InterviewKatherina Reiche sagt über den deutschen Atomausstieg: «Das war eine schwere Fehlentscheidung»Die deutsche Wirtschaftsministerin hält die Klimaziele des Landes für eine «enorme Herausforderung». Sie fordert eine grundlegende Neuausrichtung der Energiepolitik – und äussert sich zu den Gerüchten, wonach ihr Verhältnis zum Kanzler belastet sein soll.05.08.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenKatherina Reiche sagt über ihre Energiepolitik: «Wir haben eine schwierige Ausgangslage, vor allem wegen falscher Weichenstellungen in der Vergangenheit.»Andreas Pein / LaifFrau Ministerin, ist die deutsche Energiewende gescheitert?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Energiewende ist gemessen am Zubau von erneuerbaren Energien eine Erfolgsgeschichte. Wind- und Solarenergie sind aus der Nische in die Mitte unserer Stromversorgung gerückt. Gemessen an den dramatisch gestiegenen Systemkosten droht der Erfolg aber ins Gegenteil zu kippen, wenn wir nicht umsteuern. Deshalb leiten wir die nächste Phase der Energiewende ein: mehr Versorgungssicherheit, mehr Markt, mehr Infrastrukturzubau. Wir haben eine schwierige Ausgangslage, vor allem wegen falscher Weichenstellungen in der Vergangenheit. Frühere Bundesregierungen haben sich entschieden, gleichzeitig aus der Kohle und der Kernkraft auszusteigen. Dadurch fehlt heute gesicherte Leistung. Gleichzeitig ist ein hochkomplexes Fördersystem entstanden.Was meinen Sie damit?Die Erneuerbaren sind hoch subventioniert, mit vielen individuellen Ansprüchen. Das erschwert die gerade beschriebenen notwendigen Anpassungen. Verständlicherweise gibt es dann Widerstände. Aber erneuerbare Energien sind heute eine tragende Säule unseres Stromsystems. Genau deshalb müssen sie künftig stärker markt- und systemdienlich werden. Wir bauen dort aus, wo der Strom zuverlässig aufgenommen, transportiert und genutzt werden kann. So begrenzen wir die Systemkosten und schaffen die Voraussetzungen für dauerhaft wettbewerbsfähige Strompreise – gerade für unsere energieintensive Industrie.Sie wollen beispielsweise die Betreiber von Windrädern und Solaranlagen künftig stärker an den Gesamtkosten des Systems beteiligen. Nun haben Sie diese Massnahme auf Druck von Verbänden und der SPD abgeschwächt. Wieso?Der ursprüngliche Vorschlag, dass die Betreiber von Windrädern und Solarpaneelen bei Engpässen gar keine Entschädigung mehr bekommen, wenn das Netz in ihrer Region regelmässig überlastet ist, war zwar klare Beschlusslage im Koalitionsausschuss, aber in den drei Parteien der Koalition letztlich nicht konsensfähig. Wir haben die Regelung zur Entschädigung bei Netzengpässen daher angepasst. Anlagen, die in einem Jahr von besonders vielen Engpässen betroffen sind, erhalten für einen Teil des nicht nutzbaren Stroms wieder eine Entschädigung. Diese Obergrenze schafft Planungssicherheit für Investoren und erhält gleichzeitig den entscheidenden Systemwechsel. Das Ziel bleibt unverändert: Wir entwickeln uns von reiner staatlicher Förderung zu mehr Marktintegration, mehr Kosteneffizienz, mehr Systemverantwortung und weniger Subventionen weiter.Auch die CSU war dagegen?Alle drei Koalitionspartner hatten unterschiedliche Vorstellungen davon, in welchem Umfang das Fördersystem angepasst werden sollte. Deshalb wurde intensiv verhandelt. Natürlich hätte ich mir an einzelnen Stellen noch ambitioniertere Veränderungen vorstellen können. Aber Politik besteht darin, tragfähige Kompromisse zu erreichen. Genau das ist gelungen. Der entscheidende Paradigmenwechsel steht. Das ist ein grosser Erfolg