Sprühduschen, Eiskaffee, eine Task-Force – aber kaum Klimaanlagen: So versuchen die Zürcher Heime, alte Menschen vor der Hitze zu schützenSeniorinnen und Senioren leiden besonders unter hohen Temperaturen. Das hat auch damit zu tun, wann und wie die hiesigen Alterszentren gebaut wurden.05.08.2026, 05.00 Uhr5 LeseminutenGenug trinken gegen die Hitze: Die Bewohnerin eines Zürcher Altersheims macht es richtig.Gaëtan Bally / KeystoneNiemand weiss, wie heiss der Zürcher Sommer war, als im Jahr 1842 das wohl bekannteste Altersheim der Stadt eröffnet wurde. Das Pfrundhaus, gelegen am Fuss des Zürichbergs, auf dem Gebiet der ehemaligen Stadtbefestigungen, war ein stolzes Bauwerk. Errichtet vom Architekten Leonhard Zeugheer, als moderne Heimstätte für all die Unglücklichen, die zuvor im Sondersiechenhaus St. Jakob am Stauffacher ein wenig würdiges Dasein gefristet hatten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Siechenhaus stammte aus dem Mittelalter, als dort die «Aussätzigen» der Stadt untergebracht waren. Es war kalt, eng und dunkel. Das neue Pfrundhaus, in dessen Nähe das neue Kantonsspital und bald auch die ETH entstanden, war dagegen ein Luxusbau. Es gab Speiseaufzüge, zwei Badezimmer.Vor allem aber gab es darin etwas, was damals in den meisten Häusern der Stadt fehlte: eine Zentralheizung.Die Kälte war das bauliche Problem der Stunde. An die Hitze dachte niemand. Und man kann es den damaligen Architekten auch nicht verdenken.Es gibt zwar tatsächlich keine Messdaten dazu, wie heiss der Sommer war, in dem das Pfrundhaus eröffnet wurde. Statistische Daten aus den Jahrzehnten danach legen jedoch nahe, dass er – zumindest aus heutiger Perspektive – wohl eher mild war. Zwischen 1864 und 1900 lag die maximale Monatstemperatur im August nie über 20 Grad Celsius. Die mittlere Sommertemperatur in der Stadt lag um die 17 Grad.Beim Bau eines neuen Altersheims stand deshalb nicht der Schutz vor der Hitze im Zentrum, sondern der Schutz vor der Kälte. Im Pfrundhaus wie auch dem bald darauf daneben errichteten Bürgerasyl ist die Fassade gen Süden ausgerichtet, die Sonne scheint prall auf die Fenster der Bewohnerinnen und Bewohner.Nun, im Hitzesommer 2026, rächt sich hier deshalb die Schönheit des altehrwürdigen Baus. Der Klimawandel lässt die Temperaturen steigen – und macht den fehlenden Fokus auf Hitzeminderung zum Problem für Seniorinnen und Senioren. Es ist heiss, sehr heiss in den Zimmern. Die Nachfolger der «Siechenden» von einst: Sie leiden nun ihrerseits – unter der Hitze.Erst fünf Alterszentren auf die Hitze ausgerichtetDie Stadt Zürich, die neben dem Pfrundhaus 33 weitere Alters- und Pflegezentren betreibt, ist in diesem Sommer gefordert. Alte Menschen sind bei hohen Temperaturen besonders gefährdet. Die Hitze kann bestehende Krankheiten verstärken, insbesondere Herz-Kreislauf-, Hirngefäss- und Atemwegserkrankungen. Es besteht eine erhöhte Gefahr von Dehydrierung, Schwindel und Kollaps.Die Körper älterer Personen sind weniger gut in der Lage, ihre Temperatur selbst zu regulieren, gleichzeitig schwinden das Wärmeempfinden und der Durst. Deshalb zeigt die Statistik Sommer für Sommer: In Hitzephasen steigt auch die Mortalität, insbesondere bei Personen über 75.Angesichts der zunehmenden Häufigkeit von Hitzesommern forderte die Altersmedizinerin Gaby Bieri in der NZZ unlängst ein Umdenken: «Wir haben beim Bauen jahrzehntelang zu wenig auf die Hitze geachtet. Riesige Glasfronten, nach Süden orientiert. Da ist das Kühlen extrem schwierig. Wir müssen unsere Bauweise anpassen – nicht nur bei Alterszentren, sondern überall.»Einstweilen sind die städtischen Heime und ihre Bewohnerinnen und Bewohner allerdings noch immer grösstenteils in Bauten beherbergt, die auf andere Klimaextreme ausgerichtet sind. Erst fünf Gesundheitszentren für das Alter wurden mit Fokus auf sommerlichen Wärmeschutz umgebaut oder neu gebaut, wie die Stadt auf Anfrage schreibt.Dort wird der Hitze mit speziell gedämmten Gebäudehüllen, Kühlung durch eine hauseigene Erdsonde und einem raffinierten System aus automatisierten Lüftungen und Sonnenstoren begegnet. Mancherorts – etwa im 2019 neu gebauten Alterszentrum Trotte – wurde gar die Ausrichtung der Appartements entsprechend angepasst. Statt nach Süden sind sie nach Westen ausgerichtet.Wickel, Bäder, TrinkprotokolleÜberall sonst ist Kreativität gefragt: Laut der Stadt werden von mobilen Ventilatoren über ein fixes Lüftregime bis hin zu Sprühduschen