungsfähigkeit. Die Ausschläge nach oben und unten werden da immer kleiner. Ohne überheblich klingen zu wollen, ist es ab einem gewissen Niveau ganz schwer, noch was zu finden, wo man sich um zehn Watt steigern kann. Ich habe es für dieses Event aber trotzdem versucht.Wie genau haben Sie trainiert?Mit gezielt etwas mehr Intervallen und einem Höhen-Trainingslager in den drei Wochen vorher in Kühtai bei Innsbruck.Und was hat es gebracht?Es ist zwar immer ein bisschen Kaffeesatzleserei. Die Zahlen sagen aber, dass ich in den 45 Minuten den Krvavec hinauf 390 Watt getreten habe. Ich bin schon ähnliche Leistungen gefahren, allerdings bei deutlich kühleren Bedingungen. Alles in allem würde ich sagen, dass meine Taktik aufgegangen ist.„Ich war viel zu spät da, dadurch musste ich mich weit hinten in den Startblock stellen“: Frederik Niessen jongliert mit den Terminen, um Beruf und Sport zu stemmen. Luka KotnikWie schaffen Sie es, dieses intensive Training mit ihrem Beruf als Arzt zu kombinieren – und so gut zu werden?Es ist schon zu mindestens 50 Prozent Glück, also genetisches Glück, das muss man ganz klar sagen. Man kann viel trainieren, aber trotzdem kommt nicht jeder in diese Leistungsbereiche. Ich hatte mir letzten Sommer diesen ehrgeizigen Plan vorgenommen, bin seit Mai fast jedes Wochenende ein Rennen gefahren. Ich bin zuletzt allerdings, das sage ich ganz ehrlich, sehr oft am Rande der Überforderung gewesen. Das war grenzwertig.Jetzt haben Sie Pogacar geschlagen – auf diesem Erfolg ließe es sich genüsslich ausruhen.Das wird eher nicht passieren, im Gegenteil. Ich möchte einige Sachen in meinem Leben ändern und schätze, dass ich mit den Nachtdiensten im Krankenhaus aufhören muss. Ich habe mich eigentlich entschieden, dass ich weiter nachforschen möchte, was ich im Radsport noch erreichen kann.
Radsport: Wie ein deutscher Amateur Tour-de-France-Champion Pogacar schlug
Der Berliner Arzt Frederik Niessen bezwingt bei einem Showevent Tadej Pogacar. Ein Gespräch über das Gefühl, vom besten Rennfahrer der Welt gejagt zu werden.