meines Hauses und eine wichtige Weichenstellung für die Energiewende.Zur PersonMinisterin mit Erfahrung in der PrivatwirtschaftKatherina Reiche ist seit Mai 2025 deutsche Bundesministerin für Wirtschaft und Energie. Die diplomierte Chemikerin ist CDU-Mitglied und sass 17 Jahre lang für die Partei im Bundestag, bevor sie 2015 in die Privatwirtschaft wechselte. Als Kanzler Friedrich Merz ihr das Amt als Ministerin anbot, war sie Vorstandsvorsitzende der Westenergie, einer Tochter des Energiekonzerns E.On.Am Ziel, 80 Prozent des Stroms künftig aus erneuerbaren Energien zu erzeugen, halten Sie fest. Gleichzeitig wollen Sie Förderungen zum Beispiel für Solardachanlagen abschaffen, obwohl das Tempo beim Ausbau schon jetzt nicht ausreicht. Wie passt das zusammen?Das passt sehr gut zusammen. Je erfolgreicher die Energiewende wird, desto stärker müssen wir darauf achten, dass sie effizient, bezahlbar und fair bleibt. Viele kleine Photovoltaikanlagen auf Ein- und Zweifamilienhäusern rechnen sich heute auch ohne staatliche Förderung. Deshalb ist es richtig, dass Balkonkraftwerke und kleinere Dachanlagen künftig stärker am Markt bestehen. Das entlastet die Stromkunden und den Staat, ohne den Ausbau auszubremsen. Förderung wird künftig vor allem dort eingesetzt werden, wo sie für den weiteren Ausbau tatsächlich gebraucht wird. Mir geht es dabei auch um Gerechtigkeit. Bislang mussten alle Steuerzahler über das Fördersystem auch Anlagen mitfinanzieren, die sich viele Menschen gar nicht leisten können – etwa auf dem eigenen Hausdach.Manche Kritiker behaupten, dass die Energiekonzerne künftig wieder stärker auf fossile Energieträger setzen wollen und dass Sie ihnen dabei gezielt entgegenkommen.Jedes deutsche Energieunternehmen stellt sich darauf ein, seinen CO₂-Fussabdruck zu verringern. Das wird durch regulatorische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die Erwartungen der Kunden und den technologischen Fortschritt gleichermassen vorangetrieben. Die Energiebranche versteht sich als Teil der Lösung. Der Kohleausstieg läuft, der Ausbau der Erneuerbaren läuft. Selbst Unternehmen, die früher vor allem konventionell aufgestellt waren, investieren heute in Windkraft, grosse Solaranlagen oder Batteriespeicher. Schauen Sie sich LEAG, RWE, EnBW oder Vattenfall an. Der Branche zu unterstellen, sie wolle wieder auf fossile Energien setzen oder sich der Transformation verweigern, wird der Realität nicht gerecht. Im Gegenteil: Sie investiert Milliarden in den Umbau unseres Energiesystems.Auch Sie werden in der Öffentlichkeit hart angegangen. «Gas-Kathi» hat man Sie genannt, «E.On-Ministerin». Was löst das bei Ihnen aus?Es wundert mich, dass Fachkompetenz als Makel gesehen wird. Es ist ein grosser Vorteil, wenn man die Branche, die internationalen Partner und die Zusammenhänge kennt und versteht. Ich habe Verantwortung für die Energieversorgung unseres Landes übernommen. Meine Aufgabe ist es, die Energiewende so weiterzuentwickeln, dass sie dauerhaft funktioniert – mit mehr Versorgungssicherheit, wettbewerbsfähigen Strompreisen und ausreichend Energie. Und das zu jeder Tages- und Nachtzeit, nicht nur dann, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Ich bin weder die Ministerin für Erneuerbare noch für Gaskraftwerke. Ich bin die Ministerin für die Menschen und Unternehmen in diesem Land, die auf eine sichere, bezahlbare und verlässliche Energieversorgung angewiesen sind. Das ist mein Kompass, und daran lasse ich mich messen.Die Eingriffe, die Sie planen, sind letztlich kosmetischer Natur. Deutschland hat keine guten Voraussetzungen