Elon Musk oder Cameron Diaz dürfen, was Jens Spahn die Karriere gekostet hat: Sich Kinder von einer Leihmutter austragen zu lassen, ist in den USA völlig normalFrauen könnten mit ihrem Körper machen, was sie wollten, sagen viele Amerikaner. Ein schwuler Mann, dessen Zwillinge heute 25 Jahre alt sind, leistete Pionierarbeit. Eine ehemalige Leihmutter erzählt allerdings auch eine Horrorstory.05.08.2026, 05.30 Uhr10 LeseminutenGlückliche Eltern, glückliche Leihmutter – Ende der Geschichte: So sehen das in den USA viele.Frank Rothe / GettyImmer dienstags ist Quizabend in der berühmtesten Gay-Bar von Chicago, dem «Sidetrack». Das Thema an diesem «Trivia Tuesday»: queere Superhelden. Aber nicht jeder ist gekommen, um Rätsel über die sexuelle Orientierung von Comicfiguren zu lösen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In einem der Räume des labyrinthartigen Lokals in «Boystown», wie das LGBTQ+-freundliche Viertel gerne genannt wird, geht es um andere Fragen. Gut ein Dutzend Männer haben sich zu einem Info-Abend über Leihmutterschaft eingefunden. Vor allem Paare, die meisten zwischen 30 und 40 Jahre alt, casual, kurze Hosen, Hemd.Brandon, ursprünglich aus Iowa, ist ein bisschen nervös. Sein Partner und er würden schon lange über Kinder reden, sagt der junge Veterinär mit den strahlend weissen Zähnen. «Jetzt wird es langsam konkret. So aufregend.» Dann entschuldigt er sich. Sein Partner ist noch nicht da, Brandon braucht erst einmal einen Drink.Aber die Berührungsängste sind schnell verflogen. Links und rechts findet man ins Gespräch. Die Anwesenheit des Reporters aus der Schweiz scheint kaum zu stören. Nur den vollen Namen will man nicht unbedingt in der Zeitung lesen.Ist Europa rückständig?Leihmutterschaft, das spürt man sofort, ist in den USA deutlich weniger kontrovers als etwa in Deutschland. Elon Musk hat offenbar drei seiner vierzehn Kinder auf diese Art bekommen, Peter Thiel suchte sich eine Leihmutter, genauso Kim Kardashian und Cameron Diaz.Auch dass sich Finanzminister Scott Bessent mit seinem Ehemann für Nachwuchs von Leihmüttern entschieden hat, ist in der Öffentlichkeit kein Thema – wohingegen in Deutschland kürzlich eine heftige Auseinandersetzung über Jens Spahn entbrannt ist.Nachdem der CDU-Politiker publik gemacht hatte, dass sein Mann und er unter Mithilfe einer Leihmutter in den USA Eltern geworden seien, wurde Entrüstung laut. Denn in Deutschland ist die Praxis, sich ein Kind austragen zu lassen, verboten, Spahn sah sich zum Rücktritt gezwungen.«Es gibt riesige Unterschiede zwischen den USA und Europa, wenn es um Leihmutterschaft geht», sagt Ron Poole-Dayan. Für den Leiter der in New York ansässigen, international tätigen Organisation Men Having Babies, die den Abend im «Sidetrack» ausrichtet, ist die Aufregung in Europa unverständlich.«In der amerikanischen Politik gilt der Grundsatz, dass man tun kann, was man will, solange es die Rechte anderer nicht beeinträchtigt oder verletzt», sagt er. Glückliche Eltern, glückliche Leihmutter – Ende der Geschichte.Im Gespräch erinnert Poole-Dayan daran, dass in Amerika auch Adoptionen durch gleichgeschlechtliche Paare schon viel früher als in Europa möglich gewesen seien. In der Alten Welt dominiere eine politische Kultur, in der der Staat entscheiden dürfe, was richtig und was falsch sei, sagt er. «Aus amerikanischer Sicht ist das verrückt.»Wieso nicht adoptieren?Im «Sidetrack» in Chicago treiben die Teilnehmer weniger ethische als vielmehr praktische Fragen um. Der Workshop richtet sich an Einsteiger. In einer Powerpoint-Präsentation werden zunächst die grundsätzlichen Möglichkeiten für gleichgeschlechtliche Paare mit Kinderwunsch rekapituliert: Adoption, Pflegeelternschaft, Leihmutterschaft.Pflegeeltern, so erklärt die Referentin, seien im Grunde nur Eltern auf Zeit. Und eine Adoption könne sich hinziehen. Denn in den USA übersteigt die Zahl der adoptionswilligen Paare die jährlich etwa 25 000 freigegebenen Säuglinge bei weitem. Internationale Adoption sei zudem aus rechtlichen Gründen praktisch unmöglich. Homosexuellen Paaren, die eine Familie gründen wollten, bleibe fast nur die Leihmutterschaft.Miguel, der einzige Schwarze in der Runde, ursprünglich aus der Dominikanischen Republik, will dennoch lieber ein Kind aus einem Pflegeheim aufnehmen. Als Sozialarbeiter liege ihm das näher, sagt er im Gespräch. Gleichzeitig plant er mit seinem Mann, der aus China stammt, aber auch Nachwuchs durch eine Leihmutterschaft.