Der Zustand unbefleckter Schieflage dauerte nicht lange an. Seit ein paar Tagen rinnt wieder rote Farbe vom hellen Sandsteinsockel unter dem mächtigen Bronzebildnis Karl Luegers, das erst vor wenigen Wochen in neuer Form zugänglich gemacht worden war. An zwei Stellen prangt in Schwarz das Wort „Shame!“. Ein weiterer Fleck, offenbar durch einen Farbbeutel entstanden, ist weiter oben zu sehen.Lueger gehört zu den umstrittensten Figuren der Wiener Stadtgeschichte. Für viele gilt der 1844 geborene frühere Bürgermeister als Urtyp eines Politikers, der früh die demagogische Kraft rassistischer und vor allem antisemitischer Ressentiments entdeckte. Auch der junge Adolf Hitler bewunderte Luegers Fähigkeiten zur Massenmobilisierung, die viele Elemente des späteren Nationalsozialismus vorwegnahm. Hitler bezeichnete ihn als den „gewaltigsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten“.Lueger war auch Sozialpolitiker und ModernisiererSelbst dem damaligen Kaiser Franz Joseph ging Luegers Hetze gegen Juden und andere Bevölkerungsgruppen lange zu weit. Erst 1897, im fünften Anlauf, gab er sein erforderliches Plazet zu Luegers Wahl zum Bürgermeister der Hauptstadt. Auf der anderen Seite wirkte Lueger bis zu seinem Tod 1910 als durchsetzungsstarker Sozialpolitiker. Er ließ Krankenhäuser, Schulen und Armeneinrichtungen bauen, modernisierte die Infrastruktur und brachte Versorgungsbetriebe unter städtische Kontrolle.In Österreich, das lange zur Nachsicht mit der eigenen Geschichte neigte, reihte sich Luegers Figur neben andere nicht ganz eindeutige Gestalten. In den 1990er-Jahren fing man an, Erinnerungen an Lueger in Schulgebäuden oder anderen Einrichtungen durch Texttafeln zu ergänzen. Sie sollten der Zwiespältigkeit seiner Rolle gerecht werden. Auch der nach Lueger benannte Teil der Ringstraße wurde schließlich unter dem Namen „Universitätsring“ neutralisiert.Was blieb, war die bronzene Statue auf dem hohen Sockel, die den Platz vor der mondänen Terrasse des Café Prückel dominiert, eingerahmt von den mächtigen Ästen einer alten Platane, in deren Schatten Handwerker in ihrer Mittagspause dösen.Doch als im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung überall in westlichen Städten Statuen umstrittener Persönlichkeiten gestürzt wurden, mussten sich auch die Wiener mit dem Standbild ihres früheren Bürgermeisters auseinandersetzen. Immer wieder wurde das Denkmal beschmiert und mit Farbe übergossen.Jüdische Gemeinde forderte Entfernung der StatueDie Stadt schaute dem zunächst tatenlos zu. Einen bekannten Antisemiten zu säubern, passte nicht ins Bild. Schließlich lobte man einen Wettbewerb aus. Den gewann der Wiener Künstler Klemens Wihlidal mit seinem Entwurf „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“. Die Idee war einfach, wenn auch aufwendig zu realisieren: Indem Statue und Sockel um genau 3,5 Grad geneigt wurden, bekam das Bild tatsächlich einen deutlichen Störfaktor, der jedem Betrachter ins Auge springt. Bei 3,5 Grad sei der Kipppunkt gerade noch nicht erreicht, sagte Wihlidal damals.Das habe die „brutalstmögliche Aussagekraft“, Lueger werde „der Boden unter den Füßen weggezogen“. Hinzu kam eine große Tafel mit einer historischen Einordnung. Im Winter wurden Statue und Sockel schließlich abgebaut und von einem Steinmetzbetrieb in Niederösterreich aufwendig restauriert. Die Kosten für das gesamte Projekt beliefen sich auf 770.000 Euro.Doch der Streit war damit nicht gelöst. Vor allem die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG) hatte sich von Anfang an gegen den Plan gewandt. Die Statue gehöre „weg und entsorgt“, forderte IKG-Präsident Oskar Deutsch. Auch die Grünfläche, die noch immer den Namen „Dr.-Karl-Lueger-Platz“ trägt, müsse umbenannt werden. Der Verband Jüdischer österreichischer Hochschüler:innen (JöH) organisierte Protestaktionen und eine „Schandwache“.Immer wieder kommt es zu Attacken mit Kreide und FarbeDoch die Stadt blieb bei ihrer Entscheidung. Im Mai wurde die Statue in einer nächtlichen Aktion in der geplanten Neigung aufgestellt. Als der Bauzaun fiel, beließ man es bei einer kurzen Presseinformation. Seither hat die JöH mehrfach Protestaktionen organisiert. „Eine 3,5-Grad-Neigung ist einfach keine Kontextualisierung“, sagt Lia Guttmann, eine der Ko-Vorsitzenden des JöH. „Wien gibt Hitlers größtem Idol weiterhin einen gigantischen, prominenten Platz mitten in der Stadt.“Vor einigen Wochen gab es einen Eklat, als der jüdische Künstler Alon Ishay den Sockel im Rahmen eines Festivals der Universität für Angewandte Kunst mit wasserlöslicher Sprühkreide und Aufklebern versah und von einem Großaufgebot der Polizei gestoppt wurde. Ishay, so berichtete es die lokale Presse, sei von einem Passanten antisemitisch beschimpft worden.Trotz der offenen Kontroverse hatte sich die Stadt gegen eine Überwachung des Platzes ausgesprochen. „Ich glaube, wir können der Gesellschaft vertrauen, dass sie das erst mal auf sich wirken lässt“, wurde Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler (SPÖ) kürzlich zitiert. Vor wenigen Tagen tauchten dann die ersten Beschmierungen mit echter Farbe auf.Guttmann von der JöH will gar nicht verhehlen, dass sie gewisse Sympathien für die Aktion hat. „So blöd es klingt, aber ich finde das eine deutlich bessere Kontextualisierung als die Neigung für das frisch renovierte Denkmal“, sagt sie am Telefon. Die Debatte ist mit dem schiefen Lueger also noch lange nicht beendet.
Wien streitet über Denkmal für Antisemiten Karl Lueger
Die Stadt Wien hat das Denkmal ihres einstigen Bürgermeisters Karl Lueger geneigt. Den Streit um die Erinnerung an den antisemitischen Politiker beendet das nicht.