für erneuerbare Energie, wie etwa die Schweiz oder Norwegen für Wasserkraft oder die südeuropäischen Länder mit ihren vielen Sonnenstunden. Braucht es für ein Industrieland wie Deutschland nicht viel grundlegendere Korrekturen, zum Beispiel eine Rückkehr zur Atomenergie?Es wäre gut, wenn wir heute eine weitere Option hätten, um gesicherte Leistung bereitzustellen. Die vorige Bundesregierung hat die letzten sechs Kernkraftwerke abgeschaltet. Das war aus meiner Sicht eine schwere Fehlentscheidung. Die Gründe für den Atomausstieg lagen nicht im Klimaschutz, sondern vor allem in gesellschaftlichen Ängsten. Gleichzeitig wurde aus meiner Sicht zu wenig über die tatsächlichen Risiken und Chancen aufgeklärt. Nämlich den strompreisdämpfenden Effekt, den die Kernkraftwerke bis zum Schluss hatten.Manche hielten die alten Reaktoren für unsicher.Deutschland hat eine der strengsten Atomaufsichten der Welt. Unsere Kernkraftwerke waren sicher. Während wir ausgestiegen sind, haben viele Staaten die Kernenergie in ihrem Energiemix beibehalten oder bauen sie sogar aus – auch als Beitrag zum Klimaschutz und zur Versorgungssicherheit. Diese Entscheidung ist in Deutschland falsch getroffen worden, sie lässt sich nicht einfach zurückdrehen. Aber ich werbe dafür, dass wir in Europa technologieoffen bleiben und die Voraussetzungen schaffen, in die nächste Generation von Kernreaktoren zu investieren. Denn gerade für ein klimaneutrales und industriestarkes Europa sollten wir keine Technologie vorschnell ausschliessen.Reicht das?Das ist nur ein Teil der Antwort. Deutschland sollte sich ausserdem wieder stärker an internationalen Normungs- und Standardisierungsprozessen beteiligen. Gerade bei neuen Reaktorkonzepten wie den Small Modular Reactors, für die viele Standards erst noch entstehen, müssen wir mit am Tisch sitzen und mitgestalten. Auch wenn wir aus der Kernenergie ausgestiegen sind, müssen wir diese Technologie verstehen. Wir sollten Wissenschafter und Ingenieure ausbilden und die Fähigkeit erhalten, die hochspezialisierte Komponententechnik für solche Anlagen zu entwickeln und zu fertigen. Es ist immer besser, mit eigenen Fachleuten in internationalen Gremien vertreten zu sein, als aussen vor zu bleiben. Damit haben wir bereits begonnen. Erstmals gibt es im Ministerium wieder einen Bereich, der sich mit Kerntechnik und Fusion beschäftigt.Sie klingen nicht sehr optimistisch, was eine Rückkehr zur Atomkraft anbelangt.Ich rechne nicht damit, dass wir den Ausstieg in dieser Legislaturperiode rückabwickeln. Aber ich sehe es als meine Aufgabe an, als Ministerin in Europa alles dafür zu tun, technologische Weiterentwicklungen in der Kerntechnik zu unterstützen und nicht andere EU-Mitgliedsstaaten daran zu hindern, modernste Kernenergie zu nutzen.Wie lange kann Deutschland an seinem Ziel der Klimaneutralität 2045 festhalten?Wir werden alles daransetzen, die politisch festgelegten Ziele für 2030, 2035 und 2040 zu erreichen. Ob das auf den Tag genau gelingt, kann ich heute aber nicht seriös versprechen. Deutschland hat sich als grösste Industrienation Europas vorgenommen, Klimaneutralität bereits 2045 und damit fünf Jahre vor dem europäischen Ziel zu erreichen – und das mit deutlich schwierigeren energiepolitischen Voraussetzungen als viele andere Länder. Das ist eine enorme Herausforderung. Wer glaubt, dieser Weg werde einfach oder geradlinig verlaufen, verkennt die Grössenordnung dieser Aufgabe.Ist das Ziel noch glaubwürdig, ja oder nein?Es ist politisch festgelegt. Wenn Sie mich fragen, werden wir uns ganz schön strecken müssen, um