«Meine Mutter hat akzeptiert, dass ich schwul bin», sagt der chinesischstämmige Partner, doch lege man in China grossen Wert darauf, dass die Ahnenlinie fortbestehe. Für ihn stellt sich nun die Frage, ob er sowohl eine chinesische Leihmutter als auch eine chinesische Eizellenspenderin finden muss.Die Leihmutter hat kein Recht am KindDamit ist man bei der Biologie: In den meisten amerikanischen Gliedstaaten, so erklärt die Referentin von Men Having Babies, brauche es eine separate Eizellenspenderin. Denn die Leihmutter soll genetisch nicht mit dem Kind verwandt sein. Das hat auch rechtliche Gründe: Ein Kind gehört dem Paar, das es in Auftrag gegeben hat: Darauf wird wiederholt hingewiesen.Doch was passiert, wenn es sich die Leihmutter plötzlich anders überlegt? Was, wenn sie das Baby am Ende nicht weggeben will? Das ist die Frage, die das Thema auf den kontroversen Kern herunterbricht: Erfährt eine Mutter nicht unweigerlich Gewalt, wenn sie einen Säugling, der sich in ihrem Körper entwickelt hat, abgeben muss? Ist die bezahlte Leihmutterschaft letztlich nichts anderes als eine Art «Babyverkauf»?Die meisten Studien, entgegnet Ron Poole-Dayan, würden zeigen, dass Leihmütter die starke Empfindung dafür entwickelten, ein Kind für eine andere Familie auszutragen – «und nicht ihr eigenes Kind zu verlieren oder abzugeben». Entsprechend werde in den USA die Verantwortung für das Kind vor der Geburt geregelt.Doch es gebe Länder wie Grossbritannien, in denen politische Kompromisse dazu geführt hätten, dass der Leihmutter das Recht eingeräumt werde, das Kind nach der Geburt zu behalten. Laut dem Leiter von Men Having Babies würden dadurch die Probleme erst geschaffen. «Damit tut man einer Leihmutter keinen Gefallen», sagt er. Denn solche Gesetze könnten unbeabsichtigt die stigmatisierende Annahme bestätigen, dass sie ihr eigenes Baby weggebe.Für die Leihmutter dürfe es von Anfang an keinen Zweifel daran geben, dass es nicht ihr eigenes Kind sei, «sondern dass sie damit jemand anderem helfen will». Psychologisch, so sagt Poole-Dayan, mache dies den entscheidenden Unterschied aus.Der PionierWenn es um das Wohl der Kinder geht, spricht er auch aus eigener Erfahrung. Poole-Dayan hat Zwillinge, die von einer Leihmutter ausgetragen wurden – und heute 25 Jahre alt sind. Ohne es zu wissen, waren sein Mann und er Pioniere gewesen. Sie gehörten zu den ersten gleichgeschlechtlichen Paaren weltweit, die Kinder durch eine Leihmutterschaft bekamen, bei der die Eizellen von einer Drittperson stammten.Sich eine Eizellenspenderin zu suchen, sei ihnen naheliegend erschienen, erinnert sich der gebürtige Israeli, dessen Mann Kanadier ist. Adoptieren war ihnen als Ausländern in den USA nicht möglich. «Gleichzeitig schienen es uns progressive Zeiten zu sein», erinnert er sich: «In den späten 1990er Jahren in New York kamen wir uns vor wie das letzte schwule Paar ohne Kinder.» Sie wollten also jemanden finden, der ihnen eines austrägt.Aber die Frage, wie sich die Frau nach der Geburt wohl fühlen würde, habe sie beschäftigt. Als Juden, so sagt Poole-Dayan, hätten sie Rat bei ihrer Rabbinerin gesucht. Er muss lachen, wenn er daran zurückdenkt. «Natürlich konnte sie uns die Frage auch nicht beantworten.»Doch im Gespräch mit ihr sei ihnen der zündende Gedanke gekommen: «Was, wenn die Leihmutter nicht die biologische Mutter ist?» Würde es ihr dann nicht viel leichterfallen, sich von dem Kind zu trennen? Ohne es zu ahnen, hatten Ron Poole-Dayan und sein Mann der modernen Leihmutterschaft den Weg geebnet.Zwar lief nicht alles ganz rund. In der Klinik seien sie gehörig über den Tisch gezogen worden, erinnert er sich. «Für einige Jahre waren wir ziemlich knapp dran.» Aber das Paar freute sich seines Elternglücks. Er und sein Ehemann vermochten sich finanziell aufzurappeln, und Poole-Dayan rief die Organisation Men Having Babies ins Leben, um auch anderen Homosexuellen den Kinderwunsch zu erfüllen.Unzählige gleichgeschlechtliche Paare gründeten fortan Familien. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Aber jedes Jahr dürften es in den USA ein paar tausend sein. Tausende glückliche Eltern, Tausende glückliche Leihmütter – Ende der Geschichte, könnte man sich denken.Was, wenn es sich die Leihmutter anders überlegt und das Baby nicht weggeben will?BSIP / GettyDer Albtraum einer LeihmutterDoch dann hört man, was eine Frau namens Christian Ross erzählt. Die frühere Leihmutter wuchs in einer Kleinstadt in Pennsylvania auf, weniger als tausend Einwohner, «eine enge Gemeinschaft, sehr auf Familien ausgerichtet, Kinder galten als ein Segen». Ihr sei immer beigebracht worden, anderen zu helfen, sagt sie im Zoom-Gespräch.Es war vor etwa acht Jahren, als Ross der Gedanke kam, sich als Leihmutter zur Verfügung zu stellen. Sie war dreifache Mutter, die eigene Familienplanung hatte sie abgeschlossen. «Meine Kinder bedeuten mir alles, und ich dachte, wenn ich jemandem ein wenig Liebe schenken kann – wieso nicht?»Christian Roos war einst eine Leihmutter und engagiert sich heute gegen die Leihmutterschaft.NZZDass die rund 40 000 Dollar, die ihr winkten, auch zur Entscheidung beigetragen haben, stellt sie nicht in Abrede. Ihr Mann sei damals in einen Rechtsstreit verwickelt gewesen, sagt sie. «Ich dachte, ich könne unserer Familie helfen, und ich dachte, ich könne jemand anderem helfen, eine Familie zu gründen. In meinem Kopf war es ein wunderschönes Bild.»Bei einer Agentur für Leihmütter füllte sie ein Formular aus, dann ging es offenbar recht schnell. Nachdem erste Blutuntersuchungen vorgenommen worden waren, schickte ihr die Agentur mehrere Paare zur Auswahl. «Es ist ein bisschen wie auf einer Dating-Plattform», sagt Ross.Ob es ein heterosexuelles Paar sein würde, zwei Männer, zwei Frauen, das habe sie nicht gekümmert. «Ich wollte nur, dass das Baby in ein gutes Zuhause kommt.» Sie entschied sich für ein Paar, das schon ein Kind hatte, aber angeblich keine weiteren bekommen konnte. In der Annonce schrieben die Eltern von ihrem Wunsch, umgeben von vielen Kindern und Enkelkindern alt zu werden. «Das hat mich irgendwie gerührt», sagt Ross.Doch bald begann sie, an ihrer Entscheidung zu zweifeln. Angeblich wegen Sprachbarrieren konnte Ross die längste Zeit nicht mit dem Paar, das ursprünglich aus China stammte, sprechen. Dann, als sie im Oktober 2018 für den Embryotransfer nach Kalifornien flog, traf sie immerhin den Vater. Doch nachdem er ein Foto von ihr gemacht hatte, sei er sofort wieder verschwunden.Die Schwangerschaft war «die Hölle»Der zweifelhafte Eindruck, den das Paar hinterliess, war das eine. Kurz nach dem Embryotransfer kam es zu Komplikationen. «Die neun Monate waren die Hölle», erinnert sich Ross. Ein subchronisches Hämatom führte dazu, dass sich ihre Plazenta ablöste.Dieses Risiko ist bei der künstlichen Befruchtung erhöht. Doch das habe ihr niemand gesagt, erzählt Ross. Sie hatte eine Schwangerschaftsvergiftung und brachte das Kind am Ende in einer Notoperation zur Welt. Dann, nach fünf Minuten, sei es ihr weggenommen worden.Von Morphium betäubt, habe sie nur noch mitbekommen, wie der Vater, der ins Spital gekommen war, das Personal anschrie. Er verlangte offenbar, dass ein anderer Nachname auf die Geburtsurkunde gesetzt werde. Da wusste Ross endgültig, dass etwas nicht stimmte. Und acht Monate später wusste sie auch, was.Der Anwalt, der sich um ihre Leihmutterschaft