alle erdenklichen Mittel angewandt, um die gesundheitsschädigenden Folgen der Hitze zu mildern. Nicht weniger als sechzehn entsprechende Massnahmen listen die Gesundheitszentren auf Anfrage der NZZ auf. Überwacht werden diese durch eine eigens dafür eingerichtete «Task-Force Hitze».Zum Schutz der Seniorinnen und Senioren werden alle Register gezogen, die dem Zürcher Beamtenapparat zur Verfügung stehen. Eiskaffee und kalter Pfefferminztee werden ausgeschenkt, leichte und wasserreiche Speisen wie Obst und Gemüse aufgetischt, kühlende Fuss- und Unterarmbäder angeboten.Damit nicht genug, es gibt auch umfassende Verhaltenstipps: Leichte Kleidung, etwa aus Leinen, soll getragen, auf Einkäufe in den heissen Nachmittagsstunden verzichtet und der Fitnessraum möglichst am frühen Morgen genutzt werden. Für den Nacken gibt es feuchte Tücher, für das Gesicht solche aus dem Tiefkühler. Auch Pfefferminzwickel hat die Stadt im Angebot.Ein Tablett mit Wasser als sanfte Aufforderung: Szene aus einem Zürcher Alterszentrum.Gaëtan Bally / KeystoneDazu kommen bei besonders vulnerablen Personen zusätzliche Massnahmen: regelmässige Temperaturkontrollen, angepasste Medikation oder ein Trinkprotokoll, das jedes konsumierte Glas festhält, um eine Dehydrierung zu vermeiden. Wem Überhitzung droht, der wird proaktiv an möglichst kühle, schattige Orte gebracht.«Kühlinseln» heissen die, meist handelt es sich um Aufenthalts- oder Speisesäle, die sich besonders gut kühlen lassen. Wobei damit ein heikler Punkt in der städtischen Temperaturstrategie angesprochen ist: die Sache mit den Klimaanlagen.Die sind angesichts ihres hohen Stromverbrauchs und der städtischen Klimaziele in Zürich nicht gern gesehen. Ihr zurückhaltender Einsatz in Alters- und Pflegezentren wird seit Jahren kritisiert. «Senioren leiden in Zürcher Altersheimen für den Klimaschutz», so lautete schon vor acht Jahren eine sommerliche Schlagzeile.Kälte oder Klimaschutz?Nun schreiben die Gesundheitszentren für das Alter, der Einsatz von «Kältemaschinen oder Split-Klimageräten» sei diesen Sommer in den «Kühlinseln» erlaubt – allerdings bloss als «provisorische Übergangslösung». Mobile Klimageräte seien nämlich von begrenzter Wirkung und ausserdem laut.Künstliche Kühlung soll also – anders als etwa in Bibliotheken und Supermärkten – gar nicht so kühlend sein wie allgemein angenommen. Wer sich fragt, wie die Stadt zu diesem erstaunlichen Befund kommt, muss eine fast hundertseitige Studie aus dem Jahr 2019 konsultieren. «Sommerlicher Wärmeschutz in Alterszentren» heisst sie, erstellt von der städtischen Fachstelle nachhaltiges Bauen.Wie ihr Name schon suggeriert, geht es darin nicht bloss um den Schutz vor Wärme, sondern auch darum, wie sich der Konflikt mit den Klimazielen der Stadt am besten vermeiden lässt. Entsprechend wird die «aktive Kühlung» mittels verschiedener Formen von Klimaanlagen stets als allerletztes – da energieintensives – Mittel genannt.In den Zimmern der Bewohnerinnen und Bewohner sei eine aktive Kühlung etwa nur angezeigt, «wenn alle architektonischen Lösungen ausgereizt sind».Der Bericht anerkennt jedoch auch, dass es zuweilen nicht ohne Klimaanlage geht – etwa wenn Speisesäle als «Kühlinseln» dienen und dadurch den ganzen Tag voll belegt sind. Die Treibhausgasemissionen lägen dann «in einem vertretbaren Bereich», erschwerten die Erreichung der 2000-Watt-Ziele allerdings noch immer.Statt auf die unökologische, aber einfache Lösung Klimaanlage setzt die Stadt Zürich also weiterhin auf eine Vielzahl kleinerer Massnahmen – von energetischem Bauen über nächtliches Lüften bis hin zu einem Glas Eiskaffee. Das scheint, zumindest vorderhand, zu funktionieren: Laut dem Gesundheitsdepartement hat die Hitze in den Zürcher Institutionen bisher nicht zu einem Anstieg der Mortalität geführt.Auch im altehrwürdigen Pfrundhaus ist das Wohnen, der Hitze zum Trotz, heute bedeutend angenehmer als in den kühleren Gründungszeiten. Damals musste beim Eintritt der gesamte Besitz an die Institution übertragen werden – gegen lebenslange Kost und Logis. Auf hundert Bewohnerinnen und Bewohner kamen nur acht bis zehn Angestellte. Es gab eine Ausgangssperre nach 21 Uhr, obligatorisches Lichterlöschen um 22 Uhr. Die tägliche Weinration (Männer vier, Frauen zwei Deziliter) konnte bei Widerhandlung entzogen werden.Zum Ausschank von Eiskaffee und zur Errichtung von Sprühduschen ist dagegen nichts Gesichertes überliefert.Passend zum Artikel