es zu erreichen.Sie haben vor einem Jahr schon einmal davor gewarnt, dass das deutsche Ziel möglicherweise zu ambitioniert sein könnte. Mittlerweile hört man das seltener von Ihnen. Haben Sie Ihr Konto für öffentliche Provokationen überzogen?Ich finde es richtig, dass die Meinungsbildung – ähnlich wie in der Schweiz – in politischen Parteien und gesellschaftlichen Initiativen stattfindet. Die Union hat sehr wohl begonnen zu diskutieren, ob und wie wir dieses Ziel erreichen, welche Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen und wo gegebenenfalls Anpassungen erforderlich sind. Auf dem CDU-Bundesparteitag zu Beginn des Jahres gab es einen Antrag aus dem Wirtschafts- und Sozialflügel der CDU, das deutsche Klimaschutzziel an das europäische Ziel 2050 anzupassen. Der Antrag mündete in einen Klimakongress. Ich bleibe deshalb bei meiner Haltung: Wir wollen mehr Klimaschutz erreichen, daran arbeiten wir. Aber wir dürfen dabei unsere industrielle Basis nicht aufs Spiel setzen. Klimaschutz und wirtschaftliche Stärke gehören zusammen – nur dann wird der Wandel dauerhaft erfolgreich sein.Sie haben bei Amtsantritt gesagt, Sie wollen das «ordnungspolitische Gewissen» dieser Regierung sein. In der Realität, im Regierungshandeln sieht es oft anders aus. Wie sehr frustriert Sie das?Ich bin überzeugt von einer Ordnung, die die Kräfte des Marktes im freien Wettbewerb entfesselt und die Freiheit des Unternehmertums als Motor für Wohlstand und Fortschritt schützt. Diese Freiheit entfaltet dann ihre volle Kraft, wenn sie mit sozialer Verantwortung verbunden ist. Insofern bin ich aus tiefster Überzeugung das ordnungspolitische Gewissen der Bundesregierung. Gleichzeitig gehören Kompromisse zu einer Demokratie, auch das sage ich aus voller Überzeugung. Niemand, der Regierungsverantwortung trägt, kann erwarten, die Position einer Partei, eines Ministeriums oder die persönliche Meinung eins zu eins durchzusetzen. Der Bundeskanzler weist zu Recht immer wieder darauf hin, dass hier drei Parteien mit teilweise sehr unterschiedlichen Überzeugungen zusammenarbeiten.Der Kanzler hat sein Kabinett in den letzten Tagen umgebildet. Es wurde kolportiert, dass auch Sie spätabends im Kanzleramt zum Gespräch geladen worden seien. Worum ging es?Mit dem Bundeskanzler stehe ich in einem ständigen Austausch. Wir arbeiten eng und vertrauensvoll zusammen. Uns verbindet das gemeinsame Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes zu stärken und die notwendigen Reformen voranzubringen. Die personellen Entscheidungen hat der Bundeskanzler sorgfältig abgewogen, um die Regierung für die zweite Hälfte der Legislaturperiode gut aufzustellen. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit den neuen Kolleginnen und Kollegen in der Bundesregierung.Man kann den Eindruck bekommen, dass der Kanzler über Ihr forsches Auftreten nicht immer erfreut ist.In einer Koalition müssen Kompromisse erarbeitet werden. Deshalb kann man sich nicht jedem Gesetzentwurf eines anderen Fachressorts kommentarlos anschliessen. Ich prüfe Gesetzesinitiativen anderer Ministerien daraufhin, ob sie zu mehr Wachstum, zu mehr Wettbewerb und zu mehr Investitionen in den Wirtschaftsstandort Deutschland führen. Das ist mein Job, und er ist notwendiger denn je. Denn ohne Reformen drohen wir den Anschluss zu verlieren. Dass man in der Sache klar und im Ton respektvoll bleibt, versteht sich von selbst. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus dem Kabinett arbeite ich persönlich sehr gut zusammen.Passend zum Artikel
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