gekümmert hatte, meldete sich bei ihr: Es gehe um eine Adoptionsangelegenheit. Das chinesische Paar brauche ihre Unterstützung. Ross wurde klar, dass die Eltern gar nicht die Eltern waren. Der Samen stammte von einem reichen chinesischen Geschäftsmann, der dem Paar 100 000 Dollar gezahlt hatte, damit es für ihn ein Kind in Auftrag gab.Das Wiedersehen mit dem KindInzwischen weiss Ross das alles, da sie gegen den Millionär geklagt hat. Jedenfalls erzählt sie es so, ihre Geschichte lässt sich für die NZZ anhand der von ihr dargelegten Gerichtsprotokolle nur teilweise überprüfen. Doch klingen ihre Schilderungen schlüssig, und sie ringt im Zoom-Gespräch immer wieder mit den Tränen, wenn sie von ihrem Fall erzählt.Sie berichtet, wie sie in Grossbritannien, wo der chinesische Millionär lebt, die Adoption angefochten hat. Während des Schlichtungsverfahrens, so schildert sie eine herzzerreissende Szene, sei sie auch bei dessen Familie gewesen – und dabei auf ihren damals dreijährigen «Sohn» getroffen.Die Eltern, erzählt sie aufgewühlt, hätten ihn «als Projekt» und «Experiment» bezeichnet. Dass die Mediation nicht weiterführen würde, war ihr schnell klar. Aber vor Gericht sei sie als Kleinstadtmutter gegen die Anwälte des Millionärs chancenlos gewesen. «Ich habe den Prozess verloren, und ich habe jedes Recht verloren, auch nur Fotos von dem Kind zu haben, das ich geboren habe.»Was sich aus der Geschichte von Christian Ross lernen lässt, ist schwer zu beantworten. Befürworter der Leihmutterschaft werden sagen, dass sie den vermeintlichen Eltern naiv auf den Leim gegangen sei. Ein tragischer Einzelfall. Das Opfer von Kriminellen.Für Experten wie Ron Poole-Dayan dürfte zudem unstrittig sein, dass Christian Ross an eine zweifelhafte Agentur geraten ist. Bei einer Adoption, so könnte man ausserdem argumentieren, ist Menschenhandel genauso wenig ausgeschlossen.Weil die Agenturen in der Regel nur Frauen, die schon mindestens ein Kind haben und über ein gewisses Vermögen verfügen, als Leihmütter registrieren, kann zudem schlecht vom Ausschlachten einer finanziellen Notlage die Rede sein. Und letztlich scheint es tatsächlich unbestreitbar, dass unzählige Menschen dank einer Leihmutterschaft das Glück ihres Lebens gefunden haben.Was bleibt unter dem Strich?Für ein Verbot der Leihmutterschaft, wie es in vielen Teilen Europas gilt, gibt es in den USA jedenfalls wenig Verständnis. Einzelne Gliedstaaten sind zwar restriktiver als andere. Das Extrembeispiel ist Louisiana, wo Leihmutterschaft nur für heterosexuelle, verheiratete Wunscheltern erlaubt ist, die ihre eigenen Eizellen oder Spermien verwenden. Doch laut Umfragen stehen über 70 Prozent der Amerikaner der Leihmutterschaft positiv gegenüber. Letztlich, so das Argument, solle es doch jeder Frau selber überlassen sein, was sie mit ihrem Körper mache.Es lässt sich auch auf eine Statistik des Cato Institute verweisen, wonach mehr als 80 Prozent der befragten Leihmütter angegeben haben, dass sie eine erneute Leihmutterschaft in Betracht ziehen. Für die restlichen knapp 20 Prozent waren die Strapazen der Schwangerschaft zu gross, oder sie erlebten medizinische Komplikationen. Aber Reue äussern frühere Leihmütter offenbar kaum.Ausser Christian Ross. Ihr hat ihre Erfahrung gezeigt, dass die Idee, für jemanden Kinder auszutragen, nicht funktionieren könne. So leid es ihr tue für Menschen, die keine Kinder haben könnten: «Ich denke, dass wir zu traditionellen Familien zurückkehren müssen.»Sie erwähnt auch, dass Leihmütter oft darunter litten, dass die Eltern nach der Geburt trotz Absprachen den Kontakt abbrechen würden. Während sie sich heute als Aktivistin im Kampf gegen die Leihmutterschaft in den USA engagiert, hält sie auch den Kontakt zu ihrem Anwalt in Grossbritannien aufrecht, und immer wieder, so sagt sie, schicke sie dem Vater des Kindes, das sie ausgetragen hat, Whatsapp-Nachrichten.«Aber es kommt nie etwas zurück.»Passend zum Artikel